Roman "Bo"Die sagenhafte Zimtzicke

"Tschick" für Fortgeschrittene? Rainer Merkels wilder Abenteuerroman »Bo« ist eine echte Überraschung. von Florian Kessler

Bumms! Speed! Groß! Mit solchen Stoßrufen können viele Artikel anfangen, aber keine über die Bücher des Schriftstellers Rainer Merkel. Denn Merkel ist zwar Romanautor, aber beileibe kein episches Kraftpaket mit mitreißendem Parlando, Hakenschlägen im Zeilentakt und Dauertrieb zu Knalleffekten. Kann er nicht oder will er nicht? Merkel will etwas anderes, und darin ist er wirklich gut: Er ist aus eigenem Antrieb ein schlechter Erzähler, und zwar einer der interessantesten schlechten Erzähler, die die deutschsprachige Literatur im vergangenen Jahrzehnt hervorgebracht hat.

Bereits Merkels verblüffender Erstling Das Jahr der Wunder machte aus einer Erzählnot eine Tugend. 2001 war das. Der damals 37-jährige Debütant, fühlbar studierter Psychologe, erzählte auf wundersam scheiternde Weise vom Angestellten-Dahintreiben in einer Werbeagentur-Blase. Rein gar nichts passierte. Alle redeten immer. Autor und Erzähler hörten so ausschließlich zu, dass weder Plot noch Spannung irgendeine Chance hatten. Statt grober Reibung an den Verhältnissen herrschte feintaktile Annäherung, nach einer grandios kühlen Formel: um Himmels willen nicht inhaltlich ergiebig werden. Keinesfalls Erklärungen für alles Aufgeschnappte anbieten. Einfach nur mitten im Nebel möglicher Bedeutungen das eigene winzige Mikroskop auf die diskursiven Ordnungen ganzer Lebenswelten richten.

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Ein Schema, das Merkel von da an zunehmend obsessiv ausfüllte. Immer klüger, aber auch immer skrupulöser und hermetischer wurden seine Folgeromane. Ein bisschen war es furchtbar. Erbarmungslos drehte Merkel seinen Helden Esprit und Eigeninitiative ab, stets im ebenso Respekt gebietenden wie ambitionierten Bestreben, dadurch möglichst viele Fremdbezüge der Außenwelt auf das moderne Subjekt aufzuzeigen.

Der Roman ist bei S. Fischer erschienen.

Der Roman ist bei S. Fischer erschienen.  |  © S. Fischer Verlag

Und zack, vorbei. Alles neu. Zurück auf Los, falls so etwas bei einem Autor zu sagen ist, der erkennbar gegen jede Vorstellung von Folgerichtigkeit und Linearität anschreibt. Denn auch diesmal geht es erbarmungslos zur Sache, bloß unter radikal veränderten Druckverhältnissen – nämlich im westafrikanischen Liberia. Und auch diesmal versuchen sich Autor und Erzähler in einer Annäherung an die Verhältnisse – bloß tun sie das etwa auf der Ladefläche eines Lastwagen-Wracks, das spätnachts mit Höchstgeschwindigkeit über eine Rampe ganz weit draußen im liberianischen Hinterland brettert. Ohne Licht, versteht sich, und gesteuert von einem 13-jährigen Jungen ohne Führerschein. Der übrigens auch noch aus Deutschland kommt, zum ersten Mal in Afrika ist und am Flughafen nicht von seinem Entwicklungshelfer-Vater abgeholt wurde. Woraufhin er einige liberianische Teenies kennenlernt, mit denen er quer durch sämtliche nur ausdenkbaren Gefahren rast. Und vor lokalen Lebensgefahren rappelt dieser Roman nur so – Auslandsversicherer, dies ist ein Buch für euch!

Tschick für Fortgeschrittene also? Huck Finn in einem failed state? Benjamin heißt der Junge, und er hat einen entschiedenen Vorteil gegenüber allen vorangegangenen Romanhelden Rainer Merkels: Benjamin ist nicht alleine. Selten durfte man der Neuerfindung eines Schriftstellers beiwohnen, die so eindeutig mit einer simplen Veränderung seiner Schreibtechnik zu tun hatte. Denn litten Merkels frühere monomanische Erzähler gleichsam an fortschreitendem Locked-in-Syndrom, so reißen diesmal die Möglichkeiten der dritten Person Singular die Fenster weit auf. Draußen liegt die soziale Wirklichkeit, und von deren Widersprüchlichkeiten erzählt hier ein ganzer Chor vieler verschiedener personaler Erzählstimmen, denen der Roman in gleitenden Szenenwechseln hinterherjagt.

Da ist etwa die 14-jährige Brilliant. Brilliant Hope Gwenigale-Johnson ist zum einen eine sagenhafte Zimtzicke, zum anderen der edle Spross einer aus den Bürgerkriegswirren nach Kalifornien geflüchteten Familie: Großmutter Orthopädie-Professorin, Großvater Psychiatrie-Professor. Solche Karrieren legen liberianische Migranten hin? Ja und nein, erfährt man beiläufig, denn Liberia wurde Mitte des 19. Jahrhunderts für aus den USA umgesiedelte befreite Sklaven gegründet, und bis heute stellen vor allem solche Americo-Liberians die durchglobalisierte und bisweilen äußerst wohlhabende Oberschicht.

Überhaupt lernt man hier alles wie im Nebenbei. Merkel hat 2009 ein Jahr in Liberia gelebt. Für Cap Anamur arbeitete er in der einzigen psychiatrischen Klinik des Landes, wovon er bereits 2012 in seinen Reisereportagen Das Unglück der anderen berichtete. Diese Klinik, oder genauer: ein Geheimnis rund um eine ihrer Patientinnen, kehrt jetzt im Roman auf ungleich entspanntere Weise zurück. Viele verschiedene Vorstellungen von Wahnsinn und Vernunft, vom Anderen und vom Eigenen wirbeln locker und unverkrampft durcheinander, und wer möchte, kann die heiße Spur der Kinderdetektive auch als eine kleine Diskursarchäologie des Exotismus lesen.

Leserkommentare
  1. schade, dass einerseits von der diskusrarchäoligie des exotismus geschrieben wird, andererseits aber begriffe wie "roman über afrika" kritiklos übernommen werden.
    frage an den autor: was ist ein "roman über afrika"? ein klischeetriefender emotionalprosarotz ala "nirgendwo in afrika"?
    auch wenn es romanlesenden selten so vorkommt: afrika ist nicht die armuts- und naturidylle des deutsch-bürgerlichen tellerranduniversums.

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