Der Computerspieler

Im März 2011 war Sebastian Thrun Teilnehmer der exklusiven TED-Konferenz für technologische Ideen, die im kalifornischen Long Beach stattfand. Dort trat Salman Khan als Redner auf. Eigentlich hatte Thrun schon genug zu tun als Professor für Künstliche Intelligenz (KI) an der Universität Stanford und als Leiter der Forschungsabteilung von Google. Aber Khans Erfolg wurmte ihn doch. "Ich habe in einem Stanford-Kurs 150 bis 200 Studenten", sagt Thrun. "Und dieser Salman Khan hat zehn Millionen!" Thrun, der aus Solingen stammt, wollte das mit der Onlinelehre deshalb auch probieren. Seinen Kurs bot er zunächst über eine fachwissenschaftliche Mailingliste an. Voll Zuversicht rechnete er mit 10.000 Teilnehmern. "Aber die E-Mail verbreitete sich wie ein Virus, es haben sich an jedem Tag 5000 weitere Teilnehmer angemeldet." Schließlich waren es 160.000. Thrun hatte einen der größten akademischen Onlinekurse erschaffen.

Jetzt verzichtete Thrun auf sein gesichertes Stanford-Gehalt, er reduzierte seine Anwesenheit bei Google auf einen Tag pro Woche und gründete die Firma Udacity, mit ihr bietet er Moocs vor allem in Mathematik und Computertechnik an. Er bemüht sich darum, die Vorlesungen nicht bloß abzufilmen, sondern an die Sehgewohnheiten einer Generation anzupassen, die mit Computerspielen aufgewachsen ist. "Sehen Sie sich nur das Onlinespiel Angry Birds an, da lernt der Spieler etwas. Er wird ständig bewertet, kriegt die Ergebnisse sofort und bekommt neue Aufgaben, die exakt dem persönlichen Lernniveau entsprechen", sagt Thrun. "Wenn man diese Mechanismen auf die Vorlesung im Netz überträgt, hat man den Heiligen Gral der höheren Bildung gefunden."

Der Marktführer

Zur selben Zeit hatten am selben Stanford-Institut zwei weitere Professoren eine ähnliche Idee. Auch Daphne Koller und Andrew Ng hatten schon ein paar Semester mit Onlinevorlesungen experimentiert, als sie die Firma Coursera gründeten. Coursera schließt Verträge mit einzelnen Hochschulen ab, die daraufhin mit der Coursera-Software ihre Kurse erstellen können. Im Zentrum des Büros, ebenfalls im Silicon Valley, hängt eine Weltkarte an der Wand, auf der von Kalifornien aus ein Wollfaden zu jeder kooperierenden Universität gespannt ist – gerade sind wieder ein paar neue Fäden dazugekommen. 62 Partner sind es mittlerweile, darunter auch die beiden Münchner Universitäten. Coursera führt den Mooc-Markt mit Abstand an, die Nutzerzahlen sind schneller gewachsen als die von Google und Twitter in ihrer Anfangsphase.

Während Sebastian Thrun und Salman Khan sich mit ihrer von Superlativen strotzenden Redeweise als typische Silicon-Valley-Gewächse präsentieren, erfüllt Andrew Ng, der chinesischstämmige Coursera-Gründer, keines dieser Klischees. Der 36-jährige Computerwissenschaftler spricht leise und entschuldigt sich fast dafür, ein gewinnorientiertes Unternehmen zu leiten. Die Einwerbung von Spenden habe einfach nicht funktioniert. "Meine Inspiration war eigentlich Wikipedia", sagt Ng. "Aber immer wenn man die Seite besuchte, sah man das Bild des um Geld bettelnden Gründers. Das wollte ich nicht." Sobald er und seine Geschäftspartnerin auf Gewinnorientierung umschalteten, sprudelten die Gelder der Investoren. Bald waren es 22 Millionen Dollar Startkapital.

Auch wenn die Firma natürlich irgendwann ihre Kapitalgeber zufriedenstellen muss, betont Ng, dass die Kurse immer kostenlos bleiben werden. Denn: "Coursera geht es um Bildung, nicht um Profit." Kann ein Student aus einem Entwicklungsland die bescheidene Gebühr für eine Prüfung nicht aufbringen, wird sie ihm ohne große Nachfragen erlassen.

Die Etablierten

An der amerikanischen Ostküste ist man auf einem anderen Weg. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge hatte bereits vor zehn Jahren unter dem Namen Open Courseware Unterrichtsmaterialien kostenlos ins Netz gestellt. 120 Millionen Menschen in aller Welt haben sich seither daraus bedient. Herausgefordert durch die neu gegründeten Firmen in Kalifornien, möbelte man dieses alte Angebot mit moderner Technik auf. Das MIT und der Lokalrivale Harvard investierten 60 Millionen Dollar und gründeten ein Non-Profit-Unternehmen namens edX für die Vermarktung ihrer Onlinekurse. Inzwischen prangen die Logos zwölf renommierter Universitäten auf der edX-Homepage.

Betritt man das wirkliche edX-Office, fällt der erste Blick auf einen gewaltigen Bildschirm, auf dem eine Dia-Endlosschleife die "Revolution der Bildung" anpreist. Bis vor Kurzem war der indisch-amerikanische Informatikprofessor Anant Agarwal der oberste Computerwissenschaftler am MIT. Jetzt leitet er mit Enthusiasmus dieses etwas andere Start-up, führte selbst den ersten Onlinekurs durch. "Jahrhundertelang hat sich die höhere Bildung nicht verändert", sagt er, "jetzt kommt der Wandel." Alle Universitäten müssten plötzlich darüber nachdenken, was sie Besonderes leisten könnten.

Jeder dritte amerikanische Student belegt schon heute Onlinekurse. Anstatt sich um acht Uhr früh in den Hörsaal zu quälen, rufen selbst MIT-Studenten die Vorlesungen gern im Computer ab – bevorzugt zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens. Die nächste Generation werde schon vor dem Uni-Besuch einige Kurse online absolviert haben und brauche dann fürs College nur noch zwei oder drei Jahre – statt wie bisher vier, vermutet Agarwal. Es folgt das lebenslange Onlinelernen. "Und lassen Sie mich träumen: Forschungen nehmen größeren Raum ein, handwerkliche Tätigkeiten auch. Die Professoren haben Zeit und können als Gelehrte wie vor Tausenden von Jahren kleine Gruppen von Studenten um sich scharen."