Wenn sich Inka Bause in einen Weinkrampf moderiert, aus Trauer um ihren Vater; wenn Frank Schöbel mit Stefanie Hertel singt und Kai Pflaume eine Laudatio hält auf Kollegin Carmen Nebel; wenn Matthias Steiner seine Inge im Arm trägt und der Landrat von Nordsachsen, live auf der Bühne, per Onlinebanking eine Spende überweist, dann, ja dann ist wieder Goldene Henne; die Jahreshauptversammlung der SuperIllu, die Oscar-Nacht des Ostens, der Showzirkus der neuen Länder. Nach der Sendung steht Robert Schneider – als Chefredakteur quasi der Zirkusdirektor – vor dem Theaterhaus.

Es war die volle Dröhnung SuperIllu- Osten. Schneider raucht, zu seiner Entspannung, in kleiner Runde eine Zigarette. Und eine Frage kommt auf: Ob das heute womöglich ein ganz kleines bisschen zu ostig gewesen ist?

Früher wäre man bei seinem Blatt für diese Frage geteert worden. Aber Robert Schneider, ein Ostdeutscher von gerade 37 Jahren, hat ein Sensorium dafür, wann die Dinge in Folklore umschlagen. Vielleicht unterscheidet er sich da von seinem Vorgänger: von Jochen Wolff, SuperIllus Gründer, diesem bayerischen Journalistenhaudegen, den der Spiegel einst "Kohls letzten Mann" nannte – 12 Jahre nach Kohls Abwahl. Man könnte sagen, dass jetzt ein Mann von morgen eine Zeitschrift führt, die so lange auffallend gestrig wirkte.

Bei allem Spott aus zwei Jahrzehnten: SuperIllu ist ein Heft mit Verdiensten. Die Illu, diese oft Belächelte, ist ein wahnwitziger Erfolg. Mit 355.000 verkauften Exemplaren, Woche für Woche. Mit angeblich nahezu drei Millionen Lesern zwischen Rostock und Annaberg-Buchholz. Stolz verkündet der Burda-Verlag, in dem SuperIllu erscheint: So viele Leser hätten Spiegel, stern, ZEIT und Focus im Osten zusammen nicht. Die SuperIllu war ein Begleiter der Ossis in schweren Jahren. Journalismus mit Promis wie Dagmar Frederic – gegen die Kälte der neuen Zeit: War das populistisch? Nicht selten. War das professionell? Ja, sehr. Mitunter war es Service-Journalismus allerfeinster Sorte. Kein einziges Medium aus den alten Ländern bemutterte den Osten so sehr.

Die schwere Zeit für SuperIllu hat aber begonnen: weil der gebeutelte Osten Geschichte ist, weil die Ossis inzwischen regieren. Die schwachen Ossis, die man aus SuperIllu kennt, verschwinden gerade rasant. Robert Schneider ist dafür wohl selbst das beste Beispiel: als junger Aufsteigertyp. Er braucht einen Plan, denn die Auflage sinkt, allein in den letzten fünf Jahren fiel sie um – sage und schreibe – 25 Prozent. Es gab mal Nummern, die verkauften sich doppelt so gut wie die heutigen. Und das, obwohl die Zeitschrift mit 1,70 Euro nur halb so viel kostet wie zum Beispiel die Bunte.

Es ist jetzt zwei Jahre her, dass Schneider Chefredakteur geworden ist. Ein Treffen mit ihm, Wochen nach der Henne-Verleihung: in Berlins Mitte, Zimmerstraße, nicht weit vom Checkpoint Charlie. Schneider lädt in seinen Wintergarten, jedenfalls sieht sein Büro wie einer aus. Der Chefredakteur residiert in einem vollverglasten Raum. Die Frage ist, ob das schon die Demonstration einer Presse-Glasnost ist? "Moin!", sagt Schneider, er lächelt gewinnend: "Nen Kaffee? Setz dich! Ich bin der Robert." Robert setzt sich, nein, er wirft sich auf seinen ledernen Chefzimmersessel.

Sich zu duzen, das sei doch okay?, fragt Schneider – er sieze hier keinen. Der Mann, so könnte man das interpretieren, ist mit dem Osten auf Du und Du. Er komme gerade vom Yoga, sagt Schneider. Ist ein sportlicher Typ, in schicken Budapester Schuhen. Einer im Perwoll-Pullover. Ein Mann mit akkuratem Scheitel, von rechts nach links gelegt. Dieser Mensch hat eine Aura: Mir gehört die Zukunft! Seine Stimme hat einen sächsischen Einschlag, ganz leicht, gerade hörbar. Im richtigen Moment, noch beim Kennenlernen, sagt Schneider, dass er mal Sänger war, in einer Rockband – "die hieß Percy, weil das mein Spitzname war". Und da ist man baff: Percy? Yoga? Perwoll-Pullover? Wir wollten zur SuperIllu!

Als das Heft gegründet wurde, im Jahr der Einheit, 1990, war Robert Schneider noch in der Pubertät. Geboren ist er 1976; er wuchs bei seinen Eltern in Wachau auf, südlich der Stadt Leipzig. Diese Jugendlichen der Mauerfallzeit, zu denen er gehörte: Das war die Generation der Chancen. Alt genug, um die Zeitenwende bewusst mitzuerleben. Gleichzeitig jung genug: Der Umbruch kam zur besten Zeit. Schneider machte Abitur, Volontariat in Köln; ging dann zum Springer-Verlag. Ressortleiter war er mit 23. Er wurde Vizechef des Boulevardblatts B.Z., später Vizechef der Bild am Sonntag . Er reiste um die Welt. Kam nicht mal dazu, zu studieren, der Verlag beförderte ihn auch so.