DIE ZEIT: Ärzte würden ihre Weiterbildung zum Facharzt im Grunde nebenher machen, sagen Sie. Einen wirklichen Standard, den man beherrschen müsse und der auch überprüft werde, gebe es nicht. Werden in deutschen Kliniken schlechtere Fachärzte ausgebildet als anderswo?

Hendrik van den Bussche: Einen belastbaren internationalen Vergleich über die Qualität der Fachärzte und der Facharztweiterbildung gibt es nicht. Was aber feststeht: Nach sieben Jahren hatten weniger als zwei Drittel der Männer und gerade einmal die Hälfte der Frauen eine fachärztliche Weiterbildung abgeschlossen, das ergab eine Studie der Landesärztekammer Hessen 2004. Nach elf Jahren waren es bei den Ärztinnen noch immer weniger als zwei Drittel. Dabei sollen die meisten Weiterbildungen in der Medizin gemäß Weiterbildungsordnung fünf bis sechs Jahre dauern.

ZEIT: Woran liegt das?

Van den Bussche: Unter anderem an dem Unterschied zwischen dem, was verlangt wird, und dem, was man in der Praxis tatsächlich machen und lernen kann. Man braucht in der Regel eine gewisse Zahl von bestimmten Untersuchungen und Behandlungen und eine gewisse Zeit auf verschiedenen Stationen. In vielen kleineren Krankenhäusern aber gibt es manche Untersuchungen fast gar nicht, die für den Facharzt verlangt werden. So gehen den Assistenzärzten dann Jahre verloren. Unter den jungen Kollegen und Kolleginnen entsteht da manchmal ein regelrechter Konkurrenzkampf um die besonders begehrten Untersuchungen. Wer in Teilzeit arbeitet, für den oder die ist es noch schwieriger. Zeiträume von weniger als sechs zusammenhängenden Monaten werden in der Regel gar nicht anerkannt. Das kann in Einzelfällen sehr ärgerlich sein. Es gibt Ärztinnen, die waren fünf Monate und drei Wochen auf einer Station und sind in der letzten Woche in Mutterschutz gegangen. Anerkannt wurde ihnen dann kein einziger Tag. Offenbar will man hier aber kulanter werden.

ZEIT: Es sind also schon Verbesserungen geplant?

Van den Bussche: Ja, aber nur im Detail. Man hört des Öfteren, dass Chefärzte ihren Assistenzärzten in Weiterbildung die notwendigen Operationen oder Untersuchungen bescheinigen, selbst wenn sie weniger davon durchgeführt haben. Das elementare Problem aber, das alles überragt, ist: In den ärztlichen Weiterbildungsordnungen stehen als Anforderungen nur Zeiten und Mengen. Man muss so und so lange in der Kardiologie gearbeitet haben und so und so viele Ultraschalluntersuchungen gemacht haben, um Kardiologe zu werden. Beschrieben ist aber nicht, was ein Kardiologe am Ende der Weiterbildung können muss und wie er diese Qualifikation erwirbt.

ZEIT: Es gibt doch eine Facharztprüfung am Ende.

Van den Bussche: Ja, eine mündliche Prüfung, die eine halbe Stunde dauern soll. Das reicht für eine gründliche Prüfung der Qualifikation keineswegs aus. Sonst gibt es keine systematische Überprüfung der Qualifikation: keine Präsentationen in Seminaren, keine Klausuren, keine Zwischenprüfungen, nichts. Die meisten denken nicht an ihre Facharztausbildung, in der sie ja eigentlich die ganze Zeit sind – erst kurz vor der mündlichen Prüfung fangen sie an, in die Bücher zu schauen. Denn die Weiterbildung ist nicht das Ziel der Arbeit, sondern ein Nebenprodukt: Man arbeitet und sammelt dabei seine Nachweise. Learning by Doing. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine Struktur in der Weiterbildung, die garantiert, dass alle Fachärzte das Gleiche auf hohem Niveau lernen.

ZEIT: Wie ließe sich die Facharztausbildung verbessern?

Van den Bussche: Zunächst einmal brauchen wir eine Struktur, ein Curriculum, in dem sich die Ärzte und Ärztinnen bewusst in Richtung Facharzt bilden. Wichtig dazu sind nicht nur praktische Arbeiten, sondern auch Seminare und zielgerichtete theoretische Veranstaltungen. Hierzulande bilden sich Assistenzärzte durchschnittlich nur vier Stunden im Monat fort, und die sind noch nicht einmal verpflichtend. Den Rest der Zeit arbeiten sie praktisch. Praxis ist wichtig, aber das ist für meinen Geschmack zu viel Learning by Doing und zu wenig Vermittlung von Hintergrundwissen. Man bräuchte also eine bessere Kombination von Praxis und Theorie.