Hurra, ein neues Generationenlabel! "Generation Y" soll die heute 20- bis 30-Jährigen charakterisieren: Sie sind selbstbewusst, anspruchsvoll, auf der Suche nach Sinn statt Status. Zumindest stand es so in dieser Zeitung (ZEIT Nr. 11/13).

Eine bemerkenswerte Wende. Schließlich war vor Kurzem noch die Rede von der "Generation Praktikum", die sich – während sie von einem festen Platz auf dem Arbeitsmarkt träumt – unterbezahlt von einer Projektstelle zur nächsten hangelt. Haben sich die prekär beschäftigten Endzwanziger in die neuen Superhelden der Arbeitswelt verwandelt?

Keineswegs. Die zahlreichen Etiketten für diese Altersgruppe, von Generation Praktikum über Generation Doof bis zur Generation Y, lassen sich deshalb so geschmeidig austauschen, weil sie zwar eingängig klingen, mit der Realität aber wenig zu tun haben. Der Begriff Generation Praktikum löste eine breite Debatte aus, obwohl die empirische Basis für die These zu jedem Zeitpunkt dünn war. Die Rede von der Generation Y ist nicht weniger irreführend. Wie alle Generationenlabels bläht sie die Erfahrungen einiger zur Beschreibung aller auf. Doch selbst wer mit Generation Y nur die hochqualifizierten 20- bis 30-Jährigen meint, kaschiert ihre Lebenssituation in zwei wesentlichen Punkten.

Erstens: Wer heute studiert, ist einem Lebenslaufdruck ausgesetzt wie keine Generation zuvor. Jahrelang trichterten Dozenten und Personalchefs den Studenten ein: Deutsche Absolventen sind zu alt, ihnen muss das Bummelstudium ausgetrieben werden. Sie sollen mit Bestnote abschneiden, Erfahrung im Ausland sammeln, eine zweite, besser eine dritte Fremdsprache beherrschen, Praktika absolvieren und sich nebenbei noch ehrenamtlich engagieren, denn das stärkt schließlich die Persönlichkeit. Kurz: Für einen Durchschnittsstudenten ist in der Arbeitswelt von heute kein Platz mehr.

Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Das Studium wurde im Zuge der Bologna-Reform kürzer und schlanker, Werdegänge wurden einheitlicher und geradliniger. Gleichzeitig ist für viele Absolventen der Druck gestiegen, den Anforderungen gerecht zu werden. Wer in diesem Klima Sorge hat, der eigene Lebenslauf sei nicht perfekt genug, für den klingt die Rede von der lässigen und selbstbewussten Generation Y wie Hohn.

Das Etikett "Generation Y" ist untauglich

Zweitens: Die Arbeitgeber haben bislang wenig von ihrer Macht auf dem Arbeitsmarkt eingebüßt. Die häufigen Jobwechsel der 20- bis 30-Jährigen beispielsweise sind nicht die Folge einer neuen Anspruchshaltung der Berufseinsteiger, wie im Zusammenhang mit der Generation Y suggeriert wird ("Wenn es mir hier nicht gefällt, gehe ich eben woanders hin"). Stattdessen waren es die Unternehmen selbst, die den Treuepakt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgekündigt haben, indem sie viele Stellen gerade für Einsteiger nur noch befristet besetzen.

Die demografische Entwicklung mag den heute 20-Jährigen langfristig zu mehr Einfluss auf dem Arbeitsmarkt verhelfen. Noch betreten sie allerdings eine Berufswelt, in der trotz des viel beklagten Fachkräftemangels in erster Linie die Unternehmen die Regeln diktieren.

Vieles von dem, was der Generation Y zugeschrieben wird, würde die Arbeitswelt zum Guten verändern: der Wunsch nach flexibler und selbstbestimmter Arbeit. Mehr im Team und mit weniger Hierarchien. Die Forderung nach Sinn statt nach Status und nach mehr Zeit für Familie und Freizeit. Doch als Beschreibung eines Zustands oder als Charakterisierung einer Altersgruppe ist das Etikett "Generation Y" untauglich.