DDR-GeschichteDie Festung Rügen

Von 1953 an wollte das DDR-Regime Deutschlands größte Insel zu einer gigantischen Flottenbasis umbauen. von David Johst

Rügen Strand Ostsee

Einer der längsten Strände auf Rügen  |  © kayugee/Flickr

Der Deckname klingt fast lieblich. Doch die »Aktion Rose« war ein brutaler Akt der Willkür: Im Frühjahr 1953 wurden in der DDR entlang der Ostseeküste über vierhundert Kleinunternehmer enteignet, vor allem Besitzer von Hotels und Pensionen. Viele von ihnen, die sich nicht rechtzeitig in den Westen absetzen konnten, kamen in Haft. Offiziell richtete sich die Aktion der Volkspolizei gegen Schwarzhändler, Schieber und »imperialistische Agenten«. Rund vierhundert junge Kriminalpolizisten aus Sachsen reisten in den Norden. Sie sollten vor allem nach »illegalen Einnahmen« und »Westverbindungen« suchen. Eine Packung West-Kaffee genügte als Beweis der »gegnerischen Einstellung«. Hunderte Menschen kamen so vor Gericht und wurden verurteilt.

Die Aktion hatte zum einen tatsächlich ideologische Gründe: Es ging um Platz für »volkseigene« Erholungsheime und Ferienlager. Weit weniger bekannt jedoch ist ein anderes Motiv, das auch erklärt, warum ausgerechnet Deutschlands größte Insel Rügen von den »Maßnahmen« besonders betroffen war. Denn entgegen der parteioffiziellen Vision vom zukünftigen Arbeiter-Ferienparadies sollte sie zu einem militärischen Bollwerk ausgebaut werden. Natürlich in enger Absprache mit dem großen Bruder Sowjetunion, der sich hier einen Vorposten im Kalten Krieg wünschte.

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Die Dimensionen des Projekts waren gigantisch. Die DDR sollte einen Marinestützpunkt von den Ausmaßen des Hamburger Hafens erhalten. Offiziell verfügte der Arbeiter-und-Bauern-Staat zu diesem Zeitpunkt über keine Seestreitkräfte, doch mit Unterstützung der Sowjetunion wurden bereits kleinere Kriegsschiffe gebaut und Seeleute rekrutiert.

Die Kasernierte Volkspolizei, Abteilung Seepolizei, bildete den Kern der späteren DDR-Marine. Allerdings fehlten noch Hafenanlagen, die für die angestrebte Flottenstärke von 315 Schiffen groß genug gewesen wären. Der Rügenhafen sollte der Hauptkriegshafen der DDR werden.

Pläne für Rügen
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Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu sehen.  |  © ZEIT-Grafik

Nun war die Idee, die Insel zur Festung auszubauen, nicht neu. Bereits 1853 hatte die preußische Regierung erste Pläne für einen Flottenstützpunkt auf Rügen anfertigen lassen. Nachdem Schleswig-Holstein an Preußen (und zunächst auch Österreich) gefallen war, gab es jedoch eine kostengünstige Alternative, und so wurde Kiel – als bereits bestehender Hafen – zum wichtigsten Marinestützpunkt der preußischen und dann der kaiserlichen Marine.

80 Jahre später griffen die Nazis den Plan auf. Wie sie in der Nordsee damit begannen, das schon von der kaiserlichen Marine missbrauchte Helgoland zu einer gigantischen Seefestung gegen Großbritannien auszubauen (Projekt Hummerschere), so sollte rund um Kap Arkona eine Hauptmarinebasis in der Ostsee entstehen. Es war vor allem der spätere Großadmiral und kurzzeitige Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, der die Pläne für den Rügenhafen vorantrieb. Die vorgesehene Anlage war als Basis für den U-Boot-Krieg gedacht – schon mit Blick auf den erwarteten Krieg gegen Polen und die Sowjetunion. Man plante einen gigantischen Bunker, 800 Meter lang und 200 Meter breit. Über fünfzig U-Boote sollten hier unter Stahlträgern und meterdicken Betondecken im Schutze des Jasmunder Boddens liegen. 1938 wurde mit den Arbeiten begonnen. Der Kriegseintritt Englands brachte die Wende. Fortan konzentrierte sich der U-Boot-Krieg auf den Atlantik; die Arbeiten auf Rügen kamen zum Stillstand.

Unmittelbar nach 1945 wurden die bereits bestehenden Landungsbrücken aus Stahl zurückgebaut. Es schien undenkbar, dass man bereits wenige Jahre später zum dritten Mal in der Geschichte der Insel damit beginnen würde, Rügen zur Festung auszubauen.

Doch bald schon schwelgten die DDR-Planer, von den sowjetischen Militärbefehlshabern ganz offensichtlich ermutigt, in Superlativen: Innerhalb von zehn Jahren sollten im Norden Rügens – auf der Höhe des heutigen Badeortes Glowe – mehrere Hafenbecken, dazu Kasernen und riesige unterirdische Munitionsdepots entstehen. Eine Kette von Artilleriestellungen war ebenso geplant wie der Bau von Zufahrtsstraßen, Bahnlinien und Flughäfen. Die halbe Insel wäre zum Sperrgebiet geworden.

Leserkommentare
  1. Na wenigstens kann man sich 60 Jahre später wohlig gruseln bei der Vorstellung des sollte, wäre, wenn.
    Zur gleichen Zeit und während des ganzen kalten Krieges hat man in Ost und West gerüstet und Militäranlagen geplant & gebaut noch und nöcher und Waffen an Menschen erprobt, getestet und eingesetzt.
    Da ist der Plan für einen Militärhafen ja geradezu zahm und in Anbetracht der Lage an einem Binnenmeer ja auch noch ziemlich lächerlich.

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    • Keshik
    • 23. März 2013 10:10 Uhr

    Womöglich wollte die Sowjetflotte und -armee dort auch Einheiten stationieren. Strategisch keine sooo schlechte Option. Und ein geschützter Hafen an einem Binnenmeer ist spätestens seit Sewastopol eine gute Idee...und jetzt bitte nicht behaupten, das schwarze Meer wäre "wichtiger" als die Ostsee.

  2. Der kalte Krieg triefte ja auf beiden Seiten nicht gerade vor Nächstenliebe. Die Aufrüstung im Westen war "gut" und die im Osten "schlecht"?
    Und im konkreten vorliegenden Zusammenhang: Offenbar ist die DDR ja selbst von dem ursprünglichen Ziel abgekommen. Ist das auch schlecht?

    Es wäre wohl an der Zeit, die Entwicklung des Nachkriegsdeutschlands (das bekanntlich aus zwei Seiten bestand) fair zu untersuchen. Das aber werde ich wohl nicht mehr erleben.

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    wird sich heute aufrichtig freuen, dass der Hafen nicht gebaut wurde. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Militäreinrichtungen seien im Westen schöner. Das hat doch mit Ost und West nichts zu tun.

    • Mopps
    • 23. März 2013 0:04 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

  3. wird sich heute aufrichtig freuen, dass der Hafen nicht gebaut wurde. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Militäreinrichtungen seien im Westen schöner. Das hat doch mit Ost und West nichts zu tun.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was solls?"
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    • Mari o
    • 23. März 2013 22:19 Uhr

    Die Künstler erschaffen jeden Tag die Welt
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreidefelsen_auf_R%C3%BCgen
    Die Politiker zerstören sie
    <em>Thomas Bernhard<em>

    • Keshik
    • 23. März 2013 10:10 Uhr

    Womöglich wollte die Sowjetflotte und -armee dort auch Einheiten stationieren. Strategisch keine sooo schlechte Option. Und ein geschützter Hafen an einem Binnenmeer ist spätestens seit Sewastopol eine gute Idee...und jetzt bitte nicht behaupten, das schwarze Meer wäre "wichtiger" als die Ostsee.

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    Antwort auf "Es wurde nicht."
    • wauz
    • 23. März 2013 13:13 Uhr
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  4. Da wurde ein Militärhafen geplant und glücklicherweise nicht gebaut. Die reißerische Darstellung lässt bei mir den Eindruck entstehen, dass der kalte Krieg in der Zeit noch lange nicht zu Ende ist.

  5. Ich kann nicht nachvollziehen, woher der Verfasser seine tollen Enthüllungen hat. Die Aktion Rose wurde nach der Wiedervereinigung sehr umfassend aufgearbeitet und veröffentlicht. Sie diente zur Schaffung eines gewerkschaftseigegen Feriendienstes in der DDR. Das ist inzwischen unbestreitbar. Was Sie über das Rüstungsprojekt Rügen schreiben, eine gute Story. Aber mehr auch nicht. Auch das ist inzwischen belegt und aufgearbeitet. Wahr ist, die DDR hat in Dranske auf Rügen, das nach dem Krieg zerstörte Marinefliegerhorst wieder ausgebaut und dort die Schnellbootflottilie der Marine stationiert. In Prora wurde eine Ausbildungsstätte der Landstreitkräfte stationiert. Die sowjetischen Streitkräfte waren in Sassnitz ( Baltische Flotte) und bei Garz (Raketentruppen) stationiert.
    Man sollte bei Fakten bleiben und nicht Fakten erfinden. Außerdem stimme ich den Kommentaren zu: in Zeiten des kalten Krieges waren diese Dinge legitim, wenn nicht sogar notwendig. Schreiben sie doch mal über den Bau amerikanischer Stützpunkte an der Nordsee oder im Schwarzwald. Da werden sie schnell Parallelen erkennen.

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