Jede Gesellschaft hat ihre Heldenbilder. Wer nach dem Inbegriff des Hollywoodstars der Nachkriegszeit fahndet, wird unweigerlich auf Cary Grant stoßen – einen Gentleman im Maßanzug, der manchmal als Hallodri, aber immer mit vollendeten Manieren und vollendet gebundener Krawatte auftrat. Dreißig Jahre später hat sich das Bild vollkommen gewandelt. Der Inbegriff des Stars heißt Bruce Willis, trägt Kapuzenpulli oder T-Shirt, flucht und fläzt sich breitbeinig durch die Szene als Held der Unterschicht. Niemand denke, dass hier der Individualität eines Schauspielers gehuldigt wurde – Bruce Willis hat auch Anzugträger mit der Überzeugungskraft eines Cary Grant darstellen können. Aber was ihn berühmt machte und wofür das Kino ihn haben wollte, war die Rolle des unrasierten Randalierers.

Das Muster wiederholt sich, wenn man durch die Geschichte des deutschen Fernsehkrimis blättert. Von den soignierten Herren im Trench, die Horst Tappert oder Erik Ode spielten, geht es geradewegs zu den verwahrlosten Junggesellen vom Schlage Schimanskis und seiner Nachfolger, die das Strickmützchen tragen, das man schon von Bruce Willis kennt und das sie fast ununterscheidbar von Schrotthändlern oder Kneipenschlägern macht. Sollte doch noch ein Anzugträger auftauchen, wie ihn Jan Josef Liefers in den Münsteraner Tatort-Folgen verkörpert, dann ist es ein Zyniker von zweifelhafter Moral. Eindeutig das Herz auf dem rechten Fleck trägt nur der ermittelnde Axel Prahl an seiner Seite – der mit dem Schlägermützchen.

Eleganz ist verdächtig geworden. Das bürgerliche Erscheinungsbild wurde im deutschen Fernsehkrimi zum Erkennungszeichen der Täter, zumindest ihrer Strippenzieher im großindustriellen Hintergrund. Der Klassenkampf, könnte man folgern, ist zumindest in den Medien zugunsten der Unterschicht entschieden worden: Siegreich ist der Held des Proletariats, immer aufs Neue entlarvt er die Schlechtigkeit der Bourgeoisie.

Vulgarität entsteht erst, wenn der Proletarier zum Proleten wird

Der Triumph vervollständigt sich, wenn man die Stand-up-Comedians und Unterschichtsdarsteller der Fernsehshows mit ins Bild nimmt. Hier zeigt sich: Der Proll muss das Herz gar nicht mehr auf dem rechten Fleck haben. Sein historischer Sieg hat ihn schon der Verpflichtung zu höherer Moral entbunden. Die Flut von Unrat und menschenverachtenden Obszönitäten, die eine Cindy aus Marzahn, ein Atze Schröder oder Mario Barth von sich geben, die schrille Geschmacklosigkeit, die eine Daniela Katzenberger oder das brutal-primitive Ehepaar Geiss ausstellen, zeigen ein Selbstbewusstsein – oder sollen es zeigen –, das sich über alle bürgerlichen Anstandsregeln hinwegsetzt. Der Prolet, der in diesen Gestalten konstruiert wird, sonnt sich in einer Freude am Niedrigen, die bis zur Selbstverachtung geht.

Und damit beginnt das Vulgäre. Nach einer Definition des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, die nur auf den ersten Blick blass wirkt, ist das Vulgäre das, was nicht bleiben darf, was es ist. Armut ist nicht vulgär – sie ist, was sie ist. Vulgär ist auch der klassische Proletarier nicht, dessen Lebensgewohnheiten den Produktionsverhältnissen abgerungen wurden. Vulgarität entsteht erst, wenn sich der Proletarier zum Proleten wandelt – wenn der Lebensstil von der ehemals zugrunde liegenden Lebensform gelöst und zum koketten Zeichen wird. Vulgär ist, wenn die Beschränktheit zur Lust an der Beschränktheit wird.

Vulgär ist der Bürger, der zu Zwecken der Anbiederung oder Steigerung seines Machotums als Proletarier auftritt. Vulgär ist der verbeamtete Kriminalkommissar, der zum Underdog stilisiert wird. Vulgär sind die Atzes und Marios und Cindys und Danielas, die vom Fernsehen dafür bezahlt werden, dass sie sich als Gefangene einer Herkunft zeigen, der sie finanziell längst entkommen sind – oder die niemals ihre Herkunft war. Cindy aus Marzahn stammt in Wahrheit aus Luckenwalde, was durchaus ein Unterschied ist: der Unterschied zwischen ländlicher Kleinstadt und großstädtischer Problemsiedlung. Vulgär ist immer die Lüge, die in der Inszenierung des Proleten steckt.

Es wäre aber falsch, darin nur ein Medienphänomen zu sehen. Die Mode hat schon vor Jahrzehnten begonnen, Elemente des Proletarischen in die Alltagskleidung für jedermann zu überführen – vom Netzhemd über Ballonseide bis zu den Slackerhosen der hiphoppenden Kleinkriminellen, von Netzstrümpfen, Leopardenjäckchen bis zu den Schlangenlederstiefeln des Rotlichtmilieus. Was anfangs als Spiel und Zitat amüsieren sollte, wurde allmählich zur Norm. Aber der Ursprung der neuen Kleiderordnung ist noch immer in der Übertypisierung der Geschlechter zu greifen: Die Frau geht zur Party hochgeschminkt und aufgemaschelt, der Mann in Freizeit- oder Arbeitsklamotten, als käme er direkt vom Fußball oder Arbeitsplatz. Offenbar ist er erst so richtig Mann, wenn er roh und unbehauen, kulturfern und motorölverbunden auftritt – darin hat die bolschewistische Propaganda überlebt, die den Proletarier nicht nur als Sieger der Geschichte, sondern als überlegen zeugungsfähig feierte.