Peter Wachs legt täglich seine "Einheiten" zurück. Etwa fünf Stunden lang ist er dann unterwegs: zu Fuß, auf Skiern oder dem Fahrrad. Wer einfache psychologische Erklärungen mag, könnte meinen, Peter Wachs aus Dresden laufe weg. Vor seiner Stasi-Vergangenheit zum Beispiel.

An einem Tag im vorigen Herbst trieb ihn seine Rastlosigkeit zur Bibliothek. Wachs stöberte am Stand mit den 50-Cent-Büchern; dann bei den Prospekten, und auf einem stand fett gedruckt: Meine Akte und ich. Die Bürgerbühne des Staatsschauspiels suche Leute, "die bereit sind, auf der Bühne von den Erfahrungen mit ›ihrer Akte‹ zu erzählen". Wachs war dazu bereit, wie er früher schon "immer bereit" war. Mehr noch: Er hat auf eine Gelegenheit wie diese schon seit dem Mauerfall gewartet.

Am 28. April wird Peter Wachs einer von mehreren Darstellern sein, die auf der Kleinen Bühne des Dresdner Theaters auftreten – zu Musik und mit geschredderten Aktenschnipseln auf dem Boden. Sie werden aus ihren Akten vorlesen, aus ihrem Leben erzählen: ihre krassesten Geschichten, ihre Wahrheiten. Der Regisseur Clemens Bechtel, Jahrgang 1964, hat diese Wahrheiten so arrangiert, dass sie ein Theaterstück ergeben, ein Dokumentarspiel.

Dafür hatten sich etwa 40 Dresdner beworben. Bechtel hat neun ausgewählt, dabei war ihm eines besonders wichtig: Die Opfer sollten nicht unter sich bleiben, wenn sie sich ein schwer zu fassendes Böses namens Stasi vornehmen. Auch ein ehemaliger Täter sollte unter ihnen sein. Tatsächlich fand sich ein früherer IM: Peter Wachs. Er wird im Fokus stehen. Er wird aber auch die größte Chance von allen Akteuren haben. Die Chance, sich zu erklären, verstanden zu werden.

Seit mehr als 20 Jahren wird in Deutschland ein Stück aufgeführt, im Bundestag, auf Podien, in den Medien. Ein Stück mit dem Titel: "Die Akten und wir". Es ist, als klinge in der öffentlichen Debatte über den Osten andauernd ein Hintergrundlied, vor allem sein ermüdender Refrain: das Lied von der Staatssicherheit. Nun also kommt ein Theaterregisseur, der die IM-Debatte neu angehen möchte. Kann das gelingen? Oder ist Bechtel doch nur eine neuerliche Stimme – im alten Stasi-Lied?

Jedenfalls passt das Projekt zur aktuellen Debattenlage: Kürzlich hat Roland Jahn als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde erstmals einen früher hauptamtlichen Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes getroffen. Er wolle auch weiteren Gegnern von einst die Hand reichen, sagte Jahn. Sie müssten nur zugeben, dass sie Unrecht getan haben.

Ein Tag im Dezember 2012. Peter Wachs ist zur Probebühne des Staatstheaters gelaufen. Es stehen, so erzählt er es später, schon Stühle im Kreis, der Regisseur bittet die neun Laienschauspieler zur Vorstellungsrunde. Wachs fängt an. Er nennt seinen Namen, das Geburtsdatum, seinen Beruf, mehr nicht. Dann sind die anderen dran: Sie sagen, was die Stasi ihnen angetan hat. Einer erzählt, wie er, ein angepasster Bürger, vier Tage lang in einer Dunkelzelle schmorte, nur weil er Freunden kurz vor deren Flucht aus dem Land ein Surfbrett abgekauft hatte. Ein anderer berichtet, wie er ein Flugzeug baute, um damit der DDR zu entkommen – aber aufflog. Ein Mann, der sich als Max Fischer vorstellt, erzählt, dass sein bester Freund ihn einst bespitzelt habe. Erst als alle fertig sind, erklärt sich Peter Wachs dann doch: Er wolle ehrlich sein. "Im Gegensatz zu euch allen bin ich Täter, nicht Opfer." Schuld sei ein komplexes Thema, sagt Regisseur Clemens Bechtel. "Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer keine eindeutige Haltung zu IMs haben, wenn sie aus dem Theater rausgehen." Bechtel will nicht weniger als eine neue Aussprache Ost.

Nach 1989, glaubt er, wäre ein Dialog nötig gewesen: Warum IMs zu IMs wurden. Kaum einer habe diese Frage gestellt. Vielleicht geht Bechtels Plan auf: Vielleicht ist die Zeit reif dafür, nun auch die Täter verstehen zu wollen.

Ein Besuch bei Max Fischer. Er sitzt in seinem Ford Mondeo. Der parkt vor einem sanierten Plattenbau in Dresden. Fischer ist seit acht Jahren in Rente, oben in der Wohnung liegt sein 16-jähriger Sohn krank auf der Couch. Den möchte er nicht stören, daher präsentiert Fischer seine Stasi-Akte im Auto. "Sein Gesicht ist auffallend zart und die Augenfarbe grünblau", liest er vor und lacht. Er hat nämlich gar keine grünblauen Augen – anders als ein Schüler mal über ihn, den Lehrer, geschrieben hatte; für die Stasi.

Dann blättert Fischer weiter und zeigt auf eine Skizze seiner früheren Wohnung. Die hat "IM Peter Reinhard" angefertigt, und nun lacht Fischer nicht mehr. "IM Peter Reinhard" ist sein alter Freund. Max Fischer hat in der DDR Deutsch und Geschichte gelehrt, er war ein unpolitischer Mensch. In die SED eintreten wollte er nicht, was für einen Geschichtslehrer zwar ungewöhnlich war, aber noch kein revolutionärer Akt. Der Pädagoge unterrichtete seine Schüler auch in Wehrerziehung, er übte mit ihnen Handgranaten-Weitwurf und wie man einen Bach überquert. Als die Stasi ihn fragte, ob er als inoffizieller Mitarbeiter arbeiten und seinen guten Freund beschatten wolle, da lehnte er ab und warnte den Freund. Ausgerechnet der, so las es Fischer später in seiner Stasi-Akte, hat ihn jahrelang bespitzelt.