An einem jener stillen Tage, an denen Mangueira den Frieden probt, rollen Müllwagen den Hügel hinauf. Männer in orangefarbenen Overalls schwärmen aus, sie steigen in den Hang hinein, fräsen sich mit ihren Harken durch das Gebüsch, die Gassen, das Gewirr der Hütten. Sie haben große Körbe dabei, in die sie alles packen, was sie finden: Tüten, Büchsen, Patronenhülsen, modriges Zeug, das der Regen angeschwemmt hat in der Zeit, als sich die Müllmänner von Rio de Janeiro noch nicht nach Mangueira trauten.

Ein Mädchen im Bikini lehnt in einer Haustür und blickt skeptisch in die Richtung eines Polizisten, der sich vor einer Kamera von TV Globo aufbaut. Der Mann trägt eine schusssichere Weste, er hält sein Gewehr im Anschlag. "Wer den Müll abholt, der bringt den Menschen Würde", sagt er. "Ein Gefühl von Sicherheit."

Es ist nicht lange her, dass sich auch die Polizei nicht nach Mangueira traute. Die Favela galt als Bürgerkriegsgebiet, sie stand im Ruf, eine der gefährlichsten Favelas der Stadt zu sein, ein Labyrinth aus Treppen, Winkeln, Hinterhalten, das die Drogenmafia kontrollierte, eine Festung, deren Inneres nach eigenen Gesetzen funktionierte.

Der Hügel liegt am armen nördlichen Rand des Zentrums, dort, wo die mächtigen Brücken der Highways sich teilen und in die staubige Ebene ausfransen. Es ist ein Ort des Übergangs, der wie gemacht erscheint, um Drogen, Waffen oder gestohlene Wagen umzuschlagen. Mangueira war ein Ort, an dem der Staat seit Jahren nicht mehr existierte. Das soll sich jetzt ändern.

Gleich unten, vor dem Eingang der Favela, liegt das Maracanã, eine gewaltige Betonwanne, in der 2014 das Endspiel um die Fußball-WM stattfinden soll. Wenn die Besucher kommen, muss die Gegend um das Stadion sicher sein.

Seit Juni 2011 besetzen Polizisten einer brasilianischen Eliteeinheit den Hügel. Sie sollen endlich Frieden bringen in die Hütten, das Gesetz des Staates. Mangueira ist die 17. Favela, die die Stadt bislang zurückerobert hat, Hunderte weitere sollen folgen. Es ist ein beispielloser Feldzug, zu dem Rio de Janeiro aufgebrochen ist, ein Experiment, das die Stadt Milliarden kostet. Aber wenn es gut ausgeht, dann kann es als Vorbild dienen, wie auch andere Megastädte ihre Slums befrieden könnten.

 

Die Zeitungen schrieben, dass das große Mülleinsammeln in Mangueira eine neue Phase einleite. Die Rede war von einer Kampagne, die den Bewohnern das Vertrauen in den Staat zurückgeben solle. Nachdem die Straßen sicher seien, hieß es, kämpfe die Polizei jetzt um die Köpfe. Sie kämpft, gemeinsam mit den Müllmännern, um die Entsorgung der Vergangenheit.

"Scheißtag, alles Fassade", murmelt Paulista, ein drahtiger Mann um die 30, der seine Baseballkappe etwas tiefer ins Gesicht zieht, als er am Fuß des Hügels an einer Maschine vorbeikommt, die Plastikflaschen schreddert. Er zögert kurz und mustert den Beamten, der den Apparat bedient. Dann geht er auf ihn zu. Paulista drückt den Rücken durch.

"Und?", fragt er. "Lasst ihr die Maschine hier?"

Der Polizist weicht keinen Schritt zurück.

"Nein", sagt er. "Nehmen wir wieder mit."

"Ich sag’s doch", sagt Paulista, "Fassade. Alles nur fürs Fernsehen."

Paulista, der sich so nennt, weil er vor acht oder zehn Jahren aus São Paulo kam, arbeitet für die Nachbarschaftsorganisation von Mangueira, eine Anlaufstelle für Bewohner, die ein Problem haben, sei es mit dem Strom oder den Behörden draußen in der Stadt. Er ist eine Art Streetworker, der Kinder, die er auf der Straße findet, in die Schule bringt, der Steit schlichtet und beruhigt, wenn die Polizisten wieder einmal in ein Haus gekommen sind, weil sie nach Waffen oder Drogen suchen. Paulista sagt, er sei "das Auge der Community, das Ohr". Er spüre, was hinter den Mauern vor sich gehe. In diesen Wochen, in denen der Staat zum ersten Mal seit Jahren die Kontrolle in Mangueira hat, wirkt Paulista meist nervös.

Sein Chef hat ihn für uns abgestellt. Es ist eine von Paulistas Aufgaben: Er, der hier jeden Winkel kennt, ist auch der Fremdenführer von Mangueira. Wenn man mit ihm gesehen wird, dann wissen die Bewohner, dass der Besuch genehmigt ist. Dann ist es ungefährlich.

Paulista hatte diesen Job schon früher. Als er noch im Dienst der Drogenbosse stand.

Am Morgen vor dem Rundgang hatte er ein Fotoalbum aus dem Rucksack gezogen. Mit stolzer Geste deutete er auf die Leute, die er schon begleitet hat. Ronaldinho, der Fußballstar, die Sängerin Liza Minelli, Lenny Kravitz. Man sieht Paulista Arm in Arm mit Rappern aus den USA, die in Mangueira ihre Videoclips gedreht haben, Männer wie Lil John oder Fat Joe, die in der Hoffnung kamen, dass etwas von dem zwielichtigen Glanz des Hügels auf sie abfällt.

Das Maracanã-Stadion, die berühmte Sambaschule, die Hinterhöfe, in denen sie die, die gegen ihr Gesetz verstoßen hatten, in brennenden Autoreifenstapeln exekutierten – das sind die Orte, an die Paulista einen führt, die Klischees, von denen er glaubt, dass sie Mangueira ausmachen für einen Fremden. Er läuft so zügig, dass es schwer ist, ihm zu folgen. Unten, in Buraco Quente, dem "heißen Loch", wie sie die Hauptstraße am Fuß des Hügels nennen, hält er inne. Ein paar namenlose Restaurants, Kioske, die Grundschule, vor der bis vor Kurzem noch die Dealer hinter ihren Tischen saßen. "Daneben", sagt er, "standen Kinder mit Gewehren." Immer wieder zeigt er auf die Einschusslöcher in den Mauern. Dann biegt er in eine Seitengasse ein und steigt die Stufen in die höher gelegenen Viertel hoch, Elvis, Pedra und Chalet: Hütten, die den Hang hinaufgewuchert sind, Dachterrassen, die so angelegt sind, dass die nächste Generation ein neues Stockwerk draufsetzen kann. Mauern aus rotem Backstein, aus unverputztem Beton. Mauern, aus denen Abwasser und Pisse rinnt, Fassaden, beschmiert mit Botschaften:

Lobão – killed by Military Police

Pit – we miss you!

Wer war das, Pit?

"Ein Guter", flüstert Paulista.

Dann beschleunigt er wieder den Schritt. Der letzte Winterregen, sagt er weiter oben, habe sein Haus vom Hang gespült. Seitdem schlafe er mal hier, mal dort, aber eigentlich schlafe er gerade gar nicht, weil es überall Probleme gebe. Pit, das sagt er erst viel später, war mal sein Boss.

Schließlich klettert er am höchsten Punkt des Hügels auf einen Wasserturm. Man sieht den Zuckerhut, die Christusstatue, den großen Park mit dem Palast des Königs, in dem die Sklaven schufteten, die nach ihrer Befreiung die Siedlung gründeten.

 

Wieder senkt Paulista seine Stimme. Seit die Polizisten da sind, raunt er, sei die Zahl der Diebstähle gestiegen. Die Leute verriegelten jetzt ihre Häuser, und immer wieder höre er, dass Männer ihre Frauen schlügen. "Probleme", sagt er, "überall Probleme. Und warum? Weil niemand mehr da ist, der etwas dagegen tut."

Paulista steht unter einer Brasilien-Flagge, die die Polizisten hier gehisst haben, am Tag, als sie in Mangueira einmarschierten. Ordem e Progresso steht darauf, Ordnung und Fortschritt, aber Paulista fragt sich, wo die alte Ordnung hin ist, wo der Fortschritt bleibt, von dem jetzt immer alle reden. Er fragt sich, wie lange die Polizisten diesmal bleiben und ob die Stadt dauerhaft den Müll abholt. Nicht nur in Mangueira hängt die Zukunft an den Antworten auf diese Fragen. Auch in den anderen Favelas entscheiden sie über den neuen, brüchigen Frieden und über das Ende von Rios Bürgerkrieg.

Rio de Janeiro ist eine geteilte Stadt. Jeder siebte der rund sieben Millionen Einwohner lebt in einer der gut 1.000 Favelas, die sich wie Inseln über das gesamte Stadtgebiet verteilen. In Mangueira wohnen 40.000 Menschen, und sie haben nichts zu tun mit denen, die in Copacabana oder Ipanema leben, in den reichen Strandvierteln der Zona Sul.

Ende der siebziger Jahre, als die Drogenbanden in den Favelas das Kommando übernahmen, regierte in Brasilien das Militär. Es hielt sich raus aus ihren blutigen Verteilungskämpfen, und es sah weg, als sie auf den Hügeln nach und nach das Recht des Staates durch ihr eigenes ersetzten. Mitte der Achtziger dankten die Generäle ab, Brasilien wurde demokratisch, bald war der öffentliche Druck zum ersten Mal so groß, dass sich der Staat genötigt sah, etwas zu tun.

Während das Land sich von der Diktatur erholte, starben 122.000 Menschen in den Häuserkämpfen, Dealer, Zivilisten, Kinder. Mehr als 10.000, sagen die Statistiken, fielen durch die Kugel eines Polizisten, 2.100 Polizisten erlagen einer Schussverletzung, und die, die überlebten, beschlagnahmten in zwei Jahrzehnten 170.000 Waffen. Es sind Dinge, die in Vergessenheit gerieten, je mehr Brasilien Anschluss an die größten Wirtschaftsmächte fand. Luiz Inácio Lula da Silva, der frühere Gewerkschafter, holte als Präsident Millionen Menschen aus der Armut, vor Rios Küsten wurde Öl gefunden, das in Sozialprogramme fließen soll. Brasilien boomte, während Europa in die Krise glitt. Und niemand wunderte sich, als Rio im Oktober 2009 den Zuschlag für Olympia 2016 erhielt.

Im November, keinen Monat später, stürzte unterhalb der Christusstatue ein Polizeihubschrauber brennend aus den Wolken, abgeschossen von der Drogenmafia. Es waren unheimliche Bilder, die durch die Weltnachrichten flimmerten. Sie erinnerten daran, dass Rio de Janeiro noch immer eine Stadt außer Kontrolle war.

José Mariano Beltrame, Rios Staatssekretär für Öffentliche Sicherheit, nannte diesen Anschlag damals "unser 9/11". Jetzt sitzt er in seinem Büro im Zentrum und sagt mit einem Lächeln: "Na klar, danach konnte es nicht mehr so weitergehen."

Beltrame ist in diesen Wochen ein gefragter Mann. Das Newsweek- Magazin widmete ihm eine Geschichte, die mit Brazil’s Top Cop überschrieben war. Kürzlich war er in Genf, um vor den Vereinten Nationen über sein Programm zu sprechen, und immer wieder besuchen ihn Delegationen aus Mexiko-Stadt, Bogotá oder Buenos Aires, die wissen wollen, wie er die Gewalt überwinden will.

Beltrame, 54, ist ein leiser, unscheinbarer Mann mit schmaler Brille. Manchmal kommt es vor, dass die Passagiere eines Fluges applaudieren, wenn der Pilot verkündet, dass er auch an Bord ist. Er mag das nicht. Er war ein einfacher, sauberer Beamter aus dem Bauch der Polizei, der als hartnäckiger Drogenfahnder auf sich aufmerksam gemacht hatte, als ihm der Gouverneur von Rio vor vier Jahren den vielleicht schwersten Job der Stadt anbot.

Beltrame lächelt.

"Wir führen keinen Krieg gegen die Drogen", sagt er. "Wir hätten keine Chance, zu gewinnen."

Er wählt seine Worte sorgfältig. Manchmal, wenn man mit ihm spricht, wirkt er abwesend, wie ein Mathematiker, der besser mit Zahlen kann als mit Menschen. Es gibt Leute, die ihn deshalb unterschätzen.

"Wenn wir eine Chance haben wollen", sagt er, "dann müssen wir den Banden das Wertvollste nehmen, was sie besitzen – ihr Territorium."

 

Was Beltrame will, ist ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit, in der auf den Einmarsch in eine Favela stets der Rückzug folgte. Es waren Kriegstaktiken, hilflose Versuche, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. 1994 durchkämmte das Militär zwei Monate lang Dutzende Hügel. Hunderte Bewohner wurden festgenommen, man konfiszierte tonnenweise Kokain und Crack, es wurde geplündert, gefoltert, willkürlich geschossen. Ein General erklärte damals, man schicke "kein Sozialarbeiter-Bataillon".

Dann rückten die Soldaten wieder ab. Es wurde ruhiger, auch weil einige der Drogenbosse, Polizisten und Politiker übereinkamen, einander nicht weiter zu stören. Man kam ins Geschäft. Ab und an wurde dem Volk im Fernsehen ein Gangster präsentiert, den man verhaftet hatte, aber in Wahrheit hatte die Stadt kapituliert. Es fehlte der Wille, etwas zu verändern; es fehlte Geld, und es fehlte eine Idee. In den Medien wurde ernsthaft diskutiert, ob es sinnvoll sei, die Favelas mit drei Meter hohen Zäunen abzuriegeln.

"Die Kette unserer Fehler ist lang", sagt Beltrame heute. "Entscheidend ist, dass wir aus ihnen lernen."

Seine Leute sollen jetzt in den Favelas bleiben, das ist das Neue. Sie haben angefangen, feste Polizeiposten zu errichten, und die Beamten, die dort Dienst schieben, sind tatsächlich eine Art Sozialarbeiter-Bataillon. 3.200 dieser Friedenspolizisten hat Beltrames Amt inzwischen ausgebildet, ehemalige Taxifahrer, Lehrerinnen, Burgerbrater, denen man in einem achtmonatigen Crashkurs beigebracht hat, was die Menschenrechte sind und wie man einen Streit schlichtet ohne den Einsatz seiner Waffe.

Beltrame fährt seinen Laptop hoch, er öffnet eine Bildergalerie. Man sieht Polizisten auf den Fotos, im Gespräch mit alten Frauen, Polizisten, die mit Kindern spielen, die Tanz- und Trommelkurse geben. "Die Bewohner müssen lernen", sagt Beltrame, "diesem Staat, der sich so lange nicht um sie gekümmert hat, wieder zu vertrauen."

Damit das funktionieren kann, bereiten seine Friedenspolizisten den Boden für die Müllentsorger, Stromversorger, Telekommunikationsdienstleister, die bislang keinen Zugang hatten. Beltrame sagt, man wolle Schulen bauen und Gesundheitsposten, "die Leute müssen spüren, dass sich die Dinge grundlegend verbessern".

17 Polizeistationen hat er in den vergangenen zwei Jahren eingeweiht, die heute 64 Favelas kontrollieren. Bis 2014, sagt er, sollen 160 Favelas eine Wache kriegen. Mangueira war die letzte, die sie eingenommen haben; Polizisten einer Einheit namens BOPE, einer Art brasilianischer GSG9, sichern derzeit das Terrain, wie immer in den ersten Wochen. Wenn sie meinen, dass die Lage unter Kontrolle ist, werden sie von Beltrames Friedenspolizisten abgelöst. "Als ich angetreten bin", sagt er, "hatten wir 40 Morde auf 100.000 Einwohner, jetzt sind es weniger als 30. Im Jahr bevor wir kamen starben in der Favela City of God 27 Menschen in Konflikten mit der Polizei, im Jahr darauf waren es 14, im letzten nur noch 4." In Santa Marta und in Salgueiro, sagt er, gab es 2011 nicht einen einzigen Mord. Beltrame kennt viele solcher Statistiken. Sie sind sein Kapital. Sie halten sein Projekt am Leben.

Beltrames Leute kamen bei Sonnenaufgang. Sie hatten es in der Woche zuvor angekündigt, über das Radio und das Fernsehen, weil sie vermeiden wollten, dass der Frieden wie zuletzt in Alemão mit einer Schießerei beginnt. Hubschrauber kreisten über Mangueira, Polizisten frästen sich durch menschenleere Gassen, 750 Mann, 14 Panzerwagen, Hunde, die nach Drogen schnüffelten. In den Fenstern hingen überall Plakate, auf denen das Wort Paz geschrieben stand.

Nicht ein Schuss war gefallen, als die Polizisten mittags auf dem Wasserturm die Fahne hissten.

Ordem e Progresso.

"Wir sind gekommen, um zu bleiben", sagte Beltrame später in die Fernsehkameras.

20 Gewehre haben sie gefunden, ein paar Kilo Gras, ein bisschen Koks. "Im Grunde nichts", sagt der Streetworker Paulista, der vermutet, dass rund 600 Dealer vor dem Einmarsch untergetaucht sind. Er selbst konnte bleiben, weil er nie aktenkundig geworden war.

Paulista sitzt im Büro der Nachbarschaftsorganisation und legt die Beine auf den Schreibtisch seines Chefs. Zwei Mitarbeiter eines Amts haben sich angekündigt, sie wollen Barrieren in den Hang einziehen, damit die Häuser nicht mehr abrutschen im Regen. Jetzt lassen sie auf sich warten. Er lächelt. "Früher", sagt er, "haben sie sich Tage vorher angemeldet, damit wir ihnen Schutz organisieren konnten. Heute kommen sie, wie sie lustig sind."

 

Paulista traut der ganzen Sache nicht.

"Wer sagt denn, dass sie bleiben, wenn die Touristen nach Olympia wieder gehen?"

Überall in Mangueira kursiert dieser Verdacht: dass es nicht um sie, die Bewohner, geht, sondern um die Sicherheit der Ausländer, die ihr Geld nach Rio bringen sollen. Man müsse sich nur ansehen, sagen die Leute, welche Favelas sie als Erstes angehen: die Hügel bei den Sportstätten, die Hügel rund um die Touristenstrände. Es gibt andere, die wissen wollen, dass Coca-Cola die Befriedung mit einer Million Dollar sponsert. Die Zeitungen berichteten, dass die Gewalt in den Favelas fünf Prozent der Wirtschaftsleistung koste. "Kann sein", sagt Paulista, "dass es auch darum geht, den Firmen neue Märkte zu erschließen." Oder Raum zu schaffen für neue Wohnungen und Häuser, denn die Südzone der Stadt ist dicht, seit Jahren schon explodieren dort die Immobilienpreise.

Während Paulista auf das Team vom Amt wartet, steht draußen ein Mitarbeiter einer Firma namens Light unter einem Strommast und versucht, das Knäuel illegaler Kabel zu verstehen. Eine Stunde lang starrt er in den Himmel, während weiter oben in der Straße ein paar junge Leute einen ehemaligen Partyraum der Dealer renovieren. Ein Institut soll darin entstehen, das Englischkurse anbietet und Unterricht in Bürgerkunde. Nicht weit davon entfernt haben die Polizisten ihren Trailer jetzt vor einem Restaurant geparkt. Meist sitzen sie davor auf einer Bank im Schatten, in ihren schweren Uniformen, das Gewehr im Anschlag. Sie lächeln nicht, wie auf Beltrames Bildern. Sie führen auch keine Gespräche. Maria, die Besitzerin des Restaurants, sagt, sie hätten nie bei ihr gegessen. "Vielleicht", meint sie, "haben sie Angst, dass ich sie vergifte."

Marias Geschäfte gehen schlechter, seit ihre besten Kunden abgetaucht sind. Die Straßen sind jetzt früher leer. Es sind Tage, an denen man sich abtastet, beobachtet, belauert, und in dieser angespannten Ruhe kann es vorkommen, dass sich die Wahrnehmung verzerrt. Die kleinen Dinge bekommen plötzlich eine große Wichtigkeit.

Die Leute laufen aufgebracht zusammen, wenn die Polizisten einen Jugendlichen während eines Checks etwas zu grob gegen die Hauswand drücken. Einmal, als die Polizisten beim Rangieren versehentlich ein Moped rammen, dauert es ein paar Sekunden, bis sie den Daumen heben zur Entschuldigung, aber in diesem Augenblick, so scheint es, spult sich in den Köpfen der Beobachter der ganze Film der letzten Jahre ab. Dann steht Absicht hinter der Aktion, Schikane, Rache.

Die Menschen in Mangueira sind misstrauisch geworden; es braucht Zeit, bis sie sich einem Fremden anvertrauen, und oft sind es die Zeichen auf den Mauern, durch die man einen Zugang findet. Angeregt durch ein Graffito, das von einem Mann namens Gordão handelt, erzählt Paulista bei einem seiner Rundgänge von einem goldenen Amulett, das er im Rinnstein fand. Er war 18 damals, ein Straßenjunge, der gerade aus dem Waisenhaus geflohen war und davon lebte, dass er Pfanddosen vom Boden auflas. Bei einem dieser Streifzüge fand er das Amulett, das seinem Leben eine neue Richtung gab. Paulista sagt, er habe es einem Freund gezeigt, der zufällig den Besitzer kannte: Gordão, den Dicken, den Mann, der das Sagen hatte auf dem Hügel. Paulista zögerte nicht, ihm das Stück zurückzubringen. "Ich wusste", sagt er, "dass er Ehrlichkeit honoriert."

Gordão belohnte ihn mit einem Job. Paulistas Aufgabe war nun, die Baile Funks zu organisieren, wilde Straßenpartys, die vor allem dem Verkauf von Drogen dienten. Paulista suchte DJs aus, er besorgte Soundsysteme und sah zu, dass genügend Abstand war zwischen den Bierständen, wo er manchmal auch den Sohn des Gouverneurs erblickte. Als Gordão merkte, dass Paulista sich mit Technik auskannte, gab er ihm eine zweite Aufgabe: Wenn ein Drogenkunde nicht in bar bezahlte, sondern mit einem Handy oder einer Kamera, dann war es an ihm, den Wert dieser Geräte zu bestimmen.

 

Wenn Paulista von Gordão spricht, dann klingt Respekt aus seinen Worten. Gordão, sagt er, sei ein kluger Mann gewesen. Er gab den Polizisten Geld, damit sie draußen blieben, und auch ihm selbst steckte Gordão regelmäßig etwas zu. "Gordão", sagt Paulista, "hat mich wie seinen Sohn behandelt." Er war nun Teil einer Familie, die seit 30 Jahren den Drogenhandel in der Zona Norte kontrollierte. Ein kleiner Angestellter jener Bande, die 2009 den Hubschrauber vom Himmel schoss.

Gordão, sagt Paulista, sei der verlängerte Arm eines Mannes namens Tuchinha gewesen, der Mangueira 20 Jahre lang aus dem Knast heraus regierte. Einmal, während eines Freigangs, wurde Tuchinha entführt, angeblich von einer Gruppe korrupter Polizisten, die eine Million Real Lösegeld forderte. Tuchinha zahlte, aber weil er den Verdacht hatte, dass Gordão mit seinen Entführern unter einer Decke steckte, ließ er ihn von seinem Neffen, genannt "Pitbull", in einen Autoreifenstapel stecken, mit Benzin begießen und in Flammen aufgehen.

"Pit, du bist der beste Mann", steht neben dem Graffito eines Hundekopfs.

Pit rückte an die Stelle von Gordão. Er schenkte Paulista eine Kamera und wies ihn an, damit Beweisbilder zu schießen, Dokumente, die belegen sollten, dass die Polizei bei ihren Einsätzen im Hügel unschuldige Menschen tötete.

"Die Kamera war meine Waffe", sagt Paulista.

Weil Pit es nicht einsah, die Polizei zu schmieren, kam es nun häufiger zu Razzien. Einmal fanden Polizisten auf seinem Schreibtisch eine Kladde, in der vermerkt war, dass er am 11. April 2008 zwei Tonnen Gras im Wert von einer halben Million Euro erhalten hatte. Darin steckte auch ein Foto, auf dem Pit mit einer goldenen Halskette posierte. Als er kurz darauf erschossen wurde, ließen seine Stellvertreter noch am selben Tag drei Linienbusse explodieren.

"Wir haben Pit verehrt", sagt Paulista. "Wenn jemand Gas brauchte, dann schickte er mich mit einer Kartusche los. Wenn jemand kein Geld hatte für einen Arzt, dann sorgte er dafür, dass er behandelt wurde. Wenn jemandem das Rad gestohlen wurde, dann ging er zu Pit, und am selben Tag hatte er es wieder."

Die Männer, die den Hügel kontrollierten, herrschten über alles, womit sich Geld verdienen ließ: den Gashandel, die Stromversorgung, die Mototaxis, deren Fahrer eine Steuer an sie zahlen mussten. Sie kontrollierten auch die Nachbarschaftsorganisation, durch die sie in der Regel ihre Almosen verteilen ließen. Sie nahmen und sie gaben, wie ein eigener Sozialstaat, und dafür forderten sie Dankbarkeit und Loyalität. Es war ein einfaches Leben. Wer sich an ihre Gesetze hielt, der hatte Ruhe.

Jeder Zweite, schätzt Beltrame, der Sicherheitschef, war persönlich mit ihnen verbandelt. Als Laufbursche, als Bruder, als Drogenhändler. Alles hängt jetzt davon ab, ob es ihm gelingt, diese Leute für sich zu gewinnen. Er weiß, die anderen lauern irgendwo da draußen. Sie warten darauf, dass er es nicht durchhält.

Paulista ist genervt. Die Männer, die die Erdrutsch-Barrieren in den Hang einziehen wollten, haben ihn versetzt. Jetzt fläzt er sich auf einer abgewetzten Couch in einem dunklen Loch am Ende einer Gasse in Chalet. Es ist das Wohnzimmer einer Familie, daneben eine offene Küche, in der eine ältere Frau Reis und Bohnen zubereitet. Im Zimmer steht ein Tisch mit Plastikdecke. Bibelsprüche hängen an der Wand.

Das Fernsehen läuft.

Man sieht Beltrame in einem Studio.

Im Hintergrund laufen Bilder aus Alemão, einer anderen befriedeten Favela, wo es am Wochenende einen Zwischenfall gegeben hat. Nachdem Beltrames Polizisten bei der Übertragung eines Fußballspiels den Ton leiser gedreht hatten, flogen plötzlich Bierflaschen und Steine. Am nächsten Tag gingen zwei Autobomben in die Luft. "Die Banden schlagen zurück", sagt Beltrame, "weil wir begonnen haben, ihren Gashandel trockenzulegen."

Als ihn der Moderator fragt, ob es ein Problem sei, dass sie nicht gemeinsam starteten, die Polizei und die Sozialprogramme, nickt Beltrame. Dann hebt er seine Schultern, als entschuldige er sich dafür, dass nicht alles in seinen Händen liegt.

"Fassade", brummt Paulista. "Die bringen doch gar nichts, keine Barrieren, keine Schulen und auch keine Ärzte."

"Es sterben so viele Männer", sagt Gláucia, die Tochter der Familie, die bislang schweigend mit am Tisch saß. Paulista wendet sich ihr zu.

"Das Mädchen da sucht einen Rollstuhlfahrer", ruft er. "Zum Heiraten! Der kriegt nämlich noch Geld vom Staat."

Gláucia winkt ab.

"Hört nicht auf das, was er sagt", sagt sie. "Er redet neuerdings wie ein Politiker."

 

Gláucia ist ein dunkelhäutiges Mädchen mit großen goldenen Ohrringen, ein 17-jähriges Kind, das selbst schon Mutter ist. Neulich, erzählt sie, habe sie sich bei der Fast-Food-Kette Bob’s beworben. Man lud sie ein zum Vorstellungsgespräch, in einem Laden an der Copacabana. Die Dame, sagt sie, habe ihr gesagt, dass alles in Ordnung sei, ihr Auftreten, ihre Papiere, aber irgendetwas passe ihr nicht. Meine Hautfarbe?, hat Gláucia sie gefragt. Irgendetwas, antwortete die Dame, ohne es näher zu bestimmen.

"Wie weit", fragt sie, "ist es nach Deutschland? Es ist ein Traum von mir, dorthin zu gehen."

Sie lächelt ein bisschen verlegen.

"Nimm sie mit!", ruft plötzlich Paulista vom Sofa her. "Du siehst doch, sie hat super Titten, sie macht guten Kaffee. Aber du musst aufpassen am Zoll. Man darf im Koffer keine Tiere mitnehmen."

Er lacht sein aufgekratztes Lachen, dann widmet er sich wieder dem Fernseher. Draußen, vor der Haustür, steht ein Graffito an der Wand:

Gláucia + Silmar = Love

"Silmar", sagt sie, "war mein Ex. Der Vater meines Kindes lebt nicht mehr, er wurde im letzten Monat von der Polizei erschossen, als er versuchte, eine Wechselstube auszurauben. Sie hatten keine Wahl, denn er trug eine Waffe."

Zwei Jahre lang war Gláucia mit ihm zusammen. Der Staat, sagt sie, zahle nichts, kein Kindergeld und keine Witwenrente.

Kann sie verzeihen?

Gláucia schweigt. Dann steht sie auf und geht zu ihrer Mutter in die Küche.

In Mangueira gibt es viele wie sie. Frauen, denen irgendwann der Mann abhandenkam. Man trifft Kinder, die ihren Vätern nie begegnet sind, Jugendliche, die schon morgens kiffend an den Videospielautomaten in der Straße stehen. Sie sagen, sie seien aufgewachsen mit der Gewissheit, dass das Leben drei Szenarien für sie bereithalte: im Grab zu landen, im Gefängnis oder bestenfalls im Rollstuhl.

Wenn man mit diesen Menschen spricht, versteht man, dass Vertrauen nichts Abstraktes ist. Dass etwas zwischen ihnen steht und diesem Staat, der Lücken in Familien gerissen hat; für den sie lange Abschaum waren. Jetzt, da er sich einmischt in ihr Leben, erheben sie Ansprüche. Sie glauben, dass der Staat in einer Bringschuld ist. Dass er etwas gutzumachen hat, und dafür braucht es mehr als Polizisten, die nicht sofort schießen.

"Boppi" – so spricht man den Namen der Männer aus, die in Beltrames Auftrag damit beginnen sollen, den Abgrund zwischen den Bewohnern und dem Staat zu überbrücken. Normalerweise ruft man sie, wenn ein Bankraub stattfand, bei Entführungen, bei komplizierten Einsätzen in den Favelas. Es gibt einen Spielfilm über sie, der auf der Berlinale einen Goldenen Bären gewann, Tropa de Elite. "Boppis sterben nicht", sagt Paulista, "sie töten nur."

"Der Mülltag kürzlich, das war unsere Idee", sagt Sergeant Azevedo. Er steht oben auf dem Hügel vor dem Container, der derzeit ihr Büro ist, ein großer Mann mit akkurat rasierten Haaren. Azevedo kommt aus Santa Cruz, einer Mittelklassegegend. Er will sich während des Gesprächs nicht setzen.

"Wir greifen langsam in den Alltag ein", sagt er. Mototaxifahrer müssten jetzt einen Helm tragen, sie brauchten Nummernschilder, und außerdem hätte man eine Hotline eingerichtet, für anonyme Anzeigen. Er meint, sie brächten nicht nur neue Rechte, sondern auch neue Pflichten, und deshalb sei es jetzt an den Bewohnern, zu zeigen, dass sie die Gesetze respektieren.

Wie läuft die Sache mit der Hotline?

"Vergleichsweise sehr wenige Anrufe", sagt er.

Vielleicht trauen die Leute den Polizisten nicht?

"Vielleicht", sagt er.

Wenn man ihn fragt, warum er immer die Hand am Abzug des Gewehres hält, hebt er die Schultern. "Gewöhnung", sagt er. "Wenn ich entspanne, reagiere ich zu langsam."

 

Im Herbst 2011 dauert der Friede in Mangueria ein halbes Jahr an, aber es scheint, als sei er nicht mehr als ein Waffenstillstand. Jeder wartet darauf, dass sich der andere bewegt. Man fragt sich, wie die Polizisten für Vertrauen werben wollen, wenn sie selber nicht vertrauen. Wie sich daran etwas ändern soll, wenn Beltrames Friedenspolizisten übernehmen, unerfahrene Leute, die Orte wie Mangueira meist nur aus dem Fernsehen kennen. Warum sollen ausgerechnet sie hier ohne Furcht auftreten?

Es ist, als würde sich etwas entladen, das sich lange angestaut hat in der Stadt. Kurz nach der Revolte in Alemão wird bekannt, dass sich der Kommandant der Friedenspolizei im Bezirk Santa Teresa von Dealern bestechen ließ. Bei einer Befragung kommt heraus, dass die meisten von Beltrames Leuten lieber etwas anderes machen würden. Sie fürchten sich vor Anschlägen, sie wollen mehr verdienen.

Beltrame fliegt plötzlich alles um die Ohren. Die Skeptiker stellen Fragen in den Medien: Wie verbreitet ist die Korruption unter Beltrames Leuten? Wie ernst meint er es wirklich? Spötter ätzen, es brauche noch eine WM 2022, noch ein Olympia 2024, damit die Politiker nicht die Geduld verlieren. Es ist gefährlich, die Dinge entfalten eine eigene Dynamik. Plötzlich wird klar, dass es noch zwei andere Territorien gibt, die Beltrame zurückgewinnen muss: die öffentliche Meinung und das eigene Haus.

Jeden Tag sitzt er in Fernsehstudios und versucht, den Wind zu drehen. "Wir räumen auf", sagt er. "Elf Männer wurden in Santa Teresa festgenommen. Es ist ein Fortschritt, dass diese Dinge jetzt ans Licht kommen. Die Krise ist nur eine Krise der Erwartungen." Es ist das, was er immer sagt. Dass man nicht in wenigen Jahren kurieren könne, was in Jahrzehnten schiefgelaufen sei, und wahrscheinlich hat er recht damit. Dieses Projekt ist eine Utopie, eine Sache, die Generationen braucht, und sie braucht Leute wie Rafael Santana, die ihre Vorurteile über Bord kippen und einfach ihrer Neugier folgen.

Rafael ist der Erste, der kürzlich von außerhalb nach Mangueira gezogen ist. Ausgerechnet Rafael! Ein Mann Anfang 30, der weiß ist und Männer liebt.

An einem Samstagmorgen steht er auf einer Dachterrasse über Marias Restaurant. Er guckt kurz runter, wo die Polizisten sind, dann streicht er sich eine Strähne aus der Stirn und steckt sich einen Joint an. Er lächelt zufrieden.

Rafael managt jetzt ein Tonstudio, das sie gerade über dem Restaurant einrichten. Vadinho Freire, der Musiker, dem das Studio gehört, war mal der Lover seiner Nichte. Er bat Rafael, für ihn zu arbeiten.

Nächtelang, sagt Rafael, habe er nachgedacht. Er hatte vorher Assistentenjobs beim Fernsehen, in der Modebranche, nichts lag ihm ferner als ein Job in der Favela. Rafael zweifelte, wegen der Sicherheit und auch wegen der Blicke, die er auf sich ziehen würde, aber als Vadinho ihm das erste Mal den Hügel zeigte, musste er weinen. "Die Kontraste waren so stark", sagt er. "Der Müll, den sie dir vor die Füße kippen, die Kinder, die über mich lachten. Aber da war auch eine Fiebrigkeit, eine Intensität, ein besonderes Charisma."

Jetzt schläft Rafael auf einer alten Matratze im Studio. Die Tage verbringt er damit, den Internetanschluss zu installieren und Eierkartons an die Wand zu pappen, die die Lautstärke dämmen sollen. Sie haben vor, Musik zu machen mit den Kindern. "Sie sollen stolz auf etwas sein", sagt Rafael. Die Stücke, die sie mit Vadinho aufnehmen, will er im Radio unterbringen.

"Mein Leben", sagt er, "hat jetzt einen Sinn."

Während er erzählt, schlendern unten junge Menschen durch die Straße, Freunde von ihm aus Copacabana, Künstler, Medienleute, Graffitisprayer. "Ich bin jetzt ein Kanal", sagt Rafael, ein Vermittler zwischen den beiden Welten, und er ist nicht der einzige. Immer öfter hört man von Leuten, die Wohnungen in den Favelas mieten, die Clubs eröffnen auf den Hügeln, Bars und Gästehäuser. In Mangueira planen Journalistenschüler, ein Favelablatt zu gründen.

Sechs Monate nach dem Einmarsch, Ende 2011, übernehmen Beltrames Friedenspolizisten, rund 400 Mann, die keine 24 Stunden nach der feierlichen Einweihung ihrer Wache zum ersten Mal unter Beschuss geraten, als eine Gruppe junger Autodiebe bei einer Fahrzeugkontrolle die Nerven verliert. Zwei Polizisten werden leicht verletzt. Kurz darauf, am zweiten Weihnachtsfeiertag, erreicht ein Anruf die Hotline. In einer Gasse oberhalb der Sambaschule, heißt es, gingen Dealer ihren Geschäften nach. Die Polizisten rücken aus, wieder fliegen Kugeln, ein Junge ist auf der Stelle tot.

 

Es sind widersprüchliche Signale, die in diesen ersten Monaten nach der Befriedung von Mangueira ausgehen. Es wird wieder geschossen, das ist das eine, es wird mehr gestohlen, wie überall in Rio, vermutlich, weil vielen Dealern ihr Geschäft zu heiß geworden ist. Polegar, der Nachfolger von Pit, wurde in Paraguay gefasst. Die Arbeitslosigkeit in Rio fällt Ende 2012 auf vier Prozent, und in der Nachbarschaftsorganisation hängen jetzt die Stellenangebote von einem Drogeriemarkt aus, der Kassiererinnen sucht. Gláucia überlegt, sich zu bewerben.

Auch Maria, die Besitzerin des Restaurants, hat inzwischen einen neuen Angestellten. Ihre Geschäfte laufen wieder besser, nicht zuletzt wegen der Musiker, die in Vadinhos Studio ihre Platten aufnehmen. Weiter oben im Hügel gibt es jetzt eine Apotheke, einen Optiker und eine neue Burgerbude, in der sogar die Polizisten essen. Nur Rafael ist nicht mehr in seinem Tonstudio. Man hört, dass er gekündigt habe, weil Vadinho ihm die Löhne schuldig blieb.

Paulista ist auf dem Weg zur neuen Polizeiwache. In der Community gab es den Wunsch, die Tradition der Baile Funks wiederzubeleben, die die Polizei nach ihrem Einmarsch gleich verboten hatte. Paulista hat versprochen, das zu regeln.

"Kommt schon, wird schon", murmelt er nun manchmal, aber wenn er kurz darauf eine Patrouille sieht, dann lästert er, sie trügen ihre neuen, leichten Uniformen nur, damit sie schneller flüchten könnten. Er weiß, die Dinge lassen sich nicht aufhalten, aber es ist schwierig, weil sich das Weltbild meist langsamer verändert als die Wirklichkeit, vor allem dann, wenn sie so rast wie hier in Mangueira.

Wenig später sitzt Paulista in einem kleinen, hellen Büro im ersten Stock der Wache. Ihm gegenüber, hinter seinem Schreibtisch, sitzt Kommandant Norgueira, ein Mann mit Zahnspange und rahmenloser Brille, kaum älter als er selbst. Paulista trägt sein Anliegen vor, aber Norgueira weist ihn freundlich darauf hin, dass seine Leute gestern erst bei einer Hausdurchsuchung angegriffen worden seien, mit einer selbst gebastelten Granate. "Sorry", sagt Norgueira, aber für Partys sei es noch zu früh.