DiskriminierungIndien ermordet seine Frauen

Ehefrauen werden verbrannt, Witwen verstoßen, Mädchen sterben an systematischer Unterernährung. Westliche Ökonomen haben erstmals die schreckliche Bilanz gezogen: Über zwei Millionen Tote – pro Jahr. von 

Indische Frauen mit ihren kleinen Töchtern, die umgetauft werden sollen. Ursprünglich hatten die Eltern den Mädchen den Namen "Ungewollt" gegeben.

Indische Frauen mit ihren kleinen Töchtern, die umgetauft werden sollen. Ursprünglich hatten die Eltern den Mädchen den Namen "Ungewollt" gegeben.   |  © STRDEL/AFP/Getty Images

Siwan Anderson hat in ihrer Stadtwohnung in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste gerade ihre kleinen Kinder ins Bett gebracht. Wie so oft setzt sie sich danach noch einmal an den Schreibtisch und geht ihrer bedrückenden Arbeit nach. Anderson, 44, ist Wirtschaftsprofessorin an der Universität von British Columbia. Ihr Forschungsgebiet ist die Gender-Ökonomie, ein neues Feld. Sie will wissen, wie viel mehr Frauen als Männer in Indien jedes Jahr sterben, obwohl doch Frauen von Natur aus überlebensfähiger sind als Männer. Und vor allem: Werden Frauen in Indien systematisch getötet? Millionenfach ermordet?

Vor Anderson liegt ein Buch über indisches Frauenrecht und viele Stapel Papier. Sie öffnet auf ihrem Laptop eine Videotelefonkonferenz nach Indien. Dort recherchiert der Mitarbeiter einer gemeinnützigen Organisation einen Fall für sie.

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An der Videokonferenz nimmt später auch Andersons Forschungspartner an der amerikanischen Ostküste teil, der Wirtschaftsprofessor Debraj Ray von der New York University. Ray, 55, ist ein bekannter Entwicklungsökonom und Mitherausgeber der renommierten Fachzeitschrift American Economic Review. Er sitzt in seinem Uni-Büro in Manhattan. Während der Videokonferenz kann man auf einem Regal hinter ihm zwei indische Bronzefiguren erkennen.

Haben die Eltern dem Mädchen das gleiche Essen wie ihrem Sohn gegeben?

Im Anschluss an die Konferenz schicken Anderson und Ray ihre Fragen noch einmal per E-Mail nach Indien. »Zu dem Fall der 18 Monate alten Anchal aus dem Dorf Ghuman, die gestorben ist, würde ich gern wissen: Reagieren Mutter und Vater unterschiedlich auf ihren Tod? Haben sie dem Mädchen das gleiche Essen wie ihrem Sohn gegeben?«, fragt Anderson. Ray ergänzt die Mail: »Bekommen Mädchen von den Eltern die gleiche Medizin wie Jungen? Gehen sie genauso oft zum Arzt?«

An einer Kreuzung zweier Sandwege im Dschungel zwischen den Dörfern Sangi und Jawa im Bundesstaat Madhya Pradesh macht Ramnaresh Yadav an einem kleinen Verkaufsstand halt, um sich bei einem Tee mit heißer Milch und Zucker den Fragen der westlichen Forscher ausführlich zu widmen. Er erinnert sich: »Die Eltern haben beide geweint, als Anchal starb, die Mutter mit lauten Schreien, der Vater ein paar stille Tränen.«

Yadav ist ein ruhiger Mittzwanziger aus einer niedrigen Handwerkerkaste. Für die Nichtregierungsorganisation »Recht auf Ernährung« tourt er durch die Dörfer im Nordosten des zentralindischen Bundesstaates, einer der ärmsten Regionen der Welt. Von einer Lehmhütte zur nächsten geht er, von einem hungernden Kind zum anderen. Das ist sein Job.

Am Morgen ist er im Dorf Ghuman gewesen, hat dort nicht nur über die tote Anchal geredet, sondern auch die eineinhalbjährige Pratima in den Armen gehalten. Schlapp und mit dünnen Gliedern hing sie da, wog nur 4,2 Kilo, konnte weder reden noch laufen oder krabbeln. »Sie wird sterben«, sagte ihre Mutter Munni Kol, eine frühzeitig gealterte 40-jährige Frau im roten Sari. Doch Yadav versprach Hilfe. Er telefonierte lange, dann hatte er Pratima einen Platz im Ernährungs-Rehabilitationszentrum einer weit entfernten Krankenstation verschafft. Dort wird das Mädchen zum ersten Mal in seinem Leben genug zu essen bekommen.

Auf Bitten der Forscher fährt Yadav am Nachmittag noch einmal nach Ghuman zurück, besucht die Eltern von Anchal am Dorfrand vor ihrer Lehmhütte und fragt sie: »Habt ihr dem Mädchen das gleiche Essen gegeben wie eurem Sohn?« – »Wir behandeln die Kinder gleich«, antwortet Ram Kailash, Anchals 35 Jahre alter Vater.

Aber das sagen in Indien alle: Eltern, Lehrer, Beamte, Politiker. Gleichberechtigung gehört zum offiziellen Diskurs. Doch der täuscht, und Yadav weiß es genau, er kennt die Familie gut, hat sie oft besucht und das Miteinander beobachtet. »Sie haben ihrem Sohn immer mehr zu essen gegeben als ihren zwei Mädchen. Wenn Anchal oder ihre Schwester eine zweite Portion wollten, wurden sie von den Eltern weggeschubst. Doch der Junge bekam immer zweimal. Und natürlich gingen sie mit dem Jungen zum Arzt, wenn er krank war, und gaben ihm Medizin. Anchal dagegen hatte mehrmals Fieber, aber die Eltern gingen mit ihr nicht zum Arzt.«

Dass Yadav die Wahrheit sagt, sieht man Anchals Familie auf den ersten Blick an: Der kräftige Vater, ein Ziegelei-Arbeiter, hält seinen gut genährten, dreijährigen Sohn im Arm und spricht mit lauter Stimme. Neben ihm steht stumm seine schüchterne Frau und wehrt beschämt die Umklammerungsversuche ihrer erstgeborenen Tochter ab. Sie geben ein typisches indisches Familienbild ab: Hier der gehegte Sohn, dort die lästige Tochter. Waren also die eigenen Eltern Anchals Totengräber? War es letztlich ein Mord am ungewollten Mädchen? Diese Fragen stellt sich Yadav in den darauffolgenden Tagen.

Leserkommentare
  1. wird niemand dieser grausamen Zustände Herr werden. Indien hat ein zutiefst kulturelles Problem. Die Verachtung der Frau ist dermaßen stark in der Mentalität verwurzelt, dass es, so würde ich schätzen, erst dann zu einer wirklichen Besserung der Zustände kommt, wenn sich in der heutigen Generation eine Kehrtwende um 180° vollzieht. Erst wenn sich ein neues Menschenbild in etabliert, wird ein nachhaltiger Wandel möglich sein.

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    Entfernt. Bitte äußern Sie sich differenziert. Danke, die Redaktion/sam

  2. Ich habe noch nie verstanden, wie es möglich ist, dass sich in einer Kultur die "Wertlosigkeit" eines Geschlechts etablieren kann. Selbst den ersten Menschen war bekannt, dass sie aussterben werden, wenn Mann und Frau nicht ihren Anteil zur Vermehrung leisten.

    Und, mögen junge indische Männer keine jungen indischen Frauen?
    Finden sie es -mal ganz "praktisch" gedacht- erstrebenswert, in einer Gesellschaft zu leben, in der zwangsläufig mehrere Männer auf eine Frau kommen?
    [...]

    Wie kann man auf so gesellschaftlich unsinnige Konzepte kommen?

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

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    Entfernt. Bitte äußern Sie sich zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    Dass Indien mehrheitlich hinduistisch ist, haben Sie aber berücksichtigt oder?

    diese Dopplemoral der Geschlechterwertigkeiten findet sich auch im Westen, vor allem im Chrsitentum, heute strukturell noch verankert in den USA.... Grundsaetzlich aber, und gerade ohne hier den Anspruch setzen zu wollen, Experte fuer Indien zu sein:
    Viele dieser geschlechtsnormierten Institutionen sind erst institutionalisert worden, bzw. derart gesellschaftsweit praktiziert worden als Resultat des Kolonialismus. Das in Amerika lebende Oekonomen und deutsche Journalisten, dies leider kaum mitreflektieren ist auch nicht ueberraschend. Dennoch, nur wer diese geschichtlichen Hintergruende miteinbezieht, kann auch Potentiale fuer konstruktive Dialoge entdecken und nutzen, die bei der Aenderung der Zustaende helfen koennen. Ansonsten ist dies naemlich nur der Versuch mit einer westlichen Oekonomie Ratio den Moralapostel zu spielen: Gut gemeint, aber nutzlos verpuffend in der Wirklichkeit, weil diese, bzw. die sie konstitutierende Faktoren nicht wirklich verstehend. Und so viel kann und darf ich, ohne gleich als Indien-Experte auftretend, der ich nicht bin, dennoch als Kultur- und Sozialwissenschaftler mit einigem Gewicht sagen.

    • Max Le
    • 29. März 2013 19:12 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf provozierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  3. Was wäre die Menschheit ohne die Frauen?

    Es ist eine Schande für eine Gesellschaft so etwas zu tun!

    Aber ich vermute mal, dass dieses Problem auch Komplex ist und nicht eine einzge Ursache hat.

    Ich denke gerade an die Araber, die im 5.Jh Ähnliches praktizierten, sogar so weit gingen, die neugeborenen Mädchen lebendig zu vergraben.

    Ich bin kein Missionar, aber so viel Respekt habe ich vor Mohammed, denn immerhin war er es, der diese Abscheulichkeit abgeschafft und verboten hat.

    Eine Leserempfehlung
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    • Max Le
    • 29. März 2013 19:09 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten möchten. Danke, die Redaktion/sam

  4. Bei diesen Worten habe ich bereits aufgehört zu lesen. Einerseits muss man sich fragen, welche Berechtigung "der Westen" überhaupt hat die Lebensrealität in einem anderen Kulturkreis zu beurteilen. Gerade der Westen ist ein Musterbeispiel von Kritikresistenz.
    Außerdem befremdet mich die Rolle von Ökonomen bei diesem Thema. Haben wir mittlerweile so einen Überschuss dieser Leute, dass bloßes Zählen von toten Frauen und eine dazugehörige Hochrechnung diese Berufsbezeichnung ausfüllt? Falls es nicht das ist, frage ich mich was für einen Erkenntnisgewinn Ökonomen bei gesellschaftlich und kulturell bedingten Phänomenen bringen sollen.
    (Dies ist keine sachliche und inhaltliche Kritik des Artikels. Dieser Beitrag will nur auf gewisse Verzerrungen in der journalistischen Weltanschauung aufmerksam machen. Warum zum Henker stützt man eine Berichterstattung zu diesem Thema schon im Aufmacher auf Ökonomen? Ich bin es mittlerweile leid mir die gesamte Welt von Ökonomen erklären zu lassen.)

    10 Leserempfehlungen
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    • Anja66
    • 29. März 2013 17:42 Uhr

    zu Ende gelesen hätten, wären Ihnen diese Fragen beantwortet worden

    Hier geht es um einen millionfachen Mord an Frauen und Mädchen und Sie stellen ernsthaft die Frage ob so etwas aus westlicher Sicht kritisiert werden dürfe? [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Tonfall. Danke, die Redaktion/sam

    auch ich bin der Ansicht, dass es sich hier um einen unsinnigen und überflüssigen Kommentar handelt. Offenbar hat der Autor ein persönliches Problem, denn, wen interessiert es, ob Misssstände von Ärzten, Soziologen, Pädagogen oder Ökonomen aufgedeckt werden? Armatyia Sen ist ein weltweit anerkannter Wissenschaftler und seine Analysen sind brilliant. Was soll also dieser unsinnig Kommentar? Wenn jemand schon sagt, dass er nach Lesen eines Wortes aufgehört habe zu lesen, dann könnte ich grad aufhören, den Kommentar zu lesen ... enthalte mich jeden weiteren Kommentars

    hat jedes Recht, auf Unmenschlichkeiten aufmerksam zu machen. Auch Ökonomen. Ihr Kommentar ist nichts mehr als zynisch.

    Es ist gut, wenn irgendwer das ganze mal von der "nüchternen" Zahlenseite beleuchtet. Aus diesen Erkenntnissen, die vollkommen unemotional die grausame Wirklichkeit spiegeln, kann man anschließend Maßnahmen ableiten. Genau deswegen sind diese Leute und ihre Arbeit wichtig.

    2. Thema: Was mache ich jetzt als betroffener Westeuropäer? Nicht heulen und Zähneklappern sondern Geld in seriöse Hilfsprojekte investieren die gezielt Mädchen fördern.

    Es ist ja richtig, sich die Welt nicht nur von Ökonomen erklären zu lassen, vollkommen klar. Doch wer die Mißstände aus welchen Motiven anprangert und ans Licht bringt, ist mir völlig egal, Hauptsache es geschieht und vorausgesetzt, die Sache ist wahr.

  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/sam

  6. Dass Indien mehrheitlich hinduistisch ist, haben Sie aber berücksichtigt oder?

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    Antwort auf "Sinnfrei"
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    ...und?
    Was ändert das an der Behandlung von Frauen und Mädchen?
    Ich habe nur darauf hingewiesen, dass die islamische Heiratspraktik ein elementares Problem, dass sich aus der Geringschätzung von Frauen ergibt noch verschärft.

    Ich finde den Umgang mit Frauen in beiden Religionen und anderen, ebenso gelagerten Gesellschaften "sinnfrei", da brauchen Sie nicht die Krallen auszufahren und gleich einen expliziten Angriff auf den Islam zu wittern...

    Genau das habe ich mich auch gefragt, denn es ist ja nicht durchgehend in Indien so. Es ist eine Nation von weit über einer Milliarde Menschen, hier sind viele Strömungen und Traditionen am Wirken, wobei dies sicher eine der abscheulichsten ist, die sich ja auch in den vielen Vergewaltigungen widerspiegeln. Aber es wäre interessant gewesen, wenn der Artikel auf die kulturhistorischen Hintergründe abgestellt hätte. Ist das eine hinduistische Tradition? Wo ich wohne (Sri Lanka) leben viele Tamilen. Hier habe ich eher den Eindruck, dass es sich um eine matriarchalische Gesellschaft handelt, die Frau hat hier hohe Bedeutung. Und es sind Hinduisten. Woher kommt also diese elende und verabscheuungswürdige Tradition in Indien?

  7. 7. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/sam

    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Bitte kommentieren Sie nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten möchten. Danke, die Redaktion/sam

    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentar. Danke, die Redaktion/sam

  8. 8. Ja,...

    ...und?
    Was ändert das an der Behandlung von Frauen und Mädchen?
    Ich habe nur darauf hingewiesen, dass die islamische Heiratspraktik ein elementares Problem, dass sich aus der Geringschätzung von Frauen ergibt noch verschärft.

    Ich finde den Umgang mit Frauen in beiden Religionen und anderen, ebenso gelagerten Gesellschaften "sinnfrei", da brauchen Sie nicht die Krallen auszufahren und gleich einen expliziten Angriff auf den Islam zu wittern...

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    Es war nicht als Angriff zu werten, sondern ein Kommentar und eine Bemerkung.

    In jeder Gesellschaft werden Frauen benachteiligt. Lassen Sie uns konstruktiv darüber diskutieren, wie wir diesen Missstand effektiv beseitigen bzw. eindämmen können.

    Für mich ist eine Frau eine vollwertige Lebenspartnerin auf Augenhöhe, die wie ich Rechte und Pflichten hat.

    Ist es denn nicht so, dass bei vielen von uns die Frau nicht mehr ist als ein Sexsymbol? Oder warum gibts bei fast jeder Werbung halbnackte Frauen, die mit ihren Reizen das Produkt abrunden sollen?

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  • Schlagworte Indien | Frauenrechte | Gewalt | Unterernährung
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