Ein Kanal in Kopenhagen ©  JONATHAN NACKSTRAND/AFP/Getty Images

Ich wusste nicht, ob ich Lars-Morten würde ausstehen können, als wir verabredeten, einen halben Tag miteinander zu verbringen. Ich war nicht sicher, wie gut sein Englisch ist. Ich hatte auch keine Ahnung, wie Lars-Morten aussieht, ehe ich ihn am Samstag um elf in einer schmalen Kaffeebar nahe der Kleinen Meerjungfrau traf. Das Einzige, was uns verband, war unser gemeinsamer Facebook-Freund Mathias, der in Hamburg lebt. Und mein Anliegen: Lars-Morten sollte mir seine Heimatstadt zeigen.

Ich war noch nie in Kopenhagen gewesen, als ich zu Hause am Computer meinen Wochenendtrip in den Norden plante. Ich kannte auch keinen einzigen Dänen. Aber das, so dachte ich, sollte sich schnell ändern lassen. Schließlich gibt es unzählige Plattformen, die einen schnell und unkompliziert mit der ganzen Welt vernetzen. Wir sammeln Bekannte bei Facebook, diskutieren bei Twitter und exponieren uns unentwegt mit Meinungsschnipseln, wir suchen Gleichgesinnte für unsere Hobbys im World Wide Web. Aber taugen all diese losen Beziehungen auch im wirklichen Leben? Gelingt es mir, im Netz Kopenhagener zu finden, die bereit sind, ein paar Stunden ihres Wochenendes zu opfern, um einer Wildfremden ihre Stadt zu zeigen? Und finde ich jemanden, der mich zu ihnen bringt?

Wie sich bald zeigt, ist die Anreise das geringste Problem. Immerhin boomt das altbekannte Mitfahrprinzip auf Seiten wie mitfahrgelegenheit.de und mitfahrzentrale.de schon seit Jahren auch im Internet. Was neu ist: Bei anderen einzusteigen ist inzwischen sogar ziemlich angesagt. Während früher vor allem Studenten aus finanziellen und ökologischen Gründen in Privatautos zusammenrückten, hat sich daraus eine Art Lebenseinstellung entwickelt. Wer heute mitfährt, schont dadurch nicht nur die Umwelt, sondern wirkt dabei auch noch ungemein weltoffen und sozial.

An einem Freitagabend klettere ich am Hamburger Hauptbahnhof auf die Rückbank eines roten Dodge. Das Auto gehört Philipp, 30, Jogginganzug, aus Nordhausen. Hamburg–Kopenhagen, das macht 35 Euro und fünf Stunden inklusive Fährfahrt. Auf dem Beifahrersitz sitzt Solveigh, Halbdänin aus Bonn, und moderiert die Vorstellungsrunde unserer Zufallsgemeinschaft: Wie alt bist du, wo wohnst du, was machst du, was willst du in Kopenhagen? Sie selbst hat in Dänemark eine Ausbildung zur Tierpflegerin gemacht und organisiert gerade ihren Umzug zurück nach Deutschland.

Solveigh erklärt, dass man in Kopenhagen eher Wohnungen kauft als mietet, erzählt, dass bei ihrem neuen deutschen Arbeitgeber die Stimmung viel schlechter sei als bei ihrem alten in Dänemark. Und sie warnt mich vor den jungen Dänen, die angeblich viel flirten und gerne fremdgehen. Auf der Fähre beugen wir uns über den Stadtplan. Solveigh kringelt die besten Cafés und Bars ein. Um 22 Uhr, am Hauptbahnhof von Kopenhagen, trennen sich unsere Wege. Ich notiere noch ihre Nummer, für alle Fälle. Dann bin ich wieder auf mich gestellt – um ein paar Anekdoten und Informationen reicher, die nicht im Reiseführer stehen.

Im Internet übrigens auch nicht, wie ich schon zu Hause am Schreibtisch feststellen musste. Ich hatte unzählige Reiseplattformen inspiziert, war auf Seiten wie Tripatini, Tripsay, Tripping, Tripwolf  und Tripadvisor unterwegs. Selbst ernannte Rom-, Südkorea- oder Eifel-Experten tauschen dort Tipps aus, bewerten Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Um selbst Fragen stellen zu können, meldete ich mich an, hinterließ mein Geburtsdatum, meist auch ein Foto, und wartete ab. Doch nichts passierte. Kaum eines der Mitglieder schien sich übermäßig für Kopenhagen zu interessieren.