KlassikerFahles Feuer

Das Paradies als Ort der Liebe – und Polemik. Zum Abschluss von Hartmut Köhlers großer Dante-Übersetzung. von Frank Hertweck

Am Ende das Paradies. Im doppelten Sinne ist die Neuübersetzung vom dritten Teil der Göttlichen Komödie ein Vermächtnis. Es war eines für Dante selbst, der bald starb nach Abschluss seines »heiligen Gedichts, an das Himmel und Erde Hand angelegt haben und das (seine) Kräfte in den vielen Jahren aufgebraucht hat«, und es ist eines für Hartmut Köhler, dessen Paradiso-Übersetzung im Herbst letzten Jahres erschienen ist und der im Dezember darauf zu Tode kam.

Aber was heißt schon Übersetzung. Bereits beim Inferno und beim Purgatorium hat Hartmut Köhler so gut wie keine Frage unbeantwortet gelassen, er hat die Verse Dantes in seine Kommentierung regelrecht eingebettet, in historische Erklärungen, Hinweise, kulturhistorische Essays und themenbezogene Bibliografien. Das ist beim Paradiso noch einmal gesteigert. Reichlich Brot zur Speise des Werks, könnte man mit Dante sagen.

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Dantes Wanderung durch Hölle und Purgatorium führt letztlich durch unsere eigene Welt. Ob Laster, verlorene Hoffnungen oder das tiefste Böse ganz unten in der Kältehölle, das alles ist uns nicht fremd. Jeder wüsste ein paar historische Figuren, die er Judas oder Brutus beigesellen würde, jeder hat ein Gefühl für die tragischen Konflikte, den Silberstreif der Rettung am Horizont. Dante ist streng in den Zuordnungen, aber zugleich kennt er moralische Unschärfen, der Sündenkatalog ist das eine und mit ihm die sündige Tat, das menschliche Leben das andere. Darum sind Hölle und Purgatorium überraschenderweise Stätten von Mitleid und Barmherzigkeit.

Ganz anders das Paradies. Der Ort der Liebe ist gleichzeitig der der größten Verachtung für die da unten, für die moralischen Skandale der Welt, ihr Ausdruck: Polemik. Und was machen die Guten im Paradies, wenn sie nicht auf die Welt schimpfen? Nicht umsonst sind die Paradiesdarstellungen der bildenden Kunst zumeist fließend, luftig, transparent. Das Böse erscheint individuell, aggressiv, fantasievoll, das Gute kollektiv, als Chor. Schon allein die Gliederung des Paradieses ist darum nicht ganz einfach: Sind alle gleich gut, warum dann eine Hierarchie? Hat das Gute Abstufungen wie die Sünde? Hartmut Köhler lehrt uns, dass Dante über solche Probleme nachgedacht hat und dieses dadurch löst, dass er die Paradiesbewohner freiwillig dem wandernden Dante verschieden weit zur Begrüßung entgegenkommen lässt – mit allen Konsequenzen für eine Theorie des »freien Willens«.

Der dritte Teil der Commedia ist ein Wunder. Was Dante an naturwissenschaftlichem Wissen seiner Zeit, an Astronomie und Astrologie, an geschichtlichen Ereignissen, an theologischen und philosophischen Debatten verarbeitet hat, sprengt jeden Vergleich. Das Mittelalter hat eine große enzyklopädische Leidenschaft. Dante bündelt sie in seinem literarischen Kosmos. Ermöglicht wird das durch eine historisch vielleicht einmalige Situation. Denn noch gibt es ein einheitliches Weltbild, an dem sich Politik, Leben, Denken, Forschen ausrichten, noch gibt es ein Zentrum der Welt: das Christentum. Aber seine irdischen Vertreter haben es, so Dante, inhaltlich entleert. Das universale Gefäß ist da, es fehlt die Substanz. Das ist Dantes Augenblick. Die Commedia ist Ausdruck eines alternativen Modells der Herrschaftslegitimation. Die Päpste haben sich unmöglich gemacht, jetzt versucht es ein Dichter mit einem Christentum auf dem neuesten Stand. Gott, Kaiser und ein Dichter, der Gott geschaut – es hätte alles so schön werden können. Aber der Tod des Wunschkaisers Heinrich VII. von Luxemburg macht die Commedia zur Utopie einer vergangenen Zeit. Der Kaiser zum Dichter ist dem Dichter verloren gegangen.

Dantes Paradies ist ein literarisches Gebet. Das heißt nicht, dass er immer kirchentreu argumentieren würde. Kurt Flasch, der andere wichtige Dante-Übersetzer der letzten Jahre, hat in seinem Kommentar auf viele Abweichungen von der offiziellen Lehre hingewiesen. Aber man konnte auch im 14. Jahrhundert dem Christentum noch einen heiligen Text hinzufügen . Altes Testament, Neues Testament, die Kirchenväter, die Commedia, so ungefähr stellte sich Dante die Abfolge vor.

Doch durfte er das? Man hat ihm die Wahrheitsfrage gestellt. Dante im Paradies, das ist doch erfunden! Und damit Literatur! Im Dante-Kosmos ist das eine Abwertung. Darum antwortet er in einem berühmten Brief an seinen Förderer Cangrande della Scala auf die Vorwürfe – und kommentiert sich selbst, nicht zum ersten Mal. Auch das ist unerhört. Er verweist auf andere Visionäre, auf Paulus, Matthäus, Richard von St. Viktor, Bernhard von Clairvaux, Augustinus. Er stellt sich in eine große Ahnenreihe. Aber unter der Hand vollzieht er die Emanzipation der Literatur. Als Schöpfer einer Welt, Richter über Gut und Böse, Kommentator seiner selbst begründet er das neuzeitliche Subjekt.

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