Berliner PhilharmonikerWo bleibt der Kopf?

In fünf Jahren brauchen die Berliner Philharmoniker einen neuen Chefdirigenten. Die Suche hat gerade begonnen. Was der Nachfolger von Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Simon Rattle können muss. von Christine Lemke-Matwey

Die Berliner Philharmonie

Die Berliner Philharmonie  |  © Sean Gallup/Getty Images

Anfang März 2013, das Publikum in der Berliner Philharmonie tobt, es rast, auch die Philharmoniker klopfen wohlwollend an ihre Notenpulte. Und weil er in seiner Bescheidenheit nach der dritten Verbeugung für dieses konzertante Tannhäuser-Vorspiel mal wieder nicht weiß, wohin mit sich, richtet Andris Nelsons, der Dirigent, den Blick an die Saaldecke und macht eine Geste von wegen: Bedankt euch bei dem da oben, ich bin nur der Evangelist, ein kleines Licht. Was so natürlich nicht stimmt, weshalb Solocellist Ludwig Quandt belustigt die Stirn runzelt. Eine musikalische Interpretation wie die eben erklungene, die mit feinstem, witzigstem dialektischem Besteck hantiert und trotzdem naiv bleibt, fast kindlich in ihrer Wagner-Emphase, mag vielleicht nicht ganz mit rechten Dingen zugehen. Ans Metaphysische jedoch, an Götter und Geister sind die Fragen, die hier aktuell im Raum stehen, nicht zu delegieren.

Gesucht wird ein Nachfolger für Simon Rattle, den noch bis 2018 amtierenden Chefdirigenten und künstlerischen Leiter der Berliner Philharmoniker, und jeder, der heute, morgen oder in näherer Zukunft bei Deutschlands erstem Eliteorchester gastiert und die 75 noch nicht überschritten hat, wird als potenzieller Kandidat gehandelt. Auch Nelsons, der 34-jährige Lette mit dem Leuchten im Bubengesicht, gerade Nelsons, vielleicht. Das, sagen die Musiker, hat er selbst in der Hand. Hat er es wirklich?

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Gesucht wird außerdem – und das hebt jede bloße Personaldebatte aus den Angeln – eine Antwort auf die Frage, wo sich der Musikbetrieb in Zukunft verorten kann und will: wieder mehr im Ästhetischen, in stilistischen Kernkompetenzen, in »Lufthoheiten« über gewisse Repertoires, weil die einzige Chance der Kunst eben doch die Kunst ist und nicht deren ach so virtuose Vermittlung und Verkaufe? Das könnte eine Lehre aus dem vergangenen Jahrzehnt sein, auch bei den Philharmonikern, die ihre Außendarstellung viel Energie gekostet hat. Oder will sich der Betrieb noch stärker dem Kommerziellen in die Arme werfen, der medialen Verwertung von Produkt und Produkten, weil die öffentlichen Kassen leer sind und nicht einmal hochgetunte Events mehr etwas abwerfen? Oder sieht er seine Zukunft schwerpunktmäßig doch im Pädagogischen, in der Musikerziehung, um das Versagen von Elternhäusern und Schulen zu kompensieren und demnächst nicht vor leeren Sälen zu spielen?

Möglich ist alles. Nur eins sollte es nicht geben: den vielbeinigen Spagat. Weil den nicht einmal der smarte Simon geschafft hat, und er hat viel geschaffen und geschafft: ein exemplarisches Education-Programm, Live-Streaming im Internet (die Digital Concert Hall), Kinofilme, Lunchkonzerte und natürlich die wirtschaftliche Konsolidierung durch Gründung einer Stiftung. Nur die »leichte Mozart-Beethoven-Schubert-Schumann-Brahms-Fremdheit«, die Joachim Kaiser 1999 süffisant unterstellte, ist ihm geblieben. Im deutschen Fach hat Rattle nicht reüssiert, und etliche Stimmen sagen, damit habe er die Philharmoniker ihrer Seele beraubt. Einer Seele, die sie unter dem italienischen Anti-Maestro Claudio Abbado, Rattles Vorgänger, noch spürten und unter Gästen wie Andris Nelsons bisweilen zumindest ahnen. Die »Rattle-Band« mag in ihrer Anmutung flexibler geworden sein, offener, freier, pluralistischer, ja heutiger – aber sie ist auch austauschbarer als früher, kühler. Flexibel, offen und frei wollen heute alle sein. Doch in welche Richtung sollte sich das Rad drehen, wenn es vermeintlich zurückgedreht würde? Was heißt Wandel, was Verlust oder gar Verrat?

Die Philharmoniker haben die Wahl, und sie haben sie wirklich. Mit der Rattle-Nachfolge legen sie stellvertretend für die ganze Branche ein Glaubensbekenntnis ab. Ablesbar wäre daran im besten Fall, wie die Last und Lust der Tradition sich zu den Gewinnen und Gefahren des 21. Jahrhunderts verhält – und wie beides einander in Zukunft befruchten kann, nicht schmälern. Das macht die Sache weit über die Klassik hinaus so spannend.

Andris Nelsons trägt ein kleines, goldenes Kreuz um den Hals, mit seiner Geste könnte er also tatsächlich den lieben Gott gemeint haben (schließlich wurde auch der Papst nicht von den Kardinälen gewählt). Oder eben Richard Wagner, was für Nelsons, ohne blasphemisch zu sein, nahezu aufs Gleiche herauskommen dürfte. Mit dem Tannhäuser erlebte der Fünfjährige einst seine Initiation in die Musik, insofern ist diese Programmwahl für ihn sicher hochsymbolisch. Auch dadurch übrigens, dass Mozarts Symphonie Nr. 33 in B-Dur KV 319, die davor erklingt, erstmals von Herbert von Karajan aufgeführt wurde, bei dessen erstem Gastauftritt anno 1938 – wenn das kein Zeichen ist! Karajan leitete die Philharmoniker dinosaurierhafte 34 Jahre lang, von 1956 bis 1989, polierte ihren virilen, energetischen Luxussound, feilte an der Perfektion, etablierte sie als Marke. Ist Andris Nelsons also bereits der heimlich Auserkorene – zumal er seit 2008 hauptberuflich jenes Orchester leitet, mit dem sich Simon Rattle in den Achtzigern in die Umlaufbahn des Klassik-Business schoss, das City of Birmingham Symphony Orchestra? Noch ein Zeichen.

Die Nervosität, mit der der junge Lette diesmal in Berlin agiert, könnte dafürsprechen. Oder dagegen. Nervös ist seit dem 10. Januar, als Rattle seinen Rücktritt bekanntgab, fast jeder. Diejenigen, die in der laufenden Saison noch kommen, sowieso (Paavo Järvi, Mariss Jansons) – und diejenigen, die da waren, rückblickend eigentlich auch (Ingo Metzmacher, Myung-whun Chung, Christian Thielemann, Kirill Petrenko, Riccardo Chailly, Gustavo Dudamel, Manfred Honeck). Fehlen noch Namen wie Esa-Pekka Salonen, Yannick Nézet-Séguin oder Pablo Heras-Casado, und man hätte sie alle beisammen. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen (oder mit dem Krokodil), wenn sich darunter der Neue nicht fände.

Alles Humbug, sagt Peter Riegelbauer, Kontrabassist und Orchestervorstand, auf dem Weg nach Baden-Baden, wo die Philharmoniker am Wochenende mit Mozarts Zauberflöte die eigens für sie neu gegründeten Osterfestspiele eröffnen. Der Bruch mit Salzburg (ihre österliche Residenz seit 1964, von Karajan erfunden), die Diskussion um aberwitzig hohe Kartenpreise und die soziale Verträglichkeit der Hochkultur, das hatte 2011/12 viel Staub aufgewirbelt. Inzwischen ist die Empörung abgeklungen, der Intendant der Philharmoniker, Martin Hoffmann, nennt Baden-Baden sibyllinisch ein »Abenteuer«, und die Musiker schicken sich drein. In Baden-Baden, heißt es, würden sie erstmals über die Zeit nach Rattle beraten. So formuliert Riegelbauer das natürlich nicht, er spricht vage von »bald«, lässt den Ort weg und tritt auch sonst auf die Bremse: Eine erste Orchesterversammlung könne bestenfalls das Prozedere klären und einen »Fahrplan« aufstellen: »Dann wird man diese Klappe erst einmal wieder schließen, um sehr viel später in die inhaltliche Diskussion einzutreten.«

Leserkommentare
  1. .
    Der Dirigentenstab der Philharmoniker gehört in deutsche Hände!

    ...nach Furtwänlger und Karajan...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genauso könnten sie sagen, dass sie nur in Berliner Hände gehört. Das ist einfach unsinnig. Fremde Einflüsse haben der Musik noch nie geschadet.

    Wollen oder können Sie nicht wissen, dass Thielemann seit 2012 bei der Sächsischen Staatskapelle verpflichtet ist.

    Und dort augesprochen glücklich zu sein scheint - er selbst redet sinngemäß davon in seinem musikalischen Zuhause angekommen zu sein!

    Die Tannhäuser-Ouvertüre war grandios!

    Ich bin wegen Schostakowitsch gegangen. Begeistert hat mich Wagner.

    Schade, dass wir Berliner nicht mit abstimmen dürfen ;)

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    Als Österreicher mit osmanisch-giechischen Wurzeln wurde Karajan bereits 1933 Mitglied der NSDAP in Salzburg.
    Diese Art "teutscher" Volkstümelei brauchen die Philharmoniker heute sicher nicht mehr!

  3. Als Österreicher mit osmanisch-giechischen Wurzeln wurde Karajan bereits 1933 Mitglied der NSDAP in Salzburg.
    Diese Art "teutscher" Volkstümelei brauchen die Philharmoniker heute sicher nicht mehr!

    7 Leserempfehlungen
  4. Ich persönlich würde mich über Dudamel sehr freuen, weil ich seine Art, Interpretation und Offenheit gegenüber Neuem sehr schätze. Man darf nicht vergessen, dass die Berliner Philharmoniker auch unter Karajan schon immer am Puls der Zeit waren und in meinen Augen gerade durch die Digital Concert Hall etc. auch immer noch sind. Die Tendenz geht in meinen Augen spürbar weg von der "perfekten CD" hin zu "erlebarer Musik" die zu großten Teilen von dem Augenblick selbst lebt.

    Allgemein sehe ich in dem sinkenden Alter grundsätzlich kein Problem. In Wien wird ausschließlich mit Gastdirigeten "gearbeitet" und der Qualität des Orchesters tut es mitnichten einen Abbruch - im Vergleich dazu sind selbst 15 bis 20 Jahre eine enorm lange Zeit.

  5. Genauso könnten sie sagen, dass sie nur in Berliner Hände gehört. Das ist einfach unsinnig. Fremde Einflüsse haben der Musik noch nie geschadet.

    3 Leserempfehlungen
  6. Warum taucht der in der Aufzählung nicht auf? Was der mit/aus dem NDr Orchester gemacht hat, finde ich schlicht spektakulär und so absolut nicht erwartbar. Und macht auch tolles Repertoire - unerwartet, abwechslungsreich, stimulierend. Und handwerklich sowieso über jeden Zweifel erhaben. Für mich einer der originellsten Köpfe. Mit Thielemann reisen die Berliner doch ins Museum. Was wollen die denn da?

    Eine Leserempfehlung
  7. auch ich wuerde mich ueber eine Verpflichtung von Herrn Dudamel freuen. Sein Enthusiasmus und seine Einfuehlbarkeit waeren sicherlich eine Bereicherung fuer die hervorragende Berliner Philharmonie. Man kann von einander profitieren.

  8. Wollen oder können Sie nicht wissen, dass Thielemann seit 2012 bei der Sächsischen Staatskapelle verpflichtet ist.

    Und dort augesprochen glücklich zu sein scheint - er selbst redet sinngemäß davon in seinem musikalischen Zuhause angekommen zu sein!

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    Wenn der Posten in Berlin vakant wird ist es doch völlig normal, dass sich das Karussell der Namen zu drehen beginnt - immerhin ist es weltweit wohl einer der angesehensten und wohl auch begehrtesten Posten dieser Art. Dass Thielemann im besten Alter, als Berliner und Karajanassistent erst mal automatisch in der medialen Verlosung mit drin ist, ist in meinen Augen ebenso klar.

    Da muss man nicht übermäßig dramatisieren. Ich sehe darin auch keine Ignoranz, sondern im Gegenteil eine Ehre.

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