Es dämmert bereits, als eine ältere, fein gekleidete Frau auf die Schwelle ihres Hauses irgendwo im Speckgürtel von Buenos Aires tritt und mit schüchternem Lächeln in ein Dutzend Fernsehkameras blinzelt. Ein Reporter hält ihr sein Mikro vors Gesicht. Er möchte wissen, stellvertretend für den Rest der Welt, wer dieser Mann ist, der tags zuvor in Rom auf den Balkon des Petersdoms trat und der Menge mit genau demselben Lächeln einen guten Abend wünschte.

"Jorge ist genauso einfach und bescheiden, wie er dort gestern stand", sagt María Elena Bergoglio. So wie sie ihn kenne, werde er sie nicht einladen nach Rom, auch wenn sie seine Schwester sei: "Er wird mit dem Geld lieber den Armen helfen."

Die ersten Fragen sind nur ein höflicher Prolog. Der Fernsehmann lenkt das Gespräch auf die Vergangenheit, auf die dunklen Jahre der argentinischen Diktatur, als zwei junge Priester aus dem Jesuitenorden, dem María Elenas Bruder als Provinzial vorstand, monatelang in einem Folterlager verschwanden. Was hatte Jorge Mario Bergoglio damit zu tun? Stimmt es, was die Zeitungen berichten, dass diese Mitbrüder vom heutigen Papst ans Militär verraten wurden?

María Elena senkt den Kopf. Sie sieht müde aus, eine 65-jährige Frau, die erst noch begreifen muss, was das alles jetzt bedeutet, für ihre Familie, für das Verhältnis zu ihrem Bruder, der künftig sehr weit weg sein wird. Sie wartet darauf, dass er anruft, aber die Anrufe der Journalisten blockieren ihre Leitung. Ein Handy hat sie nicht. "Es wird sich alles klären", sagt sie. "In wessen Leben liegen keine Steine auf dem Weg?"

Die Argentinier sind stolz, dass der erste Papst aus Südamerika einer von ihnen ist, aber viele fürchten auch, dass mit Bergoglios Biografie etwas nicht stimmen könnte. Journalisten beschäftigen sich mit seiner Rolle in der Diktatur, mit den Verwicklungen der Kirche in Entführungen und Morde, ihrer Nähe zu den Junta-Generälen. Es ist eine Debatte, die durch Bergoglio wieder aufflammt und in der sich eine tiefe innere Zerrissenheit Argentiniens spiegelt.

Bergoglio spaltet das Land. Man ist für ihn oder gegen ihn, man vertraut ihm, oder man vertraut ihm nicht. Menschenrechtsanwälte, Rechercheure, Angehörige von Opfern wollen Klarheit. Sie werfen Bergoglio vor, ein Taktierer zu sein, der sich zu arrangieren wusste mit den Mächtigen. Andere, wie seine Schwester oder alte Ordensbrüder, verteidigen seine persönliche Integrität.

Dokumente und Indizien zum Fall der beiden Jesuiten fügen sich zu einem Bild des neuen Papstes, das der Kirche nicht gefallen kann. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi hat erklärt, es handle sich um eine "Kampagne antiklerikaler linker Elemente".

"Rom hat gesprochen, damit ist die Diskussion beendet", sagt Rodolfo Yorio am selben Nachmittag in einem Hinterhof in Buenos Aires. Yorio, ein alter Mann in einem zerschlissenen Jackett, kämpft seit Jahren um Gerechtigkeit für seinen Bruder Orlando. Der war einer der beiden Jesuiten und starb vor 13 Jahren – "unversöhnt", wie Yorio sagt. Gemeinsam mit einem Menschenrechtsanwalt hat er eine Klage gegen Bergoglio vorbereitet. Es geht um Beihilfe zur Freiheitsberaubung. Seit 2005 liegen die Unterlagen bei Gericht, aber seitdem ist nicht viel passiert.

Yorio erinnert sich genau, wie sich das Militär 1976 an die Macht putschte. Die Generäle machten Jagd auf Bürger, die sie verdächtigten, die Ordnung zu gefährden, auf Guerilleros, Studenten, Gewerkschafter und Priester. Zehntausende verschwanden allein in den ersten Jahren der Diktatur. Orlando lebte damals mit seinem Mitbruder Franz Jalics am Rand eines Elendsviertels. Sie wollten da sein für die Leute, "unpolitisch, friedlich", wie Yorio sagt; Bergoglio, der ihr Vorgesetzter war, hatte sie zunächst dazu ermuntert. Doch als ihre Nähe zu den Armen die beiden aus Sicht des Militärs zu Aufrührern machte, die die Massen für den Kampf mobilisieren könnten, warnte er sie. Geht fort, so Bergoglio, es ist gefährlich.

Bergoglio weicht aus, er windet sich

Wenn sie trotzdem als Priester in dem Viertel bleiben wollten, müssten sie sich einen Bischof suchen, der sie unter seine Obhut nähme. Doch wo sie auch vorsprachen, erklärte man ihnen, sie hätten schlechte Referenzen. Bergoglio habe nicht gut über sie gesprochen, sagt Orlandos Bruder. Jalics schreibt in einem Buch, Bergoglio habe das Gerücht verbreitet, sie seien in der Terrorszene tätig.

Am Sonntag des 23. Mai 1976 umstellten 300 schwer bewaffnete Polizisten und Militärs die Hütte, in der er und Orlando lebten. Soldaten stülpten ihnen Kapuzen über den Kopf und brachten sie in die Marineschule Esma, das größte Foltergefängnis der Diktatur. Fünf Monate blieben sie in Haft, angekettet an eine Eisenkugel, immer mit verbundenen Augen. Es war Bergoglio, der Rodolfo Yorio Wochen später aufsuchte und ihn bat, die Mutter auf das Schlimmste vorzubereiten.

"Für mich", sagt Yorio "hat Bergoglio ganz klar ein doppeltes Spiel gespielt. Nach außen hin gab er durch seine Warnung den Beschützer, aber hintenrum hat er sie aufgespießt."

Kirche und Generäle verstanden sich bestens

Vor ihrer Verhaftung, schreibt Jalics in seinem Buch, habe Bergoglio ihm versprochen, zu den Militärs zu gehen, um klarzustellen, dass sie keine Terroristen seien. "Nach späteren Aussagen eines Offiziers und bezeugt von dreißig Dokumenten, die ich später in der Hand hielt", notiert er, "war unzweifelhaft, dass dieser Mann sein Versprechen nicht gehalten hatte." Mehr noch: "Ihm musste bewusst gewesen sein, dass er uns mit dieser Aussage in den sicheren Tod schickte."

Klerus und Militär waren einander damals eng verbunden. "Meine Beziehung zur Kirche war exzellent, wir hatten ein herzliches, ehrliches und offenes Verhältnis", ließ vor Kurzem der Ex-Diktator Jorge Rafael Videla aus dem Gefängnis wissen. Vom damaligen Marinechef Admiral Massera ist bekannt, dass er damals regelmäßig mit dem Nuntius Pio Laghi Tennis spielte. Ein Marineoffizier, der beichten wollte, dass er mehrere Menschen lebend aus einem Flugzeug ins Meer gestoßen hatte, erfuhr von seinem Militärpriester, dass das nicht nötig sei. Die Todesflüge seien eine "christliche Methode". Die Junta zeigte sich erkenntlich. Sie erließ ein bis heute gültiges Gesetz, das Bischöfen und Erzbischöfen eine großzügige Extrarente garantiert.

Im Oktober 1976, nach fünf Monaten Haft, wurden Jalics und Orlando Yorio freigelassen. Während Orlando für eine Weile in die USA zog, ging Jalics nach Deutschland, wo er bis heute lebt. 2010 wurde Bergoglio erstmals öffentlich zu ihnen vernommen, im Rahmen eines Gerichtsprozesses, in dem die Folterungen in der Marineschule aufgearbeitet wurden. Das Protokoll ist aufschlussreich. Nachdem Bergoglio erklärt hat, dass er damals Admiral Massera aufgesucht habe, um ein Wort für seine Mitbrüder einzulegen, fragt ihn der Opferanwalt, woher er gewusst habe, dass es die Marine gewesen sei, die Yorio und Jalics in Gewahrsam hatte.

"Das war vox populi", erklärt Bergoglio, also allgemein bekannt. "Vox populi?", fragt der Anwalt. Als spräche sich automatisch herum, welche Waffengattung der Streitkräfte eine Gefangennahme durchgeführt hat. "Das sagten Leute, die man fragte", so Bergoglio. "Welche Leute?", will der Anwalt wissen. "Die, die Einfluss hatten." Ob er Namen wisse, sich an irgendwen erinnere, mit dem er damals gesprochen habe? Bergoglio verneint. Waren es Kirchenobere? Der Kardinal? "Alle", sagt Bergoglio, "an die man sich in einem Augenblick der Verzweiflung wandte, Freunde, Bekannte." So geht es weiter, viele Seiten lang. Bergoglio weicht aus, er windet sich.

"Eine seltsame Auffassung von Bescheidenheit ist das"

Es ist eine Erfahrung, die auch andere mit ihm gemacht haben. Estela de la Cuadra, eine Rentnerin, aus deren Familie sieben Menschen verschwunden sind, wünschte sich Bergoglio als Zeugen in einem Prozess, der den Raub von 500 Kindern verschwundener Regimegegner aufklären sollte; sie glaubte, dass er darüber etwas wissen könnte. Aber Bergoglio beantwortete die Fragen nur schriftlich und teilte mit, dass er sich erst Ende der achtziger Jahre näher mit dem Schicksal der Kinder von Verschwundenen beschäftigt habe. "Wie kann das sein, dass er nichts davon wusste?", fragt Estela de la Cuadra. "Kirchenzeitungen im Ausland berichteten schon in den 70ern ausführlich darüber. Wir haben damals Anzeigen geschaltet, die sogar von Bischöfen unterschrieben wurden." Sie hätte gern nachgefragt, aber Bergoglio erschien nicht im Gerichtssaal. "Eine seltsame Auffassung von Bescheidenheit ist das", sagt Estela de la Cuadra.

Das Dokument, das Bergoglios Glaubwürdigkeit am stärksten infrage stellt, hat Horacio Verbitsky gefunden. Verbitsky ist einer der bekanntesten Journalisten des Landes, er hat Bücher zur Aufklärung der Diktaturverbrechen recherchiert und den Fall von Yorio und Jalics dokumentiert. Er sitzt in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, ein schmaler Herr, dessen Handy alle zwei Minuten klingelt. Verbitsky ist ein gefragter Mann in diesen Tagen.

Alles nur ein Missverständnis, erklärte Bergoglio

Bei dem Dokument handelt es sich um eine Gesprächsnotiz aus dem Außenministerium, die aus der Zeit stammt, in der Yorio und Jalics Argentinien bereits verlassen hatten. Jalics befand sich damals schon in Deutschland, sein Pass war abgelaufen. Er bat Bergoglio als Provinzial, in seinem Namen einen neuen Ausweis zu beantragen. Bergoglio hielt Wort. Im Außenministerium sprach er mit einem Beamten namens Orcoyen. Der Notiz zufolge sprach Bergoglio dabei auch über den eigentlich längst widerlegten Verdacht, dass Yorio und Jalics Kontakte zur Guerilla gehabt haben sollten. Er erzählte, dass sie sich geweigert hätten, aus dem Elendsviertel wegzugehen. Das Papier endet mit dem Nachtrag: "Diese Angaben wurden dem Herrn Orcoyen durch Padre Bergoglio selbst vermittelt. Mit der speziellen Empfehlung, dass dem Antrag (für den Pass, die Red.) nicht stattgegeben wird."

Bergoglio selbst erklärte seiner Biografin, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe. Er habe dem Beamten mitgeteilt, dass Jalics unschuldig verhaftet worden sei. Was auch immer er gesagt hat, Jalics bekam damals keinen Pass. Er ist außer Bergoglio wohl der Einzige, der weiß, was in diesen Jahren wirklich geschehen ist, aber er will nicht mehr darüber reden. Jalics hat abgeschlossen mit der Sache und Bergoglio verziehen. Die Dokumente, die er besaß, hat er verbrannt.

Das argentinische Fernsehen sendet in dieser Woche Berichte, in denen Priester erzählen, dass Bergoglio sie vor den Schergen der Diktatur versteckt habe. Vor der Kathedrale auf der Plaza de Mayo sammeln sich in der Nacht vor seiner Amtseinführung Tausende von Menschen. Straßenverkäufer bieten Sticker und Fotos von einem Mann an, der milde lächelt. Die Argentinier auf den Platz kaufen nicht mehr Bergoglio. Sie wollen jetzt Franziskus.

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