Es ist an der Zeit, offen und vorurteilsfrei über die Bedeutung der Intelligenz zu reden und daraus Schlussfolgerungen für unsere Schulen zu ziehen. Dazu wollen wir einen Anstoß geben. Bislang schwankt die Debatte um die Intelligenz zwischen zwei Extremen: Die einen sehen in ihr ein fragwürdiges Konstrukt und finden anderes wichtiger für den Erfolg der Einzelnen und der Gesellschaft, etwa die Begeisterungsfähigkeit, die sogenannte emotionale Intelligenz oder die Motivation. Andere malen das Abrutschen der Gesellschaft durch weniger intelligente Zuwanderer an die Wand.

Das Thema Intelligenz ist zu wichtig, um es Alarmisten zu überlassen. Wichtig ist eine Debatte, die sich am neuesten Stand der Wissenschaft orientiert.

Erstens: Wir müssen den besonders intelligenten Nachwuchs fördern, denn wir brauchen ihn

Moderne Gesellschaften brauchen viele Menschen, die geistig flexibel sind, die Neues erfinden und entdecken, die bereit sind, Verantwortung zum Wohle aller zu tragen. Überdurchschnittliche Intelligenz ist dazu eine notwendige Voraussetzung. Damit sie auch zum Tragen kommt, müssen überdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gefördert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische Höchstleistungen ummünzen können, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der Ökonomie und im sozialen Bereich. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefördert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen versauern.

Dabei sollte man den Blick nicht nur auf die wenigen sogenannten Hochbegabten richten, sondern auf die 15 bis 20 Prozent deutlich überdurchschnittlich Intelligenten.

Zweitens: Intelligenz ist messbar

Umgangssprachlich werden heute alle möglichen Fähigkeiten als Intelligenz bezeichnet. So spricht man von sozialer oder emotionaler Intelligenz; aber diese Begriffe sind zu schwammig, als dass sie aus wissenschaftlicher Sicht brauchbar wären. Wir beziehen uns deshalb hier auf den klassischen Begriff der kognitiven, also geistigen Intelligenz. Sie umfasst vor allem schlussfolgerndes Denken, sprachliche und mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen und effiziente Gedächtnisleistungen. Kurz: die generelle Fähigkeit, die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen. Man kann diese Denkfähigkeit mithilfe von Intelligenztests messen. Und man kommt – was den Begriff Intelligenz wissenschaftlich tragfähig macht – bei Wiederholung auch mit unterschiedlichen Tests auf einen vergleichbaren Wert: den sogenannten Intelligenzquotienten (IQ).

Der IQ gibt an, wie intelligent eine Testperson im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen aus derselben Bevölkerung ist. Intelligenzvergleiche zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa Völkern, verbieten sich, weil Intelligenztests kulturell geprägt sind. Mit einem IQ von 100 verfügt man über durchschnittliche Intelligenz (siehe Grafik auf Seite 76). Zwei Drittel der Bevölkerung haben einen IQ zwischen 85 und 115. Rund 17 Prozent können mit einem IQ von mehr als 115 als überdurchschnittlich intelligent gelten, und 2 Prozent mit einem IQ von mehr als 130 als hochbegabt.

Drittens: Intelligenz ist wichtig, andere Fähigkeiten werden überschätzt

Intelligenz ist von großer Bedeutung für Erfolge in Schule, Ausbildung und Beruf und damit Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, also auch eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben. Wenn Menschen mit eher geringer Intelligenz es aufgrund ihrer sozialen Herkunft in hohe Positionen geschafft haben, können sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Natürlich kommt es vor, dass weniger intelligente Schüler bessere Schulleistungen erbringen als intelligentere. Das zeigt aber nur, dass es der Schule nicht gelungen ist, die vorhandenen Intelligenzressourcen zu nutzen. Intelligenz ist natürlich nicht der einzige Erfolgsfaktor und auch kein Erfolgsgarant für jedes Individuum, aber von allen beobachtbaren Eigenschaften ist sie, statistisch gesehen, eindeutig der bedeutendste.

Es gibt einige andere Faktoren, die Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg haben, etwa Fleiß, die Motivation, Leistung zu erbringen, Ausdauer und Disziplin, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Sozialkompetenz. Sie sind aber in den meisten Fällen nicht so wirkungsmächtig wie die Intelligenz. Wissenschaftlich nicht haltbar ist auch der Mythos, besonders begabte Menschen hätten mehr soziale oder psychische Probleme als ihre Mitmenschen. Inzwischen zeigen viele Studien, dass selbst Hochbegabte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – besser ihren Weg durchs Leben finden als andere.

Viertens: Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied

Die Wissenschaft hat noch nicht alle Rätsel der Intelligenzentwicklung gelöst, aber schon eine ganze Reihe. Inzwischen ist unstrittig, dass Intelligenzunterschiede in hoch entwickelten Gesellschaften zu einem großen Teil auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückzuführen sind. Es gibt nicht das Intelligenz-Gen; aber ein Orchester von Genen bestimmt maßgeblich unsere geistigen Fähigkeiten. Die Gene legen unser Intelligenzpotenzial fest. In welchem Ausmaß es zum Tragen kommt, entscheidet die Umwelt. Hier ist die Analogie zur Pflanzenwelt hilfreich: Aus einem Gänseblümchen-Samen entwickelt sich auch bei bester Pflege keine Rose. Aber damit Gänseblümchen und Rose ordentlich wachsen und ihre Pracht entfalten können, brauchen sie Sonne und müssen gegossen werden. In Zwillingsstudien wurde ermittelt, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich sind. Zu dieser großen Bandbreite kommt es aufgrund von Unterschieden in den untersuchten Gruppen. Je mehr Chancen die Teilnehmer einer Studie hatten, ihr genetisches Potenzial in Intelligenz umzusetzen, umso stärker schlägt das Erbe durch.

Die Vererbung der Intelligenzunterschiede führt aber nicht dazu, dass einzelne Familien oder Gruppen immer intelligenter oder immer weniger intelligent würden. Von Generation zu Generation werden die Karten neu gemischt, und die Vererbung tendiert nicht in Richtung der Extreme, sondern zur Mitte. Deshalb ist die Angst, weniger intelligente Zuwanderer könnten unseren Genpool gefährden, unbegründet.