Und es gibt Elisa Gassel, Schülerin der Klasse 4b. Als es zur Pause läutet und die Kinder nach draußen drängeln, ist Elisa mitten unter ihnen. Nur dass sie nicht nach draußen läuft, sondern rollt.

Elisa hat die Glasknochenkrankheit. Ein genetisch bedingter Mangel an Kollagen macht ihre Knochen spröde wie Porzellan. Wie viele Glasknochenkranke ist Elisa kleinwüchsig, sie hat einen tonnenförmigen Brustkorb und deformierte Extremitäten. Deshalb sitzt sie im Rollstuhl. Aber muss sie deshalb auch in eine Sonderschule gehen?

Elisa hat Sommersprossen und fröhliche Augen. Sie redet nicht gerne über ihre Behinderung. Lieber spricht sie von Justin Bieber, von Hanni und Nanni und von Jungs, die entweder doof sind oder ein Grund zum Kichern. Nach dem Pausengong hat sich Elisa schnell eine orangefarbene Warnweste übergezogen. Sie hat heute Schüleraufsicht, was die anderen Kinder an der Weste erkennen. Jeder ist mal dran. So ist Inklusion gedacht, keine Ausnahmen mehr.

Manchmal, wenn der selbstbewusste Kopf mit dem gebrechlichen Körper darunter hadert, hat Elisa miserable Laune. Dann schimpft sie, ist beleidigt, trotzt. Besondere Nachsicht erfährt sie an der Grundschule nicht, für sie gelten die gleichen Regeln wie für alle anderen. Keiner rempelt sie an, das wagen nicht mal die Rabauken, aber wenn sie irgendwen anmault, dann mault der zurück.

Elisa hat damit kein Problem. Schwierig wird es eher, wenn sie mal aufs Klo muss. Elisas Lehrerinnen können ihr dabei nicht helfen, dürfen es nicht, wollen es nicht. Zu groß die Gefahr, dass sie ihr die empfindlichen Knochen brechen beim Rausheben aus dem Rollstuhl.

Also kann Elisa an jedem Schultag nur ein Mal zur Toilette, und zwar pünktlich um zehn Uhr, oder um halb elf, je nachdem, wann genau jemand vom Ambulanten Dienst kommt, um sie aus dem Rollstuhl zu hieven. Elisa aber kommt damit zurecht. Sie fühlt sich sehr wohl an ihrer Schule.

Es ist ein weiteres Bild von der Inklusion, das hier entsteht. Nicht so idyllisch wie das auf den Werbeplakaten, aber auch nicht so düster wie das von Yunus.

Allerdings ist Elisa, wenn man für einen Moment nur die Schwierigkeiten der Inklusion betrachtet, ein leichter Fall. Sie ist behindert, aber sie hat keinen speziellen Förderbedarf, anders als Yunus. Lesen, Schreiben, Rechnen, das fällt ihr nicht schwerer als anderen Kindern.

Yunus’ Eltern, erschüttert, enttäuscht, dass ihr Sohn die Schule verlassen musste, bekamen damals als Erklärung zu hören, Yunus verwende Fäkalausdrücke, er gebe Tiergeräusche von sich. Gülcan Sen sagt heute: "Tiergeräusche – natürlich ist das nicht schön. Aber ich frage Sie: Ist das ein Grund, das Kind nicht mehr in die Schule zu lassen?"

Ist das ein Grund?

Das alleine sicherlich nicht, sagt Bernd Ahrbeck. Irgendwann aber stoße jeder Lehrer an die Grenze des Erträglichen. Ahrbeck leitet am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin die Abteilung Verhaltensgestörtenpädagogik. Der Professor bezweifelt, dass eine Schule für alle auch für alle gleich gut ist.

Manche Wissenschaftler werfen Ahrbeck vor, ein Ewiggestriger zu sein. Woher kommt diese Feindseligkeit? Ahrbeck sagt: "Inklusion ist so eine Art Heilslehre geworden."

Ahrbeck warnt davor, zu viel und vor allem Unmögliches von der Inklusion zu erwarten. Zum Beispiel, dass aus der Gemeinsamkeit in der Schule eine Gemeinsamkeit im späteren Leben folge. "Das ist illusorisch. Das Erwachsenenleben ist nicht inklusiv. Entwickelte Gesellschaften sind hochgradig gespalten." Auf dieses Leben aber müsse eine Schule die Kinder vorbereiten, sagt Ahrbeck. "Eine gemeinsame Schule für alle macht für ein behindertes Kindes nur dann Sinn, wenn sie ihm hilft, besser zurechtzukommen."

Was aber, wenn sie das Gegenteil bewirkt? Kinder mit massiven Verhaltensstörungen seien oft nur sehr schwer zu integrieren, sagt Ahrbeck. "Es gibt weltweit kein Modell, in dem eine vollständige Inklusion für diese Kinder funktioniert." Solche Kinder bräuchten kleine Gruppen und intensive Bindungen, um sich zu entfalten. Ein vollständig inklusives Schulsystem, wie radikale Befürworter es durchsetzen wollen, könne die Ausgrenzung deshalb sogar verstärken.

Die inklusive Schule aber wird Wirklichkeit werden in Deutschland, ganz gleich, ob die Vorteile die Nachteile tatsächlich aufwiegen – und ganz gleich, ob die Lehrer das können und bewältigen wollen, was man von ihnen verlangt per Erlass, Schulgesetz, Dienstanweisung.

Die Richtung, in die es gehen wird, ist vorgegeben: "Grundsätzlich kann [...] jedes Kind mit den unterschiedlichsten, auch schweren Behinderungen im gemeinsamen Unterricht erzogen werden", schreibt der Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz in einem Gutachten für die rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Preuss-Lausitz sagt voraus: Im Jahr 2021 können 85 Prozent aller behinderten Kinder des Bundeslandes auf eine Regelschule gehen. Derzeit liegt die Quote bei knapp 20 Prozent.

Preuss-Lausitz ist ein Vordenker der Inklusionsbewegung. In seinen Gutachten stellt er rhetorische Fragen, auf die viele Lehrer und Eltern ganz ernsthaft Antwort suchen: "Gibt es behinderungsbezogene Grenzen inklusiver Unterrichtung und Erziehung? Wird das schwer mehrfachbehinderte Kind in seiner Förderschule nicht am besten versorgt?" Seine Antwort: "Das sogenannte Grenzfallargument wird bisweilen angeführt, um durch den Aufbau eines Bedrohungsszenarios eine generelle Umsteuerung zu einem inklusiven Gesamtsystem, das seinen Namen verdient, zu erschweren oder zu verzögern." Soll heißen: Inklusion ist gut. Ernsthafte Gegenargumente gibt es nicht.

So wird jeder, der Zweifel hat, ins Unrecht gesetzt. Der Inklusionskritiker Bernd Ahrbeck sagt: "Da wird die Welt in Gute und Böse aufgeteilt."

Lässt man die Schule in der Beuthener Straße hinter sich und begibt sich auf den Marsch durch das Bildungssystem, öffnen sich die Schützengräben der Ideologie. Schnell stößt man auf Frontlinien, wie sie nur der Eifer zieht. In Gesprächen, Internetforen, Aufsätzen werden erschöpfte, überforderte Lehrer und Schulleiter dem Verdacht ausgesetzt, bloß zusätzliches Steuergeld für ihre Schulhäuser schinden zu wollen oder mehr Planstellen. Besorgten Eltern wirft man vor, Behinderte aus den Regelschulen heraushalten zu wollen, um ihre eigenen nicht behinderten Kinder vor schlechtem Einfluss – also vor Niveauverlust – zu schützen. Förderpädagogen wird unterstellt, nur an Pfründen festzuhalten, an den höheren Gehältern zum Beispiel, die sie an Sonderschulen beziehen.

Warum ist die Debatte so aufgeladen? Und warum unterscheidet sich die Wirklichkeit so vom Kitsch auf den Plakaten? Irgendwo auf dem Weg, den der Inklusionsgedanke genommen hat, von der Politik bis in die Grundschule, muss etwas auf der Strecke geblieben sein.

Vielleicht findet man heraus, was es ist, wenn man den Weg des Inklusionsgedankens zurückverfolgt über die Behörden, das Ministerium bis hin nach Berlin, zum Bundestag, wo das neue Menschenrecht ratifiziert wurde.

Für die Einführung der Inklusion in Hannovers Schulen ist Petra Rieke in der Landesschulbehörde zuständig, eine resolute, aber freundliche Frau. In ihrem Büro fühlt man sich ein wenig wie in einem Landhaus. Es gibt Vasen mit frischen Blumen und farbenfrohe Bilder.

Rieke hat jahrzehntelang als Sonderpädagogin gearbeitet. Sie hat Projekte, Förderzentren und mobile Dienste für praktisch jedes Handicap, das ein Kind haben kann, aufgebaut. Bisher, sagt sie, sei man im Umgang mit behinderten Kindern nach dem Motto verfahren: "Wenn wir eine Lösung haben, wird sich das Problem schon finden." Sie meint: Wenn eine Sonderschule (die Lösung) erst einmal da ist, finden sich auch genügend Sonderschulkinder (die Probleme). Und so gehen heute 35.000 Schüler in Niedersachsen in eine Förderschule.