LebenserwartungVerdammt alt

Unsere Lebenserwartung steigt – dank des medizinischen Fortschritts. Dafür nehmen altersbedingte Krankheiten wie Alzheimer und Krebs zu. von 

Neun Jahre. Auf so viel mehr Leben darf sich heute jedes Neugeborene durchschnittlich freuen. Lag die Lebenserwartung für jemanden, der 1970 geboren wurde, noch bei knapp 71 Jahren, so sind es heute fast 80. Das ist vor allem dem Fortschritt der von vielen geschmähten Schulmedizin zu verdanken.

Chronische Erkrankungen wie Leberentzündungen durch Viren oder Aids können besser behandelt werden. Die Sterblichkeit beim Herzinfarkt ist unter anderem durch Methoden wie die sogenannten Herzkatheter und Stents in den letzten Jahrzehnten auf die Hälfte gesunken. Doch die verbesserte Therapie ist nur eine von drei Säulen, auf denen der medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte fußt.

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Vor der Behandlung kommt die möglichst richtige Diagnose. Die Sterblichkeit beim Herzinfarkt etwa ist auch deshalb zurückgegangen, weil er durch hochsensible Bluttests – besonders durch den sogenannten Troponin-Test – früher und öfter diagnostiziert werden kann. »Wir entdecken heute doppelt so viele Menschen mit kleineren Herzinfarkten wie noch vor 30 Jahren und können damit früher und gezielter behandeln«, sagt Hugo Katus, Ärztlicher Direktor der Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Erkenntnisse über Ursachen und Wirkungen bei der Entstehung von Krankheiten machen frühe Diagnosen möglich, bevor tödliche Folgeleiden entstehen können.

So dachte man früher, Magengeschwüre würden durch Stress erzeugt, und gab lebenslang Säureblocker. Durch die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori – das durch jahrelange Aktivität auch zu Magenkrebs führen kann – lassen sich die Erreger früh nachweisen und können somit wirksam behandelt werden: Die Rückfallrate bei Magengeschwüren ist dadurch von 85 auf unter 5 Prozent gesunken.

Andere Erkrankungen wie Darm- und Gebärmutterhalskrebs werden durch die erweiterte Krebsvorsorge früher erkannt. Die rechtzeitigen Diagnosen gehören zum dritten und, nach Meinung vieler, wichtigsten Baustein, der uns gesünder und länger leben lässt: Prävention. Sie umfasst nicht nur regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Auch Impfung, Aufklärung und frühe Eingriffe helfen gegen spätere Schäden. 1983 noch hatten 98,4 Prozent aller Zwölfjährigen Karies, bei der letzten vergleichbaren Erhebung 2006 waren 70 Prozent aller Kinder kariesfrei. Die Gründe für die beeindruckende Wende: sogenannte Fissurenversiegelungen, die schlecht zugängliche Zahnflächen schützen, fluoridiertes Speisesalz, verbesserte Mundhygiene dank Schulung und Kontrolle bereits im Kleinkindalter. Die Folge: Immer weniger ältere Menschen brauchen heute Zahnprothesen.

Wer heute dennoch krank wird, hat Chancen auf eine gute Lebensqualität trotz Krankheit. Sogenannte minimalinvasive Operationen und eine verbesserte Narkosemedizin erlauben Eingriffe auch noch in höherem Alter. Die Schmerztherapie ist ausgefeilter denn je. Natürlich kosten die neuen Möglichkeiten in Therapie, Diagnose und Vorsorge mehr Geld. Kein Wunder also, dass das deutsche Gesundheitssystem ständig in der Kritik steht. Doch entgegen der landläufigen Meinung liegt das Problem nicht darin, dass weniger ausgegeben wird. Im Gegenteil, die Ausgaben sind gestiegen: 158 Milliarden Euro wurden im Jahr 1992 ausgegeben, 2010 waren es 287 Milliarden Euro, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Gesundheitsausgaben stieg von 9,6 auf 11,6 Prozent.

Aber die Natur setzt dem Fortschritt Grenzen. Die Lebenserwartung steigt bereits langsamer an. Weil wir älter werden und die Medizin Krankheiten wie Infektionen besser unter Kontrolle hat, ereilen uns in fortgeschrittenem Alter andere Leiden wie Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs. Auch deren Behandlung hat sich verbessert, doch am Ende sind die Effekte des demografischen Wandels stärker: »Die Zunahme der Krebserkrankungen ist mit eine Folge der höheren Lebenserwartung«, sagt Sibylle Kohlstädt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Eine Gruppe von Krankheiten aber hat in allen Altersgruppen zugenommen, auch bei den Jüngeren: psychische Erkrankungen. Depression, Panikstörungen, Zwangsstörungen – die Zahlen haben sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Schauen die Ärzte nur genauer hin, gehen die Patienten eher zum Therapeuten? Jürgen Margraf, Leiter des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit an der Universität Bochum, glaubt das nicht: »Die Häufigkeit hat sich vielleicht nicht verdoppelt, aber sie ist tatsächlich angestiegen.« Grund dafür sei auch, dass die Menschen produktiver geworden seien. »Wegen des technischen Fortschritts können wir in der gleichen Zeit mehr leisten. Vergleichen Sie nur die Geschwindigkeiten von Brief- und E-Mail-Verkehr«, sagt Margraf. Die neue Schnelligkeit und Unmittelbarkeit könne eben auch rasch in Druck und Belastung umschlagen. Wenn man so will, ist das ein Preis, den wir für die Steigerung der Lebensqualität durch den technischen Fortschritt zahlen.

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Leserkommentare
  1. Der Einzelnen kann in vielen Fällen - wenn er denn will - schon etwas dazubeitragen, dass eine akzeptable Lebensqualität im Alter erhalten bleibt. Der technologische Fortschritt insbesondere im häuslichen Umfeld wird das seine dazu beitragen.

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    Zu glauben, mann könne mit technischem Fortschritt die Lebensqualität verlängern, ist illusionär. Zumal diese Hilfsmittel ohnehin nur den Reichen zur Verfügung stehen. Von der katastrophalen, menschenverachtenden Pflegesituation mal abgesehen. Nein, die längere Lebenserwartung bedeutet in den meisten Fällen letzlich längeres Leiden und fast nie enden wollende Verzweiflung.

  2. Zu glauben, mann könne mit technischem Fortschritt die Lebensqualität verlängern, ist illusionär. Zumal diese Hilfsmittel ohnehin nur den Reichen zur Verfügung stehen. Von der katastrophalen, menschenverachtenden Pflegesituation mal abgesehen. Nein, die längere Lebenserwartung bedeutet in den meisten Fällen letzlich längeres Leiden und fast nie enden wollende Verzweiflung.

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    Sie haben unrecht. Technologischer Fortschritt ist ganz hervorragend dafür geeignet die Lebensqualität zu erhöhen. Auch steht er nicht ausschließlich reichen Menschen zu.

    Nehmen wir die Dialyse als Beispiel. Da würde ich es schon als Steigerung der Lebensqualität ansehen, wenn man eben anstelle zu sterben jeden Tag 8 Stunden im Bett liegen bleibt. Und noch besser wird es, wenn man bedenkt, dass heutige Dialyse so gut ist, dass die allermeisten Patienten nur 3Tage die Woche kommen müssen und einige sogar zuhause Dialyse betreiben können.

    Aber schon klar: Schulmedizin ist der Teufel und man sollte diese Leute lieber zum Yogi schicken.

    Jaa, der böse technologische Fortschritt.
    Nur irgendwie zählt man dann nichtmal die gute Nahrungsversorgung, Kühlschränke, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Seife, fließend Wasser[...] dazu.
    Ich finde meine Lebensqualität hat sich durch diese genannten Dinge erheblich verbessert, selbst wenn es die Medizin nur am Rande betrifft.
    Aber hey, ohne gute Zahnpasta hätte ich doch arge Probleme.

  3. zb. indien, werden steil steigende raten von krebs und chronische krankheiten vermeldet. krankheiten welche dort bis dato wenig einfluss hatten. also goldene zeiten fuer die schulmedizin und ihren symptomalen erklärungsmodellen.

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  4. Sie haben unrecht. Technologischer Fortschritt ist ganz hervorragend dafür geeignet die Lebensqualität zu erhöhen. Auch steht er nicht ausschließlich reichen Menschen zu.

    Nehmen wir die Dialyse als Beispiel. Da würde ich es schon als Steigerung der Lebensqualität ansehen, wenn man eben anstelle zu sterben jeden Tag 8 Stunden im Bett liegen bleibt. Und noch besser wird es, wenn man bedenkt, dass heutige Dialyse so gut ist, dass die allermeisten Patienten nur 3Tage die Woche kommen müssen und einige sogar zuhause Dialyse betreiben können.

    Aber schon klar: Schulmedizin ist der Teufel und man sollte diese Leute lieber zum Yogi schicken.

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    Antwort auf "Illusion"
  5. "Neun Jahre. Auf so viel mehr Leben darf sich heute jedes Neugeborene durchschnittlich freuen. " Nun wer eine solche These vertritt, muss einen außerordentlichen Blick in die Zukunft haben.
    Wer wird heute alt und warum. Meine Vorfahren erlebten das 65 Lebensjahr nicht. Mein Vater wird 85. Ob ich 85 werde??. Doch was unterscheidet mich von meinem Vater und mein Vater von seinem Vater. Nun mein Vater hat zwar einen negativen Start ins Leben gehabt, Lehre als Einzelhandelskaufmann in Oberschlesien, dann Flakhelfer, Kriegsgefangenschaft und dann ohne richtigen Nachweis seiner Qualifikation, Arbeitslosigkeit. Doch dann nach der Währungsreform begann das Wirtschaftswunder in Westdeutschland, Vom einfachen Hilfsarbeiter hochgearbeitet zum Werksmeister. Heute sagt mein Vater, er hat Glück gehabt und die "Goldenen Jahre" abgegriffen. Eine gute Rente und Werksrente ermöglichen Ihm ein auskömmliches Leben.
    Meine Lebensgeschichte ist genau anders herum. Ab dem 16ten Lebensjahr begann der Kampf um einen Job. 1975 gab es 100 Bewerber auf eine Lehrstelle. Job, Arbeitslosigkeit, Job, Arbeitslosigkeit, wissenschaftliche Ausbildung, Arbeitslosigkeit und dann seit 1999 keine Chance mehr auf einen Job. Weder mein Vater noch ich hätten es gedacht, das wir im Jahr 2013 eine solche Situation im wirtschaftlichen und sozialen Bereich erleben.
    Wenn wir also alles vernichten, was das "Goldene Zeitalter" ausgemacht hat, Sicherheit und Zukunftsvisionen, wie wirkt sich das auf die Lebenserwartung aus.

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  6. Jaa, der böse technologische Fortschritt.
    Nur irgendwie zählt man dann nichtmal die gute Nahrungsversorgung, Kühlschränke, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Seife, fließend Wasser[...] dazu.
    Ich finde meine Lebensqualität hat sich durch diese genannten Dinge erheblich verbessert, selbst wenn es die Medizin nur am Rande betrifft.
    Aber hey, ohne gute Zahnpasta hätte ich doch arge Probleme.

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    Antwort auf "Illusion"
  7. Ein Kind das heute geboren wird, hat nicht mehr die Voraussetzungen die es in Deutschland mal gab. Rente ??? Unsicher. Versorgung bei Krankheit?? Nun wer sich nicht privat absichert, wird nur eine Grundversorgung haben. Viele Vorsorgeleistungen wurden aus den Leistungen der Krankenversicherung gestrichen. Begann man früher eine Lehre in einem Betrieb wurde man dort alt. Heute ist noch nicht einmal gewiss, wie lange die Ausbildung die man genossen hat noch nachgefragt wird. Von einem gesicherten Arbeitsplatz ganz zu schweigen. Bildung ist inzwischen ein Luxusgut geworden.
    Ob ein Kind wirklich diese Lebenserwartung hat, wo 2,5 Mio. Kinder in Armut leben, darf mehr als bezweifelt werden.
    Menschen haben dann eine Chance alt zu werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Der medizinische Fortschritt als Grund der Lebensverlängerung ist ein Mythos. Die waren Gründe liegen in einer gesunden ausreichenden Ernährung, eine emotionalen Sicherheit und vor allem auf hygienisch einwandfreien Zustände. Wie schnell die schlafenden Gefahren von Seuchen und Epidemien wieder erwachen, sehen wir in Griechenland. Schauen wir uns in Deutschland um, sehen wir verfärbte Zähne, fehlende Zähne, Kinder in Ballonseidenanzügen und Sandalen bei MInusgraden.
    Wenn wir nicht umsteuern und anfangen statt Banken unseren Sozialstaat zu retten, werden die alten Zustände schneller Fuß fassen als wir es zu denken wagen.
    Wie alt ein Kind das heute geboren wird wirklich wird, werden wir in 65 Jahren wissen.

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  8. Die steigende Inzidenz von Krebs ist sicher einerseits auf die steigende Lebenserwartung zurückzuführen. Auf der anderen Seite werden heute viel mehr Krebsfälle erkannt, dank der Ausweitung der Diagnostik und Maßnahmen der Früherkennung. Früher wurde ein Krebsleiden oft gar nicht diagnostiziert und die Menschen sind einfach verstorben - am Krebs oder mit dem Krebs.
    Darüber hinaus sind heute viele Krebsleiden zumindest im Frühstadium prinzipiell heilbar. Maligne Erkrankungen sind also nicht mehr das Todesurteil wie noch vor wenigen Jahrzehnten.

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  • Serie Gute Nachrichten
  • Schlagworte Alter | Demografie | Medizin | Alzheimer | Krebs
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