KinderbücherDie = Wir

Unbefangen, ungeschönt und mit viel Witz erzählt die neuere Kinderliteratur vom multikulturellen Alltag in Deutschland. Zum Abgucken! von 

»Als ich noch klein war, habe ich geglaubt, ich müsste mich mit Schnee waschen, um so weiß zu werden wie die anderen Kinder. (...) Du bist ganz besonders, hat Mama gesagt. Dabei will ich gar nicht besonders sein.« Was für eine Last es für ein Kind bedeuten kann, anders zu sein, davon erzählt Jutta Bauers Bilderbuch Als ich Maria war (2010, illustriert von Jacky Gleich). Die Heldin der Geschichte hat schwarze Haut und dunkle, kurz geschnittene Haare. Es ist Winter, und das Kind möchte im Krippenspiel die Maria sein, der Lehrer aber macht sie zum Schaf. »Das passt zu dir«, bemerkt die Mitschülerin, die für die Hauptrolle ausgewählt wurde: »Ein schwarzes Schaf...« Die Geschichte geht gut aus: Die fiese Mitschülerin wird krank, und das schwarze Kind springt als Maria ein. »Als wir fertig sind, ist es mucksmäuschenstill in der Kirche. Und dann fangen sie an zu klatschen, und sie hören überhaupt nicht mehr auf.«

Anderes Buch, dasselbe Thema, aber aus umgekehrter Perspektive: »Ich erzähle euch jetzt was, das werdet ihr nicht glauben«, beginnt Rafik Schamis Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003, illustriert von Ole Könnecke). Nicht glauben, nicht begreifen kann die Erzählerin dies: »Immer wenn uns ein Schwarzer auf der Straße begegnete, wurde die Hand meines Vaters hart und drückte zu wie ein Nussknacker.« Wie kann das sein? Sie seien so viele, erklärt er, sie seien überall, sie seien schmutzig und laut, und: »Überhaupt sind Schwarze zu dunkel. Jeder fürchtet sich vor dem Dunklen, weil es unheimlich ist.« Jeder? Nein, die Tochter nicht. Wo doch ihre beste Freundin Banja heißt und schwarz ist. Das ahnt der Vater allerdings nicht, noch nicht. Denn auch diese Geschichte geht gut aus, und es gelingt der Erzählerin, den Vater von seiner Furcht zu befreien.

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Zwei Geschichten, die vom Rassismus in der Mitte unserer Gesellschaft handeln und Fragen stellen: Was bedeutet Anderssein? Welche Vorurteile tragen wir in uns? Warum kann das Fremde Angst machen? Beide Autoren erzählen in Bilderbüchern, womit sie deutlich machen, dass es für diese Fragen kein zu jung gibt. Und in beiden Geschichten sind es Kinder, denen es gelingt, Ängste zu überwinden und ein Miteinander entstehen zu lassen.

Ist das nun pädagogisch? Im besten Sinne! Lesend lernen wir, die Perspektive zu wechseln, uns in andere einzufühlen. Und da Kinderliteratur nun einmal die erste ist, die wir kennenlernen, soll sie nicht nur unterhalten und fordern, sie darf auch anleiten. Dabei können die Kinder besonders gut selbst die Aufklärer sein: Denn ein kindliches »Warum?« entlarvt, lenkt den Blick auf Missstände und lässt Vorurteile zerbröseln. Das kann, wie in den beiden Bilderbüchern, ganz plakativ geschehen, indem die Ausgrenzung das Thema der Geschichte ist. Doch je älter die Leser, desto komplexer können die Geschichten gebaut, die Erzählstränge verwoben werden.

Pointiert, frech und mutig greift die Literatur das auf, was »normal« ist

Paul Maar führte das Thema Integration zum Beispiel 1984 als Nebenhandlung in Lippels Traum ein, im Vordergrund steht aber eine fantastische Geschichte: Lippel erlebt in seinen Träumen Abenteuer in einer fremd-exotischen Welt des Orients. Diese Traumwelt und ihre Figuren verknüpft Maar mit Lippels Alltag. Da gibt es zwei neue Mitschüler, Hamide und Arslan. Als die Lehrerin die beiden vorstellt, fragt ein Mädchen: »Frau Klobe, sind das Ausländer?« Die Lehrerin antwortet: »Sie sind Türken. Arslan ist in der Türkei zur Welt gekommen. Hamide ist hier geboren.« In diesem kurzen Wortwechsel stecken Fragen, auf die man auch heute, eine Generation später und vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft, Antworten sucht. Sind beide Kinder Türken, obwohl nur der Junge in der Türkei geboren wurde? Was ist eigentlich ein »Ausländer«? So richtig die Fragen, und so lobenswert, dass sie auch damals in einem Kinderbuch auftauchten, es mutet dennoch heute etwas holzschnittartig an, wie Maar die Welt in »richtig« und »falsch« teilt: Die Kinderfrau, der »die Türken nicht ins Haus kommen«, ist die Böse. Lippel, der bei Familie Güney zu Mittag isst, der Gute. Die Absicht ist natürlich verständlich, und doch wirkt das Buch heute, 30 Jahre später, etwas bemüht. Denn längst sind die Güneys und andere Migrantenfamilien hierzulande keine abenteuerlichen Exoten mehr.

Inzwischen gibt es bei uns eine Kinderliteratur, die pointiert, frech und mutig aufgreift, was in unserer Gesellschaft normal ist: dass Kinder unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Aussehens, Kinder, die verschiedene Sprachen sprechen und unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören, zusammenleben. In den vergangenen Jahren sind einige bemerkenswerte Kinderbücher von deutschen oder in Deutschland lebenden Autoren erschienen, die das Mit- oder auch Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen ganz selbstverständlich literarisch aufgreifen.

Andreas Steinhöfel zum Beispiel hat sich für seine Rico und Oskar-Trilogie (2008 bis 2011) vom Berliner Großstadtleben inspirieren lassen und schickt dort seinen »tiefbegabten« Helden Rico mit seinem hochbegabten Freund Oskar auf Verbrecherjagd. Es ist keine Multikulti-Geschichte im engeren Sinn (wenn es ein großes Thema gibt, dann ist es die Chancengleichheit von Kindern). Doch dass sich in einer Großstadt wie Berlin verschiedene Kulturen mischen und begegnen, fließt an verschiedenen Stellen ein: Ricos Vater ist Italiener, der Held hat also selbst einen Migrationshintergrund. Ihm ist das allerdings ziemlich schnuppe, Rico vermisst es einfach, einen Papa zu haben, denn der ist weg. Anders geht Irina, die beste Freundin der Mutter, mit ihrer Herkunft um. Sie ist Russin, versucht dies aber zu verbergen, was Rico mit kindlichem Scharfsinn durchschaut: »Sie nennt mich deshalb Fred, weil Rico sich bei ihr so anhört wie Chrico. Sie mag es nicht, wenn man raushört, dass sie aus Russland stammt, obwohl man es eigentlich aus jedem Satz raushört, ihr Deutsch ist nämlich echt nicht so toll.«

Leserkommentare
  1. Na klar doch. Alles ist identisch, Unterschiede gibt es nicht:
    Groß = Klein, Kalt = Heiß und -ganz wichtig- Dumm = Intelligent.
    Dass die neubürgerliche Mitte vor allem ersteres ist, will sie nicht wahrhaben. Sie regrediert ganz augenscheinlich und befindet sich auf gutem Weg in den intellektuellen Niedergang.

    "Die Geschichte geht gut aus: Die fiese Mitschülerin wird krank, und das schwarze Kind springt als Maria ein."
    Ach, da wird einem ja ganz warm ums Herz, denn so muss sie aussehen, die Gesundung der Welt.

    5 Leserempfehlungen
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    Aber die Grenzen sind weniger klar als Sie meinen und keinesfalls an der Hautfarbe festzumachen. Mir wurde das nicht vermittelt, ich muss mich immer noch anstrengen, alle Menschen unvoreingenommen zu betrachten.

    Es ist meiner Meinung nach das allerwichtigste, Kindern (und darum geht es, es ist ein Artikel über KINDERbücher) zu vermitteln, dass alle Menschen um Grundsatz gleich sind. Die wahren Unterschiede lernen sie früh genug, im wahren Leben.

    PS: Die Empfehlung kommt von mir, habe mich verklickt.

  2. Aber die Grenzen sind weniger klar als Sie meinen und keinesfalls an der Hautfarbe festzumachen. Mir wurde das nicht vermittelt, ich muss mich immer noch anstrengen, alle Menschen unvoreingenommen zu betrachten.

    Es ist meiner Meinung nach das allerwichtigste, Kindern (und darum geht es, es ist ein Artikel über KINDERbücher) zu vermitteln, dass alle Menschen um Grundsatz gleich sind. Die wahren Unterschiede lernen sie früh genug, im wahren Leben.

    PS: Die Empfehlung kommt von mir, habe mich verklickt.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""Die = Wir""
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    "Mir wurde das nicht vermittelt, ich muss mich immer noch anstrengen, alle Menschen unvoreingenommen zu betrachten."

    Soviel Mut zur Ehrlichkeit finde ich sehr erfreulich.

    Dass in anderen Kommentaren bei so einem konstruktiven Artikel wieder die üblichen Leugnungs- und Verharmlosungsreflexe zum Ausdruck kommen, ist wohl noch auf lange Zeit nicht zu ändern.

    Wie kategorisches Abwinken und lautes Kundtun dabei Hand in Hand gehen ist aber ja vielleicht auch ein Hadern mit der eigenen, in Frage gestellten Positionierung.

    Ich freue mich da auf die Kinder, die z.B. durch das Lesen solcher Bücher ein ganz selbstverständliches und angstfreies Interesse an der Vielfalt von Lebensweisen entwickeln und sozusagen von unten her eine nicht-rassistische Gesellschaft mitzugestalten helfen.

    • gw1200
    • 23. März 2013 16:22 Uhr

    Es gibt ein Sprichwort: "Wenn man auf den Busch klopft, muss man sich nicht wundern, wenn Staub heraus kommt."
    Eine überzogene, politisch korrekte Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse tut auch Kindern nicht gut. Wenn Erfahrungen den Darstellungen in Büchern nicht entsprechen, werden sich Kinder betrogen fühlen.
    »Immer wenn uns ein Schwarzer auf der Straße begegnete, wurde die Hand meines Vaters hart und drückte zu wie ein Nussknacker.«
    Himmel hilf, wenn ich so etwas lese. Mag sein, dass einige wenige Menschen mit solchen Phobien gibt aber das kann man getrost in eine Kategorie mit Höhenangst packen (und die ist garantiert häufiger).

    4 Leserempfehlungen
  3. "Mir wurde das nicht vermittelt, ich muss mich immer noch anstrengen, alle Menschen unvoreingenommen zu betrachten."

    Soviel Mut zur Ehrlichkeit finde ich sehr erfreulich.

    Dass in anderen Kommentaren bei so einem konstruktiven Artikel wieder die üblichen Leugnungs- und Verharmlosungsreflexe zum Ausdruck kommen, ist wohl noch auf lange Zeit nicht zu ändern.

    Wie kategorisches Abwinken und lautes Kundtun dabei Hand in Hand gehen ist aber ja vielleicht auch ein Hadern mit der eigenen, in Frage gestellten Positionierung.

    Ich freue mich da auf die Kinder, die z.B. durch das Lesen solcher Bücher ein ganz selbstverständliches und angstfreies Interesse an der Vielfalt von Lebensweisen entwickeln und sozusagen von unten her eine nicht-rassistische Gesellschaft mitzugestalten helfen.

    2 Leserempfehlungen
  4. In Georgia, wo wir fuenf Jahre lebten, gibt es drei Bevoelkerungsgruppen: Die Weissen, die Schwarzen und die Hispanics. Die Hispanics sind Migranten, die ersten beiden Gruppen sind schon laenger dort. Waehrend der ersten ca. 5 bis 6 Schuljahre spielen alle Kinder miteinander, spaeter sondern sie sich entsprechend ihrer Gruppenzugehoerigkeit ab und spaetestens auf der Highschool haben sie praktisch keinen freiwilligen Kontakt untereinander. Auch die immer groesser werdenden Gruppen neu einwandernder Chinesen oder Koreaner haengen ziemlich zusammen, was natuerlich auch an den grossen kulturellen Unterschieden zu den USA liegt. Die Europaer integrieren sich schnell und problemlos. Der Skandal ist wahrhaftig, dass die sogenannten "African Americans" (allein die Bezeichnung unterstellt doch schon, dass es keine richtigen Amerikaner sein koennen) immer noch nicht gleichgestellt sind. Die Hautfarbe, das Aussehen sind die entscheidenden Merkmale, die nicht ueberwunden werden koennen. Wir Menschen koennen anscheinend unsere angeborene Angst vor dem Fremden nicht mittels unserer Vernunft ueberwinden.

  5. Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
    Jim Knopf und die Wilde 13

    Zwei Klassiker, in denen die Tatsache, dass Jim Knopf dunkelhäutig ist, nur am Anfang, als das Baby Jim nach Lummerland kommt, kurz thematisiert wird: " Ach, das Baby ist ja schwarz". Nachdem dies festgestellt wurde, wird Jim adoptiert und als neuer Einwohner und Untertan des Königs aufgenommen. Seine Hautfarbe spielt im weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei Rolle mehr.

    Ich bin mit diesen Büchern aufgewachsen und habe sie geliebt, weil sie wunderbar fantasievolle Geschichten erzählen - ohne ein einziges Mal den pädagogischen Zeigefinger zu heben!
    Kinder spüren sehr genau, wenn sie mit den Geschichten "erzogen" werden sollen und schätzen solche Bücher eher nicht, nach meiner Erfahrung.

    2 Leserempfehlungen

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