DIE ZEIT: Herr Herrmann, Sie waren stets ein Befürworter von Studiengebühren. Nun wurden sie in Bayern abgeschafft. Was haben Ihrer Universität die Gebühren gebracht?

Wolfgang Herrmann: Zuletzt rund 18 Millionen Euro jährlich, die hier an der TU München das Studium spezifisch verbessert haben, übrigens auch, weil die Studierenden geholfen haben, die Defizite zu identifizieren. Wir konnten zum Beispiel mehr Tutorien anbieten und die Studenten besser betreuen, die Betreuungsdichte stieg erheblich an, und die Lehre wurde merklich verbessert.

ZEIT: Gebühren von weniger als 90 Euro pro Monat würden die meisten Eltern von Krippen- und Kindergartenkindern sehr zufrieden machen. Wieso protestiert man in Deutschland nicht gegen Vorschul-, sehr wohl aber gegen Hochschulgebühren?

Herrmann: Vielleicht hat man ihre Notwendigkeit nicht erkannt. Offenbar eignet sich das Thema vor allem als Wahlkampfnummer, schade. Erstaunlich ist, dass sich an dem Volksbegehren gegen Studiengebühren hier bei uns in Bayern auch viele ältere Menschen, also die Großelterngeneration, beteiligt haben.

ZEIT: Sechs Jahre Studiengebühren, zehn Jahre Debatte, viel Aufwand, viel Arbeit – hat es sich gelohnt?

Herrmann: Es ist eine tiefe Enttäuschung, auch wenn wir das Prinzip verdeutlichen konnten: Hochschulstudium ist kein Konsumgut, sondern Lebensinvestition. Nun ist zu befürchten, dass sich das Thema Studienbeiträge für viele Jahre erledigt hat. Damit könnten wir aber hinter die besten internationalen Standards zurückfallen, denn Leistung hat immer einen Preis. Jetzt signalisieren wir, alles sei unentgeltlich. Aber für andere Kulturkreise, etwa Asien, ist das verdächtig, denn was nichts kostet, ist dort noch weniger wert als hier. Abgesehen davon, ist es auch im Sinne einer Bürgergesellschaft, dass einen Obolus entrichten sollte, wer Privilegien in Anspruch nimmt. Und wenn man etwas zahlen muss, bleibt auch die Wertigkeit eines Hochschulstudiums als Lebensinvestition erhalten. Als ich Ende der 1960er Jahre studierte, haben wir Hörgeld gezahlt, 172 Mark im Semester, das war damals viel Geld für meinen Vater mit seinem kleinen Lehrersalär. Aber dafür hat mir die Universität auch viel gegeben. Durch die Studienbeiträge der letzten Jahre fühlen sich auch viele Absolventen mehr mit der Universität verbunden, weil sie gewissermaßen in sie investiert haben.

ZEIT: Woran zeigt sich das?

Herrmann: Unsere TUM Universitätsstiftung hat in den letzten zwei Jahren über 25 Millionen Euro eingenommen, für deutsche Verhältnisse ist das spitze. Vieles davon haben wir den Alumni zu verdanken. Abgesehen davon, und das ist ja das eigentlich Wichtige, brauchen wir Studienbeiträge für die Unabhängigkeit der Universitäten und ein qualitativ hochwertiges Studium. Es ist bekannt, dass ein sehr gutes Studium große Vorteile im späteren Leben bringt. Studierte sind seltener arbeitslos, genießen ein höheres Sozialprestige und erzielen ein höheres Lebensarbeitseinkommen. Diese Fakten konnten aber den Meinungswechsel in der Politik nicht verhindern, da ticken die Deutschen in der Masse eben nicht bürgergesellschaftlich. Die "Rundum-sorglos-Pakete" sind wieder in Mode gekommen.

ZEIT: In allen Bundesländern mit Studiengebühren wurden ausgerechnet vor den Landtagswahlen die Weichen gestellt, um sie wieder abzuschaffen. Ist die Abkehr von den Studiengebühren eine tagespolitische Entscheidung, während die Einführung eine finanzpolitische war?

Herrmann: Nein, unter Edmund Stoiber war die Einführung der Studiengebühren mehr eine Prinzipien-Entscheidung: Hochschulstudium ist ein Privileg, das einen Beitrag rechtfertigt, und sei er noch so klein. Damit verbessern wir die Lehre und beteiligen die Studierenden an der Disposition dieser Mittel – was übrigens eine neue Kooperationskultur in der Universität hervorgebracht hat. Zum ersten Mal haben die Studierenden sich für Kosten- und Finanzstrukturen der Universität interessiert. Das war ein wichtiger Lerneffekt für beide Seiten.

ZEIT: Die Bayerische Staatsregierung hat vor wenigen Tagen beschlossen, in voller Höhe einzuspringen...

Herrmann: ...sodass wir auf dem Niveau der letzten Jahreseinnahmen der Uni bleiben. Und ich habe nichts dagegen, die Studierenden auch weiterhin bei der Mittelverwendung einzubeziehen, allerdings bleibt letztendlich die Universitätsleitung für das Budget verantwortlich, egal, woher das Geld kommt.

ZEIT: Wird das Geld auch in Zukunft reichen?

Herrmann: Nein, das Bildungssystem ist ja im Ganzen unterfinanziert. Sehr bald werden die Studierenden neue Defizite entdecken. Für Vorhaben auf Spitzenniveau wird es in Zukunft nicht mehr genug Geld geben, das müssen wir anderweitig erwirtschaften, zum Beispiel über unsere Stiftung; dort schnabelt nur mit, wer auch bezahlt. Hinzu kommt, dass die Opposition, die zuerst für die Abschaffung plädiert hat, nun fragt, wie man das stattliche Kompensationspaket finanzieren will. Die Frage hätten sie besser vorher stellen sollen.