LiebeskolumneKann sie ihn zur Pünktlichkeit erziehen?

Die Frage: Tom ist der liebenswürdigste Mann der Welt, findet Silvie – wenn er endlich da ist. Aber Tom kommt immer zu spät. Er ist Arzt mit eigener Praxis.

Anfangs glaubte Silvie, es seien unaufschiebbare, wichtige Dinge, die ihn aufgehalten hätten – Notfälle, ein dringender Hausbesuch. Tom entschuldigte sich so zerknirscht und war so dankbar, wenn sie ihm verzieh, dass Silvie ihren Ärger unterdrückte. Vielleicht hatte sie es als selbstständige Webdesignerin doch leichter?

Aber als es einmal Toms Kassenabrechnung ist, die angeblich unbedingt noch erledigt werden musste, hält sich Silvie nicht mehr zurück. »Ich habe auch meine Termine und muss Rechnungen schreiben. Wenn ich es dir wert wäre, würdest du nicht so unpünktlich sein! Wenn du das nicht abstellen kannst, sind wir geschiedene Leute!«

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Nicht alle Ärzte sind unpünktlich. Tom gehört vermutlich zu den Menschen, die einen Knoten im Hirn bekommen, wenn sie etwas müssen. Pünktlichkeit, Uhrenwesen, Zeitmanagement sind Errungenschaften der Moderne. Emotional leben wir in zeitlosen Welten, deren Charme zu vergegenwärtigen sich durchaus lohnt.

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

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Fast unsere gesamte Entwicklungsgeschichte durften wir nach Herzenslust unpünktlich sein. Silvie steht es frei, Pünktlichkeit zum Liebesbeweis zu machen oder ihren unpünktlichen Tom zu lieben und Tom-Verabredungen an Orten zu meiden, wo sie Kälte oder Zugluft ausgesetzt ist.

Skeptisch bin ich, was den schnellen und nachhaltigen Erfolg von Erziehungsmaßnahmen angesichts von Toms nur scheinbar harmloser Protestbewegung gegen den Zeitzwang angeht.

Die Liebeskolumne

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlag erschienen.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

 
Leser-Kommentare
    • EKGT
    • 21.03.2013 um 11:55 Uhr

    Das Problem kenne ich auch- auf der Seite der Pünktlicheren. Auch ich knirsche nach über 20 Jahren beim Warten immer noch mit den Zähnen. Aber Herr Schmidbauer hat Recht Man ist nicht gezwungen die Unpünktlichkeit des Partners persönlich zu nehmen. die Gelassenheit meines Mannes ist ein guter Ausgleich für die Hektik, die mit meiner pflichtbewussteren Pünktlichkeit einhergeht. Natürlich verschärft sich das Problem in gewisser Weise, wenn immer einer für Gelassenheit und der andere für Pflichtbewusstsein zuständig ist. Aber in einer langjährigen Partnerschaft sehe ich keine Alternative zu einem gewissen Menge an Rollenzuschreibungen, auch wenn man durch Verhandlungen ein für beide Seiten erträgliches Maß einhält.

  1. dieser tolerante Ansatz waere ja noch leicht zu leben, wenn der unpuenktliche Partner dies selteneren Unpuenktlichkeiten des anderen ebenfalls mit stoischer Gelassenheit und etwas mitgenommener Arbeit ertragen wuerde. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Diejenigen, die gerne andere warten lassen sind fuer gewohenlich auch die, die aus der Haut fahren, wenn sie selbst einmal 10 Minuten warten muessen. Ganz so unabhaengige Naturwesen, die es ablehnen, nach der Uhr zu leben, sind sie daher auch nicht. ausserdem muessen solche Leute, wenn sie wissen, dass sie so sind, ja auch keine festen Verabredungen treffen. Sie koennten ja von vorneherein sagen "geh doch mal ins Café X am nachmittag, wenn ich Zeit hab, komm ich da heute auch hin, vielleicht treffen wir uns ja".

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  2. ... wie es im Sprichwort heißt. Da gab es einmal eine durchaus freundschaftliche Beziehung zwischen einem Redakteur und einem selbständigen Fotografen, die gemeinsam auf Reportagereisen gingen und auch Termine in der näheren Umgebung wahrnahmen. Der Redakteur wußte um das Pünktlichkeitsproblem des Fotografen und setzte anfangs den Treff- bzw. Abholtermin immer ein Viertelstündchen früher an. Nach einem halben Jahr waren 30 Minuten, nach einem Jahr 45 Minuten "Vorlauf" erforderlich. Nach eineinhalb Jahren arbeitete der Redakteur mit einem pünkltichen Fotografen zusammen ...

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  3. die Frau sollte für eine Zeit lang Verabredungen mit Tom so treffen, dass stets er die Vorschläge macht, wann man sich trifft. Eine Ausnahme sollten bei den Verabredungen allerdings die Privatwohnungen sein.

    Dann sollte sich die Freundin von Tom die gleichen Rechte nehmen und zwar stets unpünktlich kommen, und Tom muss dann schauen, wie er sich die Stunde im Café vertreibt.

    Wenn er nach 5 solchen Verabredungen Pünktlichkeit immer noch für unwichtig hält, ist er wirklich derjenige, dem es nichts ausmacht, zu warten.
    Wenn es ihm doch was ausmacht, wäre es der Zeitpunkt, durch Erfahrung begriffen zu haben:

    Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

    Ich kann das Argument der Frau sehr gut verstehen, dass Sie das Gefühl gewinnt, ihre Zeit sei weniger wichtig, als die seine. In seinen Augen. Genau darum geht es nämlich.

    Kann er dies nicht nachvollziehen, sollten Sie sich trennen.

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