In der öffentlichen Beschreibung kennt man die Familie vor allem als Problemzone. Steigende Scheidungsraten, Kinderarmut, Erziehungsversagen, Generationenkrieg – wie lebt es sich in dieser Trümmerlandschaft? Ausgesprochen gut, in den meisten Fällen sogar recht kuschelig. Das meint jedenfalls Walter Bien. Der Mann arbeitet beim Deutschen Jugendinstitut in München und leitet dort seit Langem ein "Zentrum für Dauerbeobachtung" von Kindern und ihren Eltern. Statt Katastrophenbücher selbst ernannter Experten (Warum unsere Kinder Tyrannen werden) liest er Umfragen und Statistiken über die Familienwirklichkeit. Und die zeigen ein erfreulich positives Bild.

"Die Familie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr gut entwickelt", sagt Bien. Das gelte für die materiellen Bedingungen, in denen die meisten Eltern und Kinder heute leben, wie auch für das Ansehen, das die Familie in der Gesellschaft genießt. Den größten Fortschritt habe aber das gemeinsame Zusammenleben gemacht, sagt Bien: "Es gibt kaum noch wirkliche Konflikte zwischen den Generationen."

Laut der jüngsten Shell-Studie sagen über 90 Prozent der Jugendlichen, dass sie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben. Fast drei Viertel der Befragten würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Genauso viele glauben, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Die Eltern sehen es übrigens kaum anders. Von ihnen berichten 74 Prozent von Harmonie, Wärme und Geborgenheit im Zusammenleben (Generationenbarometer 2009) .

Vor 40 Jahren fanden viele Jugendliche ihre Eltern – die Schrankwand in Eiche, der verklemmte Sex, die steifen Rollenbilder – noch spießig, und Eltern konnten sich erregen über die Haartracht oder den Musikgeschmack des Nachwuchses. Heute gleichen sich die Lebensstile und die Wertvorstellungen. So entspannt ist der Umgang zwischen Jung und Alt geworden, dass man es schon wieder bedenklich finden kann. Ist es denn normal, dass deutsche Kinder als wichtigstes Vorbild die eigene Mutter nennen? Selbst Oma und Opa findet nur noch jeder fünfte Teenager altmodisch.

Gerade Großeltern erfreuen sich heute einer Bedeutung, die sie nie zuvor hatten. Dank besserer Gesundheit und steigender Lebenserwartung verbringen sie mehr Zeit als früher mit ihren Enkeln. Der Kontakt ist persönlicher, wärmer, und er hält länger an. Heute sieht rund ein Drittel der Jugendlichen Oma und Opa mindestens einmal pro Woche, ein weiteres Drittel telefoniert wenigstens mit ihnen. Die Studie stammt aus der Schweiz, für Deutschland dürften die Ergebnisse ähnlich sein.

Mit den Lebenseinstellungen wandelten sich die Erziehungsvorstellungen. Erwachsene nehmen mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern. Statt autoritärer Ansagen pflegen die meisten Familien den Verhandlungsstil, wie es Pädagogen nennen. Der ist nicht selten anstrengend, wird mitunter übertrieben ("Könntest du dir vorstellen, jetzt ins Bett zu gehen?"), aber am Ende zielführender als die familiären Kleinkriege, die früher das Klima in vielen Familie bestimmten. Besonders Väter profitieren von der neuen Nähe zu ihren Kindern. Sie spielen heute häufiger mit ihnen als früher oder lesen ihnen vor – auch wenn weiterhin die Mütter den Großteil der Familienarbeit leisten.

Das führt zu Stress, da Mütter mit Kindern heute doppelt so häufig berufstätig sind wie noch vor 40 Jahren. Trotzdem haben sie nicht weniger Zeit für ihre Kinder, denn die Familien sind kleiner. Und den Haushalt erledigen die Eltern dank moderner Technik schneller. 1990 verbrachten Eltern mit ihren unter sechsjährigen Söhnen und Töchtern pro Tag vier Stunden und 52 Minuten. Heute ist es laut der letzten Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamts eine Dreiviertelstunde mehr.

Auch der Eindruck, dass Familien sich nicht mehr täglich um den (von Mutter gedeckten) Tisch versammeln, um sich untereinander auszutauschen, stimmt nicht, haben Ernährungsforscher der Universität Gießen ermittelt. Heute dauern die bewusst inszenierten Zusammentreffen von Jung und Alt um Suppenschüssel oder Nudeltopf sogar länger als noch vor 20 Jahren. Im jüngsten Familienbericht liest sich das etwas umständlich so: "Trotz eines weithin subjektiv erlebten Mangels an Zeit wird nicht davon ausgegangen, dass ein bloßes Mehr an Zeit für Familien erforderlich ist."