DIE ZEIT: Herr Gurtner, gibt es einen Skitag in Ihrem Leben, der Ihnen unvergesslich ist?

Reto Gurtner: Da muss ich nicht lange nachdenken. Das war in Park City in Utah. Den ganzen April hatte es heftig geschneit, der Sturm kam die Ebene hoch und brachte sensationellen Pulverschnee. Wir fuhren morgens als early birds hoch, bevor die Sonne richtig warm wurde. Das vergesse ich nicht, obwohl es sicher 20 Jahre her ist. Dieses einmalige Licht und der total verschneite Berg, zu einer Jahreszeit, wo man es nicht erwartet.

ZEIT: Laax wurde gerade wieder zum führenden Freestyle-Gebiet der Alpen gekürt, in dem Skifahrer und Snowboarder die besten Buckelpisten, Funparks und Schanzen finden. Sie sind hier seit Jahrzehnten der Chef. Wie oft kommen Sie denn selbst noch auf die Piste?

Gurtner: Ach, leider immer zu wenig. Ich bin zwar oft unterwegs in anderen Gebieten – Konkurrenzanalyse muss sein. Aber im Schnitt komme ich nur auf 15 bis 20 Tage pro Jahr.

ZEIT: Sie sitzen jetzt, mitten in der Skisaison, in Ihrem Büro an der Talstation von Laax fest und managen das Vergnügen anderer Leute?

Gurtner: Ich bilde mir dann immer ein, ich kann ja noch gehen. Aber dann schiebe ich es Stunde um Stunde hinaus.

ZEIT: Laax war das erste Paradies für die anfangs verhassten Snowboarder. Fahren Sie selber Ski, oder boarden Sie?

Gurtner: Auf den Ski bin ich besser, denn damit habe ich nun mal begonnen. Das Board fahre ich ja erst seit 25 Jahren. Aber die Skitechnik hat sich dermaßen revolutioniert dank des Snowboardens, dass es jetzt für beide Disziplinen großartiges Material gibt. Die Skiindustrie war lange Zeit viel zu technisch, zu rennmäßig, auch bei den Carvingski. Viele Schuhe sind am Fuß immer noch wie Schraubstöcke.

ZEIT: Die Leute sehen sich im Fernsehen das Hahnenkammrennen in Kitzbühel an, da möchten sie sich eben auch gerne mal als Rennläufer fühlen.

Gurtner: Aber Rennläufer machen nur 0,01 Promille der Skifahrer aus.

ZEIT: Trotzdem zählt für die meisten Geschwindigkeit. Die drehfreudigen Carvingski haben das Tempo auf den Pisten noch mal enorm beschleunigt. In Sölden, Ischgl und Kitzbühel rasen auch schlechte Fahrer schneller denn je. Nur in Laax scheint die junge Generation gemächlich talwärts zu tanzen. Wieso wirkt hier alles so entschleunigt?

Gurtner: Weil wir in Laax seit den siebziger Jahren versuchen, den Wettbewerbsgedanken von der Piste zu verbannen. Unser Skigebiet muss wettbewerbsfähig sein, aber unsere Gäste sollen nicht gegeneinander antreten. Deshalb gibt es in der Skischule auch keine üblichen Abschlussrennen für die Kinder, vor denen sich manche ja schon am ersten Tag fürchten. Wir wollen niemanden unter Druck setzen, sondern Freude vermitteln. Skilaufen ist für mich ein Lebensgefühl und kein Leistungssport. In der Arbeitswelt wird der Mensch schon ständig auf Leistung getrimmt. Da muss der Urlaub eine Gegenwelt sein.

ZEIT: Genau so war Wintersport doch zu Anfang: Ein bisschen Geschwindigkeitsrausch durfte sein, aber der richtige Fahrstil war nicht so wichtig. Keiner plagte sich mit exaktem Kurzschwingen, sondern man hatte einfach Spaß. Sie knüpfen in Laax daran an und nennen das Ganze vollmundig "Revolution am Berg".

Gurtner: Ja, das ist unser Motto. Aber der Berg war schon ewig vor uns da. Deshalb hängen große Schwarz-Weiß-Fotos aus der Pionierzeit des Skisports in einer unserer Bars an der Talstation. Da springen die Fahrer über Schneebuckel, kurven durch unplanierten Schnee. Dieses Körpergefühl wollen wir vermitteln.

ZEIT: Wie entschleunigt man denn seine Kundschaft?

Gurtner: Man muss die Pisten eben so anlegen, dass die Leute nicht zum Rasen motiviert werden. Deshalb holzen wir unsere neuen Abfahrten nicht einfach quer durchs Gelände. Deshalb wachsen unsere vier Funparks. Deshalb haben wir die größte Halfpipe und die erste Indoor-Freestyle-Trainingshalle Europas, wo man Sprünge, Drehungen, Überschläge und Tricks lernen kann.

ZEIT: Rechnet sich das? Die meisten Bergbahnen in den Alpen sind ja defizitär und müssen hoch bezuschusst werden.

Gurtner: Unsere Bahnen machen keinen Verlust, aber das liegt am Gesamtkonzept. Wir haben immer den Markt analysiert. Deutschland hat kaum Wintersportgebiete, aber 14 Millionen Skifahrer. Das Traurige ist: Die Hälfte von ihnen fährt nicht mehr.