Rolf E. Breuer las im September 2001 einen Brief. Das Schreiben kam von der Bankenaufsicht, es ging darin um die Firmengruppe von Leo Kirch, die in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Die Aufseher baten die Bank um Auskünfte über Kredite, die Kirch bei ihr laufen hatte. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank zeichnete den Brief ab und ließ ihn an die zuständigen Mitarbeiter weiterleiten.

Eine Kopie des Schreibens befindet sich in den Akten des Oberlandesgerichts München. Sie war bei einer Durchsuchung der Bank beschlagnahmt worden.

Eine zweite Kopie wurde dem Gericht von den Anwälten der Deutschen Bank vorgelegt. Darauf fehlt der Hinweis, dass das Schreiben zunächst an Breuer und einen Vorstandskollegen gegangen war. Es fehlt auch Breuers Paraphe. Dafür ist eine Linie zu sehen, die es auf der anderen Kopie nicht gibt.

Als die Richter die Kopien verglichen, wurde ihnen klar, dass irgendjemand auf die eine vor dem Kopieren einen Zettel geklebt haben musste. Warum das geschah, lag für sie auf der Hand. Die Bank habe »bewusst verheimlichen« wollen, dass sich Breuer mit dem Fall Kirch befasst hatte, bevor er am 3. Februar 2002 jenes Interview gab, das Leo Kirch finanziell das Genick brechen sollte.

Die Episode mit dem Zettel findet sich in dem Urteil des 5. Zivilsenats des Oberlandesgerichts München, das im Dezember 2012 verkündet und vergangene Woche schriftlich ausgearbeitet den Parteien zugesandt wurde. Die Richter haben die Bank und ihren früheren Vorstandssprecher dazu verurteilt, etlichen früheren Unternehmen der Kirch-Gruppe Schadensersatz zu leisten. Dessen Höhe sollen Gutachter ermitteln. Das Gericht hatte zuvor von einem Betrag zwischen 120 Millionen Euro und 1,5 Milliarden Euro gesprochen.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen die Banker

Das Münchner Urteil hat eine Bedeutung, die über den Fall hinausgeht. In der Beweiswürdigung bezichtigen die Richter nicht nur Breuer, sondern auch einen Großteil seiner früheren Vorstandskollegen der Lüge. Sie sehen Indizien dafür, dass die Banker ihre »unwahre Darstellung zuvor abgesprochen« haben. Im Detail rekonstruieren sie, wie die Manager versuchten, ihre Mitschuld am Untergang des Kirch-Imperiums zu leugnen.

Bei dem Prozess handelte es sich um ein Zivilverfahren, aber nun drohen den Bankern auch strafrechtliche Konsequenzen. Seit Oktober 2011 ermittelt Staatsanwältin Christiane Serini gegen Breuer, Ex-Bankchef Josef Ackermann, Ex-Aufsichtsratschef Clemens Börsig und Ex-Vorstand Tessen von Heydebreck wegen des Verdachts des versuchten Prozessbetrugs und der falschen uneidlichen Aussage.

Der Münchner Prozess könnte dazu beitragen, das Vertrauen in die Justiz bei der Aufarbeitung von Bankskandalen zu stärken. Auch mit einer Armada von Anwälten und unter Aufbietung ihrer Spitzenkräfte ist es der Bank nicht gelungen, ihre Macht im Gerichtssaal zu entfalten.

Die Richter klärten den Sachverhalt gründlich auf und luden alle ihnen wichtig erscheinenden Zeugen vor, darunter die Verlegerin Friede Springer, Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Bloomberg. Sogar den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder hatten die Richter als Zeugen hören wollen, aber der berief sich auf sein Schweigerecht als Abgeordneter.

Im Zentrum des Verfahrens stand ein Interview, das Breuer im Februar 2002 in einer Hotelsuite in New York gegeben hatte. An dessen Inhalt gab es keinen Zweifel, die Richter konnten sich die Aufzeichnung ansehen. Ein Reporter von Bloomberg fragte Breuer nach Kirch und dessen Finanzproblemen. »Die Frage ist ja, ob man ihm mehr hilft, weiterzumachen«, sagte der Journalist.

Breuer entgegnete: »Das halte ich für relativ fraglich. Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.«

Breuers Äußerung schlug auf der anderen Seite des Atlantiks wie eine Bombe ein. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der damals auch Präsident des Bankenverbands war, wurde allgemein so verstanden, als hätten die Kreditinstitute Kirch den Hahn zugedreht.

Leo Kirch war der Fels in der deutschen Medienlandschaft und der Einzige, den man einen Tycoon nennen konnte. Ihm gehörten die TV-Sender ProSieben, Sat.1 und N24, das Bezahlfernsehen Premiere und 40 Prozent von Axel Springer. Er hielt die Mehrheit an der Formel 1, besaß die TV-Rechte an den Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 und nannte eine der weltweit größten Sammlungen an Spielfilmrechten sein eigen.