Siwan Anderson hat in ihrer Stadtwohnung in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste gerade ihre kleinen Kinder ins Bett gebracht. Wie so oft setzt sie sich danach noch einmal an den Schreibtisch und geht ihrer bedrückenden Arbeit nach. Anderson, 44, ist Wirtschaftsprofessorin an der Universität von British Columbia. Ihr Forschungsgebiet ist die Gender-Ökonomie, ein neues Feld. Sie will wissen, wie viel mehr Frauen als Männer in Indien jedes Jahr sterben, obwohl doch Frauen von Natur aus überlebensfähiger sind als Männer. Und vor allem: Werden Frauen in Indien systematisch getötet? Millionenfach ermordet?

Vor Anderson liegt ein Buch über indisches Frauenrecht und viele Stapel Papier. Sie öffnet auf ihrem Laptop eine Videotelefonkonferenz nach Indien. Dort recherchiert der Mitarbeiter einer gemeinnützigen Organisation einen Fall für sie.

An der Videokonferenz nimmt später auch Andersons Forschungspartner an der amerikanischen Ostküste teil, der Wirtschaftsprofessor Debraj Ray von der New York University. Ray, 55, ist ein bekannter Entwicklungsökonom und Mitherausgeber der renommierten Fachzeitschrift American Economic Review. Er sitzt in seinem Uni-Büro in Manhattan. Während der Videokonferenz kann man auf einem Regal hinter ihm zwei indische Bronzefiguren erkennen.

Haben die Eltern dem Mädchen das gleiche Essen wie ihrem Sohn gegeben?

Im Anschluss an die Konferenz schicken Anderson und Ray ihre Fragen noch einmal per E-Mail nach Indien. »Zu dem Fall der 18 Monate alten Anchal aus dem Dorf Ghuman, die gestorben ist, würde ich gern wissen: Reagieren Mutter und Vater unterschiedlich auf ihren Tod? Haben sie dem Mädchen das gleiche Essen wie ihrem Sohn gegeben?«, fragt Anderson. Ray ergänzt die Mail: »Bekommen Mädchen von den Eltern die gleiche Medizin wie Jungen? Gehen sie genauso oft zum Arzt?«

An einer Kreuzung zweier Sandwege im Dschungel zwischen den Dörfern Sangi und Jawa im Bundesstaat Madhya Pradesh macht Ramnaresh Yadav an einem kleinen Verkaufsstand halt, um sich bei einem Tee mit heißer Milch und Zucker den Fragen der westlichen Forscher ausführlich zu widmen. Er erinnert sich: »Die Eltern haben beide geweint, als Anchal starb, die Mutter mit lauten Schreien, der Vater ein paar stille Tränen.«

Yadav ist ein ruhiger Mittzwanziger aus einer niedrigen Handwerkerkaste. Für die Nichtregierungsorganisation »Recht auf Ernährung« tourt er durch die Dörfer im Nordosten des zentralindischen Bundesstaates, einer der ärmsten Regionen der Welt. Von einer Lehmhütte zur nächsten geht er, von einem hungernden Kind zum anderen. Das ist sein Job.

Am Morgen ist er im Dorf Ghuman gewesen, hat dort nicht nur über die tote Anchal geredet, sondern auch die eineinhalbjährige Pratima in den Armen gehalten. Schlapp und mit dünnen Gliedern hing sie da, wog nur 4,2 Kilo, konnte weder reden noch laufen oder krabbeln. »Sie wird sterben«, sagte ihre Mutter Munni Kol, eine frühzeitig gealterte 40-jährige Frau im roten Sari. Doch Yadav versprach Hilfe. Er telefonierte lange, dann hatte er Pratima einen Platz im Ernährungs-Rehabilitationszentrum einer weit entfernten Krankenstation verschafft. Dort wird das Mädchen zum ersten Mal in seinem Leben genug zu essen bekommen.

Auf Bitten der Forscher fährt Yadav am Nachmittag noch einmal nach Ghuman zurück, besucht die Eltern von Anchal am Dorfrand vor ihrer Lehmhütte und fragt sie: »Habt ihr dem Mädchen das gleiche Essen gegeben wie eurem Sohn?« – »Wir behandeln die Kinder gleich«, antwortet Ram Kailash, Anchals 35 Jahre alter Vater.

Aber das sagen in Indien alle: Eltern, Lehrer, Beamte, Politiker. Gleichberechtigung gehört zum offiziellen Diskurs. Doch der täuscht, und Yadav weiß es genau, er kennt die Familie gut, hat sie oft besucht und das Miteinander beobachtet. »Sie haben ihrem Sohn immer mehr zu essen gegeben als ihren zwei Mädchen. Wenn Anchal oder ihre Schwester eine zweite Portion wollten, wurden sie von den Eltern weggeschubst. Doch der Junge bekam immer zweimal. Und natürlich gingen sie mit dem Jungen zum Arzt, wenn er krank war, und gaben ihm Medizin. Anchal dagegen hatte mehrmals Fieber, aber die Eltern gingen mit ihr nicht zum Arzt.«

Dass Yadav die Wahrheit sagt, sieht man Anchals Familie auf den ersten Blick an: Der kräftige Vater, ein Ziegelei-Arbeiter, hält seinen gut genährten, dreijährigen Sohn im Arm und spricht mit lauter Stimme. Neben ihm steht stumm seine schüchterne Frau und wehrt beschämt die Umklammerungsversuche ihrer erstgeborenen Tochter ab. Sie geben ein typisches indisches Familienbild ab: Hier der gehegte Sohn, dort die lästige Tochter. Waren also die eigenen Eltern Anchals Totengräber? War es letztlich ein Mord am ungewollten Mädchen? Diese Fragen stellt sich Yadav in den darauffolgenden Tagen.