Ich mag es, Dinge auseinanderzubauen, alte Handys zum Beispiel. Ich spiele Gitarre und habe mal versucht, mir selber einen Verstärker zu bauen. Anleitungen findet man ja überall im Internet. Bei hackaday zum Beispiel, das ist eine Do-it-yourself-Seite für Elektronik-Nerds. Vor einem Jahr habe ich dort eine Anzeige für einen Online-Kurs des Massachusetts Institute of Technology entdeckt: "Schaltkreise und Elektronik" von Professor Anant Agarwal.

Agarwal ist einer der besten Informatiker der Welt, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich wusste nur: In diesem Kurs geht es um das, was ich nie richtig verstanden habe. Darum, wie die Schaltkreise funktionieren, die meinen Verstärker zum Laufen bringen. Trotzdem hat mich die Kursbeschreibung erst einmal abgeschreckt. Da wurden Mathekenntnisse verlangt, die ich nicht hatte. Ich hatte ja immer nur Sachen nach Anleitung gebaut. Welche mathematischen Formeln dahinterstecken, wusste ich nicht.

Aber der Kurs war vom berühmten MIT – und er war kostenlos. Also habe ich mich eingeschrieben. Ich war einer von 154.763 Teilnehmern. Die meisten Kommilitonen waren älter als ich, Studenten oder Berufstätige aus der ganzen Welt. Von denen haben rund 7000 bis zum Ende durchgehalten und die Prüfung gemacht. Ich zum Beispiel.

Ich bin 15 und lebe in Neu-Delhi. Mein Vater ist Ingenieur bei IBM, meine Mutter ist Hausfrau. Ich bin ein typisches Kind der oberen Mittelklasse, und wie fast jedes Mittelklassekind in Indien gehe ich auf eine Privatschule. Es gibt nicht viele Leute hier, die dem staatlichen Bildungssystem vertrauen. Die Schulen sind schlecht ausgestattet, auch viele Privatschulen. Viele Lehrer halten sich nicht an die Lehrpläne. Sie haben viel zu viel zu tun und sind oft völlig überarbeitet. Bevor ich meinen ersten Onlinekurs belegt habe, wusste ich nicht mal, dass Lernen Spaß macht.

14 Wochen dauerte der Kurs, der über edX angeboten wurde, eine Plattform für Online-Bildung. Jede Woche bekam ich den Link zu einer Vorlesung geschickt. Professor Agarwal, abgefilmt in einem Hörsaal des MIT, erklärte dann zum Beispiel, wie ein Transistor funktioniert. Agarwal ist verdammt lustig. Ich habe nie zuvor einen Lehrer gesehen, der so gut erklären kann. Einmal kam er in den Hörsaal, mit Anzug und Sonnenbrille, und schleppte eine Kettensäge an. Er wollte zeigen, wie laute Geräusche elektrische Signale beeinflussen. Das war großartig.

Zu den Videos gab es Hausaufgaben, Tutorien und "Labs". Das sind kleine, praxisbezogene Aufgaben, in denen wir zum Beispiel lernten, wie man einen Transistorverstärker baut. Jeden Sonntag mussten wir unsere Hausaufgaben abschicken, dann ging die nächste Lektion los.

In der Kursbeschreibung stand, dass man ungefähr zwölf Stunden Arbeitszeit pro Woche einplanen soll. Ich habe fast doppelt so lange gebraucht. Ich war ja erst in der neunten Klasse und hatte noch nie was von Differenzialrechnung gehört, und das war eine der Grundlagen, die man mitbringen sollte. Also habe ich mir einen Nachhilfelehrer gesucht – Salman Khan, der in seinen Unterrichtseinheiten bei YouTube so ziemlich jedes mathematische Problem erklärt. Und zwar so, dass ich es auch verstehe. Wenn edX so was wie eine Online-Uni ist, dann ist die Khan Academy das Online-Gymnasium.

Mit den Internet-Kursen sieht mein Tag so aus: Von 8 bis 14 Uhr gehe ich in die Schule, von 16 bis 18 Uhr habe ich Elektrotechnik bei Herrn Agarwal, danach habe ich Mathenachhilfe bei Herrn Khan. Die edX-Hausaufgaben mache ich oft heimlich in der Schule. Sonst hätte ich keine Zeit mehr, Freunde zu treffen und mit Sikko zu spielen, meinem Hund.

Allein bin ich beim Lernen aber nicht. Wenn ich in einem Online-Kurs etwas nicht verstehe, poste ich eine Frage im Forum. Auf dieser Plattform reden die Kursteilnehmer miteinander. Ab und zu klinkt sich auch der Professor ein.

Ich habe im Forum eine kleine Lerngruppe gebildet, mit Miriam, einer Studentin aus Argentinien, und Brian, einem 50-jährigen Hawaiianer. Sie haben mir geholfen, wenn ich in Mathe nicht weiterkam. Die Gleichungen, die man braucht, um einen Schaltkreis zu beschreiben, sind richtige Monster: endlose Terme mit tausend Variablen, absolut beängstigend. Miriam und Brian haben mir gezeigt, wie man sie auseinanderdröselt, aber sie haben mir nie die komplette Lösung verraten. Es gibt bei edX einen Kodex, in dem steht, dass man nie ganze Antworten schicken darf. Damit jeder wirklich versteht, was er rechnet. Das hat fast immer funktioniert, obwohl diesen Kodex niemand kontrolliert hat. Manchmal konnte sogar ich den anderen helfen. Das waren die schönsten Momente im ganzen Kurs.

Nach 14 Wochen kam die Abschlussprüfung. Zwölf Stunden hat man dafür Zeit. Das klingt lang, aber wenn man in einem Land wohnt, in dem das Internet nicht überall gut funktioniert, braucht man ein paar Stunden Puffer, um sich zur Not einen anderen Computer zu suchen.

Ich wette, eine Menge Leute haben bei der Prüfung geschummelt. Das ist die große Schwachstelle von Online-Kursen: Keiner kann prüfen, ob da wirklich ich vor meinem Rechner sitze und nicht mein Vater, der Ingenieur, der das alles viel besser kann. Aber ich hab es ohne Schummeln versucht – und bestanden. Das Zertifikat habe ich per E-Mail zugeschickt bekommen und auf schönem Papier ausgedruckt. Mal sehen, ob es mir später was nützt.

Ich will studieren, aber ich werde nie die Chance haben, eine Uni wie das MIT zu besuchen. Ich werde nie bei Professoren wie Anant Agarwal im Seminar sitzen. Es gibt in Indien keine Uni, die auch nur halb so gut ist wie das MIT. Das Indian Institute of Technology vielleicht, aber da reinzukommen ist irre schwer. Die Leute, die dort studieren, könnten in Indien ihr Wissen weitergeben, aber viele bleiben nicht hier, sondern gehen in die USA – so wie Professor Agarwal. Deshalb werden indische Unis immer schlechter sein als die amerikanischen. Und deshalb sind Moocs eine Riesenchance für Menschen wie mich.

Aufgezeichnet von Caterina Lobenstein