Rios FavelasFriede den Hütten

Vor der Fußball-WM und Olympia in Rio: Wer hat das Sagen in den Favelas – die Drogenbosse oder bald endlich die Polizei, der bislang niemand vertraute? von Marian Blasberg

An einem jener stillen Tage, an denen Mangueira den Frieden probt, rollen Müllwagen den Hügel hinauf. Männer in orangefarbenen Overalls schwärmen aus, sie steigen in den Hang hinein, fräsen sich mit ihren Harken durch das Gebüsch, die Gassen, das Gewirr der Hütten. Sie haben große Körbe dabei, in die sie alles packen, was sie finden: Tüten, Büchsen, Patronenhülsen, modriges Zeug, das der Regen angeschwemmt hat in der Zeit, als sich die Müllmänner von Rio de Janeiro noch nicht nach Mangueira trauten.

Ein Mädchen im Bikini lehnt in einer Haustür und blickt skeptisch in die Richtung eines Polizisten, der sich vor einer Kamera von TV Globo aufbaut. Der Mann trägt eine schusssichere Weste, er hält sein Gewehr im Anschlag. "Wer den Müll abholt, der bringt den Menschen Würde", sagt er. "Ein Gefühl von Sicherheit."

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Es ist nicht lange her, dass sich auch die Polizei nicht nach Mangueira traute. Die Favela galt als Bürgerkriegsgebiet, sie stand im Ruf, eine der gefährlichsten Favelas der Stadt zu sein, ein Labyrinth aus Treppen, Winkeln, Hinterhalten, das die Drogenmafia kontrollierte, eine Festung, deren Inneres nach eigenen Gesetzen funktionierte.

Der Hügel liegt am armen nördlichen Rand des Zentrums, dort, wo die mächtigen Brücken der Highways sich teilen und in die staubige Ebene ausfransen. Es ist ein Ort des Übergangs, der wie gemacht erscheint, um Drogen, Waffen oder gestohlene Wagen umzuschlagen. Mangueira war ein Ort, an dem der Staat seit Jahren nicht mehr existierte. Das soll sich jetzt ändern.

Gleich unten, vor dem Eingang der Favela, liegt das Maracanã, eine gewaltige Betonwanne, in der 2014 das Endspiel um die Fußball-WM stattfinden soll. Wenn die Besucher kommen, muss die Gegend um das Stadion sicher sein.

Seit Juni 2011 besetzen Polizisten einer brasilianischen Eliteeinheit den Hügel. Sie sollen endlich Frieden bringen in die Hütten, das Gesetz des Staates. Mangueira ist die 17. Favela, die die Stadt bislang zurückerobert hat, Hunderte weitere sollen folgen. Es ist ein beispielloser Feldzug, zu dem Rio de Janeiro aufgebrochen ist, ein Experiment, das die Stadt Milliarden kostet. Aber wenn es gut ausgeht, dann kann es als Vorbild dienen, wie auch andere Megastädte ihre Slums befrieden könnten.

Leserkommentare
  1. Ich fliege öfters nach Rio (zum berüchtigten Norden Rios) um Verwandten zu besuchen. Ich bin nie überfallen worden und habe mich sicher gefühlt. Wir schließen nicht mal die Tür ab! Die Favelas besuche ich nicht, denn man wird immer davon abgeraten. Nur die 40, die inzwischen befriedigt sind, darf man besuchen. Die Meisten sind froh dass die Banditen weg sind. Natürlich werden Jahren vergehen bis die Menschen sich vertrauen können. Nach der Wende hat es auch nicht schnell geklappt...Es ist auch nicht leicht für die Polizei, denn die Dealer die verhaftet werden, sind "Kinder der Favelas", also dort geboren und geehrt. Musik nach 23 Uhr zu verbieten wird sehr übel genommen. Regel zu befolgen ist Etwas Neues für sie. Ich glaube es werden 20 Jahre vergehen, bis die neue Generation das praktiziert! Aber Rio ist ein wunderschöne Stadt, mit viel Kultur und Lebensfreude! Aus Rio stammen Samba, Bossa-Nova, Choro, Pagode und viele andere Musikarten - fast alle stammen aus den Favelas!

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    "Aber Rio ist ein wunderschöne Stadt, mit viel Kultur und Lebensfreude! Aus Rio stammen Samba, Bossa-Nova, Choro, Pagode und viele andere Musikarten - fast alle stammen aus den Favelas!"

    Ich kenne Brasilianer, die könnten k...tzen, dass Brasilien immer nur mit Samba und Bossa-Nova in Verbindung gebracht wird, während man eigentlich überhaupt nichts über die Kultur Brasiliens weiß (dazu gehören übrigens auch die noch vorhandenen "indigenen" Kulturen).

    Samba und Bossa-Nova sind in Bezug auf Brasilien genauso Cliche wie das Oktoberfest und die Lederhosen in Bezug auf Deutschland. Kommt mal vor, definiert aber die Kultur nicht.

  2. " Plastikflaschen schreddert "

    Es reicht die Kunststoffflaschen einfach zusammenzudrücken.

    Zerkleinern wäre viel zu energieaufwendig.

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    Das ist doch völlig irrelevant bei dem großen Thema?!!!

  3. Das ist doch völlig irrelevant bei dem großen Thema?!!!

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    Antwort auf "Shreddern"
  4. Vielen Dank für den interessanten, ausführlichen Artikel!

    2 Leserempfehlungen
    • lichud
    • 23. März 2013 23:49 Uhr

    Soweit ich weiß, laufen die Programme zur Befriedung der Favelas im August 2016 aus, genau einen Monat nach Beendigung der Olympischen Spiele. Die befriedeten Favelas befinden sich ausnahmslos in für´s Image und den Immobilienmarkt strategisch wichtigen Lagen. Die Favelas entlang der Strecke vom Flughafen zur Innenstadt werden momentan eingemauert, teilweise mehrere Meter hoch. Diese Mauern werden bunt angemalt, und der Reisende kriegt nix mehr mit vom Elend dahinter. Die Innenstadt in Rio de Janeiro befindet sich momentan in einer extremen Umbauphase, das Projekt "Porto Maravilha" sorgt für Gentrifizierung der übelsten Sorte. Im Endeffekt hat sich die Kriminalität in der Südzone gebessert, in den Nordzonen außerhalb des "Sicherheitsgürtels" hat sich nicht, aber auch gar nichts geändert.

    Gestern wurde neben dem Maracana mit (mal wieder) vollkommen überzogener Gewalt ein ehemaliges Indio-museum geräumt, blutende Demonstranten (vor allem Indios und Studenten). In den Medien kommt kritische Berichterstattung
    kaum vor, der größte Medienkonzern Globo kontrolliert die Berichterstattung und hat 80%Marktanteil, ein Monopol sozusagen.

    Lehrer verdienen nach wie vor beschissen, mit Verlaub (ca. 300€ für normale Schule, Professoren an Uni´s besser), ebenso chronisch unterbezahlt: Krankenschwestern und, wen wunderts: Polizisten.. die Regierung macht keine nennenswerten Anstalten, diese Umstände zu ändern, fliegt aber komplett zum Antrittsbesuch des Papstes, nächtigt in Luxushotels..

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    • lichud
    • 24. März 2013 0:05 Uhr

    Für die Fußballstadien werden Mrd. ausgegeben, es gibt ein Stadion, daß jetzt schon mehr als 1,2Mrd Reais gekostet hat (ca. 500Mio €) - dort werden genau drei Spiele stattfinden, danach wird wieder der Dschungel drüberwachsen.. aber das ist nix neues, kennen man auch von Südafrika, Athen, Peking..

    Brasilien wird von Leuten kontrolliert, die meist in der Politik sind, und nebenbei die Gesetze so ändern, daß Sie und ihre Firmen dann optimal von profitieren können.

    Rio wird von Eduardo Paes und Sergio Cabral kontrolliert, unglaublich gewiefte, abgezockte Politiker. Paes zum Beispiel hat grad für mehrere hundertausend Euros Monopoly-Spiele an Rio´s Schulen verkauft, die Monopoly-Rio de Janeiro-Version, bei der ausschließlich "seine" Lebenswerke in Rio auftauchen.. das wäre so, als wenn hier in Deutschland ein gewisser Stephan Mappus ein Stuttgart 21-Monopoly" an Schulen verkauft hätte, um sein Werk zu propagieren..

    Es gibt noch sehr viel Korruption, verurteilte Politiker sitzen teilweise jahrelang im Knast, tauchen nach drei, vier Jahren wieder auf, und das wildeste: die werden wieder gewählt.. vor allem von der unteren Klasse. Diese armen werden so gnadenlos verblendet und abgezogen und merkens leider nicht mal..

    Ich wünsche dem Land mehr Politker wie Marcelo Freixo und Jean Wyllys. Und endlich mehr Geld für Bildung.

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  5. Das ich nicht lache! Es ist völlig falsch, Beltrame als schüchternen Mathematiker darzustellen, dem es peinlich ist, wenn das Volk ihn im Flugzeug durch Applaus verehrt. Der Kerl ist agressiver und gefährlicher als die Menschen, die in diesem Artikel als "Drogenbosse" beschrieben werden. Ein eitler, gefährlicher Gefährte. Wahrscheinlich nimmt er mehr Koks und ist gerade mal schlau genug, den Autor des Artikels an der Nase herumzuführen. Ausserdem gefällt mir nicht, dass der Tenor des Artikels ist, dass die Favelabewohner "Vertrauen erlernen" müssen. Die haben einen sehr realistischen Überlebensinstinkt und wissen, dass die Befriedungsaktionen nur Farce sind, denn zum schlechten Zugang der Bewohnber zur Bildung ändert sich garnichts. Ich lebe selber in einer Favela im Zentrum der Stadt, a Mineira, und bekomme die Agression der Polizisten jeden Tag mit. Die sind schlimmer als jeder Drogenboss.

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  6. 8. [...]

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    Antwort auf "Quase Maravilha.."

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