Wagner-Tenöre : Mild und leise

Sängerkrieg? Von wegen: Mit Wagner retten Jonas Kaufmann und Klaus Florian Vogt die Zukunft des Heldentenors.
Der Tenor Klaus Florian Vogt © Sony Music

Die Frage klingt obszön – und muss trotzdem gestellt werden: Wer hat denn nun den Längsten? Numerisch ist die Antwort rasch gefunden: Der Däne Lauritz Melchior hat ihn, den Längsten von allen, 1940 an der New Yorker Met, mit sagenhaften 17 Sekunden. 17 Sekunden lang hält er den ersten »Wälse!«-Ruf des Siegmund in Richard Wagners Walküre, immerhin ein hohes Ges und im Fortissimo. Dagegen nehmen sich Vertreter nachfolgender Tenorgenerationen wie Ramón Vinay (acht Sekunden), Mario del Monaco (sechs), Jess Thomas (sieben) oder Peter Hofmann (nur fünf) geradezu mickrig aus. Doch ist Länge das entscheidende Kriterium? Sind Ausdruck und Kraft, Sinn und Sinnlichkeit, Verstand und dramatische Leidenschaft für die Wagner-Stimme nicht mindestens so wichtig, für die männliche und ihre Autorität zumal?

Melchiors einsamer Rekord sagt alles und nichts. Alles: weil Wagners Heldentenöre, als Alter Ego ihres Schöpfers, eine Potenz, einen Eros verkörpern, der jedes menschliche Maß übersteigt. Heldentenöre sind keine Hänflinge, dürfen es nicht sein, weder im Herzen noch von Statur. Und nichts: weil Siegmunds sogenannter Schwert-Monolog in der dritten Szene des ersten Aktes der Walküre, der mit den berüchtigten »Wälse!«-Rufen, sich erst im Oszillieren entfaltet – zwischen Affekt und Kalkül, Todesahnung und Liebesbanden, zwischen Vatermordgelüsten und der eher unheroischen Angst, von allen Vätern und Göttern verlassen zu sein. Wotan, der Wälse, Siegmunds Vater, hat dem Sohn einst ein Schwert versprochen, für Zeiten »höchster Not«, dies gilt es nun, in der Not, zu finden. Was nichts anderes bedeutet, als dass der Mann bei Wagner gern zum Phallussymbol greift, um sich seiner und der Welt zu vergewissern. Mit Testosteron und stimmlicher Prahlerei allein kommt er hier trotzdem nicht weit, kam er noch nie. Weshalb man sich um die Zukunft des Wagner-Gesangs Sorgen macht, seit es den Wagner-Gesang gibt.

Wenn nun Jonas Kaufmann, Deutschlands derzeit attraktivster Wagner-Tenor, »Wälse! Wälse! / Wo ist dein Schwert?« singt, dann bringt er es auf beträchtliche zehn Sekunden im ersten und auf elf im zweiten Ruf. Das Ganze ist eine Demonstration der Kraft und des unbedingten Wagner-Willens, fast trotzig, hört her, ich kann’s! – und weht doch wie ein Gruß aus einer fernen, lange versunkenen und längst verloren geglaubten Vergangenheit herüber: sehr sinnlich, sehr baritonal, voll »männlich schönem Stimmklang«, um es mit Wagners Worten zu sagen, und von lupenreiner Textverständlichkeit. Wie macht der Mann das, fragt man sich, und woher kommt die plötzliche Einsicht, dass gerade der Wagner des Rings, der ästhetisch durchgereifte also, mehr von Bellini und einem aufgeklärten Belcanto her zu denken ist als von jenen zotteligen Gesellen mit Hellebarde und Bärenfell, die man aus der Aufführungspraxis des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kennt?

Fast nonchalant, mit Italianità und viel Legato, auf der Grundlage eines peniblen Studiums des Notentextes vor allem wischt Kaufmann hier das ganze notorische Krisengefasel um seinen Berufsstand vom Tisch. Und dies, obwohl Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin, die ihn auf seinem Wagner- Album begleiten, von Haus aus mehr zum gröberen Klangbesteck neigen. Doch auch sie lassen sich infizieren, schweben auf seidenweichen Piano-Matten, schwelgen in Farben, reden, argumentieren, machen klar, was Rhetorik bei Wagner überhaupt heißt. So dämonisch, so schwarzgallig-bitter hat man die Romerzählung des Tannhäuser selten gehört, nicht im Blech, nicht in des gefallenen Minnesängers Selbsthass und Hohn. Verse wie »Hast du so böse Lust geteilt?« zischt Kaufmann förmlich nur zwischen den Zähnen hervor.

Der Tenor Jonas Kaufmann © Decca/PetraStadler.com

Wer nun den eigenen Ohren oder Arien-Alben als Arien-Alben nicht traut, weil sie per se nur Bonbons bieten und weil im Plattenstudio immer aufgehübscht wird, der höre Kaufmanns aktuelle, fast zeitgleich erschienene Gesamteinspielung der Walküre (mit dem Orchester des Mariinski-Theaters unter Valery Gergiev): Da mögen die »Wälse!«-Rufe zwar kürzer ausfallen – was nicht zuletzt eine Frage der Freizügigkeit ist, die der Dirigent dem Sänger gewährt –, an Kaufmanns heldisch-virilem Timbre aber, an seiner osmotischen Intelligenz, seiner Intuition ändert das wenig. Dieser Wälsung wirft sich nicht blindlings dem Schicksal an den Hals, sondern hat ein klares Gespür für das, was ihm widerfährt, ist Melancholiker von Geburt. Das lehrt Kaufmanns Interpretationsansatz, und anders machte die ganze glitzernde Leitmotiv-Technik des Rings auch keinen Sinn.

Kaufmann belebt damit eine sängerische Traditionslinie, die von Wagners persönlichen Lieblingen Joseph Tichatschek und Ludwig Schnorr von Carolsfeld (von denen wir nicht wissen, wie sie als Lohengrin oder Tristan klangen) bis zu moderneren Figuren wie Lauritz Melchior oder Franz Völker reicht und nach 1945 abreißt: der Heldentenor als geschlechtsreifes Wesen, als Mann von Welt – und nicht als Metaphysikum. Neu-Bayreuth indes mit seinen »lateinischen« (sprich: antiteutonischen) Dirigenten und Lesarten, die Aufwertung der Regie im Wagnerschen Gesamtkunstwerk, das schnelle und immer schnellere Leben, die mit der Langspielplatte einsetzende Kommerzialisierung der Klassik – all das bringt einen neuen Typus hervor. Heller, schlanker und sachlicher kommt er daher, heißt Wolfgang Windgassen oder René Kollo und wäre dem Meister selbst gewiss ein Dorn im Ohr.

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Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Freiheitliche Meinungsäußerung für alle ???

Sehr geehrte Redaktion,
mit Unverständnis nehme ich ihre Notiz zu Kenntnis.
Wenn sie mir Respektlosigkeit und unsachliches unterstellen,
stellt sich folgende Frage.
Ist es gestattet einen Zeit-Kolumnisten Befangenheit (Plattenindustrie) zu unterstellen.
Und er solle gefälligst seine Ohren aufsperren (usw.usw.).
Auch die Äußerungen über Herrn Vogt und Kaufmann,
sind keine konstruktive Kritik,vielmehr Inkompetentes äußern.
Unabhängig diesen danke ich der Redaktion,
für die Veröffentlichung meines Kommentar (Tannhäuser - Düsseldorf).
OperaBelcanto (Diplom Musikwissenschaftler)

marketing

Die Katze beißt sich in den Schwanz. Offensichtlich geht ohne marketing gar nichts mehr. Im Grunde ist dieser Artikel Werbung ohne ihn als solche zu deklarieren. Die Gesellschaft braucht Stars und reduziert sich somit selbst. CDs beider Sänger sind käuflich zu erwerben, das muß verbreitet werden. Und eine Zeitung verkauft sich mit Berichten über Stars auch viel besser als mit welchen über No-names. Das wird irgendwann zum Selbstläufer und im Nachhinein ist es schwer nachvollziehbar.
Es wird eine Scheinwelt aufgebaut und als real verkauft, da ist es sehr schwer, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es einfach zu glauben ist viel weniger anstrengend. Hauptsache Photos sind dabei.