ParteienDie tot-grüne Koalition

Die Grünen wollen die SPD nicht länger ergänzen, sie wollen sie ersetzen: Die Sozialdemokraten seien "eine sterbende Partei".

Die Spitzenkandidaten der Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin, während der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover, November 2012

Die Spitzenkandidaten der Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin, während der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover, November 2012

Wenn die SPD im April in Augsburg ihr Regierungsprogramm verkündet, werden die Delegierten eine Premiere erleben. Zum ersten Mal wird eine Grüne, die Vorsitzende Claudia Roth, zum Parteivolk sprechen. Augsburg ist ihr Wahlkreis, Sigmar Gabriel hat sie eingeladen, und er wird seinerseits auf dem Parteitag der Grünen auftreten. Man rückt offensiv zusammen – aber beäugt sich hinter den Kulissen mit wachsendem Misstrauen.

Siebzig Grüne vom Realoflügel brauchten auf einem Treffen in der Berliner Hertie-School kürzlich nicht lange, um bei ihrer Hauptsorge zu landen: Mit Steinbrück als Kanzlerkandidat werde es eng für einen gemeinsamen Wahlsieg. "Wann kommen die endlich aus dem Knick", fragte der bayerische Landesvorsitzende Dieter Janecek. "Was machen wir eigentlich, wenn nur zwei Optionen drin sind: eine Große Koalition oder eine Mehrheit aus CDU und Grünen?"

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Spätestens seit vergangener Woche fragen sich nun auch die Sozialdemokraten, ob auf die Grünen noch Verlass ist. Es war die Woche der Agenda-2010-Feiern, fast täglich mühten sich Spitzen-Sozialdemokraten, ihre Basis zumindest im Nachhinein mit den Reformen zu versöhnen. Mitten in diese Stimmung hinein platzte Jürgen Trittin mit einer Neuinterpretation der Rolle der Grünen damals: Sie seien immer gegen harte Sanktionen fürgegen unwillige Arbeitslose und für einen Mindestlohn gewesen.

Das war nicht nur in der Sache nicht ganz richtig – die meisten grünen Entscheider wollten damals keinen Mindestlohn –, es war vor allem eine Provokation. Seitdem fragen sich viele bei den Sozialdemokraten: Wie viel Rot steckt eigentlich in den Grünen? Und was bedeutet es für eine künftige gemeinsame Regierungsarbeit, dass die Grünen ihre Positionen von damals schlankerhand abstreiten?

Die Grünen reklamieren eine rücksichtsvolle Bürgerlichkeit für sich – nicht der Dreiteiler macht es, sondern die Orientierung am Gemeinwohl. Wo sie regieren, üben sie sich meist in pragmatischer Wirtschaftspolitik, beim Sparen sind sie oft ehrgeiziger als die SPD. Das Wahlprogramm und viele grüne Parteitagsbeschlüsse weisen allerdings in eine andere Richtung: In fast allen wichtigen Fragen stehen die Grünen mittlerweile weit links von der SPD.

Trittin zu Gabriel: "Wann warst du das letzte Mal bei McDonald’s?"

Sie wollen, anders als die Sozialdemokraten, die Sanktionen für Arbeitslose aussetzen, die sich nicht um Jobs bemühen. Sie wollen die Wohlhabenden nicht nur mit einer höheren Einkommensteuer und einer Vermögensabgabe zur Kasse bitten, sondern auch noch mit diversen anderen Abgaben, vor denen die Sozialdemokraten zurückschrecken: Auf alle Kapitalerträge sollen künftig Beiträge für die Krankenversicherung erhoben werden. Das Ehegattensplitting entfiele für Paare mit einem Jahreseinkommen über 60.000 Euro – die SPD dagegen will nur neu geschlossene Ehen anders besteuern.

Besonders weitreichend ist das grüne Rentenkonzept – 800 Euro monatlich sollen alle bekommen, die über 30 Jahre dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen, also auch ehemalige Arbeitslose. Beitragszahlungen von wenigen Jahren könnten dann für Jahrzehnte auf Kosten der Sozialversicherung einen Ruhestand finanzieren. Die historische Aufgabe der Grünen sei eben, die Wohlhabenden mit dem Thema soziale Gerechtigkeit zu versöhnen, sagt dazu Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion. In den gemeinsamen Regierungsjahren von Grünen und SPD hatte die kleinere Regierungspartei oft die Rolle des Antreibers übernommen, in der Rentenpolitik wollte Katrin Göring-Eckardt das Niveau schneller senken als die SPD, in der Haushaltspolitik fuhr der Finanzexperte Oswald Metzger einen härteren Anti-Schulden-Kurs als der Finanzminister.

Diese Arbeitsteilung zwischen Roten und Grünen ist Geschichte.

Die Grünen wollen die Sozialdemokraten nicht länger ergänzen – sie wollen sie ersetzen. Die Jahre in der Großen Koalition mögen die SPD an das Machbare gewöhnt haben; bei den Grünen haben die Jahre in der Opposition ein Allzuständigkeitsgefühl genährt, einen raumgreifenden Paternalismus, der auf andere Parteien glaubt verzichten zu können.

Leser-Kommentare
  1. Das meiste, was von denen heutzutage kommt, ist auch nicht gerade originell:

    All diese Schlagworte (Bürgerlichkeit [was ist dann etwa eine Anti-Bürgerlichkeit, und wen betrifft es dann?], Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, von "biologisch" sowieso ganz zu schweigen usw.). Eher Phrasen, als Inhalte sind dies dann. Andere Parteien können dies genauso gut, oder sie haben manche Schlagworte sogar "erfunden".

    Die Spitzenfunktionäre der Grünen-Partei sind doch längst in ihrer Komfortzone angekommen. Gutsituiert, in der Realität angekommen sind sie, aber eher dann opportunistisch angepasst. Was nur noch zählt, ist die "Quote" bzw. Prozente bei Wahlen. Dafür vergessen sie dann gerne ihre Ideale.

    Letzendlich leben diese Grünen(funktionäre) und ihre Partei nur vom Negativen. Wann hört man mal irgendwas Positives von all diesen Polit-Figuren; wenn zum Beispiel ein Schiffsfriedhof ein ganz neues wunderbares Unterwasser-Ökosystem ermöglich hat (um nur ein kleines anschauliches Beispiel zu nennen; viele andere Beispiele gibt es heutzutage).

    Vieles erscheint dann nur destruktiv. Positives passt oft nicht in das Selbstverständnis der Funktionäre, und, Wahlkampf lässt sich halt immer besser machen, wenn Katastrophen prophezeit werden. Trivial zu sagen, aber manchmal kann man sich einem gewissen Eindruck nicht erwehren, dass all diese Weltbesserer den gemeinen Bürger (das Stimmvieh) eher als minderbegabt ansehen. Welche Überheblichkeit von diesen ganzheitlichen "Besserwissern", oder?

    6 Leser-Empfehlungen
  2. ja wollen immer noch werden, weil sie ja verbeamtet werden.
    Das ist pervers und asozial sich auf Kosten der Allgemeinheit in dei Hängematte zu legen.
    Und zur freien Wirtschaft: Mit Sowi, Geschichte und LAtein ,können sie bei Daimler einpacken. die verdienen netto weniger als die meisten Lehrer
    Das ist die Ungereechtigkeit in diesem LADN!!!

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Nullrunden"
  3. ch war früher Parteimitglied. Bei Ortsverbands-Treffen wurde kräftig über Hartz IV-Empfänger gelästert - auf so primitivem Niveau wie "die sitzen eh nur vor der Glotze und saufen ihr Bier"...

    das ist das asoziale Distinktionsbefürniss der Grünen. ISt bei uns auch so übrigens.
    Bildungsaffine Mittelschicht at its best.
    Eigene Pfründe ,Verbeamtung , sichern und die armen Schweine von unten vorschieben.
    dAs ist der Skandal.

    Ich bitte sie dies auch in personam an andere Leute weiterzutragen.
    Dann kapiert auch der letzte, was die BEamtenpartei wirklich will

    5 Leser-Empfehlungen
  4. 52. [...]

    Entfernt. Kein sachlicher Kommentar. Die Redaktion/kvk

    4 Leser-Empfehlungen
    • Bashu
    • 31.03.2013 um 0:29 Uhr

    FDP und CDU lästern nur deshalb nicht über Hartz IV Empfänger, weil die Existenz einer verarmten Unterschicht für eine Legende halten. Deutschland ist Exportweltmeister, Europa "spricht Deutsch", den oberen 10% geht es richtig gut. Mission accomplished.

    Auf die Grünen kann man gerne einhacken. Ich seh in ihnen trotzdem noch das kleinere Übel, die Untätigkeit der derzeitigen Regierung zusammen mit der desaströsen Außendarstellung und dem schüren von Resentimments gegenüber dem Süden ("die faulen Südländer") ist brandgefährlich.

    2 Leser-Empfehlungen
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    • Moin.
    • 31.03.2013 um 1:07 Uhr

    hat- was er heute als taktischen Fehler bedauert- sehr wohl über HartzIV-Empfänger gelästert (Stichwort "spätrömische Dekadenz").

    das ist auch ne Logik grüner Prägung. Hört sich gut an^^...

    "Auf die Grünen kann man gerne einhacken. Ich seh in ihnen trotzdem noch das kleinere Übel, die Untätigkeit der derzeitigen Regierung zusammen mit der desaströsen Außendarstellung und dem schüren von Resentimments gegenüber dem Süden ("die faulen Südländer") ist brandgefährlich."

    Außendarstellung? und wenn P€€r über die Italiener hetzt und die SChweiz bedroht? das hätte uns fast den 3 WK beschert. Mehr Diffamierung geht ja kaum (mal abgesehen von der verlogenheit dieser neulinken Gutmenschen s.o)
    Außerdem finde ich die Argumentation lustig: Wir grünen erkennen die Probleme der Armen, dennoch dürfen wir im Rotweingürtel uns über sie lustig machen. Wir kümmern uns ja ..diese Gönnerhaftigkeit ist sowas von widerlich ^^

    • Moin.
    • 31.03.2013 um 1:07 Uhr

    hat- was er heute als taktischen Fehler bedauert- sehr wohl über HartzIV-Empfänger gelästert (Stichwort "spätrömische Dekadenz").

    das ist auch ne Logik grüner Prägung. Hört sich gut an^^...

    "Auf die Grünen kann man gerne einhacken. Ich seh in ihnen trotzdem noch das kleinere Übel, die Untätigkeit der derzeitigen Regierung zusammen mit der desaströsen Außendarstellung und dem schüren von Resentimments gegenüber dem Süden ("die faulen Südländer") ist brandgefährlich."

    Außendarstellung? und wenn P€€r über die Italiener hetzt und die SChweiz bedroht? das hätte uns fast den 3 WK beschert. Mehr Diffamierung geht ja kaum (mal abgesehen von der verlogenheit dieser neulinken Gutmenschen s.o)
    Außerdem finde ich die Argumentation lustig: Wir grünen erkennen die Probleme der Armen, dennoch dürfen wir im Rotweingürtel uns über sie lustig machen. Wir kümmern uns ja ..diese Gönnerhaftigkeit ist sowas von widerlich ^^

    • Bashu
    • 31.03.2013 um 0:41 Uhr

    Rot-Grün ist spätestens seit 10 Jahren nur noch Schwarz-Gelb light.

    Der Makel der LINKEN aber ist, dass sie (für mich) nicht überzeugend die Sozialismus Vergangenheit abgewickelt haben.
    Da die Piraten sich aber noch in einer pubertären Findungsphase befinden und noch der ein oder andere shitstorm herabregnen muss bevor Reife erreicht ist, seh ich im Moment keine Alternative zur Linken...

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Es ist....."
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    ...schauen Sie sich einfach nur das Abstimmungsverhalten der Linken im Bundestag an.
    Sie sind häufig näher an der Meinung der Mehrheit der Wähler dran als die sog. "etablierten".

    Aber wie bemerkte Volker Pispers zu diesem Thema: "Der Deutsche hält Parteien, die seine Meinung vertreten für linke Spinner".

    http://www.youtube.com/wa...

    ...schauen Sie sich einfach nur das Abstimmungsverhalten der Linken im Bundestag an.
    Sie sind häufig näher an der Meinung der Mehrheit der Wähler dran als die sog. "etablierten".

    Aber wie bemerkte Volker Pispers zu diesem Thema: "Der Deutsche hält Parteien, die seine Meinung vertreten für linke Spinner".

    http://www.youtube.com/wa...

    • Moin.
    • 31.03.2013 um 1:07 Uhr

    hat- was er heute als taktischen Fehler bedauert- sehr wohl über HartzIV-Empfänger gelästert (Stichwort "spätrömische Dekadenz").

    5 Leser-Empfehlungen
  5. Die SPD hat ihr ungeklärtes Verhältnis zur Agenda 2010, welche Teilen der Partei peinlich ist. Stattdessen hätte man Sie vielleicht ausbauen sollen. Das hätte Glaubwürdigkeit bewahrt. Da hätte man auch soziale Komponenten wie einen Mindestlohn nachträglich einbauen können. Das Ergebnis, mit dem Schröder abgewählt wurde, wäre heute ein Traumergebnis für die FDP.

    Die GRÜNEN haben immer mit Maximalforderungen zu kämpfen, mit denen Sie Wähler verprellen. Spätestens, wenn mal wieder ein generelles Tempolimit oder 5 Euro pro Liter Benzin gefordert wird, gehen auch die Umfragen wieder in den Keller. Das man damals nicht auf ein Dosenpfand für Einweggetränke verzichten wollte, hat sich zum ökologischen Supergau entwickelt. Die Mehrwegquote ist inzwischen in den Keller gerauscht.

    Ich glaube über die PIRATEN und die FDP braucht man erst gar keine Worte zu verlieren. Wer sich selbst so schlecht repräsentiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn er die 5% von unten sieht.

    Bei der CDU bekommt man immer mehr das Gefühl, dass die großen Problerme ausgesessen werden sollen. Die letzten großen Reformen haben noch unter Schröder stattgefunden. In vielen europäischen Ländern kann man sich als Deutscher kaum noch blicken lassen. Der Mittelstandbauch (die Abschaffung war auch CDU-Versprechen) bei den Steuern existiert nach wie vor, hier ist überhaupt nicht geschehen.

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