Lübecker Brandanschlag 1996Lübeck, 18. Januar 1996

Es war ein Brandanschlag, bei dem zehn Menschen starben. Die Täter wurden nie gefasst. Jetzt lässt das Totalversagen der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung des NSU-Terrors auch diesen Fall in einem neuen Licht erscheinen. von Wolf Dieter Vogel

Es ist gegen halb vier in der Nacht. Der Rauch dringt bereits ins Dachgeschoss, als Safwan Eid und seine Brüder von den Schreien ihrer Nachbarin geweckt werden. »Mohammed, Safwan, Ghasswan, helft uns!«, ruft die Syrerin Aida Alias verzweifelt. Gemeinsam versuchen sie, über das Treppenhaus nach unten zu gelangen, doch dichter Qualm schneidet ihnen den Weg ab. Es bleibt nur noch die Flucht aus dem Dachfenster. Die Brüder helfen den Kindern der syrischen Nachbarin durch die Luke. Auch der Angolaner Joao Bunga hat diesen Weg gewählt. Mit seinen beiden Töchtern, den Jungen der Familie Eid, Aida Alias und ihren Kindern steht er schließlich auf dem Dachsims des brennenden Hauses. Seine Frau Monique und die Tochter Suzanna sind in Panik aus dem dritten Stock gesprungen. Beide überleben den Sprung nicht. Suzanna stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus, ihre Mutter Monique Bunga auf dem Gehsteig vor dem Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße 52.

Über 17 Jahre sind seit dieser Nacht vergangen. Heute will Safwan Eid nicht mehr darüber reden. Auch seine Brüder, Vater Marwan und Mutter Hassna wollen, dass man sie in Ruhe lässt. Keine Gespräche, keine Treffen, schon gar nicht mit der Presse. Zu oft hat man damals falsch über sie berichtet. Der gebürtige Libanese will nicht mehr von Fremden an die Schreckensnacht des 18. Januar 1996 erinnert werden, die er selbst nur knapp überlebt hat. Und für die man ihn verantwortlich machen wollte.

Anzeige

Zehn Menschen fallen den Flammen zum Opfer, 38 werden zum Teil schwer verletzt. Asylsuchende aus Afrika und dem Nahen Osten. Einige springen wie Monique Bunga aus dem Fenster, andere ersticken im Qualm. Die Brüder Eid, Joao Bunga, Aida Alias und ihre Kinder haben Glück. Feuerwehrleute können sie über eine Steckleiter retten, bevor sich das Feuer bis nach ganz oben frisst. Zuletzt verlässt Safwan Eid das Dach, die Ohren verletzt, barfuß, in einem beigefarbenen Nachthemd. »Wir wurden in Brand gesetzt«, sagt Vater Marwan Eid unmittelbar nach der Rettung, »die wollten uns töten.« Ein Knarren der Gartentür will er gehört haben. Dann das Klirren der Scheiben. Und ein dumpfes Geräusch. Ein »Bumm«, ergänzt er später.

Waren Brandstifter am Werk? Im hölzernen Vorbau des Hauses finden Feuerwehrleute die Leiche von Sylvio Amoussou. Auf seinem Körper liegt ein Stück Draht. Das Rechtsmedizinische Institut der Uni-Klinik Lübeck stellt fest, dass der Asylsuchende aus Benin keinen Rauch eingeatmet hat, bevor er gestorben ist. Ist Amoussou schon vor Ausbruch des Feuers unten gewesen?

Wolf Dieter Vogel

Der Autor ist Journalist und Publizist. Er lebt in Berlin. Mehr zum Thema in dem von ihm herausgegebenen Buch Der Lübecker Brandanschlag. Fakten, Fragen, Parallelen zu einem Justizskandal; Espresso Verlag, Berlin 2001.

Wenige Meter von dem brennenden Haus entfernt stehen drei junge deutsche Männer um einen Wartburg. Sie beobachten, wie die Flammen das ehemalige Seemannsheim zerstören. Ein Polizist, dem die Schaulustigen auffallen, kontrolliert die Personalien. Der 18-jährige Skinhead Maik W. hat keine Papiere dabei, doch der Beamte gibt sich mit dem Namen Maik Müller zufrieden. Die ganze Nacht sind die drei und ein weiterer Freund schon in der Hansestadt unterwegs. Um ein Auto zu stehlen, wie sie später angeben. Nach der Kontrolle steigt das Trio in den Wartburg und fährt nach Hause, ins 35 Kilometer entfernte mecklenburgische Grevesmühlen. Dort nimmt die Polizei Maik W. alias Müller, Heiko P. und René B. wenige Stunden später fest, am Abend finden die Beamten Dirk T., den Vierten im Bunde.

Wird das Opfer zum Täter gemacht?

Haben wieder Rechtsradikale gezündelt? Nach den Ausschreitungen in Rostock 1992, nach den Anschlägen in Hünxe 1991, Mölln 1992 und Solingen 1993 liegt der Verdacht nahe. Es ist die Zeit, in der sich Rechtsradikale zum Thüringer Heimatschutz zusammenschließen, zu jener Truppe, aus der später der terroristische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hervorgeht. Auch in Lübeck sind militante Rechte unterwegs: Es gibt Brandanschläge auf die Synagoge, Bürgermeister Michael Bouteiller, der sich für Asylsuchende einsetzt, erhält eine Briefbombe.

Mehrmals werden die Männer aus Grevesmühlen in der Nacht in Lübeck gesehen, auch in der Nähe der Hafenstraße. Sie entsprechen dem rechten Täterprofil. Der arbeitslose Maik W., der sich »Klein Adolf« nennen lässt, ist bereits aktenkundig. Er hat Hakenkreuze auf Grabsteine gesprüht; in seinem Zimmer hängt die Reichskriegsflagge. Ein Freund berichtet der Polizei, Maik W. habe ihm offenbart, er habe in Lübeck »etwas angesteckt« oder werde das bald tun. Der gelernte Schlosser Heiko P. war, wie er angibt, »in Rostock mit dabei«. Der arbeitslose Maurer René B. dagegen beteuert, er habe nichts gegen »Juden, Neger, Ausländer oder auch Wessis«.

Leserkommentare
  1. rechter Terrortaten in der BRD & ihrem Nachfolgestaat steht erst an ihrem Anfang. Die Ausdauer und den Mut eines Emil Julius Gumbel sollte man schon mitbringen.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • H.v.T.
    • 23. März 2013 13:45 Uhr

    " Die Aufarbeitung

    rechter Terrortaten in der BRD & ihrem Nachfolgestaat steht erst an ihrem Anfang."
    ---

    Welchen ´Nachfolgestaat der BRD´ meinen Sie denn ?

    Meinen Sie die ´alte BRD´, und dann die ´BRD nach der Wiedervereinigung´ ?

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie sich beziehen mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

  3. des Schweizer Geheimdienstes, NDB, nachrichtendienst des Bundes, wurden Folien mit den verschiedene Einstufungen der verschiedenen Bedrohungen gezeigt. Konzentirsch wurde aufgezeigt was als grösste Bedrohung,w as las kleinste Bedrogung eingestuft wird die systematsich überwacht wird.

    Ganz klar ersichtlich war, das linke, sozialistisch, kommunistische Kreise und Strömungen in der Bevökerung als grössere Bedrohung eingestuft wurden als rechte, nationalisten...

    Entsprechend diesen Einstufungen, Gruppen und Kategorien werden Mittel gesprochen um die Bedrohung überwachen, einzukreisen und falls nötig zu eliminieren... Mittel heisst zuerstmal ganz banal, Geld mit dem dann andere Ressourcen angeschaft werden...

    Die Folien sind übrigens nicht geheim... nur den Link dazu, den hab ich leider nicht mehr.

    Ich denke das in vielen Ländern Europas die gleichen oder ähnliche Einstufungen bestehen. Man muss sich also über den Goodwill gegenüber der rechten Gewalt nicht wundern. Das ist Absicht...

    Die Debatte darüber schlecht recherchiert und kommuniziert und deshalb doch ein bischen desinformierend und scheinheilig...

    Warum.... ein Grund wird sicher die übriggebliebene Paranoia vor den Sozialisten sein die ein anderes Leben diesseits der Mauer führten... und mangelnde Alternaitven für neue Gefahrenpotentiale...

    Die Bevölkerung als Gruppe wird übrigens auch als potentiel gefährlich eingestuft, egal welcher politischen Strömung diese entspringt...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich will in diesem Fall jetzt deutlich keine keine Schuldzuweisung geben, erinnere mich nur an Kommentare in einem anderen Artikel, der ähnliches beschreibt, das doch Bildung der beste und einzige Weg ist, solche Auswüchse von Terror und Gewalt zu begrenzen.

    Das ist sicher richtig, aber auch die andere Seite benötigt dringend Bildung.

    Wenn Sie sich ihren Kommentar unter dieser Prämisse noch mal durchlesen und verinnerlichen, wissen Sie sicher, was ich meine.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • H.v.T.
    • 23. März 2013 13:50 Uhr

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich mit Nachfragen diesbezüglich an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jz

    • H.v.T.
    • 23. März 2013 13:45 Uhr

    " Die Aufarbeitung

    rechter Terrortaten in der BRD & ihrem Nachfolgestaat steht erst an ihrem Anfang."
    ---

    Welchen ´Nachfolgestaat der BRD´ meinen Sie denn ?

    Meinen Sie die ´alte BRD´, und dann die ´BRD nach der Wiedervereinigung´ ?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Die Aufarbeitung"
  5. 6. Achso

    Bei nahezu jeden Gebäudebrand "klirrt" es und macht "bumm". Völlig unabhängig davon, wie das Gebäude in Brand geriet.

    http://www.youtube.com/wa...

    3 Leserempfehlungen
  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie sich beziehen mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
    • H.v.T.
    • 23. März 2013 13:50 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich mit Nachfragen diesbezüglich an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service