Die Zeit verging, der Geist kehrt wieder. Berlin-Mitte, Borsigstraße 5: Der backsteinrote Kirchturm fährt unbeirrt zum Himmel auf. Das Haus steht unverändert, wie zu Mauerzeiten – damals hart am Rande der halbierten Welt. Diese Mauern schützten eine feste Burg. Hier residierte das evangelische Sprachenkonvikt. In dieser sagenumwobenen Pfarrerfabrik studierten wir Theologie, fern vom SED-Staat, wenngleich von ihm umgeben. Und ahnten die Zukunft nicht...

Längst ist diese Zukunft Erinnerung. Heute Abend wird sie reden. Ein Plakat annonciert den Vortrag "Vom Sprachenkonvikt ins Bundespräsidialamt". Referent ist David Gill, gewesener Konviktler, jetzt Bürochef und rechte Hand von Joachim Gauck. Der Heimkehrer betritt einen time tunnel. Alles erhalten: die geziegelten Höfe, das DDR-Linoleum im "polnischen Korridor" zum Hinterhaus, der holzgetäfelte Vorlesungssaal im 1978er Retro-Schimmer. Nur die einströmenden Studiosi sind von 2013. Doch siehe! Dort naht, unwesentlich ergraut, Kommilitone Markus Meckel, einst Studentensprecher, 1990 Außenminister der finalen DDR. Nun begrüßt vom Pult der Lieblingsprofessor Wolf Krötke. Staatssekretär Gill beginnt, mit musterhaft protestantischer Selbstbescheidung: Ich bin Klempner von Beruf. – Doch am Anfang stand ein deutscher Mythos: das evangelische Pfarrhaus.

Als Begründer dieses Mythos gilt Martin Luther. 1523 flohen neun Nonnen, berauscht von reformatorischer Lektüre, aus dem Zisterzienserinnenkloster Nimbschen. Der Sage nach schickte Luther ein Fluchtfahrzeug mit Heringsfässern. Zwecks künftiger Versorgung vermählte er die Entsprungenen mit ehrenwerten Freunden. Eine der Damen, Katharina von Bora, verschmähte den angebotenen Gatten und begehrte Luther selbst. Das fromme Luther-Gedenken verklärte die first family des Protestantismus zum sittlichen Ideal und das Pfarrhaus zur irdischen Hütte Gottes. Man sieht’s auf herzinnigen Bildern: Familiär umringt von Weib und Kinderschar, schlägt Doktor Martinus die Laute und schmettert seinen Hit Ein feste Burg, unterm Weihnachtsbaum, den er natürlich auch erfunden hat: Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’. Ein Wörtlein kann ihn fällen .

Seit Luther sind Scharen von Pfarrerskindern auffällig geworden. Die Komponisten Michael Praetorius und Georg Philipp Telemann, die Dichter Gotthold Ephraim Lessing und Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg und Christoph Martin Wieland, Jean Paul, Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt und Friedrich Christian Delius, der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Traumsucher Carl Gustav Jung, der Albtraumfinder Ingmar Bergman, die Gottesfreunde Friedrich Schleiermacher und Albert Schweitzer, die Gottflüchtlinge Friedrich Nietzsche und Gottfried Benn, die Nazi-Ikone Horst Wessel... – sie alle waren Pfarrerssöhne. Gerechterweise seien auch die Töchter Gudrun Ensslin und Angela Merkel erwähnt. Und die namenlose Menge von Gescheiterten der Redensart: Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.

Und selten entkommen sie ihrer Herkunft. So individuell Pfarrerskinder sich entwickeln, so verschieden sie leben – jedes bleibt, wie Benn, ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen , selbst in der Abkehr geprägt vom Pfarrhaus, der Zitadelle geistlichen Bürgertums. Luthers "Wörtlein" heißt: Nein! Pfarrerskinder werden nicht identisch mit "der Welt". Ihr unverlierliches Erbe ist Distanz, eingezeugte Nicht-Identität mit dem, was ist. Sie prüfen immer: Wahrheit oder Lüge? Das galt besonders im religionsfernen SED-Staat, der Christen als "bürgerliche Relikte" ansah, häufig auch als "Klassenfeinde".

Der Krieg brachte Vater zur Theologie

Die Wahrheitsprüfung meiner Eltern war der Krieg, die Lüge hieß Großdeutschland. Vater entstammte keinem Pfarrhaus. Er war der Erstgeborene eines "deutschnationalen" Halberstädter Porzellan-Kaufmanns, der als SA-Mann paradierte und harzromantische Balladen zur Gitarre sang. Unfassbarerweise sah Vater zeit des Krieges keinen Toten. Horchfunker war er, in Frankreich und Italien, immer fern vom Schuss, wenngleich er Deutschlands Höllenfahrt, Stadt für Stadt, im Tagebuch protokollierte – auch Halberstadts Untergang am 8. April 1945. 2000 Menschen starben. Der Führerglaube lag in Trümmern.

Ein Bewahrter, so begriff sich Vater. Darüber fand er zur Theologie. Sein Glaube beantwortete jene Gnade, die ihn über den Krieg gerettet hatte. Dieser christliche Existenzialismus verband ihn mit vielen Kommilitonen an der KiHo, der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf, die 1935 von der Bekennenden Kirche gegen die nationalsozialistisch gleichgeschalteten Deutschen Christen gegründet worden war. Die Theologen der Heimkehrer-Generation waren Spätberufene, denen ihre Vorgeschichte Lebenswarnung blieb. An die Stelle volksideologischer Rassenmoral trat der eigenverantwortliche Mensch. Verwerflich war jedwede Idee, die sich Gottes Platz anmaßte. Vater verfocht Luthers Zwei-Reiche-Lehre: der Obrigkeit zu geben, was ihr gebührt, aber Gott das Seine. Im Konfliktfall müsse das Gewissen entscheiden, insbesondere gegen die Doktrin vom gerechten Krieg. Du sollst nicht töten – das stand und steht als Gottes oberstes Gebot. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

In meiner Kindheit war das Konsens. Im Dorf kursierte der Spruch: Dem Deutschen, der je wieder ein Gewehr ergreift, möge die Hand abfallen . Die Dorfgeschichte verlief zyklisch: Saat und Ernte, Geburt und Tod. Der Winternacht entsprang, die Winternacht verschlang das Kirchenjahr. Es endete am Totensonntag, den Vater Ewigkeitssonntag nannte. Ich weiß es noch wie gestern: Die Kirche strömt voll. Von der Kanzel verliest Vater die Liste der Gestorbenen, deren Familien die Namen der Ihren noch einmal öffentlich hören wollen. Die Gemeinde erhebt sich, erfüllt das Gottgehäuse mit murmelndem Gebet, spricht den Psalm des Vergehens und der Immerwiederkehr: Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. (...) Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. (...) Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Dann segnet Vater die Gemeinde. Die Kantorin orgelt. Stumm und schwer schreitet das Nordharzer Bauernvolk hinaus in den November, durch die kahle Doppelreihe Linden hinunter ins Dorf. Im Dämmer des Kirchvorraums hängen mächtige Tafeln, bemalt mit urwüchsigen Namen, wie sie Vater eben vorgelesen hat: Lodahl, Schliephacke, Feuerstacke, Biewendt, Bassuener, Kassebaum... Aus dem Kirchspiele starben für König und Vaterland 1814 bei Mons, Ligny und Belle Alliance; das ist Waterloo... Für König und Vaterland starben aus der Gemeinde im Kriege gegen Oesterreich 1866 bei Königgrätz... Für König und Vaterland starben im Kriege gegen Frankreich 1870 und 1871 bei Beaumont und Verneville...

1914 bis 1918 wurden wohl hundert "gefallene Helden" unters "Feld der Ehre" gepflügt – in Russland, Schlesien und der Champagne, bei Arras und Langemark, an der Somme, in den Karpaten und Argonnen, vor Verdun und wo sonst ein Dingelstedter Bauernjunge die "Scholle seiner Väter" verteidigen musste. Generation um Generation eilte oder trottete "ins Feld", der Bestimmung unterjocht wie die Tiere. Dieselben Namen immer wieder lesend, ist mir, als fahre das Dorf im Kreis wie Wilhelm Hauffs Gespensterschiff, als berge die Ortsgeschichte einen Nachtmahr, ein Gegendorf, bewohnt von untoten Ahnen, deren aktuelle Wiedergänger ich als Kind Mitte der sechziger Jahre höchst lebendig kenne. Energisch scheucht Herr Lueddecke (†27.10.1915 in Velikoselo/Serbien) die Jugend über den Fußballplatz, agil bedient Herr Kassebaum (†12.8.1915 bei Lens/Frankreich) in seinem Lebensmittelladen. Herr Westendorf (†25.4.1917 in Bohain) bäckt unser täglich Brot. Herr Wiedenbach (†1.4.1918 in Betrancourt sowie schon am 26.9.1915 in französischer Gefangenschaft) ist Elektriker, Herr Kramer (†26.10.1916 bei Bezonvause) besitzt das einzige Taxi des Dorfs. Tischler Penselin (†9.4.1918 bei Beuguaire) hat uns gerade die Ofenbank gezimmert. Käme Krieg, sie alle müssten wieder sterben.

Hitlers Helden nannte keine Tafel. Aber nun, in meiner Kindheit, war aller Krieg vorbei. Die kreisförmige Geschichte hatte sich entkrümmt und lief geradeaus, in Richtung Zukunft. Das fragile Gleichgewicht des Kalten Kriegs hielt ich für den beständigen Beweis, dass die Menschen zur Vernunft gekommen waren. Was, wenn nicht diese Einsicht, konnte Fortschritt heißen?

Noch nichts ist gesagt über die Nöte und Zwänge der pfarrhäuslichen Existenz. Das uralte Haus, ein Fachwerk-Koloss, im Winter ein Eispalast. Der Dauerdienst des Vaters, die klaglose Assistenz der Mutter. Das karge Geld, der Reichtum an Pflichten. Der ethische Stress, die elterlichen Anstandsgebote, formuliert im Mantra: Was sollen denn die Leute denken? Im gläsernen Pfarrhaus musste das Leben vorbildhaft gelingen, im Osten wie im Westen. Moralpädagogisch waren Deutschlands Pfarrhäuser vereint.

Fundamental unterschied sich das politische Regiment – drüben im Westen staatsnahe Volkskirche, hüben Minderheits-Christentum, bedrängt von der Parteidiktatur. Deren Druck hielt manches Innere zusammen. Aber viele christliche Eltern verhielten sich staatsloyal, "um den Kindern nichts zu verbauen". Es prägt einen Schüler, wenn der Lehrer ihn als abergläubischen Rückschrittler bloßstellt oder als subversives Element, mangels Mitgliedschaft im kommunistischen Jugendverband. Ebenso einprägsam und in der Mehrzahl waren die gerechten und geliebten Lehrer, die nach Leistung honorierten. Auch in der DDR hing vieles vom Einzelnen ab. Und auch etliche Pfarrerskinder haben dort studiert, beispielsweise Angela Merkel, die in kühler Opportunität der FDJ beitrat. Ich verweigerte das, worauf die Kreisschulrätin R. Abiturverbot verhängte, mit dem unvergesslichen Satz: Sie tun nichts für das Volk, da tut die Volksmacht auch nichts für Sie.

Hammer und Sichel schwebten über unseren Häuptern

Facharbeiter durfte ich werden. Ich lernte Filmvorführer und tuckerte mit meinen Kinokisten über die Dörfer. Das war ein hippiehaftes Taugenichts-Vergnügen, bis mich der Anruf des Lebens erreichte: die Theologie, der Wunsch nach "Arbeit mit Menschen". In Leipzig, Naumburg und Ost-Berlin unterhielt die evangelische Kirche theologische Hochschulen, deren akademisches Niveau dem der Universitätssektionen mindestens entsprach. Politisch waren das Theologische Seminar Leipzig, das Katechetische Oberseminar Naumburg und das Berliner Sprachenkonvikt die freiesten Lehranstalten Osteuropas. Der SED-Staat duldete sie auf Widerruf, doch Hammer und Sichel schwebten über unseren Häuptern. Die Stasi infiltrierte, Kommilitonen wurden verhaftet. Dieses Pathos der Gefahr gehörte zur Bewährung "unterm Kreuz". Freilich wollte nicht jeder Theologiestudent Pfarrer werden. Mancher begehrte vor allem jenes Große Wissen, das er an der Universität nicht finden durfte.

Ich begann in Leipzig zu studieren und zog drei Jahre später nach Berlin. Das Sprachenkonvikt, der Name sagt es, war ursprünglich die altsprachliche Filiale der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf. Der 13. August 1961 trennte die Tochter von der Mutter. Notgedrungen wurden Ostberliner Assistenten zu Dozenten und bauten das Konvikt zur Hochschule aus. Mein Kämmerchen blickte über die Mauer in den Wedding. Während der Vorlesungen bezeugte ein sanftes Rappeln aus dem Erdinneren, dass tief unten die Westberliner S-Bahn nonstop durch ihre Ostberliner Katakomben eilte. Wir blieben oben – in der festen Burg, doch frei: 130 junge Sonderexistenzen des SED-Staats samt ihren fürsorglichen Professoren. Wir sezierten die ewigen Schriften Alten und Neuen Testaments, wir lasen Dogmengeschichte von Origines bis Barth, wir traktierten am helllichten Vormittag Novalis’ Hymnen an die Nacht, wir hegelten, heideggerten und gadamerten. Wir lernten predigen, wir spielten expressionistisch Fußball und Theater, wir machten Musik. Und schließlich Examen.

Der Systematik-Professor Wolf Krötke sagt heute: Die Abgeschlossenheit des Konvikts empfand ich nie als Makel. Das Konvikt war wie ein fruchtbarer Boden, aus dem man herauswuchs und hinausging in die Welt, mit einem Kapital an Freiheitsbewusstsein, in den freiesten Beruf der DDR. Und 1990 die Runden Tische überall im Lande – an fast jedem saß auch jemand, der mal bei mir im Seminar gesessen hatte. Das war doch herrlich.

Anfangs der achtziger Jahre, zur "Raketenzeit", gärte es in der DDR, auch in der Kirche. Die Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" rumorte, die ökumenische Weltbewegung "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung", die kirchenoffizielle "Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung" – in Ost und West. DDR-weit bildeten sich kirchliche Friedenskreise: Keimzellen der Friedlichen Revolution. Dann kam Gorbatschow, dann 1989. Die Geschichte schlug ans Tor der festen Burg. Das Tor sprang auf. Nach dem Exitus des SED-Staats gingen viele Konviktler in die Politik. Unser Philosophie-Dozent Richard Schröder und unser Kirchengeschichtler Wolfgang Ullmann errangen jetzt auch extra muros einen großen Namen – mehr durch Sprache als durch Macht. Als 1990 Markus Meckel, nun DDR-Außenminister, im Fernsehen gefragt wurde, wie er und sein Konviktsfreund Martin Gutzeit darauf gekommen seien, die SDP zu gründen, da sprach er: Beim Studium der Schriften Hegels. Das Nötige ist auch das Wirkliche.

Eigentlich sollte die Gründung dieser Ost-SPD am 7. Oktober 1989 im Sprachenkonvikt geschehen. Die Stasi bekam davon Wind, die sozialdemokratischen Konspirateure entwichen ins Pfarrhaus von Schwante. Das Sprachenkonvikt verheiratete sich 1991 mit der SED-staatsfrommen theologischen Sektion der Humboldt-Universität. Das zischte wie Feuer und Wasser. Heute gibt es das Konvikt noch als evangelisches Studentenheim. Törichterweise trachtet die Kirche, es loszuwerden, wegen der Restaurierungskosten. Wolf Krötkes Konviktsverein will das verhindern (www.daskonvikt.de). Derzeit wohnen hier für moderate Miete 75 Studenten aus einem Dutzend Ländern, zur Hälfte Theologen: eine Freistatt christlichen Zusammenlebens mitten in Berlin. Der Senior Valentin Wendebourg, Münchner Pfarrerssohn, führt den Reporter durch das altvertraute Labyrinth und schwärmt von der Vita communis. Wie ein großes Pfarrhaus sei das Konvikt – sozial offen, interkulturell, Theologie vermittelnd mit anderen Wissenschaften. Hier entstünden Verbindungen und Netzwerke fürs Leben. Wie kurzsichtig wäre die Kirche, dieses einmalige Ensemble abzustoßen. Sie verstieße ihre eigene Zukunft, und den historischen Verbindungsort deutscher Zeit- und Kirchengeschichte.

Und was wurde aus uns, den Pfarrerskindern des Konvikts?

1990 bastelte der Pastorensohn und Außenminister Markus Meckel aus Ex-Konviktlern sein diplomatisches Korps. Stephan Steinlein wurde letzter DDR-Botschafter in Paris, Christof Theilemann in London, Michael Möller sollte nach Washington, ich wollte nicht nach Budapest, mangels Zeit und magyarischer Zunge. Da Meckel zudem seinen Bruder zum Staatssekretär machte, pinselte ihm das Volk ans Amtsgebäude: HIER KÖNNEN FAMILIEN AUSSENMINISTER SPIELEN. Das endete rasch, wie die befreite DDR. Die Revolution entließ ihre Gründer, die deutsche Einheit fraß die Revolution.

Stephan Steinlein studierte Diplomatie, wurde Pressereferent im Auswärtigen Amt und ist seit 1999 Bürochef von Frank-Walter Steinmeier. Wir reden 2013, als wäre seit dem Konvikt kein Tag vergangen, geschweige ein Vierteljahrhundert. Gleich sind wir bei der Herkunft. Der Superintendent Reinhard Steinlein, geprägt von der Bekennenden Kirche, galt innerkirchlich als antikommunistischer Flügelstürmer wider den SED-Staat. Zugleich gierte er nach Politik. Die Radionachrichten waren heiliger als die Gebetszeiten. Aber den Sohn quälte das unweigerliche Anderssein der Pfarrerskinder, der Wunsch nach Normalität: Tonio Krögers Sehnsucht nach der blonden Welt des Hans Hansen und der unvergrübelten Mädchen. Ausbrüche folgten: lange Haare, Rock & Punk, Kunst, Motorrad, Hurerei. Und Zweifel – am Glauben, am letzten Grund, auch noch als Theologiestudent. Wenn man den Zweifel bis zum Ende treibt, sagt Steinlein, dann kommt man unweigerlich zu einem Punkt, wo man fragt, ob es Wahrheit gibt.

Militärseelsorge einte die Kirchen, Pazifismus blieb auf der Strecke

Sonst löst sich auch der Zweifel auf?

Ja, sagt Steinlein, oder man landet im Selbstmord. Und ich fand: Es gibt Wahrheit. Dann muss man auch ein Wahrheitsfundament akzeptieren. Ich glaubte. Von da an konnte ich mir vorstellen, Pfarrer zu werden und in der DDR zu bleiben. Ich wusste, die geht den Bach runter, nur der Tag X war unbekannt.

Mit Wolfgang Ullmann und der Aktion Sühnezeichen engagierte sich Steinlein für den Wiederaufbau von Kreisau, dem Anwesen der Familie Moltke in Polen. Wo 1943 die Konspirateure des Kreisauer Kreises um Helmuth James von Moltke das Nach-NS-Deutschland planten, sollte ein internationaler Begegnungsort entstehen, von dem aus sich das neue Europa denken ließ. Wir waren schon Europäer, sagt Steinlein. Nur der Vollzug stand aus.

Bis heute liest er am liebsten Kirchenväter und Philosophie. Er verfolge Wurzeln, statt sie abzuschneiden, er denke in stetig wachsenden Synthesen. Seinem Lehrer Ullmann danke er die Erfahrung, dass Glauben und Wissen nicht konkurrieren. Credo ut intelligam, Wissen setzt Glauben voraus, sagt Steinlein. Glaubend muss ich keine intellektuelle Herausforderung scheuen, im Gegenteil. Von diesem Weg bin ich nie mehr abgekommen.

Stephan, was blieb von der DDR-Prägung?

Das Existenzielle. Alles hatte eine Wahrheitsdimension. Man scannte jeden Menschen: Ist der vertrauenswürdig? Dieses heutige anything goes, dieses Hoppla, jetzt komm ich, der große Ego-Macker!, das stößt mich ab. Mehr sein als scheinen, dieses Preußische ist in mir.

So arbeitet Steinlein auch: im Hintergrund, aber mit Einfluss auf die Politik, von Hartz IV bis zur Bundeswehr in Afghanistan. Beides war in seinem Sinn. Da können wir streiten.

Nach Sachsen, zu Christian Mendt. Der wurde und blieb wirklich Pfarrer. In seinem Leben, sagt er, sei er achtzehnmal umgezogen, davon fünfmal mit der elterlichen Familie. Die Eltern kamen nicht aus Pfarrhäusern. Beide begannen nach dem Krieg als Neulehrer. Zur Theologie gelangt, wurde Christians Vater, der Oberkirchenrat Dietrich Mendt, eine Berühmtheit der sächsischen Kirche. Offensive Frohnatur, Modernisierer des Gottesdienstes, Musikus, literarischer Hansdampf, Spiritus Rector der Hauskreis-Arbeit – bei so viel pfarrherrlichem Wirbel blieb die Erziehung der vier Kinder gern der Gattin überlassen. Christian drängte es aus dem Pfarrhaus fort. Traumberuf: Meeresbiologe. Elektriker wurde er, dann wollte er Schauspieler werden, worauf im evangelikalen Milieu öffentlich für seine Errettung vom Teufel gebetet wurde... Unendliche Geschichten. Heute führt er eine Gemeinde in Radebeul und betreut zudem zwei Krankenhäuser. Unpolitisch ist er nicht geworden.

Wir haben hier in Dresden-Nord die Bundesheeresschule, sagt Mendt. Wir laden zum Gemeindeabend auch Offiziere zu Themen wie Afghanistan ein. Da hat uns ein Major diplomatisch, aber klar geschildert, was das für ein Wahnsinn ist und dass die Politiker, die das Mandat erteilen, keine Ahnung haben. De Maizière hat hier seinen Wahlkreis, der lässt sich auch einladen und setzt sich mit anderen Positionen auseinander. Er ist nicht leicht anzugreifen, zudem befreundet mit Bischof Bohl. Und die Heeresschule macht "friedenspolitische Angebote" für Schulen.

Werbung für die Bundeswehr?

Natürlich, auch wenn sie das bestreiten. Dann wollen wir als Kirche aber dort auch auf den anderen Weg hinweisen dürfen.

Christian, die Militärseelsorge war der Knackpunkt bei der Ost-West-Vereinigung der Kirchen. Auf der Strecke blieb der Pazifismus, der christliche Kern der staatskritischen DDR-Kirche, das Schlüssel-Gen der Friedlichen Revolution. Die staatsnahe Kirche wurde auch zum Service-Zweig der Bundeswehr, zum Reparaturpunkt der Eingreiftruppe.

Und wenn du das aussprichst, dann wirst du in die naive Ecke gestellt, sagt Mendt. Aber der Dienst mit der Waffe bleibt der Dienst mit der Waffe, zu allen Zeiten. Wir haben als Kirchengemeinde Offiziersbewerber eingeladen und sie nach ihrer Motivation gefragt. Da kam sofort und ungeschminkt: Das Geld. Die waren völlig unempfänglich für ethisch-moralische Fragen.

Mendts Vater quälte ein Trauma. Er hatte im Königsberger Straßenkampf aus nächster Nähe Menschen erschossen. Nach Kriegsende beichtete er das Entsetzliche einem Probst in Halle. Der sprach ihm Vergebung zu. Erst daraufhin vermochte er Theologie zu studieren. Als Wehrmachtsoldat führte er Tagebuch. Das Schlimmste notierte er nicht, doch er erzählte es den Kindern. In den neunziger Jahren wollte Christian mit dem Vater nach Königsberg fahren und plante die Reise. Kurz vor dem Aufbruch sagte der Vater: Dazu habe ich nicht mehr die Kraft. 2006 ist Dietrich Mendt gestorben.

Zum Schluss pilgern wir nach Rom. Nun ja, es handelt sich um das Rom der Protestanten: Wittenberg an der Elbe, die Veste der Reformation mit ihrem Schloss- und Stadtkirchgetürm, mit Luther und Melanchthon auf dem Markt, mit Bugenhagens Haus, dem weltältesten erhaltenen Pfarrgebäude. Derart historisch umringt leben die Kommilitonen Hanna und Siegfried Kasparick. Hanna leitet das Predigerseminar, in dem sich junge Theologen nach dem Examen auf die Praxis vorbereiten. Siegfried amtiert multipel, als Regionalbischof, Schlosskirchen-Pfarrer, Verbindungsmann für Kirche & Politik, Lutherdekaden-Beauftragter et cetera.

Wie lange wird es das Pfarrhaus geben?

Wie die Geschichten zueinanderpassen, immer wieder beginnend im Krieg. Hannas Vater Reinhold Pietz überstand Stalingrad. Er entkam im letzten Transport, bevor sich der russische Kessel schloss, mit Lungensteckschuss, einem Auge, steifem Bein. Auch sein Tagebuch schwieg vom Schlimmsten. Nach dem Theologiestudium ging er in die Ostzone, weil das Land nicht gottlos werden sollte. Erst war er Pfarrer, dann leitete er die Ostberliner Predigerschule Paulinum. Mein Vater, sagt Hanna, hatte einen Grundwiderstand gegen Aufmärsche und Ideologisierung. Über alles stellte er die eigene Gewissensentscheidung. Er war maßgeblich beteiligt an der Einführung des Wehrersatzdienstes, der Bausoldaten.

Reinhold Pietz starb 1976, mit nur 55 Jahren. Siegfried Kasparicks Vater, Jahrgang 1929, gehörte zur Flakgeneration. Halbwüchsig musste er Panzer bekämpfen. Er überlebte, entwurzelt. Er war Schriftsetzer, Eisenbahner, Tanzmusiker, schließlich Prediger. Siegfried verdankt ihm ein profanes Verhältnis zu Institutionen aller Art, inklusive Kirche. Er war vier, als am Schönwalder Dorfpfarrhaus ein Lautsprecherwagen der Polizei vorfuhr und den Vater als Staatsfeind beschimpfte. Druck prägt, oder zermürbt. 1985 nahm Gerhard Kasparick sich das Leben, als seine Frau im Sterben lag. Ich erlebte an meinem Vater einen Zwang, stark sein zu müssen, an dem er zerbrochen ist, sagt Siegfried. Das wollte ich meinen Kindern nie zumuten. Ich will mit eigener Schwäche umgehen können, deshalb mein Hang zur Pastoralpsychologie.

Im Westen hätte Siegfried vermutlich Physik studiert, Hanna Medizin oder Gesang. Die DDR führte beide ins Sprachenkonvikt. Sie sind es zufrieden, und erstaunlich unbekümmert um die Zukunft der schrumpfenden Kirche. Die institutionelle Todesangst sei eine typisch westliche Sorge. Säkularisierung, Rückgang der Volkskirche – was im Westen Panik erzeuge, sei im Osten längst gegessen.

Irgendwie geht’s weiter, sagt Siegfried. In dieser Region gibt es ein wachsendes Kircheninteresse. Überall bricht Heimat weg. Die Heimat Kirche soll bleiben, mit Chor und Kindergarten und Bauverein, auch wenn man sich nicht taufen lässt. Dieses Bedürfnis der Leute wird total verkannt als "kirchenfremd".

Die DDR war ein atheisiertes Land. Sieht die Kirche Nichtchristen als defizitäre Menschen?

Passiert leider noch ganz häufig, sagt Siegfried.

Türen aufmachen, sagt Hanna, das ist die Arbeit unserer Generation. Wir sagen aber nicht: Kommt zu uns, wir haben’s. Wir gehen raus – vielleicht ist ja Christus ganz woanders am Werke.

Und deine Studenten am Predigerseminar?

Wesentlich unpolitischer, als wir es waren. Lebensdeutung, Kunst der Wahrnehmung, das sind so deren Themen. Es gibt nicht mehr die Wahrheit, sondern ganz viele nebeneinander, und die theologische ordnet sich da ein. Politische Predigt spielt keine Rolle.

Das kommt wieder, sagt Siegfried, durch die Militarisierung der Politik. Aber zurzeit haben viele große Lust auf Status, Talar und Kreuz um den Hals.

Als Stütze, sagt Hanna. Zur Kompensation ihrer Rollenunsicherheit.

Wie lange wird es das Pfarrhaus geben?

Immer, irgendwie, lacht Hanna. Solange es Menschen gibt, die in Lebenskrisen Begleitung und Seelsorge brauchen und beerdigt werden wollen. Wer dafür Verantwortung trägt, der hat in der Gesellschaft eine Sonderrolle.

Dann laufen wir zum alten Augustinerkloster. Hier lebten vor einem halben Jahrtausend Martin Luther und sein eheweiblicher "Herr Käthe". Am Durchgang zum Hof liest man in gotischer Fraktur Luthers Imperativ: Niemand lasse den Glauben daran fahren, daß Gott an ihm eine große Tat will .