Karl BartosDie Hit-Maschine

Halb Paul McCartney, halb Wernher von Braun: Der Ex-Kraftwerker Karl Bartos hat die Platte gemacht, die Kraftwerk nicht mehr hinkriegen. von Jürgen Ziemer

Karl Bartos, Jahrgang 1952

Karl Bartos, Jahrgang 1952  |  © Katja Ruge

Kraftwerk sind der Audi des Pop: technisch hoch versiert, ästhetisch progressiv. Eine Musikmarke, made in Germany, deren Wert sich daran messen lässt, dass Konzerte längst nicht mehr in normalen Sälen stattfinden, sondern im Museum of Modern Art, der Tate Modern oder der Kunsthalle Düsseldorf. Ralf Hütter, das letzte verbliebene Originalmitglied, hat seit zehn Jahren kein Album mehr veröffentlicht. Dafür pflegt er das Erbe, ist der einsame Kurator eines außergewöhnlichen Werks, das einst im Team mit anderen Musikern entstand – das Wort Band wirkt hier seltsam fehl am Platz.

Karl Bartos war 15 Jahre lang ein wichtiger Mitarbeiter dieses klangverarbeitenden Unternehmens. Als Co-Autor hat er einige der populärsten Songs mitgeschrieben: Das Model, Die Roboter oder Computerwelt. Der Absolvent der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule für Musik sorgte für den präzisen Beat und die glasklare melodische Struktur der Stücke. Mit seinem Weggang 1990 verschwanden die Melodien aus der Musik von Kraftwerk. Man muss sich Bartos als eine rheinländische Mischung aus Paul McCartney und Wernher von Braun vorstellen.

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Schlagzeuger waren früher Rhythmusknechte, grobe Kerle

Nach einer mehrjährigen Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste hat er nun ein Album veröffentlicht, bei dem schon das Cover tief in die Vergangenheit blickt und blicken lässt. Es zeigt den alten Kraftwerk-Roboter des Musikers, wie man ihn schon auf Die Mensch-Maschine und Computerwelt bewundern konnte. Auch die zwölf Songs von Off The Record enthalten Rhythmen, Melodien und Sounds, die Bartos während seiner Zeit bei Kraftwerk komponiert und auf Musikkassetten oder digital gespeichert hat. Fast wie in einem Science-Fiction-Film ist er in die Vergangenheit gereist, um mit verlorenem Wissen die Zukunft neu zu programmieren. Am Heimcomputer in seinem Haus in Hamburg.

Für ein Treffen hat Karl Bartos das Café im Hamburger Literaturhaus vorgeschlagen. Ein unprätentiöser Ort, ganz ohne futuristische Attitüden. Der 60-Jährige erscheint in einem dunkelblauen Dufflecoat, darunter Rollkragenpullover, Jeans und ein paar Desertboots, alles ziemlich dunkel, alles recht unspektakulär. Man hatte ihn eher als Dandy im Stil der fünfziger Jahre in Erinnerung, so wie auf den alten handkolorierten Kraftwerk-Fotos eben. Vom Habitus her wirkt er heute deutlich lässiger und seltsamerweise fast jünger als damals. Bartos ist ein umgänglicher Plauderer, seine Sätze rollen wie kleine Wellen in einer sanften rheinischen Melodie.


»Ich habe lange darauf gewartet, dass die Leute genauer hinhören und bei den Kraftwerk-Titeln auch mal die Autorenzeile lesen«, sagt er, und man spürt, wie wichtig ihm das ist. »Deshalb bin ich jetzt sehr begeistert von den vielen positiven Resonanzen zu Off The Record. Die kommen von überall her, aus London, Paris oder Barcelona.« Es sind nicht nur Musikzeitschriften, wie das avantgardistische Wire, die jetzt lobende Kritiken veröffentlichen, auch die Financial Times attestiert seinem Album: »The Kraftwerk record, that Kraftwerk, it seems, are unable to make.«

In der offiziellen Kraftwerk-Geschichtsschreibung galten Wolfgang Flür und Karl Bartos bisher eher als Rhythmus-Roboter und austauschbare Befehlsempfänger. Dass Karl Bartos auf wichtigen Alben wie Die Mensch-Maschine oder Computerwelt mehr Songs verantwortet als das Gründungsmitglied Florian Schneider, ist weitgehend unbekannt. Und es fiel ihm ganz offensichtlich nicht schwer: »Einen Titel wie Computerliebe zu schreiben, das hat ohne Quatsch zwei, drei Minuten gedauert. Ich brachte eine Melodie mit, und Ralf Hütter spielte sofort etwas Passendes dazu«, sagt Bartos. Die Band Coldplay stellte die enorm süffige Tonfolge vor einigen Jahren noch einmal ins Zentrum ihrer Single Talk.

Bartos ist 1975 zu Kraftwerk gestoßen, unmittelbar nach der Veröffentlichung von Autobahn. Das Düsseldorfer Musikkonservatorium, wo er im 10. Semester studierte, vermittelte ihn damals an Florian Schneider und Ralf Hütter, die einen Schlagzeuger für die erste USA-Tour von Kraftwerk suchten. »Schlagzeuger galten unter Jazzmusikern in den Sechzigern und Siebzigern als ›Rhythmusknechte‹. Und im Opernorchester waren das natürlich auch die gröberen Burschen«, Bartos lacht über die alten Klischees. Doch dann erzählt er von den Stockhausen-Aufführungen, an denen er beteiligt war, und all den anderen Werken der in den Siebzigern boomenden Neuen Musik. Er bewunderte Kraftwerk für ihre Coolness und Extravaganz, doch das zuzugeben fiel ihm schwer.

»Ralf hatte Klavierstunden, Florian Flötenstunden. Wie das Leute aus diesen Kreisen halt so machen. Ich musste für meinen Musikunterricht kämpfen«, sagt der studierte Drummer. Klar, Schneider und Hütter repräsentierten bei Kraftwerk das gehobene Bürgertum, Bartos und Flür waren eher die Jungs aus der Arbeiterklasse. Das Kumpel-Modell der klassischen Rockband hat hier auch deshalb nie richtig funktioniert.

Leserkommentare
  1. »The Kraftwerk record, that Kraftwerk, it seems, are unable to make.«

  2. eher Hintergrundmusik. Und das Video ist flach und ohne Idee.

    "Atomium" ist wesentlich origineller.

  3. hat bereits im Vorfeld polarisiert: ...die Kraftwerk nicht....

    Unverschämtheit und zeugt von Unwissen der aktuellen Situation.
    Schön wäre wenn über Fachbereiche auch Fachleute schreiben würden.

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    • hladik
    • 24. März 2013 15:56 Uhr

    Ist das ernst gemeint, dass dieses Album originell sein soll? Als ich eins der Lieder (ich glaube, es war "Atomium") zum ersten Mal im Radio gehoert habe, dachte ich: Ist das ein Kraftwerk-Lied von damals, das ich noch nicht kenne, oder macht jemand heute tatsaechlich so eine Musik, die in meiner Kindheit originell war?

    Derselbe Stimmenverzerrer wie bei den Kraftwerk-"Robotern", dazu ein Text mit Fremdenfuehrer-Lyrik wie "Expo 2000", und als musikalisches Highlight Synthesizer-Gepiepse wie von jemandem, der gerade sein neues Spielzeug ausgepackt hat und ausprobiert, was man damit alles machen kann.

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  4. Warum werden eigentlich immer Bartos' Veröffentlichungen unter dem Namen Elektric Music vergessen, die schon ab 1992 das weiterführten, was Kraftwerk an Melodiösem verloren gegangen war ?
    Schon "Esperanto" war das Kraftwerk-Album, das alle wirklich gewollt hätten, wenn der richtige Name draufgestanden hätte und klingt auch heute nicht ein Sechzehntel lang unaktuell.

    • Mari o
    • 24. März 2013 18:08 Uhr

    Das muss man gesehen haben sonst glaubt man´s nicht:Df-Oberkassel
    Der staunende Laie wird´s extravagant und cool finden.Der Fachmann
    wundert sich über soviel Dünkel.Aber der einzige Grund warum Kraftwerk als deutsche Popband so erfolgreich sein konnte,ist die Tatsache,daß da von Anfang an Geld vorhanden war.usw.usf.Andere Popmusiker aus der Zeit hatten in Deutschland keine Chance oder sich an Kraftwerk dran hängen.Auch im Musikbetrieb tobt der Klassenkampf

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  5. Nun ja, mancher in der Popmusikpresse freut sich, dass zumindest einer von den alten Kraftwerkleuten mit ihren spricht und für sich die übliche Reklame macht und machen läßt (nix dagegen, es ist ja Pop). Bartos war bei AUTOBAHN noch nicht bei KRAFTWERK und ab 1990 - also seit 23 Jahren - nicht mehr dabei.
    Aber zugegeben: Er macht seine Sache gut, inkl. des Rührens der Reklametrommel.

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    • afromme
    • 27. Januar 2014 11:23 Uhr

    "Bartos war bei AUTOBAHN noch nicht bei KRAFTWERK und ab 1990 - also seit 23 Jahren - nicht mehr dabei."

    Dazu ist zu sagen:
    1) Bartos war bei sechs der sieben Studioalben dabei, die Kraftwerk momentan weltweit als Werkschau auffuehren. Ich zaehle "The Mix" hier nicht als Studioalbum, weil es lediglich Remixe enthaelt - angeblich mit einigem noch von Bartos vor seinem Ausscheiden eingespielten Material; definitiv aber hat er an sechs der elf geremixten Stuecke mitgeschrieben.
    2) Seit 1990 haben Kraftwerk gerade mal drei Alben veroeffentlich, wobei eins das vorgenannte Remix-Album war, das zweite auf einem Titelstueck von 1983 fusst, das von Bartos mitgeschrieben wurde, und das dritte ein Live-Album war, bei dem die Haelfte der Stuecke von Bartos mikomponiert wurde.

    Anders gesagt - es gibt seit "Autobahn" (1974), also seit vierzig Jahren, nach wie vor kein Kraftwerk-Album (Studio, Live, Remix), auf dem Bartos nicht mindestens durch Songwriting vertreten waere.
    Dass seit Bartos' Ausscheiden 1990 gerade mal ein Studioalbum mit neuem Material erschienen ist, hilft sicher nicht dabei, Bartos als Mitglied vergessen zu machen. Sein Einfluss war sicher praegender als der von Schmitz und Hilpert, die schon laenger dabei sind als er es je war.

    Alles eine Frage der Perspektive also ;-)

  6. ... gestrig, als ob jemand versucht, die Zeit im letzten Jahrhundert anzuhalten. Auf der CD auch ein Stück 'Silence'. Wie originell! John Cage lässt grüßen ;-)

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