Justitia trägt ein Schwert, um ihr Urteil zu vollstrecken. Die Richter der Vierten Großen Strafkammer des Landgerichts Koblenz tragen Kartons voller Akten. Sie richten nicht mit der Klinge, dafür können sie Menschen die Freiheit nehmen – wenn sie von der Schuld eines Angeklagten überzeugt sind. Aber können sie es in diesem Fall noch sein?

Im Prozess um die geplatzte Finanzierung des Nürburgrings mehren sich die Widersprüche, und am vergangenen Montag kamen neue hinzu. Schon seit fünf Monaten rekonstruieren die Koblenzer Richter, was nun wirklich im Sommer 2009 geschah, als die damalige rheinland-pfälzische Landesregierung die Autorennstrecke mit dem Geld des Steuerzahlers und eines Privatinvestors zu einem modernen Erlebnispark hochrüsten wollte. Die Sache mit dem Privatinvestor scheiterte spektakulär, wodurch es für den Steuerzahler richtig teuer wurde. Deswegen müssen die Richter nun herausfinden, ob sich der frühere Landesfinanzminister Ingolf Deubel und einige weitere Angeklagte der Veruntreuung von Steuergeld schuldig gemacht haben. Teilweise wirft die Staatsanwaltschaft den Angeklagten mehrere kriminelle Taten vor.

Doch jetzt steht der Prozess an einem Wendepunkt. Nachdem schon vor Wochen erste Zweifel aufkamen, ob die Staatsanwaltschaft alle Vorwürfe würde beweisen können (ZEIT Nr. 51/12), droht nun ihr wichtigster Trumpf wertlos zu werden: Michael Nuß. Der war damals Controller der staatseigenen Nürburgring GmbH und ist heute ebenfalls angeklagt. Vor dem Prozess hat Nuß der Staatsanwaltschaft viel erzählt. Ohne diese Aussagen, so schrieb sein früherer Verteidiger vor vielen Monaten einmal an das Gericht, hätte die Anklage wohl nicht erstellt werden können. Was aber wäre, wenn Nuß nicht immer die Wahrheit gesagt hätte?

Deubel poltert gern, auch vor Gericht, und nennt Nuß einen Lügner. Das ist kein Wunder, denn Nuß belastet ihn: Deubel sei die treibende Kraft hinter zahlreichen verhängnisvollen Entscheidungen gewesen. Deubel habe, obwohl er bloß Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH war, immer wieder detaillierte Anordnungen erteilt und faktisch oft die Geschäfte geführt. Deubel bestreitet das.

Entscheidend ist, wer wann was wusste

Man erkennt schnell, warum Wirtschaftsstrafsachen so unpopulär sind. Wer einfache Antworten mag, sollte Mordprozesse verfolgen: Da gibt es Messer und Kugeln, Blutspritzer und DNA-Spuren, die man mit Elektronenmikroskopen untersuchen kann. Ein Opfer, ein Täter – das Schema ist simpel. Bei Wirtschaftsprozessen gibt es grenzüberschreitende Banküberweisungen, Schecks, Telefonate und Treffen zwischen Dutzenden von Leuten. Entscheidend ist, wer wann was wusste oder wollte. Und manchmal hängt ein ganzer Prozess an der Frage, in welcher Minute jemand seine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt hat.

So ist es hier.

Auf der Suche nach einem Investor für die Bauvorhaben am Nürburgring glaubte man, nach vielen Fehlschlägen endlich fündig geworden zu sein. Ein amerikanischer Financier schien bereitzustehen, zugeführt hatte ihn ein Schweizer Mittelsmann namens Urs Barandun. Mit dessen Hilfe sollte ein kompliziertes Finanzierungsmodell realisiert werden, das zwei weitere Geschäftsleute – Normann Böhm und Michael Merten – vorgeschlagen hatten. An einem Sommertag im Jahre 2009 trafen sie sich in einem Luxushotel in Zürich: Controller Michael Nuß und Prokurist Hans Lippelt von der Nürburgring GmbH, Normann Böhm und Urs Barandun, der den Mitarbeitern der Rennstrecke einen Scheck in Höhe von 67 Millionen Dollar überreichte, die erste Tranche einer verabredeten weitaus größeren Summe. Es wurde zudem schriftlich vereinbart, dass die Nürburgring GmbH binnen 48 Stunden nach Einreichung dieses Schecks eine Provision von vier Millionen Euro an die Firma von Böhm und Merten zahlen solle. Doch der Scheck erwies sich als Luftnummer, er platzte und damit der Traum vom Nürburgring. Finanzminister Deubel musste zurücktreten. Und natürlich kam schnell die Frage auf, wer so blöd gewesen sein konnte, eine Provision für einen Scheck zu garantieren, der zu diesem Zeitpunkt weder geprüft noch unwiderruflich eingelöst worden war.

Die Provisionsvereinbarung trägt die Unterschriften von Lippelt, Böhm, Barandun und Nuß, sie liegt der ZEIT vor. Nuß sagte der Staatsanwaltschaft, er habe die Vereinbarung aber gar nicht zeitgleich mit den anderen im Hotel unterschrieben, sondern erst viel später, als er schon im Taxi zum Flughafen saß. Auf der Fahrt habe er mit Deubel telefoniert, und bei dem Telefonat habe er Bedenken geäußert, sei aber von Deubel zur Unterschrift aufgefordert worden. Genau das wirft die Staatsanwaltschaft Deubel vor. Mit der Anweisung habe er das Vermögen der Nürburgring GmbH gefährdet und sich damit der Untreue schuldig gemacht. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis.

So steht der Fall in den Akten, auch die ZEIT hat ihn schon so wiedergegeben(ZEIT Nr. 41/12). Deubel bestreitet die Darstellung bis heute. Er habe Nuß niemals zu der Unterschrift angewiesen.