Hugo ChávezWas wird aus dem linken Lateinamerika?

Mit dem Tod von Venezuelas Präsident Hugo Chávez verändert sich das politische Gefüge in Lateinamerika. Die sozialistische Linke wird gemäßigter. Von C. Schmidt-Häuer von 

Kuba erhält von Venezuela täglich 100.000 Barrel verbilligtes Öl. Würde das ölreichste Land der Erde von seinem armen Nachbarn Weltmarktpreise verlangen, bräche Kuba alsbald zusammen. Doch auch nach Hugo Chávez wird in absehbarer Zukunft dergleichen nicht geschehen. Erstens hat Raúl Castro den Nachfolger des verstorbenen venezolanischen Präsidenten mit ausgewählt, zweitens besteht dessen Erbe nicht in Öl allein. Was also wird nach dem Tod von Hugo Chávez aus dem linken Lateinamerika?

Als Heils- und Hassprediger hatte er den unerhörten Opfern der korrupten, postkolonialen Eliten eine Stimme verliehen. Seine Rhetorik trieb den Subkontinent über die Linke hinaus in eine wachsende Distanz zum marktliberalen westlichen Leitbild. Er schmiedete regionale Bündnisse gegen Washingtons Einfluss, aus denen am Ende ein völlig neuer Staatenbund hervorging. Im Dezember 2011 gründete sich in Caracas die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (Celac). Ganz Amerika fand sich in diesem neuen Bund zusammen. Die USA mussten draußen bleiben, nachdem sie beim Militärputsch von Honduras 2009 versucht hatten, die alte Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) für ihre Ziele zu manipulieren.

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Chávez lieferte für alle das rote Tuch gegen hegemoniale wirtschaftspolitische Interessen der USA. Aber es waren eher buntscheckige Regierungen, die die Teilnahme der zuvor Ausgeschlossenen nutzten. Sie wollten den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", umsichtiger als Chávez, in sozialdemokratische Strukturen lenken. Maßvolle Umverteilungsprogramme, Wachstums- und Mittelstandsförderung wurden zur Agenda ehemaliger Guerillakämpfer, die heute Brasilien und Uruguay regieren.

Kuba löst sich aus der Abhängigkeit von Venezuela

Der brasilianische Expräsident Lula da Silva machte klar, dass sein Land sich als Schutzmacht der Linken auf dem Subkontinent sieht. Vor Chávez’ letzter Wiederwahl im September sagte er: "Ein Sieg für Chávez ist nicht nur ein Sieg für das Volk von Venezuela, sondern ein Sieg für alle Menschen Lateinamerikas... ein weiterer Schlag gegen den Imperialismus." Ecuador war bis 2006 das instabilste Land Südamerikas, die Staatschefs folgten aufeinander wie Sommer und Winter. Seit sieben Jahren regiert dort der Wirtschaftsprofessor Rafael Correa. Er herrscht autoritär, beschneidet die Rechte alter Eliten, bedient die Bedürftigen, verwaltet sein Land im Gegensatz zu Chávez hervorragend und ist vor einem Monat mit 63 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. In Peru wurde 2011 der linke Bürgerschreck Ollanta Humala gewählt. Doch seine wirtschaftlichen und sozialen Programme tragen eine erkennbar brasilianische Handschrift.

Kubas Hybridmodell der staatlich gelenkten Wirtschaft mit kapitalistischen Elementen aus Kleingewerbe und Immobilienmarkt hängt vor allem von Venezuela ab. Es ist kein Zufall, dass der 81-jährige Raúl Castro zwei Tage vor Chávez’ Ableben zum ersten Mal in Kubas 54-jähriger Revolutionsgeschichte einen potenziellen Nachfolger benannte. Und Castros Kontakte zu Venezuela schließen inzwischen nicht nur die Chávez-Anhänger ein, sondern auch den Oppositionsführer des Landes. Um die Abhängigkeit von Venezuelas Öl zu verringern, fächert Raúl Castro seine Außenpolitik schon seit Längerem auf. Havanna unterhält inzwischen bilaterale Kooperationsabkommen mit 14 EU-Ländern und bemüht sich um eine neuerliche Annäherung an das ölreiche Russland.

Nach Chávez wird Lateinamerikas Linke den Chavismus preisen wie einst den argentinischen Peronismus – mit ihren Taten aber vor allem Brasiliens Beispiel folgen.

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Leserkommentare
  1. "Maßvolle Umverteilungsprogramme, Wachstums- und Mittelstandsförderung wurden zur Agenda ehemaliger Guerillakämpfer, die heute Brasilien und Uruguay regieren."
    Dieser Satz zeigt ziemlich deutlich ein tiefes Missverständnis des Autors lateinamerikanischer Politik, die offenbar anhand von ein paar Eckdaten und grobem Schubladendenken wahrgenmmen und kathegorisiert wird.
    Zuerst einmal ist lateinamerikanische Politik wesentlich komplexer, als dass immer ein Leithammel vorweg marschieren muss und sich die anderen anschliessen. Diese Geschlossenheit war nur in einer Hinsicht tatsächlich existent, nämlich in der allseitigen Ablehnung US-amerikanischer Interventionspolitik der 70er und 80er Jahre. Damals formierte sich tatsächlich eine grenzübergreifende "militante Linke sowjetischer Prägung", sofern man der Kalten-Kriegs-Propaganda von damals glaubt. Jedoch, es war grossteils ein sozialdemokratisches Bürgertum, dem europäische Demokratie näher stand, als der Kommunismus sowjetischer Prägung. Im Eifer des Gefechtes ging das jedoch damals unter, man glaubte in Europa die aufgetischten Schauergeschichten und dass z.B Blutsäufer wie Pinochet die Welt vor dem Fortschreiten der Roten Gefahr bewahrt hätten.
    Heute sind diese Guerrilleros in der Regierungsverantwortung, die USA im Nahen Osten beschäftigt, und siehe da, die Staaten prosperieren.
    Chávez war ein Polemiker, aber kein "Heils- und Hassprediger", und noch weniger konnte er anderen Staaten zeigen, wo es lang zu gehen hätte.

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  2. Kuba erhält von Venezuela täglich 100.000 Barrel verbilligtes Öl.

    Nicht nur nach Kuba ;) Venezuela liefert auch verbilligtes Heizöl an Bedürftige in verarmte Gemeinden in den USA:

    Im November 2005 einigten sich die PDVSA und die Regierung des US-Bundesstaats Massachusetts auf ein Projekt, das Bedürftigen in Boston während der Wintermonate um 40 % verbilligtes Heizöl über Citgo zukommen ließ. Weitere Verträge wurden mit Staaten und Städten im Nordosten der USA, wie der New Yorker Bronx, Maine, Rhode Island, Pennsylvania, Vermont and Delaware geschlossen. Das Programm hatte einen Umfang von 1,2 Mio Barrel. Auch in den darauffolgenden Wintern 2006/2007 und 2007/2008 unterstützte Citgo Bedürftige in den USA mit 40 % verbilligtem Heizöl. Das Programm hatte im Winter 2007/2008 einen Umfang von 425,6 Millionen Litern.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Zum Artikel muss ich sagen, dass die linke Bewegung in Südamerika nicht an Chavez hängt. Die Bewegung ist viel älter und hat nur während seiner Amtszeit ihre Hochphase erreicht. Gründe, dass in fast allen südamerikanischen Länder Linke Mehrheiten holen ist dem sehr angespannten Verhältnis zur USA und den extremen Verwerfungen des Kapitalismus auf diesem Kontinent zu verdanken.

    Chavez größte Errungenschaft war es, die südamerikanischen Länder zu einen und Netzwerke zu knüpfen. Diese Entwicklung hat dem Kontinent sehr gut getan.

    7 Leserempfehlungen
  3. und hat überall im Land Musikschulen aufgebaut, Instrumente gratis verteilt
    und kleine und gro0e Orchester gegründet. Die Erkenntnis, daß Musik den
    Gegirnaufbau von Kindern entscheident fördert, hat er eingesetzt, um eine
    Elite aufzuzbauen, die in Südamerika (und in Nordamerika!!) ihresgleichen
    sucht. Und einer von ihnen ,Duhamel, ist Chef des L.A.- Sinfonierorchesters!!

    Es ist Schade um Chavez. Es begann damit, daß die Macht der "United Fruit
    Companie" der USA in Mittelamerika (Kuba) gebrochen wurde - man lese die
    Traven-Serie - und weitergeführt durch Castro, Chegevara und Chavez.
    Übrigens:
    Die medizinischen Einrichtungen auf Cuba sind mit DDR-Hilfen entscheidend aufgebaut worden und dienen ganz Mittelamerika!! Leider haben sie Chavez
    Krebs nicht besiegen können!

    7 Leserempfehlungen
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    "Die medizinischen Einrichtungen in Kuba mit DDR-Hilfe aufgebaut"

    Schade, dass die DDR niemals Herrn Chavez in Venezuela geholfen hat, seine medizinischen Einrichtungen aufzubauen.

  4. Ich kenne Südamerika gut und weiß dass die USA nicht gut mit den Südamerikanern gemeint haben. Sie haben das Militär überall unterstützt und sich überall eingemischt. Es ist anders als in Deutschland, wo die USA die Rolle des Retters spielten. Man kann diese politische Bewegungen nur verstehen, wenn man das Ganze mitgemacht hat! Ich habe unter der Militärdiktatur gelebt! Wenn ich heute betrachte, sie haben auch OHNE die USA geschafft!

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

  5. ... dann ist es schön.Vielleicht könnte es ein wunderschöner Beispiel für Deutschland werden. Ich wünschte allerdings, dass mein armes, kapitalistisches Land mit seinen traurigen Bergen weiterhin dahinvegetiert.

  6. Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "EX-Hinterhof der USA"
  7. 7. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk

  8. ...hoffentlich nicht das, was aus der "korrekten" Eurozone wurde.

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  • Schlagworte Kuba | Lateinamerika | Venezuela | Brasilien | Honduras | Russland
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