Ein Hirsch schaut uns entgegen: Unter seinem mächtigen Geweih ist sein Blick etwas glasig, die Mundwinkel hängen. »Kurz bevor die Geschichte begann, langweilte sich der Hirsch noch«, erfahren wir zum Auftakt des Bilderbuches Nur wir alle von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer.

Doch das mit der Langeweile hat schnell ein Ende: Der Hirsch sieht eine Maus, die pfeifend auf einem Ast über den Bach balanciert. Beide erweitern die Übung hirschtauglich in »Trockene Füße behalten« und spielen von da an gemeinsam.

Nur wir alle ist eine Auftragsarbeit des Schweizer Bundesamtes für Sport. Da muss das Ergebnis doch eigentlich vor Pädagogik triefen. Aber weit gefehlt – die Geschichte ist originell und sprachlich brillant.

Als der Fisch auftaucht, darf auch er mitspielen. Bei der Elster auf der nächsten Seite rechnen wir ebenso damit – denn so absehbar läuft es meist im Kinderbuch. Doch Irrtum: Weil die Elster zickig ist und den Chef herauskehrt, muss sie wieder gehen. »Vielleicht klappt es in der nächsten Geschichte« endet die Episode.

Immer wieder kommentiert die Erzählerstimme das Geschehen und betont so, dass sich parallel zur vorgestellten Geschichte auch andere ereignen (könnten). Das verdeutlicht, dass jede Spielsituation dynamisch ist und von Moment zu Moment neu entsteht.

Der Text besteht zum Großteil aus Dialogen; wenn aus Einzelnen eine Gruppe werden soll, muss man eben miteinander verhandeln. Manches ist amüsant zu lesen. »Eigentlich bin ich ja stumm wie ein Fisch«, sagt der Fisch zu seinem Einstand. »Aber jetzt muss ich doch fragen: Was spielt ihr?«

Wie der schüchterne Fisch, so ist jedes Tier eine Persönlichkeit mit ganz bestimmten Eigenschaften. Kathrin Schärer zeichnet zwar nah am Naturalistischen, aber sie gibt ihren Figuren auch gerade so viele menschliche Züge, dass man ihnen ihre Stimmung ansehen kann.

Die Illustratorin zeichnet die Figuren auf Pappe, schneidet sie aus und setzt sie auf einen Hintergrund. Der ist oft nur skizziert oder schlicht einfarbig gehalten, sodass der Blick auf die Protagonisten gelenkt wird. Und doch ist der Hintergrund wichtig für die Dramaturgie: Als die Spannung steigt, wird er immer dunkler, am Höhepunkt sogar pechschwarz. Wie in Edward Munchs Gemälde Der Schrei halten sich die Tiere mit aufgerissenem Maul die Pfoten und Hufe an die Ohren. Dabei haben sie den Bären ganz falsch eingeschätzt, der will gar nicht angreifen, er will nur mitmachen.

Am Ende spielen tatsächlich alle gemeinsam. Kathrin Schärer hat auf dem Schlussbild sogar die Elster wieder in die Geschichte geholt. Einträchtig teilt sie mit dem Fisch einen Wurm. Selbst fiese Vögel bekommen manchmal eine zweite Chance...