Das Artemis Quartett wird auch von der Agentur Simmenauer vertreten. © Molina Visuals

Ist es schon so weit? Muss man jetzt in den Untergrund gehen, um große Kunst jenseits des Mainstream zu erleben? Klobige Stufen führen in die Krypta unterm Hamburger Michel, wo neben den Grabplatten ein Streichquartett in Stellung geht. Keine Gruftmucke. Georg Friedrich Haas hat sein 6. Streichquartett vor drei Jahren komponiert, das Quatuor Diotima spielt geballte Gegenwart. Hochbrodelnde Triller, Mikrotonales, Schockwellen, Teilchenphysik der Obertöne. Es ist, als hätte der Komponist die Spannungen unserer Zeit komprimiert und zugleich transparent gemacht. Manchmal scheinen die Klänge den Steinmassen über uns das Gewicht zu nehmen.

Hier findet kein Rückzugsgefecht statt, hier beginnt die Zukunft. Vielleicht. Rund 150 Leute sind gekommen, ab 30, keiner fein gemacht, keine Gemeinde. Nicht das homogen bejahrte Publikum, an das mancher bei »Kammermusik« denken mag. Aber auch nicht die Massen, die erwarten könnte, wer sich den erstaunlichsten musikalischen Boom der Gegenwart vor Ohren führt. Gut 80 professionelle Streichquartette haben sich weltweit in den letzten 20 Jahren neu gegründet, darunter auch das französische Quatuor Diotima. Die Kunst der sechzehn Saiten blüht wie noch nie seit ihrer Erfindung vor etwa 250 Jahren.

Monat für Monat bringen die kleinen und mittleren Labels, von denen sich die Majors längst den Schneid haben abkaufen lassen, Aufnahmen höchster Qualität auf den Markt. Wer will, findet für jeden Komponisten sein ideales Quartett-Ensemble, vom frühesten Haydn bis zum spätesten Haas. Bei den einschlägigen Wettbewerben wissen die Jurys kaum noch, welche Finalisten nicht als Sieger infrage kommen. Aber nur wenige Ensembles können sich über Konditionen freuen, wie sie das Hamburger Musikfest Lux Eterna den vier Franzosen bietet, gestützt von 30 Sponsoren und mit einem Publikum, dem man kommentarlos Moderne pur vorsetzen kann.

Eine Frau in Berlin beobachtet diesen Boom mit Skepsis. »Wenn die Blume am schönsten ist, dann ist sie kurz vor dem Tod«, sagt Sonia Simmenauer, seit drei Jahrzehnten eine Schlüsselfigur im Klassikbetrieb, »drei Viertel aller Streichquartette werden das nicht überleben.« Simmenauer, die als Agentin Hochkaräter wie das Artemis Quartett und das Cuarteto Casals betreut, prophezeit das nicht nur, weil der Scheck von der Plattenfirma nur »für ein warmes Abendessen« reicht und sie selbst für ihre Künstler um ein Drittel niedrigere Honorare aushandelt, während überall die Saalmieten steigen. »Wir sind am Ende einer Zeit, was schmerzhaft ist, aber auch unglaublich spannend.«

Franck Chevalier, Bratscher der Diotimas, sieht das genauso. »Europas Krise ist nicht bloß finanziell. Es geht um europäische Identität, und klassische Musik ist hauptsächlich europäisch.« Er und seine Kollegen fanden 1996 zusammen, die Orchester waren ihnen nicht gut genug, Solokarrieren zu schwierig. Zugleich wuchs die Zahl der Meisterklassen für Quartette, in Frankreich vervielfachte die Organisation ProQuartet die Auftrittsmöglichkeiten einer darbenden Branche, über der weltweit wenige Starformationen wie das Alban Berg Quartett oder das LaSalle Quartet schwebten, flankiert von Freaks (Kronos) und Avantgardisten (Arditti).

Aber das erklärt noch nicht, warum das Quartett nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zum »superattraktiven Lebensentwurf« für junge Musiker wurde, wie Artemis-Cellist Eckhard Runge das beschreibt. Als er sein Ensemble gründete, 1989, galten Streichquartette als uncool. Nun drängt der Nachwuchs in die Kurse jener, die vor dem Boom begannen und noch immer tonangebend sind: Artemis, Hagen, Mandelring. Vielleicht reizt die Mischung aus Demokratie und Flexibilität: Es gibt keinen Chef und kein großes Gepäck. Das mögen auch Shooting Stars wie das französische Quatuor Ebène, »Boygroup«-Image inklusive.

Mit ihrer jüngsten CD begeben sie sich in unmittelbare Konkurrenz zu den Mandelrings. Auch die haben kürzlich Mendelssohns rasend dramatisches f-Moll-Quartett aufgenommen, Felix’ Requiem für seine Schwester Fanny – und wer die scharf konturierte, fast atemlose Realistik der Deutschen mit dem zwar drangvollen, aber auch bezaubernd klangschönen Bild der Franzosen vergleicht, gewinnt einen Eindruck vom Niveau, auf dem derzeit der Quartettdiskurs läuft.