Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

In Berlin-Kreuzberg sollen jetzt neben den Toiletten für Männer und Frauen auch öffentliche Toiletten für Menschen eingerichtet werden, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen, also die Inter- und die Transsexuellen. Diese Maßnahme wurde auf Antrag der Piratenpartei von der SPD, den Grünen und den Linken im Bezirksparlament beschlossen. In den neuen Toiletten sollen sich neuartige Urinale befinden. Jedes Urinal wird mit einer Box umgeben, damit niemand sehen kann, was da im Einzelnen ausgepackt wird. Mir ist klar, dass Inter- und Transsexuelle sich in einer schwierigen Situation befinden und dass solche Menschen Anspruch auf Respekt und Toleranz haben. Warum man deswegen Toiletten umbauen muss, ist mir hingegen unklar.

Kann solch ein Mensch nicht einfach in die Toilette hineingehen, die seinem äußeren Erscheinungsbild am ehesten entspricht, dort eine Zelle betreten, abschließen und auf die ihm oder ihr gemäße Weise sein oder ihr Geschäft verrichten? Im Sitzen? Das ist doch gar nicht so schlimm, wenn man dabei sitzen muss. Bei mir ist es so: Ich bin, rein äußerlich, Mann. Wenn die Männertoilette kaputt war, bin ich immer auf der Frauentoilette gewesen. Ich darf sagen, dass die Frauen mir dort stets mit Respekt und Toleranz begegnet sind. Ich habe gelächelt und habe gesagt: "Tschuldigung. Das andere Klo ist kaputt." Niemals sind mir indiskrete Fragen nach meiner sexuellen Identität gestellt worden. Frauen sind schon okay in solchen Situationen.

Lena Rohrbach, eine Politikerin der Piratenpartei, sagt dazu: Wenn ein Mensch auf eine Toilette gehen muss, die seiner sexuellen Identität nicht entspricht, dann wird ihm suggeriert, dass er eigentlich nicht existieren dürfte. Ich finde, solch ein Mensch sollte eher daran denken, dass die staatlichen Mittel zum Bau von Toiletten begrenzt sind. Es ist kein persönlicher Angriff, es ist eher eine Etatfrage. Was kostet es denn, zu sagen: "Das andere Klo ist kaputt"? Diese kleine Notlüge würde doch nur zeigen, dass die Inter- und Transsexuellen Respekt und Toleranz für die Lage der kommunalen Haushalte aufbringen. Von Kennedy stammt der Spruch: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst." Das, was die deutschen Inter- und Transsexuellen für ihr Land tun können, lässt sich am besten in dem Satz "Das andere Klo ist kaputt" zusammenfassen.

Ich habe auch schon über meine sexuelle Identität gelogen. In Israel habe ich als junger Mensch immer gesagt, ich sei ein Schweizer Jude, weil man auf diesem Ticket viel leichter eine israelische Freundin bekommen hat. Ich war quasi ein Kryptosexueller. Da habe ich nie gedacht, dass ich als Deutscher eigentlich nicht existieren dürfte, im Gegenteil, ich fand das super. Man kann es auch schlecht kontrollieren. Wenn ein Typ in das Intersexuellenklo hineingeht und sagt: "Ich fühle mich als Frau" – wer soll das überprüfen? Und wie? Die Geschlechtsorgane geben ja nicht immer darüber Aufschluss, wie ein Mensch sich gerade fühlt. Man müsste ein intersexuelles Staatsexamen und eine Sexualkennkarte einführen, damit sich keiner, wie ich damals, eine Toleranz erschleichen kann, die ihm nicht zusteht. Bei der Piratenpartei ist es so, dass die Toiletten in der Geschäftsstelle gar nicht mehr gekennzeichnet werden, es gibt eine Toilette mit und eine Toilette ohne Urinal, und welche man benutzen möchte, stehend oder sitzend, soll man spielerisch ausprobieren. Das kommt mir unhygienisch vor. Aber ich will wirklich niemandes Gefühle verletzen.

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