Jean PaulWo die Fantasie wohnt

Dramatisch aufgetürmte Berggipfel und bitteres, braunes Bier: Der Dichter Jean Paul war seiner oberfränkischen Heimat lebenslang verbunden. Eine Spurensuche zum 250. Geburtstag. von Renate Just

In der Nebelwelt des Fichtelgebirges – Weißenstadt am Jean-Paul-Weg

In der Nebelwelt des Fichtelgebirges – Weißenstadt am Jean-Paul-Weg  |  © Fotoclub Arzberg/Tourismuszentrale Fichtelgebirge

Im ersten Morgenlicht, der Himmel ist noch nachtblau, sehe ich vom Balkon meines Fichtelgebirgshotels eine kleine Leuchtkugel quer übers Firmament sausen. Eine Sternschnuppe, ein Komet wie in Jean Pauls gleichnamigem Roman, welcher "der Bahn der Wandelsterne zuwiderläuft"? Oder vielleicht doch der "Siechkobel", das fantastische Luftschiff des grimmigen Himmelsfahrers Giannozzo, der da oben im "rauschenden Nachtluftmeer" über die irdischen "Allermannseelen" in ihrem "morastigen Krebsloch" hinwegzischt, hochgemut sein Posthörnchen blasend über allem, "was da drunten quäkt und schwillt"?

Wenn man mit Jean-Paul-Prosa im Gepäck in des Dichters Heimatlanden unterwegs ist, in dem nordöstlichen Oberfranken um Hof, dem Fichtelgebirge, der Bayreuther Region, dann fühlt man sich in dieser waldreichen, dünn besiedelten Gegend manchmal fast unheimlich der Gegenwart enthoben. Es herrscht frostiger Vorfrühling, tote Saison, Nebelschwaden über noch verschneiten Tannenforsten und über Flussauen, von deren felsigen Uferpartien die Eiszapfen hängen. Dieses stille Mittelgebirgsland, jahrzehntelang Lebensort eines der wildesten, waghalsigsten Sprachgenies deutscher Zunge, verspinnt sich dem Reisenden immer wieder mit sonderlichen Gestalten, bizarren Begebenheiten, die aus den Dünndruckseiten Paulscher Werke aufsteigen. Zum Beispiel mit dem philisterhaften Rektor Fälbel samt seiner Eleventruppe, die auf einem abstrusen Schulausflug in Markleuthen aus Bildungsgründen der Exekution eines "hungarischen" Deserteurs beiwohnen. Im freundlich angegilbten Café Schoberth am Marktleuthener Hauptplatz lese ich mich fest in Des Rektors Florian Fälbel und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg – einer dieser kleineren hochkomischen Jean-Paul-Preziosen, die einen in das als überkomplex beleumundete Werk, diesen "Mangrovensumpf" (Ulrich Holbein) fantastischen Einfallsreichtums, förmlich hineinsaugen. In die Gegenwart befördern dann wieder die Café-Nachbarn, die " zwaai Döpf Gabbudschino" bestellen, so tönt das Fränkische im Sechsämterland.

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"Jetzt war es erforderlich, dass man die Augen vergnügt in der ganzen Gegend herumwarf", heißt es im Fälbel. Eigentlich wollte ich auf seines Verfassers oberfränkischen Lebensspuren zumindest etappenweise zu Fuß unterwegs sein, auf dem fast 200 Kilometer langen Jean-Paul-Weg zwischen Joditz bei Hof und dem Rokoko-Landschaftspark von Sanspareil im Westen Bayreuths. Das hätte zum fast manischen Wandersmann Jean Paul gepasst, der auch Langstrecken stramm zu marschieren pflegte. Aber der Winter war zu lang und hart; noch sind die meisten Pfade tief schneeverbacken und ungeräumt. An seinem Geburtstag mag das schon anders sein, Frühlingsanfang, 21. März, "wo mit ihm noch die graue und gelbe Bachstelze, das Rotkehlchen, der Kranich, der Rohrammer und mehrere Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, wo ... das Scharbocks- oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, desgleichen der Ackerehrenpreis oder Hühnerbissdarm", wie Jean Pauls Selberlebensbeschreibung anhebt.

Im klassizistisch geprägten, nicht auffällig pittoresken Städtchen Wunsiedel zeigt mir der eingeschworene Jean-Paulianer und Ex-Landrat Peter Seißer (alle dickleibigen Romane hat er gelesen, Tausende von Briefen) die neuerdings diskret rekonstruierte Geburtsstube im damaligen Wohnhaus des "Tertius", des dritten Lateinschullehrers und Organisten. Diese Ämter hatte der Vater Johann Christian Richter 1763 inne, kärglich entlohnt. "Johann Paulus Friederich Richter", wie es in steiler Schrift im Wunsiedeler Taufbuch steht, war der erste Sohn. "Fritz" oder "Paul" wurde er daheim genannt, den französisierten "Jean" legte er sich erst nach der Rousseau-Lektüre zu. Seinem "Wonsiedel", wiewohl die Familie bald wegzog, war Jean Paul stets wohlgesinnt, "auf Wonsiedel freut sich lechzend mein Herz", schrieb er später einmal in einem Brief, mit jener etwas hypertrophen Inbrunst, die auch an seinem literarischen Werk nerven kann.

Viel prägender aber wurde für ihn Joditz, ein tief ins Saaletal gekauertes Dörfchen nördlich von Hof, wo der Vater das Pfarramt übernahm. Den vogtländischen Flecken mit seiner zipfelhaubigen Kirche, mit dem schlichten blassgelben Pfarrhaus, der alten Zwergschule – alles steht heute noch wie zu Jean Pauls Lebzeiten da – hat er in der Selberlebensbeschreibung überaus farbig und etwas idyllisierend geschildert. Vor allem aber ist der Fachwerkhof von Eberhard und Karin Schmidt, in dem sie ihr wunderbar originelles und stimmiges Privatmuseum zu Ehren des Dichters betreiben, der veritable Hafen für alle Jean-Paulianer. Jedes Detail zu Jean Paul wird hier gewusst, gesammelt (darunter edle Autografen und Erstausgaben) und mit lässigem fränkischen Charme erklärt und präsentiert – wie jener Originalbrief an seine Ehefrau, dessen Ton entspannter Normalität Eberhard Schmidt besonders schätzt: "Deine Nähe ist mir nöthig im einsiedlerischen Bayreuth, wo ich die Weihnachttage blos in meinen Alltagshosen zugebracht."

Alle, alle laufen bei den Schmidts an: Jean-Paul-vernarrte Gegenwartsautoren wie Brigitte Kronauer und Eckhard Henscheid, Germanisten aus aller Welt, öfter schon kam Verfassungsgerichtspräsident Andreas Vosskuhle ("Was für ein Ort! Wie viel Herz und Begeisterung!"). Aber auch ahnungslose Neulinge und Kinder sind sehr willkommen – wie die Schülerin, die ins Gästebuch eintrug, sie sei "sehr insbirirt" und überlege sich nunmehr selbst ein Autorendasein. Eberhard Schmidt memoriert lange Jean-Paul-Passagen gern lauthals beim Gassigehen mit Hündin Senta, und wenn er so, angetan mit seinen feuerroten Hosen, durchs felsige Saaletal zur wildromantischen Einkehr Fattigsmühle wandelt, kann man sich einen größeren Glücksfall von Erbehüter kaum vorstellen.

Leserkommentare
    • thbode
    • 22. März 2013 10:35 Uhr

    - noch für Jean Paul, Büchner und E.T.A. Hoffmann interessiert, ist die Nation noch nicht völlig verblödet. Und es besteht noch Hoffnung.

  1. wie sehr in meine Jugendjahre verschwendet habe. Hätte mal mehr lesen sollen. Jetzt schaffe ich gerade mal so um die 15 Bücher im Jahr und es gibt noch SO viele Klassiker, die ich bisher nicht gelesen habe. Von den vielen, interessanten Neuheiten ganz abgesehen. Doch lieber spät, als nie, wie es so treffend heißt.

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