Imagekampagne fürs BuchAlle finden Lesen toll

Die Werbeagentur Zum Goldenen Hirschen startet eine millionenschwere Imagekampagne fürs Buch. Aber hat das Buch ein Imageproblem?

"Vorsicht Buch!" war das Motto der diesjährigen Leipziger Buchmesse

"Vorsicht Buch!" war das Motto der diesjährigen Leipziger Buchmesse

Wieder einmal spielt sich das Drama in der Mittelschicht ab. Hin- und hergerissen zwischen Reichtum und Abstieg, vor allem zwischen Beruf, Kindern, Fernsehen und Kochen mit Freunden, stellen sich gebildete und sensible Menschen die Frage: Wann um Himmels willen soll ich noch ein Buch lesen?

Keiner hat mehr Zeit, keiner kann sich mehr konzentrieren, kein Interesse an blauen Blumen und fliehenden Pferden. Mit ein bisschen Kulturpessimismus angereichert, wird daraus ein Szenario vom Untergang der Lesekultur. Und wenn der Börsenverein des deutschen Buchhandels drei Millionen Euro in die Hand nimmt, um eine Imagekampagne für das Buch in Auftrag zu geben, fangen die ersten an, den Untergang des Abendlandes zu beklagen.

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Die seit letztem Jahr an dieser Kampagne arbeitenden Werber der Agentur Zum Goldenen Hirschen aus Hamburg behaupten allerdings, von Verzweiflung könne keine Rede sein. Der Börsenverein freue sich über ein solides erstes Quartal 2013, und das Resultat von Marktforschung und Befragungen ergibt: Das Buch hat überhaupt kein Imageproblem. Niemand ist dagegen, alle finden Lesen toll, im Prinzip, und die allermeisten Kinder schmökern wirklich gerne. Das Buch, so die Werber weiter, habe vielmehr ein Wahrnehmungsproblem, das aus dem Wettbewerb der Medien herrühre – mehr Möglichkeiten bei einem üppig angeschwollenen Angebot. Es komme also darauf an, die überbeschäftigten Leute ans Buch zu erinnern, sie darüber ins Wundern und Reden zu bringen, zunächst einmal mit dem Antiwerbespruch »Vorsicht Buch!«

Ob »Vorsicht Buch!« aber wirklich provokativ klingt? Außerdem bewerben bereits die Verlage, die dieser Kampagne eher reserviert gegenüberstehen, ihre Bücher mit gewaltigem Aufwand. Da doppelt sich also etwas. Es gibt Vorlesewettbewerbe und Förderprogramme in großem Umfang. Nicht alle der 13 Hirschen-Plakate, die in den kommenden Wochen in die Buchhandlungen wandern sollen, sind umwerfend witzig. Zeitgenossen stehen da vor pastelligen Hintergründen, aufgenommen im Stil von Polizeifotos, vor dem Bauch ein Schild mit Sprüchen wie: »Ich war ein Serienkiller« oder »Ich habe Dämonen beschworen«. Gleichwohl unterscheidet sich diese Werbung wohltuend von den üblichen weichgezeichneten Idyllen. Die Werber vom Goldenen Hirschen interessierte, was Bücher mit Menschen machen können, sie überwältigen, gefangen nehmen, verzaubern oder verwandeln, sei es für die Zeit von 300 Seiten.

Die Kampagne wurde auf der Leipziger Buchmesse präsentiert, sie wurde interessiert und wohlwollend aufgenommen, das Medienecho war beträchtlich. Seither ließen sich viele Prominente dafür gewinnen. Nein, das Buch ist nicht vom Aussterben bedroht, und die Printkultur, das gute alte Kohlenstoff-Universum, löst sich keineswegs auf, weder durch den Feuersturm von Amazon, noch durch den Fall der Buchpreisbindung. Insofern vertraut diese Kampagne noch auf buchkulturelle Normalverhältnisse, unter denen Menschen sich ihren Lesestoff in Buchhandlungen besorgen. Allerdings lohnt es sich, genau zu betrachten, was verkauft wird. Aus der verlässlich funktionierenden Mobilisierung des Kultur- und Imagewertes Buch folgt ja nicht, dass das Lesen und die Literatur tatsächlich noch ihre angestammte gesellschaftliche Rolle spielen.

Was ganz bestimmt schrumpft, ist die literarische Kultur im klassischen Sinn, die Welt der literarischen Bildung, der klassischen Buchrezensionen und des riesigen kulturellen Kapitals, das mit dem Buch einmal verbunden war. An dieser Stelle wenden die Werber ein: »Dies ist ja auch keine Bildungskampagne!« Sie kann und will nicht Lücken im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft schließen, sie kann auch nicht die Versäumnisse der Bildungspolitik ausbügeln, nicht einmal versprechen, dass mehr Bücher verkauft werden. Sie kann höchstens auf augenzwinkernde Weise ein paar Leute mehr in die Läden ziehen, wo sich dann Kunden und Buchhändlerinnen darüber unterhalten, was gemeint sei, wenn da steht »Ich habe sex on the beach gemacht«.

»Campaigning« will heute Kommunikation auslösen, und zwar in Richtungen, die nicht länger planbar oder kontrollierbar sind. Hauptsache, sie findet statt. Das und nichts anderes ist heute Imagebildung. Plakate sind in diesem Fall nur ein Mittel zum Zweck. Hinzu kommen in den nächsten drei Jahren Lesungen und Aktionen mit Kooperationspartnern wie Condor, Cinestar oder Bild. Sehr wichtig ist der Auftritt auf Facebook. Hier kann sich ein jeder mit einem eigenen Spruch fotografieren lassen und sich in ein Plakat verwandeln. Dabei könnte man dann auch ein wenig forcieren: »Ich war ein ekelerregendes Insekt« oder »Ich überlebte die Bücher von Rainald Goetz«. Beispielsweise. Schön wäre auch das melancholische »Ich war eine Parallelaktion«.

Der Goldene Hirsch hat eine Kampagne für alle entworfen. Doch müssen auch die Experten zugeben, dass es Einschränkungen gibt: Einer, der Literatur immer schon als selbstverständlichen Teil seines Lebens ansah, wird durch die Motive und Slogans kaum in einen Zustand der gesteigerten Aufmerksamkeit versetzt. Daneben gibt es Schichten, die nie lesen und sich auch durch den Ruf »Vorsicht Buch!« nicht dazu bewegen lassen.

So bleibt die Mittelschicht. Sie ist noch rückholbar. Auf einem Floß treibend, soll sie den Rettungsring fangen. Es gibt Hoffnung, dass die Mittelschicht – von Informationen übersättigt, multitasking und kindererziehend, gehetzt im Stress der Unterhaltung und der Wissensexplosion – sich doch noch an den schönen Zeitfresser Buch erinnert, dafür ihr Geld ausgibt und dabei auch noch fröhlich ruft: »Ich war ein Serienkiller!«

 
Leser-Kommentare
  1. "Was ganz bestimmt schrumpft, ist die literarische Kultur im klassischen Sinn, die Welt der literarischen Bildung,..."

    In einer durchökonomisierten Welt, in der nahezu alles, so auch literarische Bildung, nach ihrem wirtschatlichen Nutzen bewertet wird, ist es gradezu zwangsläufig, dass weniger Zeit in als vernachlässigbar eingestufte Werte investiert wird.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. ... dass das "Kohlenstoff"-Buch auch den Kindle überleben wird. Wo die Darreichungsform zum Argument wird, kann es sich aber ja nicht um den Inhalt drehen, sondern bloß, ob man andere Fake-Bildungsbürger mit seiner Schrankwand beeindrucken kann.

    Bei solchen Buchfreunden braucht es keine Buchfeinde mehr.

  3. Das fein gestaltete Buch wird ewigen Bestand haben,

    Der Einband aus Leinen,vielleicht noch geprägt,das Papier hochwertig
    und mit delikaten Buchstaben bedruckt.
    Dazu, eventuell noch von hervorragenden Künstlern sehr aufwändig
    bebildert.
    Das ist Genuss pur.

    Billigdrucke sind jedoch wie eine billige Journaille.

    2 Leser-Empfehlungen
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    • Muhme
    • 31.03.2013 um 17:17 Uhr

    wo findet man das noch? Klassische Literatur sicherlich. Aber die Werke die in den letzten 100 Jahren entstanden sind? Da muss man schon viel suchen.

    Es müsste sowas auf Bestellung geben. Aber das ist ja so gut wie unmöglich bei den ganzen Verlagsrechten.

    • Muhme
    • 31.03.2013 um 17:17 Uhr

    wo findet man das noch? Klassische Literatur sicherlich. Aber die Werke die in den letzten 100 Jahren entstanden sind? Da muss man schon viel suchen.

    Es müsste sowas auf Bestellung geben. Aber das ist ja so gut wie unmöglich bei den ganzen Verlagsrechten.

    • Muhme
    • 31.03.2013 um 17:14 Uhr

    Es klingt vllt ein wenig drastisch, aber mittlerweile wird man doch von Büchern überhäuft. Ein jeder kann/darf und sollte auch ein Buch schreiben können. Das liefert in erster Linie natürlich eine große Auswahl, damit geht aber auch eine Abnahme der Qualität einher. Masse statt Klasse. Die Schreiberlinge haben heute erkannt worauf es ankommt, alles dreht sich um Bestseller und Verkaufszahlen.

    Geschmäcker sind verschieden und das ist auch gut so. Ich für meinen Teil finde nicht mehr viele Bücher, die mir gefallen. Vllt liegt es daran, dass man nach vielen Jahren einfach schon nahezu alles gelesen hat. Da findet man selten Neues, Geschichten wiederholen sich. Auch kein Drama, solange es gut geschrieben ist. Aber irgendwie liest sich alles oberflächlich. Den Geschichten fehlt eine Seele, oft auch vermisse ich eine persönliche Note des Autors. Zeitgenössische Literatur mag mich kaum begeistern.

    Ist das ein Problem? Nein. Man muss nun einfach nur intensiver selektieren. Bei der Fülle an Büchern kann das zeitaufwändig sein. Zudem: mit begrenztem Budget (egal ob Kauf oder Leihe) überlegt man eventuell drei Mal, bevor man zugreift. Auch wird die Zeit kostbarer. Man möchte weniger Zeit mit Lektüren verbringen, die einen enttäuschen.

    Aber eine Kampagne für das Buch? Das Geld hätte man lieber in Schulbildung stecken sollen. Kultur ist sicherlich wichtig. Aber was ist Kultur, wenn es niemanden mehr gibt, der das wirklich wertschätzen kann?

    Damit ist klar: Verkaufszahlen > Inhalt

    • Muhme
    • 31.03.2013 um 17:17 Uhr

    wo findet man das noch? Klassische Literatur sicherlich. Aber die Werke die in den letzten 100 Jahren entstanden sind? Da muss man schon viel suchen.

    Es müsste sowas auf Bestellung geben. Aber das ist ja so gut wie unmöglich bei den ganzen Verlagsrechten.

    Antwort auf "Das Buch"
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    Da gibt es Literatur vom feinsten.
    Zugreifen,mitnehmen und der gewünschte Genuss erfüllt sich.

    Da gibt es Literatur vom feinsten.
    Zugreifen,mitnehmen und der gewünschte Genuss erfüllt sich.

  4. Da gibt es Literatur vom feinsten.
    Zugreifen,mitnehmen und der gewünschte Genuss erfüllt sich.

    Antwort auf "Schön, aber"

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