Festival MärzMusikExotische Frischzellen

Unser Elfenbeinturm, von außen betrachtet: Das Berliner Festival MärzMusik widmet jungen Komponisten des Arabischen Frühlings einen Themenschwerpunkt. von Julia Spinola

Das Ensemble Hezarfen Istanbul

Das Ensemble Hezarfen Istanbul  |  © Irmak Altiner

Unterricht am Musikgymnasium: Der Lehrer spielt Klavier, die Kinder ahmen ihn nach, indem sie ihre Holztische als Instrument benutzen. »Das war ein Witz«, erinnert sich der kurdische Komponist Taner Akyol, der 1977 im türkischen Bursa geboren wurde und an dieser weiterführenden Spezialschule 1995 seinen Abschluss machte. »Für 22 Studenten gab es dort nur ein Klavier«. Seiner eigentlichen Leidenschaft ging Akyol außerhalb des Unterrichts nach: Er übte auf der Bağlama, der türkischen Langhalslaute, die für ihn mehr ist als nur ein Instrument – Weggefährtin, Familienmitglied, Begleiterin des alevitischen Gebets. Der »saitige Koran« wird diese Saz-Unterart auf Türkisch auch genannt. Von frühester Kindheit an war es Akyols Traum, Komposition zu studieren, um »Musik für die Bağlama zu schreiben und sie über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen«. So kam er 1996 nach Berlin, wo er bei Helmut Zapf, Hanspeter Kyburz und Walter Zimmermann studierte.

Was sucht ein komponierender Lautenspieler, der in seinen Konzerten mit geschlossenen Augen die Klänge des alevitischen Gottesdienstes weiterträumt, im Elfenbeinturm der mit großem »N« geschriebenen Neuen Musik? Wie kommt ein Traditionalist, dessen größter Wunsch es ist, die seit Jahrtausenden gepflegte Überlieferung der oppositionellen Volksdichtung von Pir Sultan Abdal fortzuschreiben, überhaupt in die Zirkel eines derart hoch spezialisierten westlichen Diskurses? Die Komponistenszene in Deutschland hat sich so gut sortiert, dass ihre rivalisierenden Deutungshoheiten das institutionell weich gepolsterte System kaum je aus der Balance geraten lassen. Im großen Bauch der Neuen Musik hat alles seinen Platz. Da liefert ein Exot wie Akyol nur die Würze.

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Die ebenfalls 1977 geborene türkische Komponistin Zeynep Gedizlioğlu erlebte mit elf etwas »Magisches«: Kurz vor ihrer Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Istanbul setzte sie sich erstmals ans Klavier – und merkte zu ihrem großen Erstaunen, dass sie Teile aus Saties Gymnopédies-Zyklus aus der Erinnerung heraus nachspielte, einfach so. Da konnte sie weder Notenlesen noch ein Instrument spielen – beinahe unvorstellbar aus westlicher Perspektive. Denn hier herrscht Konsens darüber, dass musikalische Karrieren möglichst früh durchgeplant und durchgezogen werden müssen. Und dazu gehört selbstverständlich, ein Instrument von der Pike auf zu lernen.

Nicht einmal eine Blockflöte gab es in Gedizlioğlus Kindheit. Dennoch wusste sie schon als Neunjährige, dass sie »die Sprache der Musik erlernen« wollte, weil sie eine so »leidenschaftliche Musikhörerin« war. Doch weder die türkische Volks- noch die westliche Kunstmusik spielten in ihrem Elternhaus eine Rolle. Eine »ganz intensive Erfahrung« machte sie mit der Rock- und Popmusik, die ihre Eltern – eine Schauspielerin und ein bildender Künstler – hörten: Alben von Deep Purple, Supertramp oder King Crimson.

Besitzt die Neue Musik in den »islamisch geprägten Ländern des Mittelmeerraums«, denen das Berliner Festival MärzMusik gerade einen Schwerpunkt widmet, eine existenziellere Dringlichkeit als bei uns, im saturierten Westen? Kann eine kräftige Brise aus dem Arabischen Frühling die laue Luft eines Neue-Musik-Festivals auffrischen? In jedem Fall sprengt die politisierte, experimentelle Kunstszene des türkisch-arabischen Raumes die Grenzen vieler Genres. Der libanesische Musiker, Video- und Klangkünstler Raed Yassin etwa mixt die Bilder und Klänge der Aufstände zu einem aggressiven Ausdruck des Protests. In seinen Performances haben elektronische, improvisierte und Techno-Klänge ebenso ihren Platz wie Erinnerungen aus dem libanesischen Bürgerkrieg, Bilder des arabischen Kinos, Pornografie und Popmusik.

Das Festival erklärt vorsorglich, die Gemeinsamkeiten beider Kulturen betonen zu wollen. Aber gerade an dieser Einvernahme ist die Sehnsucht nach der Projektionsfläche des Tausendundeine-Nacht-Orients abzulesen: der Wunsch nach einer exotischen Frischzellenkur gegen die drohende ästhetische Antriebslosigkeit. In diesem Sinne hat sich etwa der aus Hoyerswerda stammende Komponist Ulrich Mertin, ein leidenschaftlicher Wahltürke und Leiter des türkischen Hezarfen-Ensembles für Neue Musik, 2008 dazu entschlossen, nach Istanbul zu ziehen, wo die raren Aufführungen Neuer Musik in einer rockkonzertartigen Atmosphäre stattfinden, vor einem jungen Publikum, das ganze Arenen füllt.

Ein Schock war für Taner Akyol und Zeynep Gedizlioğlu die Begegnung mit der zeitgenössischen Musik in Deutschland. Akyol musste sich sagen lassen, dass er mit den Kompositionen, die er mitgebracht hatte, keine Aufnahmeprüfung würde bestehen können: zu traditionell, zu einfach, zu melodisch, zu altmodisch. Er hörte, was in Deutschland Neue Musik hieß, verstand von den »unharmonischen, amelodischen und gefühllosen« Tonmassen, die auf ihn einströmten, zunächst gar nichts – und fragte sich ernsthaft, »ob das für Menschen komponiert« sei. Dann nahm er sich vor, diese Musik verstehen zu lernen und sich ihren »intellektuellen Hintergrund« anzueignen. Mit Erfolg. Bald konnte er selber so komponieren. Von seinem ursprünglichen Impuls aber, der Liebe zur Bağlama-begleiteten türkischen und alevitischen Dichtung, kommt er nicht los. Die entscheidende Frage sei es doch, erklärt er, umringt von unzähligen Langhalslauten bei einer Tasse Tee, für wen man komponiere. Er schreibe seine Musik nun einmal »für das Volk, für ganz normale Menschen«.

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