Bleibt die Frage: Werden diese Studenten der Zukunft noch die horrenden amerikanischen Studiengebühren zahlen wollen? Harvard, Princeton und Stanford bieten neben erstklassiger Bildung auch eine Eintrittskarte in die besseren Kreise. Der Job, den man mit Harvard-Diplom bekommt, so die Rechnung, macht es einem leicht, die im Studium angehäuften Schulden später abzutragen. Für die Absolventen der weniger prominenten Colleges, die nur unwesentlich billiger sind, geht die Rechnung oft nicht auf. Die Studiengebühren haben sich in den USA seit 1985 fast versechsfacht, die Jobaussichten sind gleichzeitig gesunken. "Früher war die Collegeausbildung ein Weg, um in die Mittelklasse aufzusteigen", ätzt der Internetexperte Clay Shirky, "heute braucht man sie, um nicht aus der Mittelklasse herauszufallen." Die Moocs sind hier die günstigere Alternative. Und oft auch die qualitativ bessere.

Gegner des neuen Onlinetrends bemängeln, ein paar Zertifikate aus dem Netz könnten nicht die Persönlichkeitsbildung eines Colleges und die Erziehung zum kritischen Denken ersetzen. Doch das gilt nur für Eliteschulen, nicht für Massenhochschulen, an denen der Einzelne untergeht. Die werden sich von ihren Studenten fragen lassen müssen, was sie denn noch bieten. Insbesondere, wenn sie auf die Onlinekurse namhafter Unis als multimediale Lernvorlagen zurückgreifen. Die staatliche Universität von San Jose in Kalifornien schaffte es mit Agarwals Elektronikkurs, die Durchfallquote von 40 auf 9 Prozent zu senken.

Die traditionellen Universitäten können längst nicht mehr den Bedarf an exzellentem Nachwuchs befriedigen. Die Studienplätze an diesen Institutionen sind eine künstlich verknappte Ware. Schon heute nimmt Harvard nur sechs Prozent der Bewerber an, die alle intellektuellen Voraussetzungen für einen Studienplatz erfüllen. Und in Sebastian Thruns Onlinekurs über Künstliche Intelligenz, an dem auch die Studenten seiner eigenen Uni teilnahmen, landete bei der Abschlussprüfung der beste Stanford-Student auf Platz 412.

Die Zukunft

Inzwischen gibt es sogar schon Pläne, die Skalierbarkeit der Onlinebildung mit der Idee des klassischen Colleges zu verbinden. Das Minerva-Projekt in San Francisco soll ab Herbst 2015 eine neue Elite-Uni werden, mit Studenten, die rings um den Erdball verteilt leben, allein oder in kleinen Gemeinschaften, und sich nur online zu Seminaren treffen. Kostenpunkt: 10.000 Dollar pro Jahr. Es wäre die erste Neugründung einer amerikanischen Elite-Uni seit 100 Jahren.

Sebastian Thrun sieht seine Firma Udacity dagegen als eine Art "Ikea der Bildung". Die Onlinerevolution werde zu einer Entwicklung führen, die nur wenige Institutionen überlebten, glaubt er. In 50 Jahren werde die Hälfte des akademischen Marktes von zehn Institutionen abgedeckt.

Der Coursera-Gründer Andrew Ng hält nichts von solchen Visionen: "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich dem widerspreche!" Coursera biete jetzt schon Kurse von Universitäten aus vier Kontinenten an. Er ruft im Computer einen chinesischen Kurs auf über die exotische Kunst der Kunqu-Oper – Beweis dafür, dass Bildung der Zukunft kein McDonald’s-Einheitsfraß sei, sondern im Gegenteil eine Chance für kulturelle Vielfalt.

Es ist kein Zufall, dass die vier amerikanischen Bildungsrevolutionäre alle Einwanderer in der ersten oder zweiten Generation sind. Ihnen geht es nicht nur um die Reform der US-Hochschulen, sie begreifen Bildung als internationales Menschenrecht. Salman Khan ist der Blick in die Welt wichtiger als eine elitäre Ausbildung in ehrwürdigen Gemäuern: "Meine Kinder bilden sich mehr, wenn sie ein Jahr mit dem Rucksack durch Europa reisen und dort die Klassiker lesen, als wenn sie sich in einer amerikanischen Studentenverbindung betrinken."

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