Einer der beiden lügt also, und beide hätten ein Motiv: Deubel könnte ein Urteil verhindern wollen. Nuß könnte auf Pluspunkte bei der Staatsanwaltschaft hoffen. Immerhin geht aus einem Schreiben seines früheren Anwalts hervor, dass Nuß vor allem so kooperativ gewesen sei, weil die Ermittler ihm signalisiert hätten, das Verfahren gegen ihn einzustellen.

Wann genau also hat Nuß die verhängnisvolle Provisionsvereinbarung unterschrieben? Im Hotel, gar gemeinsam mit den anderen? Oder doch später, im Taxi?

Wer weiß das schon? Man bräuchte ja bloß jene zu fragen, die das Dokument ebenfalls unterschrieben haben: Barandun. Böhm. Oder Lippelt. Man bräuchte sie bloß fragen: Hat Nuß mit euch zusammen unterschrieben oder nicht? Das wäre einfach. Aber Einfachheit ist für Justitia in diesem Fall keine Option. Denn Barandun, Böhm und Lippelt haben selber Ärger mit der Justiz. Deswegen dürfen sie schweigen, um sich nicht selbst zu belasten. Auf Gesprächsanfragen der ZEIT haben die Männer nie reagiert.

Kürzlich trat Barandun vor dem Landgericht Koblenz als Zeuge auf. Er verweigerte die Aussage. Am Tag zuvor hatte er jedoch dem SWR ein Radiointerview gegeben. Barandun lobte sein gutes Erinnerungsvermögen und sagte dann: »Sämtliche Verträge, oder auch Protokolle, die wurden ohne Ausnahme, sonst wüsste ich das, immer vor Ort von Lippelt und Nuß-Kaltenborn unterschrieben. Da wurde nichts im Nachhinein gemacht.«

Sämtliche Verträge? Ohne Ausnahme? Immer? Nichts im Nachhinein? Baranduns Aussagen lesen sich wie ein klarer Widerspruch zur Version von Nuß – der früher Nuß-Kaltenborn hieß. Sie lesen sich auch wie ein Widerspruch zur Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Nuß’ derzeitiger Verteidiger, der Koblenzer Anwalt Philipp Grassl, teilt der ZEIT im Namen seines Mandanten mit, die Äußerung sei »grundsätzlich sachlich zutreffend«, es habe aber sehr wohl »auch Ausnahmen« gegeben. Eine solche Ausnahme sei die umstrittene Provisionsvereinbarung gewesen, die Nuß nicht zeitgleich, sondern erst später unterzeichnet haben will: im Taxi, in dem er gemeinsam mit Lippelt gesessen habe, und nach telefonischer Anordnung durch Deubel.

Zugegeben: Barandun zählt zu den undurchsichtigen Gestalten der Nürburgring-Affäre. Damals hielt er Zusagen oft nicht ein und erfand teils erstaunlich klingende Ausreden. Er bestreitet bis heute jedes kriminelle Verhalten. Doch seine Aussage gegenüber dem SWR könnte den Prozess durchaus ins Wanken zu bringen, denn sie zerrt an der Argumentationskette der Staatsanwaltschaft. Der ZEIT liegt zudem eine weitere Aussage vor, aus der sich ergibt, dass Nuß den Vertrag nicht erst im Taxi unterschrieben hat, sondern bereits zuvor im Hotel. Die Quelle möchte ungenannt bleiben. Weitere Zweifel rechtfertigt das aber allemal.

Darauf angesprochen, bleiben Nuß und sein Anwalt bei ihrer Version. Die Staatsanwaltschaft war nicht bereit, über die Glaubwürdigkeit von Nuß zu reden. Dabei ist das relevant: Sollte er nämlich in einem Punkt die Unwahrheit gesagt haben – was bedeutet das dann für seine anderen Aussagen? Und für die anderen Vorwürfe, die darauf gründen?

Nicht nur eine Geschichte über Größenwahn

Zumal diese Zweifel an Nuß nicht die ersten sind. Schon während der Ermittlungen hatte er den Eindruck erweckt, er sei in dem Milliardenspiel um den Nürburgring ein Mahner und Warner gewesen, der das Unheil habe kommen sehen. Doch in den Akten finden sich mehrere von ihm gesendete E-Mails, die eine andere Sprache sprechen. Schlüssig und nachvollziehbar, so schreibt er, seien die Angaben über einen von Barandun ins Spiel gebrachten Investor. Nuß glaubte offenbar – wie die anderen wohl auch – bis zuletzt an Barandun. Über den von ihm übergebenen Scheck berichtete er via E-Mail, in Bezug auf Deckung, Verfügbarkeit und Zahlung habe sich ein plausibles Bild ergeben. Wenige Tage nach der Mail stellte sich heraus, dass der Scheck nicht gedeckt war. Zu diesen Fragen möchte sich der Anwalt von Nuß nicht äußern.

Nuß könnte nun die tragische Gestalt dieses Prozesses werden. Er wirkt schmal, mitgenommen, fast krank, scheint der schwächste unter allen Angeklagten zu sein. Gut möglich, dass die anderen ihn, der sie belastet, mit allen Tricks ins schlechte Licht rücken wollen. Auszuschließen ist das nicht. Aber richtig ist auch, das momentan vieles gegen Nuß spricht und damit auch gegen die Anklage der Staatsanwaltschaft.

Anfangs schien der Fall so einfach zu sein. Es gab ein staatliches Prestigeprojekt, windige Typen, politische Intrigen und einen überforderten Finanzminister. Die Story über den Größenwahn hätte jede Menge Lacher gebracht, doch so eindeutig ist sie nicht. Und auch nicht überzeugend. In Koblenz hat noch niemand behauptet, Justitia habe einen leichten Job.