Zweihundertsechsundsechzig. Diese Zahl hierzulande "untergetauchter Rechtsextremisten" ist seit Anfang der Woche bekannt. Sie stammt aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei – und sie sagt weniger aus über die tatsächliche Gefahr durch Neonazis als über die Probleme der Behörden damit. Wirklich untergetaucht und gefährlich sind allenfalls eine Handvoll Rechte.

Bei vielen von ihnen handelt es sich um eher banale Fälle: Diebstahl, Erschleichen von Sozialleistungen, Rauschgiftdelikte, Trunkenheit am Steuer. Unter den politischen Delikten ist die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole das häufigste, etwa Hakenkreuzschmierereien. Doch daneben finden sich auch Gewalttaten, allein 27 Fälle von Körperverletzung, außerdem zweimal Raub und ein Totschlag.

Seit der NSU aufgeflogen ist, wird halbjährlich erhoben, wie viele nicht vollstreckte Haftbefehle bundesweit gegen behördlich bekannte Rechtsextremisten oder wegen rechtsmotivierter Straftaten vorliegen. Weil ständig Haftbefehle vollstreckt werden, ändert sich die Zahl fast täglich. Von den 266, die im November 2012 gesucht wurden, waren Ende Februar 84 bereits gefasst. Aber es kommen auch täglich neue Verfahren hinzu.

Sittenbild der rechtsextremen Szene

Die erhobenen Zahlen zeichnen ein Sittenbild der rechtsextremen Szene; und sie zeigen, wie verschwommen der staatliche Blick auf sie ist. Nach dem NSU-Schock haben die Sicherheitsbehörden ein Jahr lang – so wird nun deutlich – auf lückenhafter Datenbasis nach flüchtigen Neonazis gesucht. In den Fahndungsdateien, schreibt das Bundesinnenministerium in der Antwort auf die Linken-Anfrage beiläufig, würden politische Extremisten "bundesweit nicht einheitlich" gekennzeichnet.

Im Klartext: Manche Bundesländer sind eher lax darin, Neonazis in den Datenbanken auch als solche kenntlich zu machen. Für die neuesten Zahlen wurde deshalb nicht mehr nach einschlägigen Haftbefehlen gesucht, sondern die Gesamtheit aller bundesweit offenen Haftbefehle mit der Staatsschutzdatei IFIS abgeglichen, die rund 45.000 rechte Straftäter enthält. Und siehe da: Plötzlich gibt es deutlich mehr, und auch deutlich schwerere Fälle.

Nun findet sich etwa ein Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz auf der Liste – wegen eines solchen Delikts wurden einst die Haftbefehle gegen die späteren NSU-Terroristen ausgestellt. Andererseits ist mancher krass klingende Fall in Wahrheit eher undramatisch: Hinter einem offenen Haftbefehl wegen Bildung krimineller Vereinigungen beispielsweise verbirgt sich die Frau eines bekannten Holocaust-Leugners, die von den USA aus Propaganda betreibt.

Fragt man Fahnder vertraulich, wie viele wirklich gefährliche Neonazis derzeit nicht auffindbar sind, so ist von etwa einer Handvoll die Rede; unter den 266 sind es wohl drei. Bei solchen Leuten, heißt es in Sicherheitskreisen, "läuft der Apparat auf vollen Touren". Einer von ihnen sitzt in den USA und wartet offenbar ab, bis der Haftbefehl verjährt. Nach den zwei anderen werde intensiv gesucht.