Intelligenz : Wir brauchen die Schlauen

Wie die Schule begabte Kinder fördern muss, damit ihre Intelligenz nicht verkümmert. Eine Erklärung in zehn Thesen.

Es ist an der Zeit, offen und vorurteilsfrei über die Bedeutung der Intelligenz zu reden und daraus Schlussfolgerungen für unsere Schulen zu ziehen. Dazu wollen wir einen Anstoß geben. Bislang schwankt die Debatte um die Intelligenz zwischen zwei Extremen: Die einen sehen in ihr ein fragwürdiges Konstrukt und finden anderes wichtiger für den Erfolg der Einzelnen und der Gesellschaft, etwa die Begeisterungsfähigkeit, die sogenannte emotionale Intelligenz oder die Motivation. Andere malen das Abrutschen der Gesellschaft durch weniger intelligente Zuwanderer an die Wand.

Das Thema Intelligenz ist zu wichtig, um es Alarmisten zu überlassen. Wichtig ist eine Debatte, die sich am neuesten Stand der Wissenschaft orientiert.

Erstens: Wir müssen den besonders intelligenten Nachwuchs fördern, denn wir brauchen ihn

Elsbeth Stern

Elsbeth Stern lehrt Psychologie an der ETH Zürich.

Moderne Gesellschaften brauchen viele Menschen, die geistig flexibel sind, die Neues erfinden und entdecken, die bereit sind, Verantwortung zum Wohle aller zu tragen. Überdurchschnittliche Intelligenz ist dazu eine notwendige Voraussetzung. Damit sie auch zum Tragen kommt, müssen überdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gefördert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische Höchstleistungen ummünzen können, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der Ökonomie und im sozialen Bereich. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefördert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen versauern.

Dabei sollte man den Blick nicht nur auf die wenigen sogenannten Hochbegabten richten, sondern auf die 15 bis 20 Prozent deutlich überdurchschnittlich Intelligenten.

Zweitens: Intelligenz ist messbar

Umgangssprachlich werden heute alle möglichen Fähigkeiten als Intelligenz bezeichnet. So spricht man von sozialer oder emotionaler Intelligenz; aber diese Begriffe sind zu schwammig, als dass sie aus wissenschaftlicher Sicht brauchbar wären. Wir beziehen uns deshalb hier auf den klassischen Begriff der kognitiven, also geistigen Intelligenz. Sie umfasst vor allem schlussfolgerndes Denken, sprachliche und mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen und effiziente Gedächtnisleistungen. Kurz: die generelle Fähigkeit, die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen. Man kann diese Denkfähigkeit mithilfe von Intelligenztests messen. Und man kommt – was den Begriff Intelligenz wissenschaftlich tragfähig macht – bei Wiederholung auch mit unterschiedlichen Tests auf einen vergleichbaren Wert: den sogenannten Intelligenzquotienten (IQ).

Aljoscha Neubauer

Aljoscha Neubauer lehrt Psychologie an der Universität Graz.

Der IQ gibt an, wie intelligent eine Testperson im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen aus derselben Bevölkerung ist. Intelligenzvergleiche zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa Völkern, verbieten sich, weil Intelligenztests kulturell geprägt sind. Mit einem IQ von 100 verfügt man über durchschnittliche Intelligenz (siehe Grafik auf Seite 76). Zwei Drittel der Bevölkerung haben einen IQ zwischen 85 und 115. Rund 17 Prozent können mit einem IQ von mehr als 115 als überdurchschnittlich intelligent gelten, und 2 Prozent mit einem IQ von mehr als 130 als hochbegabt.

Drittens: Intelligenz ist wichtig, andere Fähigkeiten werden überschätzt

Intelligenz ist von großer Bedeutung für Erfolge in Schule, Ausbildung und Beruf und damit Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, also auch eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben. Wenn Menschen mit eher geringer Intelligenz es aufgrund ihrer sozialen Herkunft in hohe Positionen geschafft haben, können sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Natürlich kommt es vor, dass weniger intelligente Schüler bessere Schulleistungen erbringen als intelligentere. Das zeigt aber nur, dass es der Schule nicht gelungen ist, die vorhandenen Intelligenzressourcen zu nutzen. Intelligenz ist natürlich nicht der einzige Erfolgsfaktor und auch kein Erfolgsgarant für jedes Individuum, aber von allen beobachtbaren Eigenschaften ist sie, statistisch gesehen, eindeutig der bedeutendste.

Es gibt einige andere Faktoren, die Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg haben, etwa Fleiß, die Motivation, Leistung zu erbringen, Ausdauer und Disziplin, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Sozialkompetenz. Sie sind aber in den meisten Fällen nicht so wirkungsmächtig wie die Intelligenz. Wissenschaftlich nicht haltbar ist auch der Mythos, besonders begabte Menschen hätten mehr soziale oder psychische Probleme als ihre Mitmenschen. Inzwischen zeigen viele Studien, dass selbst Hochbegabte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – besser ihren Weg durchs Leben finden als andere.

Viertens: Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied

Die Wissenschaft hat noch nicht alle Rätsel der Intelligenzentwicklung gelöst, aber schon eine ganze Reihe. Inzwischen ist unstrittig, dass Intelligenzunterschiede in hoch entwickelten Gesellschaften zu einem großen Teil auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückzuführen sind. Es gibt nicht das Intelligenz-Gen; aber ein Orchester von Genen bestimmt maßgeblich unsere geistigen Fähigkeiten. Die Gene legen unser Intelligenzpotenzial fest. In welchem Ausmaß es zum Tragen kommt, entscheidet die Umwelt. Hier ist die Analogie zur Pflanzenwelt hilfreich: Aus einem Gänseblümchen-Samen entwickelt sich auch bei bester Pflege keine Rose. Aber damit Gänseblümchen und Rose ordentlich wachsen und ihre Pracht entfalten können, brauchen sie Sonne und müssen gegossen werden. In Zwillingsstudien wurde ermittelt, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich sind. Zu dieser großen Bandbreite kommt es aufgrund von Unterschieden in den untersuchten Gruppen. Je mehr Chancen die Teilnehmer einer Studie hatten, ihr genetisches Potenzial in Intelligenz umzusetzen, umso stärker schlägt das Erbe durch.

Die Vererbung der Intelligenzunterschiede führt aber nicht dazu, dass einzelne Familien oder Gruppen immer intelligenter oder immer weniger intelligent würden. Von Generation zu Generation werden die Karten neu gemischt, und die Vererbung tendiert nicht in Richtung der Extreme, sondern zur Mitte. Deshalb ist die Angst, weniger intelligente Zuwanderer könnten unseren Genpool gefährden, unbegründet.

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Kommentare

153 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Intelligenz und Berufserfolg

Es mag Sie vielleicht erstaunen, aber Fleiss, Motivation, soziale Kompetenz und all die anderen netten Eigenschaften sind in der Tat zweitrangig. Sie sind selbstverständlich _auch_ wichtig für den Berufs- und Lebenserfolg, aber eben nicht so wichtig wie die Intelligenz. Dies ist eine gut belegte Tatsache. Nebenbei bemerkt korrelieren diese Eigenschaften positiv miteinander. Intelligentere Menschen sind im Durchschnitt auch motivierter und sozial kompetenter.

Was die optimale Anzahl von Studierenden an Universitäten angeht, so halte ich es wie die beiden Autoren des Artikels für genau richtig, hier eine Quote von etwa 20% anzustreben. Wenn nämlich 50% der Bevölkerung einen Universitätsabschluss erhalten sollen, wie sich das manche Politiker wünschen, dann müsste man das Niveau so weit absenken, dass das Studium entwertet wird.
Es geht dabei gar nicht um eine 20-80-Aufspaltung der Gesellschaft, wie Sie das nennen, sondern es ist einfach wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht sinnvoll, mehr als 20% der Bevölkerung wissenschaftlich auszubilden.

Beschämend...

Ok, habe die Tabelle gefunden http://www.educ.ethz.ch/p.... Es ist also tatsächlich so, dass die Verteilung der Intelligenz anhand einer Stanartabweichung von 15 erläutert wird. Die Tabelle „ der durchschnittliche IQ ausgewählter Berufsgruppen“ sich jedoch auf den Army General Classification Test (s. Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung von Manfred Amelang Seite 206) bezieht. Dieser besitzt eine Standartabweichung von 20! Es ist eigentlich unglaublich, dass Frau Stern hierfür ihren Namen hergibt. Es sollte doch intuitiv anhand der Werte klar sein, dass hier etwas nicht stimmt und als Folge dessen die Quelle untersucht werden. Es werden hier journalistische Standards verletzt. Ich teile eigentlich Frau Sterns Auffassung und kann mir einfach nicht erklären wie so etwas abgedruckt werden konnte. Es ist beschämend! Alternative Quellen wären z.B. Science, 1961, Vol 133, Jan-Jun, 679-688 und Nature, 1967, 213, 442, woraus ersichtlich wird das mit den dargestellten Ergebnissen in der Tabelle ohne Berücksichtigung der Standartabweichung etwas nicht stimmen kann. Es ist unglaublich und ich bin noch Schüler, vielleicht sollte ich auch ein Buch schreiben.....

Phsyiker

Mean and standard deviation of the doctorates for 1958 on the AGCT ((Army General Classification Test) gleicher Test wie in der Tabelle von Stern,Neubauer))
Field of doctorate Mean S.D.
Math 138.2 17.0
Physics 140.3 16.4
Quelle:Nature, 1967, 213, 442
Aber wie geschrieben, 140 ist hier die Grenze zur Hochbegabung, da die Standartabweichung 20 beträgt und nicht wie in Deutschland üblich 15.

Quelle

Die Quelle:

http://www.sciencemag.org...
Science 10 March 1961:
Vol. 133 no. 3454 pp. 679-688
DOI:10.1126/science.133.3454.679

High School Backgrounds of Science Doctorates: A survey reveals the influence of class size and region of origin, as well as ability, in Ph.D. production.
Harmon LR.

gibt es nicht her. Da sind zum Beispiel keine Friseusen, Metzger, Bäcker und Maler aufgeführt.

Missverständnis

Es sollte im meinen Kommentar „Physiker“, statt Quelle: Nature, 1967, 213, 442, Quelle: Science, 1961, Vol 133, Jan-Jun, 679-688 heißen. Dieses war eine Antwort auf Ihre Aussage „Würde man also mehr Talente fördern, bekäme man nicht neue Einsteins (theoretische Physiker) sondern mehr Kreativität bei Bilanzen und mehr Rechtsverdreher.“ und sollte nicht auf die von den Autoren verwendete Tabelle verweisen.
Diese habe ich indirekt in meinem zweiten Kommentar zu diesem Artikel angegeben, da ich mich erinnern konnte die Tabelle im Buch Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung von Manfred Amelang Seite 206 http://books.google.de/bo...

gesehen zu haben. Also lautet die Quelle die zur Tabelle in der Zeit und zum Buch der Autoren passt: Army General Classification Test Scores for Civilian Occupations
Thomas W. Harrell and Margaret S. Harrell, Educational and Psychological Measurement, October 1945; vol. 5, 3: pp. 229-239.
http://epm.sagepub.com/co...
Habe keine Zugangsrechte zur Originalquelle…