Der Schaden ist dennoch da. 2013 wird der Neubau nur langsam in Schwung kommen, da verunsicherte Investoren ihre Planungen auf Eis gelegt haben. Und mittelfristig droht dem Ökostrom hier eine ganz andere Gefahr. Denn mithilfe der Fracking-Technologie sprudeln in Texas die zur Neige gegangenen Gas- und manchmal auch Ölquellen wieder. Beim Fracking werden Wasser und Chemikalien mit Hochdruck in Schiefergestein gepresst. Das holt bisher kaum förderbares Gas ans Tageslicht. In Kraftwerken wird das zu Elektrizität gewandelt, es drückt die Strompreise und macht so anderen Energieträgern Konkurrenz. Bis zum Gasboom, sagt Bürgermeister Wortham, hätten die Windräder um Sweetwater sogar ohne den Steuerbonus profitabel sein können. Ansonsten quittiert er den neuen Gas- und Ölboom mit einem Schulterzucken. Auch das bringe schließlich Geld und Jobs in die Region.

In Washington sehen das nicht alle so unproblematisch: Anya Schoolman zum Beispiel. Sie hockt auf dem Dach ihres Holzhauses aus der Jahrhundertwende, rund zwei Meilen nördlich des Weißen Hauses. Von dort oben deutet sie auf rund ein Dutzend Kraftwerke, eines klebt auf der Dachpappe unter ihren Füßen: Dünnschichtmodule, die Sonnenlicht zu Strom wandeln. Ihre Nachbarn im Viertel Mount Pleasant haben teils gewagte Holzgerüste zusammengenagelt, auf denen Solarzellen der Sonne entgegengestemmt werden. "Mit den Solarzellen auf dem Dach fingen wir an, auf den Zähler zu achten", sagt Schoolman. "Wir wussten auf einmal exakt, wie viel wir verbrauchten, und wollten die Rechnung am liebsten auf null bringen."

Die Mount Pleasant Solar Cooperative und Schoolmans Dächertour hätte es wohl nie gegeben, wenn die Gründungsidee von Wind for Schools nicht auch hier verfangen hätte: Schoolmans damals zwölfjähriger Sohn Walter, vom Klimawandel-Film An Inconvenient Truth aufgeschreckt, sprach die Solar-Idee zu Hause an. Schoolman beschäftigte sich damit. Sie wollte zwar nicht in erster Linie Dollar verdienen – aber auch nicht allzu viele verlieren. Anders als in Deutschland gibt es in den USA keine Einspeisepflicht für Ökostrom oder feste Preise. Dafür gab es zwar ein Gemisch von Steuervergünstigungen und kommunalen Zuschüssen, dem aber ein Dickicht bürokratischer Vorschriften, viel zu teurer Lieferanten und störrischer Versorger gegenüberstanden.

So suchte Schoolman Unterstützer per Wurfsendung in der Nachbarschaft. "Damit hatten wir nicht gerechnet", sagt sie. "Innerhalb von zwei Wochen meldeten sich mehr als fünfzig, die als Anwälte, Computerexperten oder Elektriker mitmachen wollten." Sie alle hätten sich wegen des Klimawandels gesorgt und etwas unternehmen wollen. "Im Grunde aber hassen sie wohl vor allem ihre Stromversorger und wollen unabhängiger sein", vermutet Schoolman. "Es ist so, als wenn Sie Gemüse im Garten anbauen. Es schafft ein Stück Befriedigung."

Bald waren die ersten Zellen auf den Dächern im Viertel installiert. Immerhin waren die Anwohner damit schneller als die prominenten Nachbarn etwas weiter südlich: Barack Obama ließ erst vor gut zwei Jahren wieder Solarzellen auf das Weiße Haus montieren, nachdem Ronald Reagan in den achtziger Jahren die zuvor vom demokratischen Präsidenten Jimmy Carter installierten ersten Sonnenkollektoren hatte abbauen lassen. Und das ist symptomatisch für die Energiepolitik in den Vereinigten Staaten: Auf die Frage, wo es am meisten gehakt habe auf dem Weg zur ersten Solaranlage, liefert Schoolman ohne Zögern eine Antwort, die auch von Bürgermeister Wortham oder den Großinvestoren bei den texanischen Windfarmen stammen könnte. "Das Problem heißt Unsicherheit", sagt Schoolman. "Mal unterstützen die Behörden, mal behindern sie. Mal fließt das Geld, dann wieder nicht. Es fehlt uns nicht an Energie, es fehlt an einer langfristigen Perspektive."

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