Behinderte SchülerWie viel anders ist normal?

Behinderte Kinder gehen auf Sonderschulen. So ist es in Deutschland seit Jahrzehnten üblich. Künftig aber sollen alle Kinder gemeinsam lernen, niemand wird mehr aussortiert. Ein schöner Gedanke – der auf eine komplizierte Wirklichkeit trifft. von Dorit Kowitz

Ein hübscher Junge im Rollstuhl sitzt auf einem Schulhof dicht bei einem hübschen Mädchen ohne Rollstuhl. Das Mädchen lächelt den Jungen an, der schüchtern auf das Smartphone schaut, das sie in den Händen hält. Die Sonne scheint, auf dem Himmel steht ein Satz: "Inklusion heißt: Schmetterlinge im Bauch".

So viel zur schönen neuen Welt der Behinderten, wie sie auf einem Reklameplakat aussieht. Jetzt zum Leben.

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Inklusion an der Grundschule Beuthener Straße in Hannover heißt: Ein siebenjähriger Junge springt im Unterricht ständig auf, läuft herum, stößt Schreie aus. Körperlich fehlt ihm nichts, aber er redet von sich selbst in der dritten Person, rückt allen auf die Pelle, kann sich nicht konzentrieren.

Der Junge heißt Yunus, schon im Kindergarten war er aufgefallen: Er sprach kaum, verstand nicht, was Gleichaltrige verstanden, blieb einsam. Seine Mutter Gülcan Sen, 35, die mit ihrem Mann ein kleines Goldhandelsgeschäft besitzt, brachte Yunus zur Ergotherapeutin, zur Logopädin. Er machte Fortschritte, so sah es aus. Als die Einschulung näher rückte, sorgten sich die Eltern. Wenn sie ihren Sohn zur Sonderschule schickten, würden sie ihn damit nicht erst wirklich zum Behinderten machen?

Schließlich der Lichtblick – die Leiterin der Grundschule Beuthener Straße, in die schon die große Tochter der Familie Sen ging, war bereit, Yunus aufzunehmen.

Im Spätsommer 2011 hielt Yunus seine Schultüte in den Armen. Die Sens waren glücklich. Die Schulleiterin sagt: "Wir haben uns da voller Enthusiasmus hineingestürzt."

Wenige Monate später, noch vor den Herbstferien, rief Yunus’ Klassenlehrerin bei seinen Eltern an: Der Junge sei nicht mehr tragbar, er schreie herum, beschimpfe die Mitschüler. Die Eltern baten um Geduld, sie fieberten einem Termin beim Arzt entgegen. Der würde Yunus sicher Ritalin verschreiben, um seine Hyperaktivität zu bändigen. Die Lehrerin aber blieb hart: Yunus werde jetzt vom Unterricht freigestellt, bis eine geeignete Schule für ihn gefunden sei. Eine Sonderschule.

Natürlich beschreibt der Blick auf Yunus ein hässliches Zerrbild, so wie das Plakat der "Aktion Mensch" ein schönes Wunschbild zeigt, das bis vor Kurzem überall in Deutschland an Bushaltestellen und in Fußgängerzonen klebte. Beides aber sind Darstellungen eines Phänomens, das in diesen Monaten zur neuen Wirklichkeit an Deutschlands Schulen wird: Inklusion. So heißt der Ansatz, behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen zu unterrichten.

Inklusion – dahinter steht der schöne Gedanke, dass es möglich sein muss, Schulen zu schaffen, in die alle Kinder eines Landes gemeinsam gehen, einfach weil alle Kinder gemeinsam haben, dass sie Menschen sind, ob behindert oder nicht.

Niemand Geringeres als die Weltgemeinschaft hat diesen Gedanken zum Ziel erhoben, festgeschrieben in Artikel 24 der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, verabschiedet vor sechs Jahren von den Vereinten Nationen. Deutschland hat diese Vereinbarung im März 2009 ratifiziert.

Seitdem ist Inklusion hierzulande ein Menschenrecht. Nach und nach wird es nun in Landesgesetze verwandelt. Die neuen Paragrafen aber verschärfen nur den Streit, der entbrannt ist zwischen Kritikern und Befürwortern der Inklusion, zwischen jenen, die behinderte und nicht behinderte Kinder weiterhin trennen wollen, und jenen, die sie künftig im selben Klassenzimmer sehen möchten.

Den kleinen Yunus haben die Lehrer von der Grundschule Beuthener Straße weggeschickt, weil sie das für besser hielten. Besser für ihn. Und besser für die übrigen 23 Kinder seiner Klasse. Noch konnten sie das. Bald könnten sie es nicht mehr: In Niedersachsen haben Eltern vom 1. August an das Recht, ihre behinderten Kinder auf eine Regelschule zu schicken, wenn sie das wollen.

Das Recht, nicht die Pflicht. Es wird also weiterhin Förderschulen geben. Aber es werden immer weniger werden. Die Anhänger der Inklusion hoffen: irgendwann gar keine mehr. Irgendwann sollen Kinder wie Yunus nicht mehr aussortiert werden.

Bisher hat das Aussortieren in Deutschland Methode: Neben dem dreigliedrigen System der Regelschulen, das an sich schon umstritten ist, gibt es das riesige Paralleluniversum der Förderschulen mit acht, in manchen Bundesländern sogar zehn verschiedenen sonderpädagogischen Richtungen für über 400.000 Schüler. Es gibt Schulen mit dem Förderschwerpunkt Hören, dem Förderschwerpunkt Sehen, dem Förderschwerpunkt Sprechen, dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, dem Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung und so weiter.

Bei dem Streit um die Inklusion geht es darum, ob dieses Prinzip des Aussortierens wirklich falsch ist und das neue Ziel, es eines Tages zu beenden, wirklich richtig. Und darum, wie viel das neue Ziel eigentlich kosten darf.

Für beide Sichtweisen gibt es eine Fülle an Beweisen und Begründungen, oft sind es eher Behauptungen und Beschwörungen. Man kann schnell ratlos werden in diesem von Ideologie und Idealismus verminten Feld.

Dies ist ein Versuch, herauszufinden, wie aus dem Wunsch, die Welt für Behinderte ein bisschen besser zu machen, Wirklichkeit wird – und warum diese Wirklichkeit am Ende mitunter wenig mit dem Wunsch zu tun hat.

Die Grundschule Beuthener Straße, die den kleinen Yunus erst aufnahm und dann abwies, liegt im Stadtteil Mittelfeld, sie stammt aus den sechziger Jahren. Ihre Leiterin Sigrid Promann sagt: "Ich weigere mich, das hier eine Brennpunktschule zu nennen. Hier brennt nichts."

Ein paar Probleme allerdings gibt es schon. In Mittelfeld leben viele Alleinerziehende, viele Patchworkfamilien, in denen das Patchwork nicht funktioniert, viele Hilfeempfänger. Es gibt Kinder, die, wenn sie morgens zur Schule gehen, noch kein Frühstück bekommen haben, aber schon Prügel. Ein Gutteil der 300 Schüler stammt aus Familien, in denen nicht oder schlecht Deutsch gesprochen wird. 20 Nationalitäten zählen sie hier.

Nicht Kinder aussieben und sitzen bleiben lassen, sondern sie motivieren und mitziehen, das ist hier das Prinzip. Es gebe dritte Klassen, erzählt Schulleiterin Promann, in denen wiederholen manche Kinder den Stoff der ersten, während andere als hochbegabt gelten und Aufgaben aus der vierten Klasse bekommen.

Leserkommentare
  1. Die Schule ist primär für die Ausbildung des Intellekts zuständig. Deshalb ist es widersinnig, wenn ausgerechnet körperlich Behinderte keinen Anspruch auf "inklusive Schule" haben, Verhaltensgestörte und geistig Behinderte aber schon. Fälle wie die Rollstuhlfahrerin sind doch gerade die, die mit ganz normalem Schulunterricht keinerlei Probleme haben und für die eine Sonderschule eine Qual und Erniedrigung wäre. Aber einen geistig Behinderten, der selbst gehen kann, kann man eben ohne zudätzliche Investitionen in eine normale Schulklasse sperren und den Lehrern und den Mitschülern einreden, an allem seien nur sie schuld, weil sie der UNO-Ideologie nicht glauben.
    Die Inklusions-Ideologie erinnert an die Versuche mit der Auflösung aller psychiatrischen Kliniken, die in manchen Ländern gemacht wurden: Auch da gab es das - nicht in allen Fällen von der Hand zu Weisende - Argument, das Vorhandensein von Kliniken führe dazu, daß Leute hineingestopft würden; man schloß die Kliniken und entließ die Patienten "in die Gesellschaft", wo nicht wenige vor sich hin vegetiert haben und wo sie oft in der Gosse verreckt sind.
    Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht.
    Und Deutschland sollte die Courage haben, der UNO mitzuteilen, daß es sein Sonderschulwesen beibehalten wird; gegebenenfalls sollte Deutschland eben die Behinderten-Konvention kündigen. Niemand sollte sich zu Unsinn verpflichten, um scheinbar gut dazustehen.

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  2. ... und weil dem so ist, muss auch jeder alles sollen dürfen und darf am Ende doch nichts können...oder so ähnlich. Der Artikel macht sehr gut deutlich: Die Beführworter der Inklusion verweigern sich konsequent einer konkreten Aussage, wie mit Kindern wie Yunus zu verfahren ist. Sie können auch nicht anders handeln, da sie sonst ihre Glaubensbasis negieren müssten. Also negieren sie lieber das Problem. Und wenn es nicht funktioniert hat, sind immer die anderen schuld. Nicht die Inklusion selbst. Ähnlich einem Esoterik-Wunderheiler, der moniert, sein Zauberwasser hätte den Krebs aber heilen können, wenn der Patient nur fest genug an die Wirkung geglaubt hätte. Daher könne er, der Heiler, ja nichts dafür. So argumentieren auch die Ideologen, die sich, gern aus der bequemen Distanz heraus, um die Rundumerneuerung unserer Gesellschaft bemühen. Manche verheizen vom sicheren Thron aus Soldaten im Feld, andere Lehrer im Klassenzimmer. Ebenso wie die betreffenden Schüler übrigens.
    Und anstatt dass man den viel simpleren und vernünftigeren Weg ginge - nämlich für begabte Förderschüler das Niveau heraufzusetzen, Regel-Pädagogen an Förderschulen zu entsenden und den lernfähigen Kindern dort Weiterbildung zu ermöglichen, geht man den umgekehrten Weg. Mit welchem Resultat? Einer Überforderung aller Beteiligten. Und letztlich auch einem Verbrechen an allen Kindern, die in der Schule sind, um zu lernen (!) und nicht um als Versuchesaffen sozialistischer Experimente zu dienen.

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  3. Aber ich frage mich, warum auch der Autor selbst mit einer Verbissenheit das Problem immer wieder in de Vordergrund stellt und nicht Lösungsansätze präsentiert? Wenn es in Skandinavien bereits Inklusion gibt, dann kann er doch genauer ausarbeiten, wie es dort gemacht wird, wie mit den verschiedenen Problemen umgegangen wird?
    Mir ist zum Beispiel nicht begreiflich, warum man nicht die Gebäude von Förderschulen einfach zu Regelschulen hinzu legt und somit die Infrastruktur bereits besitzt und durch die Vermischung der Kinder und der Lehrer in den Gebäuden trotzdem eine Integration schafft.
    Auch finde ich es ein wenig schwach, wie der Artikel zwei Formen von Behinderung, Geistige und Körperliche gegeneinander ausspielt.
    So sehr es auch stimmt, dass hier Ideologien ohne Praxisbezug gegeneinander kämpfen, der Autor jedenfalls scheint ebenso wenig konstruktiv wie die rivalisierenden Parteien. Wenn das der Ausgangspunkt einer Diskussion sein soll, dann geht es hier wieder nur darum, Leserideologien gegeneinander auszuspielen.

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    Ich sehe nicht, dass in dem wirklich sehr ausgewogenen Artikel verschiedene Arten der Behinderung gegeneinander "ausgespielt" werden. Es ist nunmal Fakt, dass Schule in erster Linie geistige Arbeit für Kinder bedeutet. Wenn ein Kind in dieser Hinsicht jedoch stark eingeschränkt ist, dann hat es natürlich größere Probleme mit dem Lernen als ein Kind, das nur körperlich behindert ist. Genauso wie ein Kind, das im Unterricht aufsteht, rumschreit und anderweitig übergriffig agiert, für seine Mitschüler natürlich anders als das Mädchen im Rollstuhl eine große Belastung darstellt. Schade, dass "Common Sense" in bestimmten Kreisen jetzt schon als Chauvinismus gilt. Wenn man da nicht aufpasst, dann wird das Pendel schon sehr bald in unerfreulicher Weise zurückschlagen

    • mmph
    • 28. Juni 2013 9:27 Uhr

    Wie erklärt man einem 3-jährigen Kind, dass es sich von einem inkludierten Kind prügeln lassen muss, weil 2 Erzieherinnen für 25 Kinder zuständig sind und nicht ihre ganze Zeit für ein Kind aufwenden können, dass Einzelaufsicht bräuchte?
    Wie fühlen sich Eltern, deren Kinder jede Nacht mit Alpträumen aufwachen, seit ein inkludiertes Kind im Kindergarten ist und sie von ihnen drangsaliert werden?
    Wie sollen kleine Gemeinden die dafür nötigen Fachkräfte finanzieren?
    Müssen meine Kinder durch inkludierte Kinder erst selbst verhaltensauffällig werden, um Unterstützung zu bekommen?

    Bei gewaltätigen Kinder steht das Grundrecht auf Inklusion eines oder weniger Kinder gegen das Grundrecht ganzer Kindergartengruppen auf körperliche Unversehrtheit. In solchen Fällen bin ich gegen Inklusion.

    Auch meine Kinder haben Rechte, nämlich das Grundrechte auf körperliche (und geistige) Unversehrtheit.

  4. Ich möchte mich als selbst stark Hörbehinderter gerne dazu äußern, auch ist es noch nicht so lange her, dass ich aus der Schule bin:

    Ich war während der kompletten Schulzeit stark schwerhörig, habe aber trotzdem das ,,normale" Schulsystem durchlaufen, von Grundschule bis Gymnasium und Abitur.

    Man KANN mit körperlichen Behinderungen so etwas durchaus schaffen, auch, wenn es gewisse Einschränkungen gibt je nach Behinderung, z.B. beim Sport oder in meinem Fall bei Musik. Das ist eine Frage der Offenheit, des Verständnisses und der Hilfsbereitschaft von Mitschülern und Lehrern.

    Hart ist es unter Umständen aber schon, weil gerade Kinder ganz einfach viel ehrlicher und gnadenloser sind, in ihrem Umgang mit einander.
    Was übrigens NICHT gleichbedeutend mit ,,gemein" oder ,,böse" ist, das muss man betonen!

    Eine weitaus schwierigere Sache sind geistige Behinderungen, je nachdem, wie diese ausfallen, halte ich es für nicht hilfreich, geistig Behinderte im normalen Unterricht zusammen mit nicht-behinderten Schülern zu unterrichten.

    Für ein Kind wie den im Text beschriebenen ,,Yunus", aber auch für seine Mitschüler und Lehrer, passt der normale, gemeinsame Unterricht nicht.
    Plötzliches Rumschreien, Beschimpfungen, Herumrennen mitten im Unterricht usw. ist ein Verhalten, welches die anderen Kinder und auch den Lehrer stark stört. Sie können nachsichtig und verständnisvoll sein, wie sie möchten - das stellt einfach ein großes Problem dar beim Lernen.

    Man kann keine anspruchsvollen...

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    Im Gegensatz zum Vorredner war ich als Schwerhöriger auf einer Förderschulle, und ich glaube, dass das gut gewesen war (wegen Förderung, und wegen praktischer Abwesenheit von Mobbing). Nachteil war die Entfernung von ca. 25 km, die ich vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr mit der Bahn und Stadtbus bewältigen musste. Danach war "normale" Schule. Bahnfahren hatte immerhin früh Selbstständigkeit herbeigeführt.

    Der Artikel ist sehr lesenswert, und es ist eigentlich tragisch, dass die Meinungen so sehr auseinander gehen.

    Ich befürchte nur Eines: Wie um uns herum dank Allgegenwärtigkeit von Mobiltelefonen die öffentlichen Telefone praktisch verschwunden sind, habe ich die Befürchtung, dass Sonderschulen vielleicht zwar nicht aussterben, aber immerhin so sehr ausgedünnt werden, dass Förderkinder irgendwann deutlich länger reisen müssen. Und am Ende könnte die Entwicklung dann doch Richtung aussterben gehen. Merke: Entwicklungen gehen ganz schleichend. Erst am Ende stellt man fest, das etwas nicht richtig gelaufen ist.

  5. Man kann keine anspruchsvollen Inhalte lernen, wenn man ständig abgelenkt und unterbrochen wird durch Geschrei, Gerenne oder Beschimpfungen.

    Nun kann man aber solche Kinder natürlich auch nicht zwingen, ruhig sitzen zu bleiben. Ich bin auch ein entschiedener Gegner davon, sie mit Medikamenten zu sedieren!

    Ein anderes Problem kann sein, dass die Kinder zwar ruhig und freundlich sind, aber trotzdem aufgrund ihrer geistigen Behinderung und daraus resultierenden Verhaltens keinen Anschluss finden an die Klassengemeinschaft oder schlicht nicht in der Lage sind, Unterrichtsinhalte mit den gewöhnlichen Methoden zu begreifen.

    Man kann zwar durchaus erwarten, dass Lehrer und Mitschüler der Freundlichkeit wegen Rücksicht nehmen.

    Aber ich glaube, es macht wenig Sinn, zu erwarten, dass man sich KOMPLETT nach den Bedürfnissen und Anforderungen eines Einzelnen richtet und dadurch die anderen Kinder weit unter ihren eigentlichen Möglichkeiten bleiben.

    Meiner persönlichen Meinung nach sollte man nicht blauäugig versuchen, einen Einheitsbrei zu kochen und so zu tun, als ob alle Behinderten und Nicht-Behinderten genau gleich unterrichtet werden könnten.

    Wohlgemerkt: Deren Menschsein, wie es ja auch im Text angesprochen wurde, steht absolut außer Frage in dieser Angelegenheit! Darüber muss man nicht reden.

    Wir sollten als Gesellschaft das sinnvollste für ALLE Kinder tun, was die Bildungsvermittlung angeht, mit jeweils gebührendem Respekt und den Bedürfnissen der Kinder entsprechend.

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  6. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß gerade für Grundschüler die Erfahrung von 'Andersartigkeit' (sorry für diesen Begriff - mir fällt auf die Schnelle kein anderer ein) eine wichtige Lehrerfahrung sein kann. Wie sollen Kinder denn sonst Werte wie Toleranz oder Empathie erlernen und ein unbefangenes Verhältnis zu Behinderten entwickeln? Das dieses Modell funktioniert, zeigt das Beispiel Japan, wo behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden.

    Was die Förderschulen anbelangt: Mir ist der Fall eines Nachbarn sehr nahe gegangen, der, mit dem Stigma 'Sonderschule' behaftet, nie Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden hat. Alkoholismus war die (vermutlich) unausweichliche Folge.

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    Antwort auf "Nachdenklich"
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    <em>"Wie sollen Kinder denn sonst Werte wie Toleranz oder Empathie erlernen und ein unbefangenes Verhältnis zu Behinderten entwickeln?"</em>

    Oder Verantwortungsgefühl.

    Es war natürlich ursprünglich so gedacht, daß die Lehrer, sich kümmern sollten. Es funktionierte nur nicht.

    Im Ganztagsschulbetrieb sah man am Tag 5-6 Lehrer, die nur theoretisch vorbereitet waren. In der Praxis kam jeder Anfall wie ein Schock: Das Mädchen fiel abrupt zu Boden, wand sich in Krämpfen und schrie. Jeder Lehrer war aufs Neue damit überfordert allen gleichzeitig und den Schulvorschriften auch noch gerecht zu werden. Eine Katastrophe.

    Nach Absprache mit Lehrern, Eltern und Direktor wurde unser "alternatives" Modell erprobt und setzte sich durch.

    Für die Eltern war es eine große Erleichterung, weil sie ihre Tochter täglich von 25 Leuten betreut wußten, dem Mädchen gab es Sicherheit und Selbstvertrauen, weil wir jederzeit da waren, sie aufzufangen und mit ihr den verpaßten Lehrstoff durchzugehen, wir anderen lernten zu organisieren, Verantwortung zu tragen und in Notfällen Ruhe zu bewahren.

    Ein "Lehrer kümmert sich"-Modell hätte sie als "Störfaktor" isoliert und letztlich zum "Problemfall" werden lassen.

    Ich denke, mit einem "Schüler kümmern sich um Schüler" Modell ist eine Inklusion viel einfacher. Warum sollte sich eine Klasse nicht ebenso um einen Schüler mit einer geistigen Behinderung kümmern können? Kinder/Jugendliche sind kreative Problemlöser...

  7. Sicherlich ist es nicht immer einfach in solch schwierigen emotional belasteten und wissenschaftlich zwiespältigen Diskursen eine objektive Meinung zu entwickeln und darzulegen, völlig unbeeinflusst von den eigenen Voreingenommenheiten und erlernten, vielleicht diskriminierenden, Ansichten der Vergangenheit.
    Inklusion bedeutet einen neuen Weg zu finden, mit jeglichem Anderssein umzugehen.
    Nicht nur mit "Behinderungen", sondern auf Dauer eine Lebenssituation zu erzeugen, in der Anderssein als normal, alltäglich begriffen und erlebt wird, von Klein auf.
    Jeder der jetzt gegen Inklusion argumentiert oder gar ideologisch wettert, sollte sein Verständnis fürs Andersein hinterfragen und überlegen, was es bedeutet, nicht nur für die "Anderen", sondern für unsere Gesellschaft eine mutwillig althergebrachte Seperation beizubehalten, weil es immer schon so war und einfach einfacher scheint. Aber ist einfach auch einfach menschlich?
    Oder gibt es nach Meinung von Kleopatra mehrere Klassen von Menschen oder Behinderungen?
    Hatten wir doch schon mal.
    Mit der Folge, dass sich am Ende keiner mehr Gedanken über Separation, Integration oder Inklusion machen musste...
    Und das war jetzt auch mal emotional.

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    Sicherlich ist eine totale Inklusion auf Biegen und Brechen und unter Sparzwang fragwürdig, andererseits ist aber hier auch die Frage nach der Wahrhaftigkeit zu stellen. Wollen wir als Gesellschaft, als Humanisten, Christen oder anderswie religiös bewusste Menschen, unseren Willen zum Ausdruck bringen, nicht nur Haustiere zu lieben, und die Hinterlassenschaften derselben zu dulden, sondern wollen wir uns die Inklusion und die Mitnahme aller Menschen in unserer Gesellschaft auch etwas kosten lassen.
    Sind wir, jeder Einzelne, bereit für diese Veränderung auch die Kosten zu tragen, oder reicht es, uns zu Weihnachten ein paar Euro zu spenden, um unser Gewissen rein zu waschen?
    Sicher keine einfache Frage, keine einfache Anwort ist möglich.
    Jeder in unserer Mitte hat die Freiheit selbst zu entscheiden, wie er damit verfährt!
    Ach nein, doch nicht jeder. Wir haben ja noch keine inklusive Gesellschaft.
    Natürlich wird es keine grenzenlos freie Entscheidung für alle geben, denn besondere Einschränkungen, erfordern auch besondere Förderung - aber diese in unserer Mitte, mit Hilfe von uns allen, das ist Inklusion.

    Alle "Nichtbehinderten" sind einander (in den Eigenschaften, die für den Schulunterricht wesentlich sind) relativ ähnlich; Behinderungen dagegen können die unterschiedlichsten Ausprägungen haben und die davon Betroffenen auf unterschiedlichste Art "behindern".
    Natürlich ist die von mir verwendete Einteilung in "körperlich" und "geistig" Behinderte eine Vereinfachung, weil es natürlich eigentlich nicht die Behinderten, sondern die Behinderungen sind, die man so einteilen kann, und manche Behinderungen auch beide Aspekte betreffen. Das ändert nichts daran, daß eine Klassifikation ein sinnvolles Hilfsmittel ist (mehr ist sie auch nie). Die Unterstellung, daß jeder, der Menschen nach irgendwelchen Kriterien in Kategorien einteilt, damit letztlich ihre Ermordung im KZ vorbereitet, möchte ich als absurd und unverschämt zurückweisen.

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