Universitäten"Es ist eine tiefe Enttäuschung"

Die Studiengebühren werden wieder abgeschafft. Wolfgang Herrmann, der Präsident der TU München, zieht Bilanz. von Christine Brinck

DIE ZEIT: Herr Herrmann, Sie waren stets ein Befürworter von Studiengebühren. Nun wurden sie in Bayern abgeschafft. Was haben Ihrer Universität die Gebühren gebracht?

Wolfgang Herrmann: Zuletzt rund 18 Millionen Euro jährlich, die hier an der TU München das Studium spezifisch verbessert haben, übrigens auch, weil die Studierenden geholfen haben, die Defizite zu identifizieren. Wir konnten zum Beispiel mehr Tutorien anbieten und die Studenten besser betreuen, die Betreuungsdichte stieg erheblich an, und die Lehre wurde merklich verbessert.

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ZEIT: Gebühren von weniger als 90 Euro pro Monat würden die meisten Eltern von Krippen- und Kindergartenkindern sehr zufrieden machen. Wieso protestiert man in Deutschland nicht gegen Vorschul-, sehr wohl aber gegen Hochschulgebühren?

Herrmann: Vielleicht hat man ihre Notwendigkeit nicht erkannt. Offenbar eignet sich das Thema vor allem als Wahlkampfnummer, schade. Erstaunlich ist, dass sich an dem Volksbegehren gegen Studiengebühren hier bei uns in Bayern auch viele ältere Menschen, also die Großelterngeneration, beteiligt haben.

ZEIT: Sechs Jahre Studiengebühren, zehn Jahre Debatte, viel Aufwand, viel Arbeit – hat es sich gelohnt?

Wolfgang Herrmann

Wolfgang Herrmann ist der dienstälteste Uni-Präsident Deutschlands: Seit 1995 steht er an der Spitze der TU München.  

Herrmann: Es ist eine tiefe Enttäuschung, auch wenn wir das Prinzip verdeutlichen konnten: Hochschulstudium ist kein Konsumgut, sondern Lebensinvestition. Nun ist zu befürchten, dass sich das Thema Studienbeiträge für viele Jahre erledigt hat. Damit könnten wir aber hinter die besten internationalen Standards zurückfallen, denn Leistung hat immer einen Preis. Jetzt signalisieren wir, alles sei unentgeltlich. Aber für andere Kulturkreise, etwa Asien, ist das verdächtig, denn was nichts kostet, ist dort noch weniger wert als hier. Abgesehen davon, ist es auch im Sinne einer Bürgergesellschaft, dass einen Obolus entrichten sollte, wer Privilegien in Anspruch nimmt. Und wenn man etwas zahlen muss, bleibt auch die Wertigkeit eines Hochschulstudiums als Lebensinvestition erhalten. Als ich Ende der 1960er Jahre studierte, haben wir Hörgeld gezahlt, 172 Mark im Semester, das war damals viel Geld für meinen Vater mit seinem kleinen Lehrersalär. Aber dafür hat mir die Universität auch viel gegeben. Durch die Studienbeiträge der letzten Jahre fühlen sich auch viele Absolventen mehr mit der Universität verbunden, weil sie gewissermaßen in sie investiert haben.

ZEIT: Woran zeigt sich das?

Herrmann: Unsere TUM Universitätsstiftung hat in den letzten zwei Jahren über 25 Millionen Euro eingenommen, für deutsche Verhältnisse ist das spitze. Vieles davon haben wir den Alumni zu verdanken. Abgesehen davon, und das ist ja das eigentlich Wichtige, brauchen wir Studienbeiträge für die Unabhängigkeit der Universitäten und ein qualitativ hochwertiges Studium. Es ist bekannt, dass ein sehr gutes Studium große Vorteile im späteren Leben bringt. Studierte sind seltener arbeitslos, genießen ein höheres Sozialprestige und erzielen ein höheres Lebensarbeitseinkommen. Diese Fakten konnten aber den Meinungswechsel in der Politik nicht verhindern, da ticken die Deutschen in der Masse eben nicht bürgergesellschaftlich. Die "Rundum-sorglos-Pakete" sind wieder in Mode gekommen.

ZEIT: In allen Bundesländern mit Studiengebühren wurden ausgerechnet vor den Landtagswahlen die Weichen gestellt, um sie wieder abzuschaffen. Ist die Abkehr von den Studiengebühren eine tagespolitische Entscheidung, während die Einführung eine finanzpolitische war?

Herrmann: Nein, unter Edmund Stoiber war die Einführung der Studiengebühren mehr eine Prinzipien-Entscheidung: Hochschulstudium ist ein Privileg, das einen Beitrag rechtfertigt, und sei er noch so klein. Damit verbessern wir die Lehre und beteiligen die Studierenden an der Disposition dieser Mittel – was übrigens eine neue Kooperationskultur in der Universität hervorgebracht hat. Zum ersten Mal haben die Studierenden sich für Kosten- und Finanzstrukturen der Universität interessiert. Das war ein wichtiger Lerneffekt für beide Seiten.

Studiengebühren: Die Einführung

Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2005 allgemeine Studiengebühren für zulässig erklärt hatte, führten sie sieben westdeutsche Bundesländer ein, meist beliefen sie sich auf 500 Euro pro Semester.

Die Debatte

Mit der Einführung ging die Diskussion erst richtig los: Hochschulen, Union und FDP befürworteten die Gebühren mehrheitlich: Die Hochschulen bräuchten das Geld, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die Lehre zu verbessern. Studenten, Grüne und Linke lehnten sie mehrheitlich ab: Studiengebühren seien unsozial, weil sie Interessierte aus niedrigen Einkommensschichten vom Studium abhielten.

Das Ende

2008 nahm Hessen nur ein Jahr nach der Einführung die Studiengebühren wieder zurück. Die anderen Bundesländer folgten, als letztes Niedersachsen wahrscheinlich 2014. Ist das Kapitel damit abgeschlossen? Nicht unbedingt. Viele Uni-Rektoren glauben, in wenigen Jahren werde die Diskussion wieder aufleben. 

ZEIT: Die Bayerische Staatsregierung hat vor wenigen Tagen beschlossen, in voller Höhe einzuspringen...

Herrmann: ...sodass wir auf dem Niveau der letzten Jahreseinnahmen der Uni bleiben. Und ich habe nichts dagegen, die Studierenden auch weiterhin bei der Mittelverwendung einzubeziehen, allerdings bleibt letztendlich die Universitätsleitung für das Budget verantwortlich, egal, woher das Geld kommt.

ZEIT: Wird das Geld auch in Zukunft reichen?

Herrmann: Nein, das Bildungssystem ist ja im Ganzen unterfinanziert. Sehr bald werden die Studierenden neue Defizite entdecken. Für Vorhaben auf Spitzenniveau wird es in Zukunft nicht mehr genug Geld geben, das müssen wir anderweitig erwirtschaften, zum Beispiel über unsere Stiftung; dort schnabelt nur mit, wer auch bezahlt. Hinzu kommt, dass die Opposition, die zuerst für die Abschaffung plädiert hat, nun fragt, wie man das stattliche Kompensationspaket finanzieren will. Die Frage hätten sie besser vorher stellen sollen.

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Leserkommentare
  1. ...und flasche Denkrichtung.
    Wenn: "...Hochschulstudium ist kein Konsumgut, sondern Lebensinvestition..."
    Dann ist m.E. das Erststudium von allen Bürgern über das Steueraufkommen zu finanzieren.

    14 Leserempfehlungen
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    • bayert
    • 24. März 2013 19:17 Uhr

    dass die Politik nur die Minimalausstattung garantiert. Mit Studiengebühren gibt es eine Geldquelle, die das Ministerium nicht per Verordnung kürzen kann.

    für das Studium einer Minderheit zahlen.

    • Lu-S
    • 24. März 2013 18:34 Uhr

    Ende der 60er Jahre war ein Studium nur wenigen vorbehalten und bot entsprechende Aufstiegschancen. Heute wird ein Studium für qualifizierte Berufstätigkeiten größtenteils vorausgesetzt.
    Es ist zudem eine Frage der Generationengerechtigkeit. Von den jetzigen Studenten wird erwartet, daß sie in Zukunft nicht nur unsere gewaltigen Staatsschulden, sondern auch unser unterfinanziertes Rentensystem bezahlen. Im Gegenzug sollen sie dafür im Expresstempo durchs Studium geschleift werden und für das Privileg auch noch bezahlen, denn das ist ja plötzlich offenbar nur eine Investition in ihre persönliche Zukunft, nicht etwa in die des Landes.
    Unanständig finde ich es, wenn Leute Studiengebühren einfordern, die selbst nicht nur kostenlos studiert haben, sondern sogar noch Schüler-Bafög bezogen haben. Wenn Studiengebühren, dann bitte auch eine Sondersteuer für diese Leute.
    Geradezu absurd werden Herrmanns Argumente, wenn Asiaten dafür herhalten müssen, um zu belegen, daß etwas kostenloses nichts taugen könne. Es spricht ja wohl nichts dagegen, von Nicht-EU Studenten hohe Studiengebühren zu verlangen. Britische Universitäten verfahren so schon seit Jahrzehnten. Allerdings könnte es dann unangenehm auffallen, wenn asiatische Studenten den Wert des Studiums in München womöglich gar nicht so hoch einschätzen.

    31 Leserempfehlungen
  2. ... die Hochschulen das Geld unbedingt von den Studenten haben? Als Student ist man ohnehin nur knapp bei Kasse, wie soll man da das Bildungssystem finanzieren?
    Die Hochschulen sollten sich verstärkt dafür einsetzen, das Geld von den Ländern zu bekommen. Steuergelder ausnahmsweise nicht verschwenden, sondern für die Bildung einsetzen. Das wäre vielleicht eine ganz neue Richtung für die Landespolitik.

    21 Leserempfehlungen
  3. gibt es in Deutschland nur für Beamte wie beispielsweise Hochschulpräsidenten. Andere - und das meint die ganze untere Hälfte der Bevölkerung - kennen diese umfassende Fürsorge gar nicht mehr. Sie dürfen sich nur noch an den Kosten des Staates beteiligen. Kein Staat der westlichen Welt belastet seine unteren Einkommensschichten so extrem mit Abgaben wie Deutschland. Jetzt ist zumindest die Kopfsteuer (die perfideste Form einer Abgabe) fürs Studium wieder abgeschafft worden. Das darf man feiern. Und wenn der Herr Präsident unbedingt eine Beteiligung der Studierenden an den Kosten ihrer Ausbildung wünscht, so lässt sich das durchaus regeln - ex post per Einkommenssteuer.

    19 Leserempfehlungen
  4. ... aus dem Finanzierungsproblem: Einstiegshürden nicht per monetären Gebühren erhöhen, sondern mittels Aufnahmetests. Nicht jeder Honk muss studieren, nur weil ihm nichts Besseres einfällt.

    5 Leserempfehlungen
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    "... aus dem Finanzierungsproblem: Einstiegshürden nicht per monetären Gebühren erhöhen, sondern mittels Aufnahmetests. Nicht jeder Honk muss studieren, nur weil ihm nichts Besseres einfällt."

    Doch muss er. Den leider sind unsere Politiker selbst nicht von dieser Welt. die meisten haben (irgend)etwas studiert. Manche haben es sogar abgeschlossen, andere haben ein bisschen Student gespielt und es sein lassen (Roth, Nahles...)

    Auch wird doch immer suggeriert, dass wir mehr Akademiker benötigen, weil wir international hinten liegen. Tja, da wären wir wieder bei den guten "ABER IN NORWEGEN ODER SCHWEDEN" - Vergleichen. Ich sage Äpfel und Birnen. Das Deutschland das beste duale (Berufs)Bildungssystem der Welt hat wird unterschlagen. Viele unserer Gesellen haben eine bessere (Fach)Bildung als so manch ein Bachelor aus dem Ausland.

    Wir benötigen Akademiker. Richtig. Aber nicht noch mehr Germanisten, Sozialwissenschaftler und der Gleichen, welche später feststellen, dass die Wirtschaft gar keine Verwendung für so viele "Akademiker" hat.

    Ich würde mir wünschen, wenn das Studium endlich wieder ein ordentliches Niveau erreichen würde und man nicht ständig die Erwartungen nach unten korrigiert nur um die Erwartungen der Politik zu erfüllen. Ich lasse mir z.B. von meinen Bewerbern sehr gerne die Diplomarbeiten / B-Thesen zeigen. Wofür da manchmal eine 1,0 gegeben wird ist hanebüchen. Einfache Literatursammlung mit einer Umfrage / Experiment und schon gibt's die 1,0

  5. "Aber für andere Kulturkreise, etwa Asien, ist das verdächtig, denn was nichts kostet, ist dort noch weniger wert als hier."

    Nur weil "Asien" nicht akzeptiert, dass Bildung frei und für jeden zugänglich sein sollte, sollen wir jetzt unsere Ideale über Bord werfen? Da kann man nur den Kopf schütteln.

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    • bayert
    • 24. März 2013 19:17 Uhr

    dass die Politik nur die Minimalausstattung garantiert. Mit Studiengebühren gibt es eine Geldquelle, die das Ministerium nicht per Verordnung kürzen kann.

    2 Leserempfehlungen
  6. Wenn man bedenkt, wieviele Studierende nach dem Abschluss verschuldet sind, um zum Beispiel Studiengebühren zahlen zu können, wenn man betrachtet, wie stark der psychische Druck wird, den Betrag zahlen zu können, wenn man sich vor Augen führt, wieviele Studierende ihr Studium über Nebenjobs finanzieren müssen, so dass für die so hochgelobte Lehre wenig Zeit bleibt, dann sind die Worte sehr zynisch und ignorieren einen Teil der Realität von Studierenden.
    Als Wissensgesellschaft muss es jedem, unabhängig von seiner finanziellen Situation möglich sein, sich so hoch, wie möglich zu bilden. Das hat nichts mit "Rundum-sorglos-Pakete" zu tun, sondern mit einer Vorstellung einer fairen Gesellschaft, in der ein Lebensentwurf tatsächlich frei wählbar ist und nicht gebunden ist, an die dicke des Geldbeutels.
    Ich glaube nicht, dass die Studiengebühren abgeschafft wurden, aus wahlkampftaktischen Gründen und die bundesweiten Studentenproteste gegen die Gebühren zeigen, dass es eine demokratische Entscheidung war.

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    • plutoo
    • 24. März 2013 19:33 Uhr

    Beitrag geht in meinen Augen komplett an der Realität der meisten Studenten vorbei. Und in meinem Freundeskreis sind quasi nur Studenten. Keiner will 3000€ für einen Abschluss (!) bezahlen, aber für das neueste Galaxy S oder iPhone ist natürlich Geld da. Wenn man Studiengebühren sozial verträglich einführt (z.B. durch Freistellung für BaföG berechtigte), sind sie in meinen Augen durchaus sinnvoll.

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  • Schlagworte Studiengebühr | Bayern | Volksbegehren
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