Auch Evgeny Morozov ist einer, der die Welt retten will. Das heißt: Er will die Welt vor ihren selbst ernannten Rettern retten, vor Leuten wie dem Google-Chef Eric Schmidt oder dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Er will sie vor all jenen retten, die daran glauben, dass sich dank des Internets heute für jedes nur denkbare Problem eine Lösung finden lasse – und es in ihrer Retter-Euphorie nicht merken, wenn sich die gefundene Lösung als denkbar schlecht erweist.

Solutionismus nennt Morozov diese Geisteshaltung in seinem gerade auf Englisch im Verlag PublicAffairs erschienenen Buch To Save Everything Click Here (»Wenn Sie alles retten wollen, klicken Sie hier!«). Ihre schönsten Blüten treibt sie im kalifornischen Silicon Valley, jenem Hightech-Mekka, das im Ruf steht, zu den globalsten Orten weltweit zu gehören. Morozov hält das Silicon Valley dagegen für provinziell (er kommt selbst aus der Provinz, aus dem tiefsten Weißrussland, und weiß, wovon er spricht). Er hält das Silicon Valley für provinziell, weil es in seiner Technik- und Internet-Euphorie keinen Begriff habe von der Komplexität der Welt.

Aber Morozov ist deshalb noch lange kein entspannter Wald-und-Wiesen-Denker, der die neuen Kommunikations- und Unterhaltungsmedien aus sicherem Abstand aufs Korn zu nehmen versucht. Morozovs Skepsis kommt aus dem Herz des Internets. Gerade mal 28 Jahre ist er alt (was man ihm dank der kurzen Haare, der lichten Schläfen und der Bürokratenbrille nicht ansieht und dank des intellektuellen Selbstvertrauens mit einem Anflug von Arroganz noch weniger anhört). Man würde ihn einen Digital Native nennen wollen, hätte er selbst diese Generationsbezeichnung nicht als Kampfbegriff entlarvt.

Von der Warte der Internet-Kritiker alten Schlages aus könnte man jedenfalls so einem Typen nicht mal zutrauen, dass seine Aufmerksamkeitsspanne bis zum Ende jener Kurznachrichten reicht, die er in seine mobilen Geräte hackt. Und nun dieses 500 Seiten starke Buch, bereits Morozovs zweites. Jenseits von Wikipedia-Wissen! Fundiert! Gelehrt! Sorgfältig! Vor allem: nicht der Sermon der Internet-Schelte. Morozov verdammt nichts. Wie keiner zuvor, der über das Internet schrieb, wagt er sich in das Klein-Klein eines abwägenden, kritischen Denkens.

»Ich will nicht wie Slavoj Žižek enden und keine Zeit zum T-Shirt-Wechseln haben«

Morozov will die Welt also nicht bloß vor den Internet-Euphorikern retten, sondern zugleich vor den angestammten Internet-Hassern. Und ach, sie ist ja auch schön, diese Welt, durch die sich Morozov gerade bewegt. »Hier, der Ozean«, sagt er und deutet aus dem Zugfenster. Glitzerndes Blau am Horizont, gekurvte Küsten und das Hinterland mit Binsen entlang von weit ausschwingenden Flussläufen. Connecticut zwischen New York und Boston, mit den nun kahlen, blanken Wäldern, mit den glatten Felsformationen, die hier und da aus dem Boden ragen, mit den pastellfarbenen Holzhäusern, fröhlich in der Gegend verstreut. Und in den Gärten abgetakelte Segelboote, die dem Sommer entgegenträumen.

Man kann nicht sagen, Morozov würde mitträumen. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, und Morozov hat auf dem Weg nach Boston, wo er gerade lebt, schon zwei Stunden geredet und dabei zwei Pappbecher Kaffee gekippt. Außerdem hat der Zug WLAN, er hantiert mit seinem iPad und iPhone herum und korrigiert zwischendurch einen Essay, den er in der nächsten Stunde für eine Veröffentlichung freigeben muss. Vier neue Einladungen zu Konferenzen sind gerade eingegangen, jetzt, wo sein neues Buch heraus ist, das er tags zuvor erstmals in einem kleinen Institut der New York University vorgestellt hat. Drei dieser Einladungen wird er absagen. »Ich will doch nicht wie Slavoj Žižek enden und nicht mal mehr die Zeit finden, mein T-Shirt zu wechseln«, sagt er.

In einer Hinsicht ähnelt Morozov allerdings doch Žižek. Wie der slowenische Philosoph ködert er sein Publikum gerne mit Trivia. Den etwa 60 Zuhörern in New York erzählte er erst mal von BinCam, einer technischen Spielerei, die uns bewusster mit Müll umgehen lassen soll. Dafür haben die Entwickler einen Mülleimer mit einem kleinen Sensor ausgestattet, der von jedem Ding, das in den Müll rauscht, ein Foto schießt und an einen auswertenden Dienst sendet. Die Ergebnisse lassen sich dann auf Facebook hochladen und mit den Freunden teilen. Das Ganze soll in ein wöchentliches Punkte-Spiel münden. Je weniger Müll, desto mehr Goldbarren als Lohn. Wer am meisten bekommt, gewinnt. Kann ja sein, dass durch die Wettkampfsituation Müll vermieden wird; aber was, fragt Morozov, wenn die Facebook-Freunde nicht mehr zugucken? »Hören wir dann auf, das Richtige zu tun? Und könnte das nicht dazu führen, dass wir Dinge, die wir früher aus Pflichtbewusstsein getan haben, unterlassen, sobald äußere Anreize dazu fehlen?« Oder wie er es in seinem Buch vielleicht mit einem Schuss lustvoller Übertreibung zusammenfasst: »Der Mülleimer scheint zu den profansten Gegenständen zu gehören, und doch stecken philosophische Puzzles und Dilemmata in ihm. Er ist eingebettet in eine Welt komplexer menschlicher Praktiken, wo schon die kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Eingriffe zu tief greifenden Veränderungen in unserem Verhalten führen können.«

Morozov zog während der BinCam-Anekdote den linken Mundwinkel hoch: das Lächeln kleiner Jungs, wenn sie sich anschicken, etwas zu unternehmen, was ihren Tanten ganz bestimmt kein Lächeln auf die Lippen zaubern wird. Es macht ihm sichtlich Vergnügen, die Idiotien der Netzeuphorie aufzuspießen. Auch wenn er weiß, dass man ihn im Silicon Valley dafür verachtet. Ahnungslos und aufgeblasen, ein Wichtigtuer – so ungefähr lautet das Urteil in den Nerd-Blogs. Schon wie er auftritt. Das Hemd, das er in New York trug, die Krawatte, der anthrazitfarbene Anzug: Insignien der Ineffizienz, die der praktisch denkende Nerd aus Kalifornien in seinem Kampf für maximale Geschmeidigkeit (her mit den Fleece-Joppen, T-Shirts und Hoodies!) nur für Teufelszeug halten kann.

"The revolution will not be tweeted"

Es ist diese Komplexität unserer Lebenswelt, in der auch ein Schlips Sinn und Bedeutung besitzt, die laut Morozov von den Internet-Euphorikern immer wieder übersehen wird. Und so sei es bezeichnend, dass dem Gerede vom »Internet« (Morozov schreibt es in seinem Buch durchgehend in Anführungszeichen) selbst schon eine Simplifizierung zugrunde liege. Es ist die zentrale These von Morozov, dass es ein einziges Netz als geschlossene, kohärente Angelegenheit, ein Netz, das mit einer einzigen Stimme spreche, gar nicht gibt.

Morozovs Argument geht so: Wenn jemand behauptet, das Internet kenne eine inhärente Logik, dann lässt sich die Folgerung aufstellen, dass alles, was irgendwie in ein Verhältnis zum Internet gerückt werden kann, nach ebendieser Logik des Internets umgestaltet werden muss. Weil etwa Napster mit dem File-Sharing die Musikindustrie aufgebrochen hat, muss nun auch die Verlagswelt und so weiter fürs Internet aufgebrochen werden, bis man schließlich bei einer Politik landet, die, juhu: wie Napster aussehen wird und endlich mal rockt. (Bislang ist die Politik »langsam und kompliziert, und niemand versteht sie«, wie Bill Maris, ein hohes Google-Tier, sagt.)

Der gegenteilige Schluss lautet: »Finger weg vom Internet«, wo immer wir uns darauf einlassen, lauern Katastrophen. Die Annahme dahinter ist aber die gleiche: die eines alles durchdringenden Internets, das im Sinne des McLuhanschen Medienbegriffs über unsere Köpfe hinwegspielt und uns mit unseren Bemühungen, es unter Kontrolle zu bekommen, ziemlich alt aussehen lässt. Für Morozov verbirgt diese Konstruktion entweder faules Denken – oder schlimmer: eine Ideologie, die bestimmten politischen, sozialen und ökonomischen Machtinteressen dient.

Das Gerede vom Internet – besonders wenn man der ganzen Angelegenheit das Beiwort revolutionär voranstellt – erscheint dann als ein kluger Zug: Es erlaubt, schreibt Morozov, radikale gesellschaftliche Umgestaltungen durchzusetzen, »die in normalen Zeiten kaum einer akzeptieren würde«.

Ähnlich hat das jüngst Frank Schirrmacher gesehen. Die beiden kennen sich. Schirrmacher hat ihn in seinem neuen Bestseller Ego – Spiel des Lebens zitiert und druckt in seinem Feuilleton Kolumnen nach, die Morozov für amerikanische Publikationen wie Slate schreibt. Anders als Schirrmacher legt Morozov aber keine Großerzählung vor, in der das Internet bestimmte Eigenschaften zugeschrieben bekommt. Was ist dann das Netz nach Morozov? Nicht mehr – aber auch nicht weniger – als ein Bündel höchst unterschiedlicher Praktiken, deren diffizile Genese wir zurückverfolgen sollten, deren Ausmaß es nüchtern abzuschätzen gilt und deren Anwendung wir von Fall zu Fall abwägen und gestalten sollten.

Technik als solche ist für Morozov nie das Problem, nur eine bestimmte Art von Technikgläubigkeit. Er leugnet auch nicht, dass es dringende Probleme gibt, die sich mit technischen Fortschritten vielleicht besser in den Griff bekommen lassen – der Klimawandel zum Beispiel. Aber ebenso oft suggeriere Technik eine Lösung, die gar keine ist – oder aber eine Lösung zu einem nicht bestehenden Problem. Ist etwa die repräsentative Demokratie wirklich so schlecht, dass man sie durch eine netzbasierte partizipative Demokratie ersetzen muss?

Diese Überlegungen führen Morozov am Ende seines Buches zu einer ebenso heiteren wie ernsten Pointe: Technik, schreibt er, sollte stören. Damit wir uns nicht von ihrem reibungslosen Funktionieren verführen lassen.

Morozov hatte einen Traum – er wollte Investmentbanker werden

Noch ein knappes Stündchen Zugfahrt bis zur Ankunft. Morozov hat seine Zettel und Geräte vom Tisch geräumt und das Gespräch wieder aufgenommen. Er spricht jetzt noch schneller, als er es ohnehin schon tut. Und das muss er auch, um bis Boston unterzubekommen, was als Bildungsroman ein dickleibiges Buch füllen könnte. Er wächst auf in einem weißrussischen Kalium-Minen-Kaff. Mit 17 Jahren hat er das Glück, ein Stipendium der George-Soros-Stiftung zu ergattern für ein Wirtschaftsstudium in Bulgarien. Wie alle um ihn herum hat er einen Traum: Investmentbanker in London werden. Der währt so lange, bis er während eines Praktikums bei J.P. Morgan Londoner Investmentbanker aus nächster Nähe kennenlernt.

Etwas Neues muss her. Folgerichtig landet Morozov in Berlin. Noch mal ein Studium, wieder mithilfe einer amerikanischen Einrichtung, diesmal etwas Geisteswissenschaftliches, drei Jahre lang. Danach ist er für eine NGO in ehemaligen Sowjetrepubliken unterwegs. In den mehr oder weniger autoritär regierten Staaten soll er Aktivisten ans Internet heranführen. Es sind die Jahre, in denen er selbst vom Internet berauscht ist, trunken von der Hoffnung, dass sich mit dessen Hilfe eine Zivilgesellschaft aufbauen lässt, die das stecken gebliebene Projekt der Perestroika vollenden könnte. Wieder ein Traum – und wieder einer, der zerplatzt, als Morozov sieht, wie geschickt die alten Machtcliquen das Internet für ihre Zwecke einspannen.

Aus dieser Erfahrung entsteht sein erstes Buch, er schreibt es mit Stipendien in New York und an der Georgetown-Universität in Washington. The Net Delusion heißt es, ein Buch, das Morozovs eigene verlorene Illusionen verarbeitet. Ein Buch, das die dunklen Seiten des Internets in den Vordergrund rückt: Überwachung, Kontrolle, Repression. »The revolution will not be tweeted«, hatte Malcom Gladwell in einem viel beachteten Stück im New Yorker geschrieben. Morozov lieferte für diese These das Material.

Und so, mit zwei geplatzten Träumen im Gepäck, geht er für drei Jahre dahin, wo die wirklich wilden Träumer wohnen, nach Kalifornien. Genauer: nach Stanford in Palo Alto, in das Stammland von Facebook, Google und Co. »Lehrjahre der Entfremdung« nennt er diese Zeit. Nirgends öffentlicher Raum, kein städtisches Zentrum, die Landschaft zersiedelt, kaum öffentliche Verkehrsanbindungen. Morozov fährt kein Auto. Und wo hätte er auch hinfahren sollen? In die Cafés? »Die sind dort nur für Geeks da. Um Finanzinvestoren zu treffen.« So sitzt er Tag für Tag in der Bibliothek. Dem neuen Buch, das vor Lesefrüchten strotzt, sind die Jahre in Stanford zugutegekommen.

Trotzdem ist er heilfroh, zurück zu sein an der Ostküste. Boston South Station, der Zug rollt in den Bahnhof. Jetzt, wo Leute wie der Facebook-Investor Peter Thiel jungen Studenten bis zu 100.000 Dollar zahlen, wenn sie ihr Studium hinschmeißen, um mit ihren Ideen smarte Start-ups zu gründen, jetzt hat sich Morozov gedacht, es wäre eine gute Idee, noch mal ordentlich zu studieren. Er möchte eine Dissertation schreiben, über die Kybernetiker der 1950er und 60er Jahre, eine Vorgeschichte des Internets. Dafür will sich der Mann, der gerade gar keine Zeit hat, alle Zeit der Welt nehmen. Fünf, sechs Jahre, sagt er. Und hechelt die Treppe hinunter zur Metro Richtung Harvard, um auch ja nicht zu spät ins Doktorandenseminar zu kommen.

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