Es ist gegen halb vier in der Nacht. Der Rauch dringt bereits ins Dachgeschoss, als Safwan Eid und seine Brüder von den Schreien ihrer Nachbarin geweckt werden. »Mohammed, Safwan, Ghasswan, helft uns!«, ruft die Syrerin Aida Alias verzweifelt. Gemeinsam versuchen sie, über das Treppenhaus nach unten zu gelangen, doch dichter Qualm schneidet ihnen den Weg ab. Es bleibt nur noch die Flucht aus dem Dachfenster. Die Brüder helfen den Kindern der syrischen Nachbarin durch die Luke. Auch der Angolaner Joao Bunga hat diesen Weg gewählt. Mit seinen beiden Töchtern, den Jungen der Familie Eid, Aida Alias und ihren Kindern steht er schließlich auf dem Dachsims des brennenden Hauses. Seine Frau Monique und die Tochter Suzanna sind in Panik aus dem dritten Stock gesprungen. Beide überleben den Sprung nicht. Suzanna stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus, ihre Mutter Monique Bunga auf dem Gehsteig vor dem Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße 52.

Über 17 Jahre sind seit dieser Nacht vergangen. Heute will Safwan Eid nicht mehr darüber reden. Auch seine Brüder, Vater Marwan und Mutter Hassna wollen, dass man sie in Ruhe lässt. Keine Gespräche, keine Treffen, schon gar nicht mit der Presse. Zu oft hat man damals falsch über sie berichtet. Der gebürtige Libanese will nicht mehr von Fremden an die Schreckensnacht des 18. Januar 1996 erinnert werden, die er selbst nur knapp überlebt hat. Und für die man ihn verantwortlich machen wollte.

Zehn Menschen fallen den Flammen zum Opfer, 38 werden zum Teil schwer verletzt. Asylsuchende aus Afrika und dem Nahen Osten. Einige springen wie Monique Bunga aus dem Fenster, andere ersticken im Qualm. Die Brüder Eid, Joao Bunga, Aida Alias und ihre Kinder haben Glück. Feuerwehrleute können sie über eine Steckleiter retten, bevor sich das Feuer bis nach ganz oben frisst. Zuletzt verlässt Safwan Eid das Dach, die Ohren verletzt, barfuß, in einem beigefarbenen Nachthemd. »Wir wurden in Brand gesetzt«, sagt Vater Marwan Eid unmittelbar nach der Rettung, »die wollten uns töten.« Ein Knarren der Gartentür will er gehört haben. Dann das Klirren der Scheiben. Und ein dumpfes Geräusch. Ein »Bumm«, ergänzt er später.

Waren Brandstifter am Werk? Im hölzernen Vorbau des Hauses finden Feuerwehrleute die Leiche von Sylvio Amoussou. Auf seinem Körper liegt ein Stück Draht. Das Rechtsmedizinische Institut der Uni-Klinik Lübeck stellt fest, dass der Asylsuchende aus Benin keinen Rauch eingeatmet hat, bevor er gestorben ist. Ist Amoussou schon vor Ausbruch des Feuers unten gewesen?

Wenige Meter von dem brennenden Haus entfernt stehen drei junge deutsche Männer um einen Wartburg. Sie beobachten, wie die Flammen das ehemalige Seemannsheim zerstören. Ein Polizist, dem die Schaulustigen auffallen, kontrolliert die Personalien. Der 18-jährige Skinhead Maik W. hat keine Papiere dabei, doch der Beamte gibt sich mit dem Namen Maik Müller zufrieden. Die ganze Nacht sind die drei und ein weiterer Freund schon in der Hansestadt unterwegs. Um ein Auto zu stehlen, wie sie später angeben. Nach der Kontrolle steigt das Trio in den Wartburg und fährt nach Hause, ins 35 Kilometer entfernte mecklenburgische Grevesmühlen. Dort nimmt die Polizei Maik W. alias Müller, Heiko P. und René B. wenige Stunden später fest, am Abend finden die Beamten Dirk T., den Vierten im Bunde.

Wird das Opfer zum Täter gemacht?

Haben wieder Rechtsradikale gezündelt? Nach den Ausschreitungen in Rostock 1992, nach den Anschlägen in Hünxe 1991, Mölln 1992 und Solingen 1993 liegt der Verdacht nahe. Es ist die Zeit, in der sich Rechtsradikale zum Thüringer Heimatschutz zusammenschließen, zu jener Truppe, aus der später der terroristische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hervorgeht. Auch in Lübeck sind militante Rechte unterwegs: Es gibt Brandanschläge auf die Synagoge, Bürgermeister Michael Bouteiller, der sich für Asylsuchende einsetzt, erhält eine Briefbombe.

Mehrmals werden die Männer aus Grevesmühlen in der Nacht in Lübeck gesehen, auch in der Nähe der Hafenstraße. Sie entsprechen dem rechten Täterprofil. Der arbeitslose Maik W., der sich »Klein Adolf« nennen lässt, ist bereits aktenkundig. Er hat Hakenkreuze auf Grabsteine gesprüht; in seinem Zimmer hängt die Reichskriegsflagge. Ein Freund berichtet der Polizei, Maik W. habe ihm offenbart, er habe in Lübeck »etwas angesteckt« oder werde das bald tun. Der gelernte Schlosser Heiko P. war, wie er angibt, »in Rostock mit dabei«. Der arbeitslose Maurer René B. dagegen beteuert, er habe nichts gegen »Juden, Neger, Ausländer oder auch Wessis«.