Als Wolfgang Ischinger am Nachmittag des 1. Februar 2013 die 49. Münchner Sicherheitskonferenz eröffnet, sitzt Michael Diekmann in der fünften Reihe des Konferenzsaals im Hotel Bayerischer Hof. Diekmann ist der Vorstandsvorsitzende der Allianz, Ischinger ist bei der Allianz Generalbevollmächtigter für Regierungsbeziehungen; man kann auch sagen, er ist der »Außenminister« des größten europäischen Versicherungskonzerns. Vor allem aber leitet der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Botschafter in Washington und London die Münchner Sicherheitskonferenz, weltweit das hochkarätigste Treffen von Militärs und Militärstrategen, von Außen- und Sicherheitspolitikern. Zu denen, die Ischinger in diesem Jahr begrüßt, gehören der amerikanische Vizepräsident Joe Biden, der russische Außenminister Sergej Lawrow und Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Aus Berlin ist das halbe Kabinett angereist.

Ischinger ist also ein wichtiger Mann, und er spielt seinen Part auf der Bühne des Bayerischen Hofes souverän. Als er 2008 die Leitung der Sicherheitskonferenz übernahm, hat die Bundesregierung den Spitzendiplomaten beurlaubt. Er war damals 61 Jahre alt. Von nun an zahlte die Allianz sein Gehalt.

Wenn Ischinger in Berlin arbeitet, dann residiert er in Diekmanns Büro am Pariser Platz. Der Vorstandschef braucht das Büro in der Allianz-Repräsentanz höchstens einmal im Jahr. Also sitzt Ischinger an diesem trüben Wintertag in einem der mächtigen schwarzen Ledersessel, blickt auf das Brandenburger Tor und spricht über das »Modell Ischinger«. Das habe in den vergangenen Jahren »irgendwie Schule gemacht«.

Tatsächlich wächst die Zahl der deutschen Konzerne, die ehemalige Staatsdiener verpflichtet haben, damit diese rund um den Globus ihre politischen Interessen vertreten – als »Türöffner, Kontaktvermittler und Welterklärer«, wie Ischinger seine Rolle beschreibt.

Lobbying in Zeiten der Globalisierung, auch so kann man die Aufgabe der neuen »Außenminister« der deutschen Weltkonzerne verstehen. Es geht nicht mehr allein darum, in Berlin Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen; dafür haben die Unternehmen seit Langem ihre Leute und ihre Interessenverbände. Heute, da zum Beispiel Volkswagen rund 30 Prozent des Umsatzes in China erzielt, ist es genauso wichtig, Investitionsentscheidungen der Regierung in Peking einschätzen und – höchste wirtschaftliche Staatskunst! – beeinflussen zu können. Leute, denen man das zutraut, sind gefragter denn je.

Weltweite Interessensvertretung

»Ich bin verpflichtet worden, um für Daimler weltweit politische Interessenvertretung zu organisieren«, sagt Martin Jäger, der beim Autokonzern den Bereich Politik und Außenbeziehungen leitet. Unter Frank-Walter Steinmeier war er Sprecher des Auswärtigen Amtes, 2008 wechselte er nach Stuttgart. Bei Daimler, mit einem Jahresumsatz, so groß wie das Bruttosozialprodukt Ungarns oder Vietnams, will man wissen, was in der Welt geschieht; will verstehen, wie die Politik funktioniert: in Brasilien, in Indien, in Russland oder in Südafrika. »Das klassische Lobbying bildet nicht ab, was man leisten muss«, sagt Jäger. Sich selbst sieht er »als eine Art Dolmetscher« zwischen der Welt der Wirtschaft und der Welt der Politik.

Dolmetscher, das würde wohl auch Wolfgang Ischinger für sich gelten lassen. Die Allianz erlaubt ihm, einen großen Teil seiner Arbeit der Münchner Sicherheitskonferenz zu widmen. Er führe, betont er, zwei getrennte Büros, und »auch budgetmäßig« sei alles strikt getrennt. »Ich fühle mich da vollkommen frei.«

Erwartet die Allianz nicht, dass auch der Vorstandsvorsitzende mal auf der Bühne der Sicherheitskonferenz sitzen muss, so wie im vergangenen Jahr? Es sei »eher umgekehrt«, antwortet Ischinger; vielmehr bemühe er sich, den Vorstand der Allianz für die Themen der Konferenz zu interessieren.

Was also verspricht sich die Allianz von ihrem »Außenminister«? Ischinger erläutert es am Beispiel China. Ein dort tätiger Versicherer brauche für jede Provinz eine eigene Lizenz. »Es ist nicht meine Aufgabe, mit jedem Gouverneur zu sprechen. Aber ich kann meine Kontakte in die chinesische Regierung nutzen, um zu sagen: ›Kinder, wir wollen gern mehr. Wir würden da auch investieren. Mit wem müssen wir reden? Kann ich meinen Leuten irgendeine Tür öffnen?‹«

Beispiel Indien. Dort können ausländische Versicherer an einem Versicherungsunternehmen nur mit maximal 25 Prozent beteiligt sein. »Wir würden uns natürlich wünschen, ein indisches Unternehmen zu 100 Prozent zu kaufen und zu einem richtig tollen Versicherer auszubauen. Mit wem muss man da reden? Mit dem Finanzministerium, mit der Opposition, mit verschiedenen Abgeordneten. Wie macht man das? Da kann ich meinen Freund Thomas Matussek anrufen, der war da Botschafter. Oder ich rufe Michael Steiner an, der jetzt dort Botschafter ist, und frage: Was sollen wir denn nun machen?«