Pfarrhäuser in der DDREine feste Burg

Das protestantische Pfarrhaus ist ein deutscher Mythos. In den letzten Jahren der DDR war es eine Keimzelle der Revolution. Eine ganze Generation von Pfarrerskindern wurde davon geprägt – auch unser Autor. Eine Heimreise von 

Die Zeit verging, der Geist kehrt wieder. Berlin-Mitte, Borsigstraße 5: Der backsteinrote Kirchturm fährt unbeirrt zum Himmel auf. Das Haus steht unverändert, wie zu Mauerzeiten – damals hart am Rande der halbierten Welt. Diese Mauern schützten eine feste Burg. Hier residierte das evangelische Sprachenkonvikt. In dieser sagenumwobenen Pfarrerfabrik studierten wir Theologie, fern vom SED-Staat, wenngleich von ihm umgeben. Und ahnten die Zukunft nicht...

Längst ist diese Zukunft Erinnerung. Heute Abend wird sie reden. Ein Plakat annonciert den Vortrag "Vom Sprachenkonvikt ins Bundespräsidialamt". Referent ist David Gill, gewesener Konviktler, jetzt Bürochef und rechte Hand von Joachim Gauck. Der Heimkehrer betritt einen time tunnel. Alles erhalten: die geziegelten Höfe, das DDR-Linoleum im "polnischen Korridor" zum Hinterhaus, der holzgetäfelte Vorlesungssaal im 1978er Retro-Schimmer. Nur die einströmenden Studiosi sind von 2013. Doch siehe! Dort naht, unwesentlich ergraut, Kommilitone Markus Meckel, einst Studentensprecher, 1990 Außenminister der finalen DDR. Nun begrüßt vom Pult der Lieblingsprofessor Wolf Krötke. Staatssekretär Gill beginnt, mit musterhaft protestantischer Selbstbescheidung: Ich bin Klempner von Beruf. – Doch am Anfang stand ein deutscher Mythos: das evangelische Pfarrhaus.

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Als Begründer dieses Mythos gilt Martin Luther. 1523 flohen neun Nonnen, berauscht von reformatorischer Lektüre, aus dem Zisterzienserinnenkloster Nimbschen. Der Sage nach schickte Luther ein Fluchtfahrzeug mit Heringsfässern. Zwecks künftiger Versorgung vermählte er die Entsprungenen mit ehrenwerten Freunden. Eine der Damen, Katharina von Bora, verschmähte den angebotenen Gatten und begehrte Luther selbst. Das fromme Luther-Gedenken verklärte die first family des Protestantismus zum sittlichen Ideal und das Pfarrhaus zur irdischen Hütte Gottes. Man sieht’s auf herzinnigen Bildern: Familiär umringt von Weib und Kinderschar, schlägt Doktor Martinus die Laute und schmettert seinen Hit Ein feste Burg, unterm Weihnachtsbaum, den er natürlich auch erfunden hat: Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’. Ein Wörtlein kann ihn fällen .

Seit Luther sind Scharen von Pfarrerskindern auffällig geworden. Die Komponisten Michael Praetorius und Georg Philipp Telemann, die Dichter Gotthold Ephraim Lessing und Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg und Christoph Martin Wieland, Jean Paul, Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt und Friedrich Christian Delius, der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Traumsucher Carl Gustav Jung, der Albtraumfinder Ingmar Bergman, die Gottesfreunde Friedrich Schleiermacher und Albert Schweitzer, die Gottflüchtlinge Friedrich Nietzsche und Gottfried Benn, die Nazi-Ikone Horst Wessel... – sie alle waren Pfarrerssöhne. Gerechterweise seien auch die Töchter Gudrun Ensslin und Angela Merkel erwähnt. Und die namenlose Menge von Gescheiterten der Redensart: Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.

Und selten entkommen sie ihrer Herkunft. So individuell Pfarrerskinder sich entwickeln, so verschieden sie leben – jedes bleibt, wie Benn, ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen , selbst in der Abkehr geprägt vom Pfarrhaus, der Zitadelle geistlichen Bürgertums. Luthers "Wörtlein" heißt: Nein! Pfarrerskinder werden nicht identisch mit "der Welt". Ihr unverlierliches Erbe ist Distanz, eingezeugte Nicht-Identität mit dem, was ist. Sie prüfen immer: Wahrheit oder Lüge? Das galt besonders im religionsfernen SED-Staat, der Christen als "bürgerliche Relikte" ansah, häufig auch als "Klassenfeinde".

Leserkommentare
  1. Sehr geehrter Herr Dieckmann,
    sehr geehrte Redaktion des ZeitMagazins,

    Ihren Artikel habe ich noch nicht gelesen, ich konnte ihn bis jetzt nur überfliegen und mir unter anderem die Fotos mit den dazu gehörigen Bildunterschriften anschauen.
    Schön, daß Sie auch Nietzsches Geburtsort Röcken erwähnen. Nur leider ist Ihnen dabei ein haarsträubender Fehler unterlaufen: Röcken liegt in Sachsen-Anhalt, nicht in Sachsen (welches nur wenige Kilometer entfernt ist)!
    Mich ärgert das sehr, weil hier eine Schludrigkeit zum Ausdruck kommt, die ich von einer renommierten Zeitung wie der ZEIT (resp. dem ZeitMagazin) und einem im Osten Deutschlands aufgewachsenen Autoren nicht erwarte. Gibt es bei Ihnen niemanden, der solche Fakten überprüft?
    Etwas ähnliches passierte z. B. 1999, als Sie in einem Artikel über Energie Cottbus die Stadt Cottbus nach Sachsen verlegten.
    So etwas ist peinlich und der ZEIT unwürdig.
    Mich beschäftigt vor allem die Frage, warum so etwas passiert. Ich vermute hinter diesen Ungenauigkeiten mindestens Sorglosigkeit, wenn nicht sogar so etwas wie Überheblichkeit der in Hamburg oder Berlin Lebenden, daß es auf solche Kleinigkeiten wie korrekte geographische Zuordnungen nicht wirklich ankommt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Eine Leserempfehlung
  2. Ein sehr interessanter Bericht ist das, wohl besonders für Menschen, die Ähnliches und Schrecklicheres erlebt haben - Krieg, Vertreibung - beide Teile Deutschlands und schliesslich die weite freie Welt mit ihren Herausforderungen. Gott ruft uns auf dornigen Wegen zu sich.
    Danke, G.B.

  3. In diesem Artikel wird Kreisau erwähnt. Kreisau ist ein kleines ehemals deutsch-schlesisches Dorf, südwestlich von Breslau und südlich von Schweidnitz, der Heimat meiner Vorfahren väterlicherseits. Bekannt ist Kreisau, wie erwähnt, durch den Kreisauer Kreis, wo unter Helmuth James von Moltke und seiner Ehefrau Freya einer der wichtigsten Widerstandsgruppen im 3. Reich zusammentraf. Unter dem Motto "VERGANGENHEIT ERINNERN ZUKUNFT GESTALTEN" ist das Moltke-Gut zu dem neuen bedeutsamen Zweck einer internationalen Jugendbegegnungsstätte wiedererstanden.

    Vor Jahren habe ich mit meinem nichtdeutschen Ehemann mit preussischen Wurzeln, auf die er stolz ist, den restaurierten Gutskomplex besucht. Familienheim "Berghaus" und "Familienschloss" auf dem Gutsgelände waren der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Uns war bekannt, dass die Vergangenheit dieses würdigen Ortes auf den preussischen Feldmarschall Helmuth Graf von Moltke zurückgeht und dass sich hier seine letzte Ruhestätte befinden musste. Auf die Frage, wo, bekamen wir ungenaue Auskunft, so dass wir uns auf eigene Faust auf die Suche machten. Wir fanden die Begräbnisstätte der Familie von Moltke vom Wege ab auf einem kleinen bewaldeten Hügel. Die Gruft des Feldmarschalls war entsetzlich vernachlässigt, durch Graffiti entwürdigt und alles andere als ein ein ehrenvolles Denkmal . Man sollte annehmen dürfen, dass dieser schmerzliche Zustand inzwischen behoben worden ist.

  4. "Ach Gottl nee !", hätte man in Schlesien gesagt. Ist ein geographischer Schnitzer wirklich so schlimm bei der Fülle und Tiefe eines Erlebnisberichtes wie der von Christoph Diekmann.? Vielleicht hätten Sie, werte/r Zeitdienievergeht, weniger scharf kritisiert, wenn Sie erst mal den Artikel aufmerksam gelesen hätten. Vielleicht hätte sich Herr Diekmann auf einen taktvollen Hinweis selber berichtigt.

    Ich hatte einmal einen Boss, einer von der alten Sorte, den wir alle fürchteten. Er war streng und anspruchsvoll in der Erwartung unserer Arbeitsleistungen. Bei Fehlern konnte er jedoch auch ein Auge zudrücken und meinte dann wohlwollend manchmal: "Wer viel arbeitet, macht viele Fehler, wer wenig arbeitet, macht wenige, keine Fehler macht, wer nicht arbeitet."
    Wünsche allen ein schönes Wochenende, G.B.

  5. Ich versuche zu gedanklich und konzeptionell zu erfassen, was Helmuth James von Moltke heute tun würde. Deshalb versuche ich mich Afghanistan nützlich zu machen - Antimilitaristisch.

    Ich danke Herrn Dieckmann für seine Hintergrundinfo über Stephan Steinlein. Letzterer antwortete auf meine Anfrage, was ihm über das Angebot Haji Zamons bekannt sei, Osama bin Laden noch im September 2001 dingfest zu machen, dies sei ihm nicht bekannt.
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    Nach meinem Dafürhalten besteht eine Gefahr für den Kongress:

    Viele Antiautoritäre und Antikoloniale versammeln sich und erreichen Nichts als ihre Selbstvergewisserung Gute Menschen zu sein. Weil aber kein Talib, welcher sich den Respekt der Taliban-Führer verdient hat, für die Ergebnisse des Kongresses Mitverantwortung übernimmt, wird das Gros der Taliban nicht davon abzubringen sein, ihre absoluten Vorstellungen eines intoleranten Islamismus zur Alleinherrschaft zu bringen.

    Sogar eine Koalitionsregierung unter Beteiligung der Taliban könnte sich dem Anspruch des Kongresses verweigern für Afghanistan einen konstruktiven Beitrag zu leisten.

    Wer also vermag einen Talib ausfindig zu machen, der der vielbeschworene "moderate Kämpfer" ist?

    Wir werden ihn brauchen.
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    21. April/avril 2013

    Martin Schodlok, Erlangen
    Mitglied im Komitee zur Vorbereitung eines Europäischen Friedenskongresses für Afghanistan (Strasbourg, 11.-13. Oktober 2013)

    http://www.afghanistanprotest.de

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