Einer ironischen Legende zufolge ließen fränkische Deschner-Freunde ihrem Patron schon vor Jahrzehnten nach frommem Brauch etliche Messen lesen – verbunden mit der Bitte um ein langes kirchenkritisches Leben. Ihre Mühen waren offenkundig nicht vergeblich: Der 89-jährige Deschner, in der Vergangenheit oft als »Kirchenbeschimpfer« juristisch verfolgt, hat sein Riesenwerk einer Kriminalgeschichte des Christentums, Mitte der achtziger Jahre begonnen, mit dem zehnten Band abschließen können.

Dieser Band, soeben im Rowohlt Verlag erschienen, endet zwar nicht, wie zu erwarten gewesen, mit der Gegenwart, sondern mit dem 18. Jahrhundert und einem »Ausblick auf die Folgezeit«. Der Umfang ist im Vergleich zu den vorausgegangenen Teilen geschrumpft. Aber Deschner hat den verbleibenden Zeitraum bereits in einem früheren Tausend-Seiten-Werk erschlossen: der jetzt in einer erweiterten Fassung wieder aufgelegten Politik der Päpste. Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege. Das Lebenswerk des Autors ist also nicht Fragment geblieben – auch das wäre eigentlich wieder eine Messe wert. Vielleicht im Dom zu Bamberg?

Dort, im fränkischen Rom, kam Karlheinz Deschner 1924 zur Welt; in Franken lebt er heute noch. Der Sohn eines katholischen Vaters und einer zum Katholizismus konvertierten Mutter, Zögling verschiedener Ordensschulen, studierte, nach Kriegsjahren im Dienst der Wehrmacht, philosophisch-theologische Disziplinen; 1951 wurde er als Germanist an der Universität Würzburg promoviert. Einen Namen machte er sich zunächst als Romancier und fulminanter Polemiker wider den literarischen Nierentischchen-Existenzialismus. Heute ist Deschner der markanteste und umstrittenste zeitgenössische Kritiker der Geschichte des Christentums – insbesondere der Geschichte der katholischen Kirche. Man muss schon einige Zeit zurückgehen, um auf eine ähnlich pointierte Auseinandersetzung mit dem pfäffischen Universum zu stoßen: auf Voltaires Écrasez l’infâme!. Ein Einzelner fordert eine ganze Institution in die Schranken, wenn man so will: die institutionellste aller Institutionen, die gegebenenfalls ex cathedra spricht.

Seit 1962, als seine erste Kirchenhistorie unter dem biblischen Titel Abermals krähte der Hahn erschien, schreibt Deschner gegen das an, was er die Verbrechensgeschichte des Christentums nennt. Starke, unverhohlen polemische Worte! Es wird von Deschner denn auch gar nicht bestritten, dass er als Gegner der Kirche, gleichsam als kirchenhistorischer Anti-Tacitus cum ira et studio, mit Zorn und Eifer, forscht und deutet.

»Ich schreibe ›aus Feindschaft‹«, hat er bekannt. Versöhnlichkeit, gar Altersmilde sind von ihm nicht zu erwarten. Aber Deschner nimmt für sich in Anspruch, dass die Feindschaft nicht auf ein plattes Ressentiment zurückzuführen ist: »Die Geschichte derer, die ich beschreibe, hat mich zu ihrem Feind gemacht. Und nicht, weil ich nicht, was auch wahr ist, geschrieben habe, bin ich widerlegt. Widerlegt bin ich nur, wenn falsch ist, was ich schrieb.«

Wenn man das tendenziös nennen will, mag man das tun. Statt »tendenziös« freilich sollte man besser »moralistisch« sagen. Denn dieser Verbrechenshistoriker schreibt als Moralist – sowohl im alten wie im neuen Sinne des Wortes, sowohl als Beobachter der menschlichen Sitten wie als Kritiker der frommen Niedertracht. Das meistgebrauchte Satzzeichen ist das Ausrufezeichen eines Autors, der selbst angesichts der ewigen Wiederkehr der beschriebenen Verbrechen, ob aus barem Fanatismus begangen oder schnöder Machtgier, nicht aus der Entrüstung herauskommt, gar nicht herauskommen will.

Nein, abgebrüht, cool, enttäuschungsfest, gar zynisch ist Deschner nicht. Der entscheidende Impuls seiner Kritik ist sogar eine Moral, die man, in einem doppelten Sinn, christlich nennen kann: Sie orientiert sich einmal an humanen Prinzipien, zu denen sich die Bergpredigt und Teile des Urchristentums bekannt haben. Zugleich ist Deschners Moral rigide, christlich im weniger gnädigen Sinn. Mit rücksichtsloser Konsequenz wendet er biblische Grundsätze auf die Geschichte des Christentums selber an: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Eine Art von kirchenhistorischem Jüngstem Gericht findet bei Deschner statt. Ein enttäuschter Christ spricht sein Urteil über ein kriminell gewordenes Christentum.

Ein besonders prägnantes Beispiel aus den ersten Triumphjahren des christlichen Abendlandes ist ihm das »Verdener Blutbad«. Da richten im Jahr 782 bei Verden an der Aller die Mannen Karls »des Großen« 4500 Sachsen hin, weil sie die Taufe verweigert haben. Deschner interessiert nicht nur die Untat selbst, sondern auch die sie bis heute umgebende Apologie. So versuchten einige Kirchenhistoriker, übrigens über die Konfessionsgrenzen hinaus, diese Radikalmission im Nachhinein abzumildern, indem sie bei den Opferzahlen ein oder gleich zwei Nullen strichen oder, noch überzeugender, das decollare der Quellen, das Enthaupten, als Schreibfehler für delocare dechiffrierten, für eine »Aus- oder Umsiedlung«. Sinnigerweise plädierte für diese Deutung unter anderem ein Kirchenhistoriker des Jahres 1936, zu Zeiten also, da sich künftige »Aus- und Umsiedlungen« bereits abzeichneten. In der Perspektive jener Jahre erscheinen beide Lesarten durchaus kompatibel: als Aus- und Umsiedlung der ungläubigen Sachsen ins Jenseits. Die Reichsannalen halten jedenfalls 4500 Mordopfer fest – nach christlicher Gewissheit allerdings in jedem Fall gerettete Seelen.

 

»Christenverfolgung«: Wie selbstverständlich meint der Begriff die Verfolgung der Christen, Genitivus obiectivus, nicht die Verfolgung auch durch die Christen, Genitivus subiectivus. Wer Karlheinz Deschners monumentale Chronik des religiösen Hasses und Wahns gelesen hat, wird bald die zweite Variante vorziehen. Und dieser grammatisch-historische Paradigmenwechsel ist angesichts des immer wieder gegen den Autor geltend gemachten Vorwurfs tendenziöser Parteilichkeit, Einseitigkeit und »Subjektivität« von unübersehbarer Ironie: Das »Subjektive« ist hier das wahrhaft Objektive, während der Genitivus obiectivus der »Christenverfolgung« sich als Selektion unter den Opfern der Geschichte, als Vertauschung der Täter- mit der Opferrolle entpuppt.

Von der antiken Frühgeschichte bis zur Politik der Päpste im letzten Jahrhundert verfolgt Deschner die Geschichte einer vermeintlichen Liebesreligion als Blutspur. Die Unterscheidung von weltlicher, profaner und von kirchlicher Heilsgeschichte ist für ihn purer Zynismus. Aber es genügt vollauf, zu sagen, dass die von ihm beschriebene Geschichte an Weltlichkeit kaum zu überbieten ist. Es hatte einen subtilen Hintersinn, als Papst Ratzinger bei seinem Deutschlandbesuch von der Kirche »Entweltlichung« forderte.

Wenig überraschend, dass es Deschner an Gegnern nie gefehlt hat. Schon 1971 stand er in Nürnberg wegen »Kirchenbeschimpfung« vor Gericht. Man tut keiner der beteiligten Parteien unrecht, wenn man vermutet: Ein paar Jahrhunderte früher hätte er beste Chancen gehabt, auf dem Scheiterhaufen zu enden.

Es folgte eine längere Phase, in der man versuchte, den kundigen Kritiker wenigstens totzuschweigen. Inzwischen – nachdem Deschner den Arno-Schmidt-Preis (1988) erhielt, den Alternativen Büchnerpreis (1993), den International Humanist Award (ebenfalls 1993), den Ludwig-Feuerbach-, den Erwin-Fischer- (2001) und den Wolfram-von-Eschenbach-Preis (2004) – ist das nicht mehr so einfach. Nicht zuletzt angesichts einer enormen Breitenwirkung (von den ersten Bänden der Kriminalgeschichte wurden weit über 100000 Exemplare aufgelegt)bemüht sich die kirchenhistorische Gegenkritik um Schadensbegrenzung. Anfang der neunziger Jahre wurde gar ein Anti-Deschner-Symposium organisiert: »Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand«.

Unnötig zu sagen, dass es bei einem Riesenwerk dieses Zuschnitts, das einem Einzelnen eine schier unglaubliche Arbeitsleistung abverlangt, immer etwas richtigzustellen gibt. Und ganz gewiss ist und schreibt Karlheinz Deschner angreifbar. Schwerlich aber lässt sich behaupten, dass sein Werk nur Karikatur bietet. Wer der von Deschner nachgezeichneten Gewaltchronik folgt, wird sich dem abgründigen, beklemmenden Schrecken kaum entziehen können. Am Schluss steht ein in der Diktion unerhörtes Resümee, das bitterböse die grausame »Kriminalgeschichte des Christentums« bilanziert. Der Historiker wird hier fast zum Exorzisten, aber einem, der weiß, dass man den Teufel nicht austreiben kann – weil er auf Erden nur zu viele Stellvertreter hat.