Er heißt Jan Müller, ist 18 Jahre alt und lebt in Köln bei seinen Eltern. Sein Zimmer ist 14,4 Quadratmeter groß, an der Raufasertapete hängt ein Poster der Brooklyn Bridge. Er ist eine Art Musterdeutscher seiner Generation, erschaffen von der Werbeagentur Jung von Matt. Und er ist ein Problem für die deutsche Wirtschaft, wie Wolfgang Uchatius kürzlich in der ZEIT schrieb, denn: »Jan Müller hat genug.«

In Müllers Zimmer finden sich 500 Produkte, darunter ein Fernseher, ein Computer und eine Playstation. In seinem Regal stehen drei verschiedene Deosprays. Er konsumiert, aber seine materiellen Wünsche sind weitgehend gedeckt. Typisch für seine Lebenseinstellung ist der Satz: »Spaß und Freunde dürfen nicht zu kurz kommen.«

Können wir aus alledem schließen, dass Jan Müller zufrieden ist mit dem, was er hat? Dass er von seinem Leben nicht übermäßig viel erwartet? Oder, um es etwas eindrucksvoller zu formulieren: Ist Jan Müller der Richtige für einen »bescheideneren Kapitalismus«?

Schauen wir uns den Jungen näher an. Er versteht sich gut mit seinen Eltern, aber ein bisschen eng ist es für ihn zu Hause schon. Er will in eine eigene Wohnung ziehen. Das ist in Köln nicht einfach, die Stadt ist beliebt bei jungen Leuten. Es leben dort viele Singles, es fehlt an kleinen Wohnungen. Jan Müller findet es skandalös, dass nicht schnell mehr Wohnungen gebaut werden.

Um sich die Miete leisten zu können, hat Müller einen Job angenommen, er hilft stundenweise in einer Firma, das Computersystem vor Viren zu schützen, mit so etwas kennt er sich gut aus.

Jan Müller will studieren. Aber vorher will er etwas von der Welt sehen, eine große Reise machen, USA, Kanada und vielleicht auch mal Asien. Sein Studium will er dann aber am liebsten zu Hause in Köln anfangen, Bonn ginge auch, zur Not sogar Münster oder eine Uni im Ruhrgebiet. Er hat gelesen, dass die Hochschulen in Nordrhein-Westfalen derzeit so überlastet sind wie niemals zuvor, und fragt sich, warum die Politiker daran nichts ändern. Warum nicht mehr Professoren eingestellt werden. Warum man die Unis nicht besser ausstattet und die alten Bauten gründlich saniert.

Was Wirtschaftswachstum bedeutet, darüber hat Jan Müller noch nie länger nachgedacht. Aber er hat ziemlich genaue Vorstellungen darüber, was man besser machen könnte in Deutschland. Und fast alles, was ihm vorschwebt, würde sich in dem niederschlagen, was Ökonomen das Bruttoinlandsprodukt nennen.

Teilnahme an der Wirtschaft als Konsument

Die Energiewende findet Jan Müller richtig und gut. Der Bau neuer Windräder kann ihm gar nicht schnell genug gehen. Der Schüler denkt derzeit nicht daran, sich ein Auto zu kaufen, in Köln kommt er gut ohne klar. Er wünscht sich mehr Busverbindungen und ärgert sich über Ausfälle bei der Bahn, die nicht genug in Züge investiert hat.

Jan Müller ist ein ganz normaler junger Deutscher. Es geht ihm besser als den meisten Menschen seines Alters auf der Welt, aber er ist nicht der Typ, der dafür täglich Dankgebete sprechen würde. Man sollte von ihm nicht erwarten, dass er ein völlig anderes Leben als seine Eltern führen wird. Es ist alles in allem ein sehr gutes Leben, wenn es auch manchmal anstrengend ist.

An der deutschen Wirtschaft nimmt Jan Müller bisher fast nur als Konsument teil, aber er wird in den kommenden Jahren in sie hineinwachsen.

Diese Wirtschaft ist heute so groß und so stark und so leistungsfähig wie noch niemals in ihrer Geschichte. Im vergangenen Jahr schufen die Menschen und Unternehmen in diesem Land Produkte und leisteten Dienste im Wert von 2.644 Milliarden Euro – trotz der Krise.

1960 (als Jan Müllers Vater geboren wurde) betrug dieses Bruttoinlandsprodukt erst 155 Milliarden Euro, einen Bruchteil. Allerdings war das Geld damals viel mehr wert. Aber auch wenn man die Preissteigerungen herausrechnet, zeigt sich ein starkes Wachstum in diesen 53 Jahren. Real hat sich die deutsche Wirtschaft auf das Dreieinhalbfache vergrößert.

Schaut man sich die Entwicklung genauer an, fällt etwas anderes auf: Die Wirtschaft wächst in Schüben. Seit Mitte der sechziger Jahre ist für die Bundesrepublik Deutschland dieses Muster erkennbar: Auf Jahre mit stärkerem Zuwachs folgen solche mit geringerem, die Wirtschaft stagniert für kurze Zeit oder schrumpft, bevor es wieder aufwärtsgeht.

Lässt mit steigendem Wohlstand der Menschen das Wachstum nach? Nein, 1970 war das Wachstum größer als 1958. Im Jahr 1988 wuchs die Wirtschaft kräftiger als im Wirtschaftswunderjahr 1963. Und 2010 war das Plus an Gütern und Dienstleistungen größer als in irgendeinem der achtziger Jahre.