Geräderte Zeiten. Die Einkaufstasche hat Rollen bekommen und heißt seitdem Hackenporsche. Koffer und Seesäcke werden gezogen, keiner trägt noch den Mülleimer. Das Schwerste, was wir täglich bewegen müssen, sind wir selbst. Insofern war die Erfindung des Rollators 1978 in Schweden geradezu zwingend.

Die alternde Gesellschaft treibt die Nachfrage nach dem anfangs hässlichen, schweren und verspotteten Gehwagen explosionsartig nach oben. Mehrere Millionen Exemplare rollen heute allein in Deutschland, jährlich kommen 500.000 hinzu. Aus China gibt es sie schon für 50 Euro. Bei Lidl kostet ein TÜV-geprüfter Leichtbaurollator 99,99 Euro. Ein Edelrollator mit Vollausstattung in der High-End-Version schlägt mit 1.000 Euro zu Buche. Designer und Forscher sind auf den walker aufmerksam geworden. Der Rollator könnte zum Symbol des "vierten Alters" werden, der Jahre jenseits der 80, die immer mehr Menschen erleben.

Ob altersbedingte Schwäche, Gleichgewichtsprobleme, MS, Parkinson oder Schlaganfall das freie Gehen beschwerlich oder unmöglich machen, der große Nutzen des eher simplen Geräts, das in der Basisversion aus einem Rahmen, vier Rädern und Handbremsen besteht, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch nicht von den Krankenkassen, die bis zu 100 Euro Zuschuss gewähren.

Frau Meyer-Arndt, 84, lebt in einer Hamburger Wohnanlage für ältere Damen. Verschlissene Knorpel im Knie peinigen sie, das Gehen schmerzt und ermüdet sie schnell. Zudem hat sie wie viele alte Menschen Angst, zu stürzen, sich etwas zu brechen und den Rest ihres Daseins im Krankenhaus zu verbringen. Ihr Rollator ermöglicht ihr ein halbwegs selbstständiges Leben, in der Wohnung und außerhalb. Erstaunlich flott bewegt sie sich zwischen Küche, Telefon und Wohnungstür hin und her. Und mit fast jugendlichem Hüftschwung dreht sie sich um ihre Achse und nimmt auf der Sitzfläche ihres Gehwagens Platz.

In der jüngsten Dallas-Staffel trat der kürzlich verstorbene Larry Hagman als alter J.R. Ewing eiskalt mit Rollator auf. Rot lackiert! Auch Frau Meyer-Arndt schenkt ihrem "Mercedes unter den Rollatoren" manch liebevollen Blick. So bezeichnen viele Besitzer ihren Troja von der norwegischen Firma Top-ro. Für die Version 2G und bei üppiger Nutzung der eindrucksvollen Zubehörliste werden gut und gern 750 Euro fällig. Dafür verfügt der Rollerbenz über einen Tassenhalter für den Tee, über Einkaufskorb, Beleuchtung, Klingel, Stockhalter und Alarmanlage, falls die Karre kippt, und extra weiche, profilierte Räder fürs Gelände. Dazu kommt ein fest montierter Regenschirm (123 Euro). Man hat ja keine Hand frei zum Tragen des Schirms. Mit beheizbaren Handschuhen ist man schnell bei 1.000 Euro. Ein Navi mit Hinweisen auf barrierefreie Wege gibt es demnächst.

Nun, ein Radwechsel kommt für die betagte Hanseatin nicht infrage, technischer Schnickschnack begeistert sie nicht. Doch aufs Gewicht sollte man achten, sagt sie. Der schwere Packesel wiegt zwölf Kilogramm, die leichte Rennziege sieben. Und dabei bleibt es ja nicht, wenn man fleißig einkauft.

Ein Ärgernis für Rollatornutzer sind Stufen, Treppen, Kanten, die oft nur mit ausgeklügelten Techniken zu überwinden sind, Treppen meist gar nicht. Deshalb bleibt ein großer Teil des öffentlichen Personennahverkehrs für Rollatorpiloten unzugänglich, S- und U-Bahnen sind oft unerreichbar, mangels Fahrstühlen oder niveaugleicher Bahnsteige.

Immerhin können Rollatorbesitzer sich schon mal auf eine andere Mobilitätsform vorbereiten, die ihnen womöglich blüht: den Rollstuhl. Viele Alltagstücken verbinden die beiden Bewegungshilfen. Erste Busunternehmen erweitern bereits die Stellfläche für Kinderwagen, Rollstuhl und Rollator. Doch wohin mit den raumgreifenden Geräten im Flur von Mietshäusern und Heimen, wenn sie in der Wohnung nicht gebraucht werden? Was tun, wenn es keinen Aufzug gibt, wenn Drehkreuze den Eingang versperren, etwa zum Supermarkt? Gepflasterte Wege waren lange nur ein Problem für Stöckelschuhnutzerinnen. Nun rumpeln Rollatoren darüber und erschüttern schmerzempfindliche Hand-, Arm- und Schultergelenke. Nicht weggeräumter Schnee ist fast unüberwindlich.