Kopenhagen mit AppsSo weit der Akku reicht

Kopenhagen für Nerds: Wer muss schon nach dem Weg fragen, wenn er die passende App dabeihat? von Holger Fröhlich

Der Nyhavn in Kopenhagen

Der Nyhavn in Kopenhagen  |  © ERIC BARADAT/AFP/Getty Images

Mein Selbstversuch beginnt mit einem Download. Und dann noch einem. Und noch einem. App für App belade ich mein Smartphone, das mir an diesem Wochenende der engste – und auch der einzige – Vertraute sein wird. Die kommenden Tage sollen zeigen, auf welches Minimum sich das Zwischenmenschliche mit einem Handy unterwegs reduzieren lässt, ob es am Ende vielleicht sogar der beste Begleiter ist.

Mein Ziel ist Kopenhagen, aber daran denke ich noch nicht. Erst einmal stehen mein Handy und ich vor dem Kleiderschrank. Wir haben zusammen eine Liste erstellt. Jetzt greife ich eine Hose aus dem Regal und setze das letzte Häkchen. Keine Verteilungskämpfe, keine ästhetischen Grundsatzdiskussionen: Die Pack-The-Bag-App gefällt mir. Einen ganzen Haufen dieser kleinen Anwendungen habe ich mir zugelegt. Und wenn sie alle so gut funktionieren wie die Einpackhilfe, werden Mitreisende in Zukunft einen schweren Stand bei mir haben, denke ich und mache mich auf zum Zug.

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Während der Fahrt erspart mir Wikihood den geschwätzigen Abteilnachbarn. Die Anwendung ist mit Wikipedia verbunden und weiß allerhand über die eben befahrene Kreiskehrschleife der Rendsburger Hochbrücke. Sie nennt Fakten und Zahlen, zeigt Bilder und Verweise, und das Beste: Sie lässt sich mit einem Fingerdruck von mir zum Schweigen bringen. Gegenüber lächelt mich ein Mädchen an. Ich strahle zurück und erkenne zu spät, dass sie nur auf ihrem Laptop einen Film schaut und dabei ein wenig schielt. Ich verkrieche mich unter meinem Kopfhörer und studiere meine vorab heruntergeladenen Reiseinformationen. Viel ist dort zu lesen über Hans Christian Andersen.

Nach der Ankunft in Kopenhagen führt mich Google Maps auf schnellstem Weg zum Hotel, in dessen Lobby sich eine lange Schlange gebildet hat. Die Self-Check-in-Schalter sind defekt. Sie sind es, wie ich von einer Mitarbeiterin erfahre, schon seit der Eröffnung im Jahr 2009. Ein Softwareproblem. Nach dem Check-in lasse ich mich von Spotted by Locals zu einem Lokal lotsen. Die App wirbt mit Geheimtipps Einheimischer. Und tatsächlich: Das Café Retro ist eine Spitzenempfehlung. Mit seiner Inneneinrichtung zwischen WG-Küche und Großmutters guter Stube bietet das Non-Profit-Café günstigen Chai in wohliger Atmosphäre. Die Gäste lachen immerfort und scheinen Kunst zu studieren oder Politprojekte zu planen. Jedenfalls stelle ich mir das vor. Und genau wissen will ich es ja gar nicht. Mit den letzten Reserven meines Akkus suche ich nach einer Busverbindung.

Den nächsten Tag möchte ich damit beginnen, ein paar Sätze in der Landessprache zu lernen – für den Notfall. Einen Kaffee per App bestellen kann ich schließlich nicht. Doch die korrekte Aussprache des Dänischen bewegt sich in meinen Ohren irgendwo zwischen Sprechen, Gähnen und Schlucken – nur alles gleichzeitig. Nach einigen Nachsprech-Übungen mit geduldigen Lern-Apps gebe ich auf und greife zurück auf ein Click-and-Say-Programm: Ich wähle einen Satz, und mein Handy spricht ihn für mich aus. Perfekt.

Während ich mich durch die Apps tippe und wische, habe ich allerdings das Gefühl, dass draußen der Tag ohne mich stattfindet. Ich werde mich auf einen Helfer beschränken müssen: Die Wahl fällt auf den digitalen Reiseführer Tripwolf. Aus dessen knappen Vorschlägen stelle ich mir eine Tagesroute zusammen, packe meinen Rucksack und ziehe den Stecker.

Mein Individualprogramm beginnt im Vergnügungspark Tivoli. Der Tripwolf ist ein zurückhaltender Reiseleiter: Er bestimmt weder den Weg, noch quält er mich mit Anekdoten. Ich kann minutenlang vor einem alten Spielautomaten stehen bleiben oder den Unterbau einer Achterbahn inspizieren. Dafür erfahre ich jedoch auch nicht mehr, als dass der Rummelplatz 1843 eröffnet wurde und damit zu den ältesten der Welt gehört. Wahrscheinlich verpasse ich auf diese Weise einige Attraktionen des Parks, aber das ist mir egal. Die Sonne scheint. Ich bin frei und muss mich nach niemandem richten. Großartig.

Leserkommentare
  1. Ausser mit Sören haben Sie mit gar niemandem gesprochen??

    Zitate "Mein Smartphone, das mir an diesem Wochenende der engste – und auch der einzige – Vertraute sein wird … Und wenn sie alle so gut funktionieren wie die Einpackhilfe, werden Mitreisende in Zukunft einen schweren Stand bei mir haben … Während der Fahrt erspart mir Wikihood den geschwätzigen Abteilnachbarn … Ich wähle einen Satz, und mein Handy spricht ihn für mich aus. Perfekt …Wie gerne würde ich diesen Augenblick teilen! Ich mache Fotos mit dem Handy" klingt eher langweilig. aj

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